Verena Schmitt-Roschmann
07.11.2011 | 08:00 10

Viel Kohle für wenig CO2

Klimaschutz Gebäudesanierung gilt als Schlüssel zur Senkung der Emissionen. Doch ist sie teuer und oft unsozial. Mietern bleibt oft nur ein schlechtes Geschäft

Fünf Millionen Tonnen. Das sind 125.000 Vierzigtonner, die man sich am besten als 2.500 Kilometer langen Riesenstau von Berlin nach Ankara vorstellt. Und doch sind die fünf Millionen Tonnen Kohlendioxid, die Deutschland zuletzt beim Heizen von Gebäuden eingespart hat, eine Winzigkeit verglichen mit dem Gesamtausstoß von 832 Millionen Tonnen CO2 vergangenes Jahr. Nun wird erneut darüber gestritten, wie die Bilanz verbessert werden kann und wer dafür zahlt.

Im Juli stoppte der Bundesrat Pläne der Regierung, Hausbesitzern zusätzlich zum CO2-Gebäudesanierungsprogramm 1,5 Milliarden Euro schwere Steuervorteile für den Einbau neuer Fenster, moderner Heizungen oder moderner Dämmung zu gewähren. Im Vermittlungsausschuss geht es nun am kommenden Dienstag vordergründig um das Anliegen der Länder, nicht allein auf einem Großteil der Steuerausfälle sitzenzubleiben. Doch gibt es auch grundsätzliche Zweifel, ob diese Art der Förderung mit Milliardenaufwand in die richtige Richtung geht und sozial ausgewogen ist.

So meinte die Berliner Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer in der Bundesratsdebatte, für Mieter brächten die Steuerrabatten wenig, weil sie vor allem Hausbesitzer mit hohen Steuersätzen begünstigten. Besser wären höhere einkommensunabhängige Zuschüsse. „Wenn wir vorankommen und breiten Konsens in der Gesellschaft erzielen wollen, kommt es darauf an, dass wir im Interesse des Klimaschutzes zweckmäßige, gerechte Entscheidungen treffen“, sagte die SPD-Politikerin. Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) plädierte für eine Direktförderung „für die kleinen Leute“.

„Beeindruckende Bilanz“

Tatsächlich gibt es eine solche Förderung über die staatliche KfW-Bankengruppe seit Langem. Schon 2001 wurden nach Angaben der KfW Zusagen für 513 Millionen Euro gemacht, damals noch für zinsverbilligte Kredite. Später kamen Direktzuschüsse an Sanierer hinzu. Das Volumen lag zuletzt im Schnitt bei 1,3 Milliarden Euro jährlich. Höhepunkt war das Jahr 2010, als mit Hilfe des Konjunkturpakets gut zwei Milliarden Euro Staatsgeld in die Modernisierung privater Häuser flossen. Mit Schwarz-Gelb sackte die Summe 2011 dann auf 936 Millionen ab.

Bauminister Peter Ramsauer (CSU) lobt trotzdem die „beeindruckende Bilanz“ des Programms. Von 2006 bis August 2011 wurden nach Angaben seines Ministeriums 7,78 Milliarden Euro für die Sanierung oder Errichtung von gut 2,5 Millionen Wohnungen ausgezahlt. Das öffentliche Geld habe Investitionen von 87,4 Milliarden Euro angestoßen. Fazit: „Das CO2-Gebäudesanierungsprogramm der Bundesregierung ist dreifach erfolgreich – es schützt das Klima, macht Wohnen bezahlbarer und schafft Arbeitsplätze.“ Von 2012 bis 2014 werde es mit jährlich 1,5 Milliarden Euro fortgesetzt.

