"Man kann ja mal ins Straucheln kommen"

Staatsoberhaupt Das herbeigesehnte Ende einer Affäre: In einer Matinee mit Bundespräsident Christian Wulff ist der Skandal nur ein lästiger Programmpunkt. Rücktritt? Ach iwo

Als Josef Joffe um 11.53 Uhr das Thema Präsidentenhatz für beendet erklärt, ist der Junge in Reihe fünf bereits tief und fest eingeschlafen. Staatsbürgerliche Solidarität, eine erhoffte Zukunft in der Jungen Union oder in der Grünen Jugend, ein ehrgeiziger Papa – was immer den vielleicht Zehnjährigen zur Matinee des Zeit-Herausgebers mit Bundespräsident Christian Wulff ins Berliner Ensemble getrieben haben mag, ist vorerst erloschen nach dieser quälend langen ersten Halbzeit.

Es ist eine Art grotesker Tanz, den die beiden Gesprächspartner da auf der Bühne aufgeführt haben. Joffe, der Journalist, mokiert sich über das „Mediengericht“ und die „Medienkampagne“ gegen das Staatsoberhaupt und versichert, dass er alle enttäuschen werde, „die hier ein nochmaliges Verhör erwarten“. Wulff, der sehr blasse Präsident, murmelt selbstvergessen, neinnein, Medienschelte liege im fern, ach du meine Güte, das ist ja Ihr Job. Dann geht es noch ein bisschen um den alten Fritz, und wer wohl das schwerere Los gehabt habe, der Preußen-König oder der von der Kredit-Reise-Upgrade-Buchsponsor-Oktoberfest-Affäre gebeutelte Wulff, was letzterem Anlass zu dem großherzigen Satz gibt: „So schwierig wie Friedrich der Große habe ich es auch in den vergangene Wochen nicht gehabt.“

"Keine Vorwürfe gegen mich"

Noch einmal ist von Fehlern die Rede und von Entschuldigungen – Wulff nennt abermals den peinlichen Anruf auf der Mailbox von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann. „Ich glaube schon, dass es gilt, ein bisschen Vertrauen zurückzugewinnen“, weiß Wulff. Zumal just am selben Morgen die „Bild am Sonntag“ mit neuen Umfrage-Zahlen auf den Markt kommt, dass inzwischen 53 Prozent der Bundesbürger einen Rücktritt des Präsidenten besser fänden als sein Bleiben. Die Bürger seien schon bewegt von dem, was sie hörten und läsen, meint der Präsident. Doch „muss man sagen, dass es keine Vorwürfe gegen mich gibt“. Das löst ein bisschen Ratlosigkeit aus, aber er meint wohl strafrechtliche Anklagepunkte. Zum Glück, fügt Wulff jedenfalls an, lebe er ja nicht im Mittelalter, wo er vielleicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre.

Die Berichte der vergangenen Tage über von der Marmeladenindustrie gesponserte Ballbesuche erklärt er zur Privatsache, die Ermittlungen gegen seinen langjährigen Intimus Olaf Glaeseker zu einem Schweigen gebietenden schwebenden Verfahren. Im übrigen gewähre der Rechtsstaat auch Glaeseker vorerst die Unschuldsvermutung. Die jüngste Volte der Affäre, dass das Land Niedersachsen zu Wulffs Zeit als Ministerpräsident entgegen eigenen Angaben für die obskure Veranstaltung Nord-Süd-Dialog doch Steuergeld aufgewandt haben könnte, wolle auch er geklärt wissen, versichert Wulff. Das von der SPD angekündigte Verfahren vor dem Staatsgerichtshof sehe er allerdings mit großer Gelassenheit: „Mir sind die Dinge seit den letzten Tagen bekannt.“