Allerdings werfen die stolzen Zahlen auch Fragen auf. Denn wenn tatsächlich 87 Milliarden Euro für eine Kohlendioxidsenkung um 5,1 Millionen Tonnen aufgewendet wurden, entspräche dies gigantischen 17.000 Euro pro Tonne. Zum Vergleich: Bei Windrädern liegen die CO2-Vermeidungskosten bei etwa 130 Euro pro Tonne, bei der oft als überteuert geschmähten Photovoltaik sind es laut Modellrechnung der Forschungsstelle für Energiewirtschaft etwa 850 Euro. Die erneuerbaren Energien erreichen übrigens auch ganz andere Größenordnungen bei der Minderung der Klimagase: Der Grünen-Politiker Hans-Josef Fell kam für 2009 auf CO2-Einsparungen von jährlich 72 Millionen Tonnen durch Ökostrom.

Der Staat verdient

In Wirtschaftlichkeitsanalysen der KfW wird auch weniger auf die CO2-Bilanz des Gebäudeprogramms abgehoben als auf die positiven Effekte für Arbeitsmarkt und öffentliche Haushalte. Denn die zusätzliche Arbeit für Handwerker bringt Steuereinnahmen, so „dass insgesamt der Staatssaldo positiv ist“, wie die Bank in einem Bericht festhält. Das heißt, der Staat verdient an seinem eigenen Förderprogramm. Dieses sichert nach Angaben des Bauministeriums 340.000 Arbeitsplätze.

Unterm Strich verteidigt aber nicht nur die Deutsche Energie-Agentur (Dena) das Programm und fordert eine Aufstockung auf fünf Milliarden Euro. Auch der Umweltverband BUND sieht keine Alternative, wie Effizienzexpertin Irmela Benz sagt. Ohne Ersparnis in Gebäuden, die für 20 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich sind, seien die Klimaziele nicht zu erreichen. „Unsere Gebäude sind ganz einfach ineffizient“, meint Benz.

Noch geht es beim Klimaschutz in Gebäuden aber langsam voran – auch weil sich die Investitionen trotz öffentlicher Förderung nur schleppend rechnen. So muss der Besitzer eines Einfamilienhauses nach einem Dena-Rechenbeispiel für eine Tip-Top-Energiesanierung selbst 49.450 Euro finanzieren. Bei einer Energieersparnis von 2.500 Euro pro Jahr dauert es fast 20 Jahre, bis das Geld verdient ist. Mit einer Aufstockung des Gebäudeprogramms und den im Vermittlungsausschuss debattierten Steuervorteilen ginge das schneller, und die Hausherren könnten sich zudem über eine Wertsteigerung und ein besseres Gewissen in punkto Klimaschutz freuen. Mietern jedoch bleibt oft nur ein schlechtes Geschäft. Werden zum Beispiel in eine Wohnung 10.000 Euro investiert, dürfen davon elf Prozent auf die Jahresmiete aufgeschlagen werden. Das sind gut 90 Euro im Monat. Umgerechnet ist das eine Menge Kohle, Gas oder Erdöl.

Kommentare (10)

Rosa Sconto 08.11.2011 | 08:59

Es wäre sicher vernüftiger bessere Vorrausetzungen für Einkommensschwächere zum Erwerb von Wohneigentum zu schaffen, als gammelige, alte Gebäude durch Steuervergünstigungen zu sanieren.

Wenn Wohneigentümer ihre Stervergünstigungen nicht an die eigenen Mieter weiterreichen, sondern sogar Mieten erhöhen, brauchen sie keine Vergünstigungen. Eigentum verpflichtet aber weil sie die Verantwortung zum Erhalt ihrer Investion (Wohnraum / Vermietungsobjekte) nicht wirklich interessiert brauchen da keine Steuern verbrannt werden.

Roland Muck 08.11.2011 | 09:10

Nichts gegen CO² Einspar- bzw. Verhinderungs - Maßnahmen, die in einem vernünftigen Verhältnis Aufwand - Nutzen stehen.

Nicht sinnvoll ist es m. E., marginale CO²-Einsparungen, durch teilweise absurd hohe Summen zu erreichen. Dieses Geld wäre besser eingesetzt um die Auswirkungen des Klimawandels, der ja wohl nicht mehr aufzuhalten ist, abzumildern.

Hauke Laging 11.11.2011 | 02:51

Der Artikel ist unglaublich schlecht. Auf das Matheversagen wurde bereits hingewiesen. Aber selbst wenn man es mit dem Rechnen und Denken nicht so hat: Es weiß doch inzwischen jedes Kind, dass sich energetische Sanierung sogar bei Marktpreisen innerhalb weniger Jahre amortisiert (in deutlich kürzerer Zeit als der vom EEG garantierten Zeitspanne festgelegter Vergütung), während die erneuerbaren Energien trotz Befreiung von den Kosten des Netzmanagements noch lange nicht mit den Marktpreisen für Strom mithalten können. Mal locker Investiton mit Subvention verwechselt, herzlichen Glückwunsch. Die Hälfte des deutschen CO₂-Ausstoßes geht aufs Heizen zurück, nur ein Viertel auf den Strom.

Natürlich rentiert sich nicht jede Sanierung im gleichen Maß (im Gegensatz zur EEG-Subvention), das gilt sowohl für die unterschiedlichen Gebäude als auch die unterschiedlichen Sanierungsmöglichkeiten. Abwegig, alles über einen Kamm zu scheren. Die Maßnahmen, die den Hauptteil der Einsparungen liefern (Dach- und Wanddämmung) amortisieren sich in etwa zehn Jahren. Je mehr man macht, desto weniger rentabel wird das Ergebnis.

Hinzu kommt – Matheversagen, die zweite – dass die Ersparnis mit den Heizpreisen steigt. Bei (zurückhaltend kalkulierten) 6% sind aus 2500 EUR heute in zehn Jahren 4477 EUR, in 20 Jahren sogar 8017 EUR geworden. Oooops. Die KfW-Sanierungskredite sind fünf Jahre tilgungsfrei, danach zehn Jahre lang mit einem Prozent verzinst.

Verena Schmitt-Roschmann 11.11.2011 | 10:37

Lieber Skeptiker, lieber Hauke Laging,

ich muss hier leider einen Tropfen Wasser in den Wein der Empörung träufeln.

@skeptiker00
Hier werden die KUMULIERTEN jährlichen CO2-Einsparungen der Jahre 2006 bis 2011 mit den offiziell geschätzten Gesamtinvestitionen dieses Zeitraums ins Verhältnis gesetzt. Das ist die korrekte Bezugsgröße.

@hauke laging
Es denkt und hofft zwar jedes Kind, dass sich die Investition bei Marktpreisen binnen weniger Jahre amortisiert. Tatsächlich handelt es sich je nach Investitionssumme und Umfang der Sanierung nach offiziellen Rechnungen jenseits meiner eigenen potenziell beschränkten mathematischen Fähigkeiten um Zeiträume von bis zu 18 Jahren. Man kann das für kurz halten. Für die meisten potenziellen Investoren ist es überraschend lang. Der Zeitraum unterscheidet sich im übrigen kaum von den 20 Jahren der festgelegten EEG-Vergütungen.
Hier werden nicht Investitionen und Subventionen verwechselt, denn für die CO2-Vermeidungskosten sind natürlich die Gesamtinvestitionen ausschlaggebend.
Auf das Heizen geht nicht die Hälfte des CO2-Ausstoßes zurück. Vielmehr machen Heizen und Warmwasser etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs aus, aber nur 20 Prozent des CO2-Ausstoßes.
Herzliche Grüße,
Verena Schmitt-Roschmann

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lotto01 11.11.2011 | 10:50

>>Ohne Ersparnis in Gebäuden, die für 20 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich sind, seien die Klimaziele nicht zu erreichen.

Mit den Ersparnissen aber auch nicht!
Das Problem scheint zu sein, dass die Klimaziele überhaupt irrelevant sind.