Ein Hauch von Läuterung

Rücktritt jedenfalls, nein, auf keinen Fall. „Man kann ja mal ins Straucheln kommen, man muss nur wieder aufstehen“, meint Wulff. Er deutet einen Hauch von Läuterung an, als er verspricht, künftig weniger selbst zu telefonieren und zu simsen und beim Kontakt zu Journalisten vielleicht eher mal auf Mitarbeiter zu vertrauen. Mit 52 Jahren könne man zudem auch mal zurückschauen und „Schlüsse ziehen“ aus der Phase seines Aufstiegs zum Ministerpräsidenten und aus der Zeit als Landesregierungschef, sagt der Präsident kryptisch. „An bestimmten Stellen neu zu justieren, das sollte man in seinem ganzen Leben immer wieder machen, und das ist auch nichts Schlimmes.“ Fast klingt das wie eine verkappte Distanzierung von diesen undurchsichtigen Zweckfreundschaften mit den Maschmeyers und Geerkens' der Republik. Aber vielleicht wünscht man sich das auch nur.

Bis zu dieser leidigen Geschichte, findet Christian Wulff, habe er seine Sache eigentlich sehr gut gemacht und sei auch sehr beliebt gewesen. „Das sah toll aus.“ Er versichert auch, dass er das Amt sehr gerne ausübe, dass er eine wichtige Aufgabe habe, dass es ihm gelinge, überparteilich zu sein. Am 5. Mai werde er als erster Bundespräsident zum Tag der Befreiung in den Niederlanden sprechen dürfen. „Dieses zu machen, finde ich sehr wichtig“, sagt Wulff. Will sagen: Vorher gehe ich auf keinen Fall. Und danach auch nicht.

Auf Joffes Vorschlag, ob er nicht nach einer sehr staatstragenden Rede demnächst als Knalleffekt zum Ende sagen wolle „Ihr könnt mich alle mal“, gibt sich Wulff jedenfalls spontan empört: „Ich finde das total banal.“ Die Akustik im Theater ist schlecht, es könnte auch heißen: „Ich finde das total Banane.“ Die Botschaft jedenfalls ist klar: Kommt nicht in Frage. Wulff verweist noch einmal auf seine harte Kindheit, in der er seine kranke Mutter betreuen musste. Habe man so etwas erlebt, dann gebe es kein Wegducken oder Ausbüxen, „dann weiß man um die Verantwortung und nimmt sie auch wahr.“ Das ist so eine Art vorläufiges Schlusswort.

"Das war so erbaulich"

Den Rest der Zeit plaudern die beiden Herren, nun sichtlich erleichtert, dass sie den schmuddeligen Programmpunkt „Affären“ endlich abgearbeitet haben, über die „Originalfrage“ der schon vor Monaten geplanten Veranstaltung. Die lautet: „Typisch deutsch?“ Es geht nochmal ein bisschen um den armen alten Fritz, um die Fußball WM 2006, um Vielfalt und Nationalstolz, um die versöhnende Rolle Deutschlands in der Welt und den Eingang des Worts „Kurzarbeitergeld“ in die japanische Sprache. „Ich glaube, wir können auf unsere Bewältigung der Krise 2008 richtig, richtig stolz sein“, sagt Wulff.

Stolz sind die beiden Herren auch auf ihre eigene Krisenbewältigung an diesem Vormittag. Sie freuen sich sichtlich, dass sie das alles gemeinsam so prima gemacht haben und zuletzt wieder richtig nett zu einander sein durften. „Ich kann nur sagen, das war besser heute als Kirche, das war so erbaulich heute“, seufzt Joffe zum Abschied und blickt selbstzufrieden ins Publikum. Der kleine Junge im Parkett schlummert selig. Aber der blasse Präsident darf jetzt sogar ein bisschen lächeln.

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16:15 22.01.2012
Geschrieben von

Verena Schmitt-Roschmann

Verena Schmitt-Roschmann ist Ressortleiterin Politik des Freitag.
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Verena Schmitt-Roschmann

Ausgabe 42/2021

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