Siehe auch @kunibert hurtigs letzten Blogbeitrag hier in der Community mit den Kommentaren hierzu.

www.freitag.de/community/blogs/kunibert-hurtig/klimawandel-und-anderes--i#comment-332545

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lotto01 11.11.2011 | 11:09

Verena Schmitt-Roschmann schrieb am 11.11.2011 um 09:37
>>Auf das Heizen geht nicht die Hälfte des CO2-Ausstoßes zurück. Vielmehr machen Heizen und Warmwasser etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs aus, aber nur 20 Prozent des CO2-Ausstoßes.

Ja und?
Das ist m. E. nicht weiter schlimm.
CO2 hat als "Treibhausgas" nach Meinung vieler Wissenschaftler nur eine untergeordnete Bedeutung für das Klimageschehen und dem periodischen Wechsel von Warm- und Eiszeitalten.

Allerdings gibt es auch viele Wissenschaftler, die das Gegenteil behaupten.

Fast wie bei den Religionen und beim Kommunismus, - die einen glauben daran, die anderen nicht! ;-)

Siehe auch @kunibert hurtigs letzten Blogbeitrag hier in der Community mit den Kommentaren hierzu.

www.freitag.de/community/blogs/kunibert-hurtig/klimawandel-und-anderes--i#comment-332545

Hauke Laging 11.11.2011 | 18:33

Die Bezugsgröße ist falsch, weil die Dauer des Investitionszeitraums nichts mit der Dauer der Einsparung zu tun hat. Auch wenn im Folgejahr gar nichts mehr investiert wird, wird ja immer noch gespart. Sie investieren in einem Jahr, haben aber 50 Jahre lang etwas davon. Sie müssen also die Investition ins Verhältnis zur Einsparung über die gesamte Lebensdauer setzen.

Es ist völlig unerheblich, BIS ZU welchem Wert die Amortisationsdauer reicht. Für die Frage, ob energetische Sanierung (grundsätzlich) sinnvoll ist, sind der Minimalwert und (für den Umfang) der Durchschnitt relevant, und zwar pro Maßnahmekategorie. Wanddämmung wird dadurch keinen Deut schlechter, dass die Amortisationsdauer einer Fenstersanierung etwa das Dreifache beträgt. Wenn Sie sich auf "offizielle Rechnungen" beziehen, dann verlinken Sie die doch hier. Bei alten Gebäuden sind auch weniger als zehn Jahre nicht ungewöhnlich (natürlich nur bei den rentabelsten Maßnahmen). 18 Jahre halte ich nicht für kurz.

Für die CO₂-Vermeidungskosten müssen Sie vor allem die sowieso anfallenden Baumaßnahmen aus den Gesamtkosten herausrechnen (Fassadendämmung erhöht außerdem die Lebensdauer der Bausubstanz). Wo kommen denn diese 87 Milliarden her, was umfasst diese Zahl alles?

Man muss auch mal hinterfragen, was "Vermeidungskosten" sein sollen. Da kann man sich nicht einfach auf die Investitionssumme beschränken und ignorieren, ob man dabei draufzahlt (EEG), weil dasselbe anders, teurer erzeugt wird, oder spart, weil man weniger Ressourcen benötigt. Photovoltaik rechnet sich nie. Die Mehrkosten gegenüber klassischer Stromerzeugung (die Subvention) kann man da als Vermeidungskosten ansehen, weil es sich dabei auch langfristig um Kosten handelt. Bei rentablen, risikolosen Investitionen spielt die Höhe keine große Rolle. Je mehr man investiert, desto mehr Geld hat man am Ende. Eine Verwechselung liegt insofern vor, als Sie ignorieren, dass in dem einen Fall eine Subvention vorliegt (die den größten Teil der Investition ausmacht), in dem anderen aber nicht.

Beim Heizen bin ich tatsächlich auf eine missverständliche Darstellung hereingefallen.