Verantwortungslosigkeit als Geschäftsmodell

Amazon Wenn Verantwortungslosigkeit zum Geschäftsmodell wird… und die Menschen es akzeptieren, weil sie denken, als Kunden davon zu profitieren.
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In der Vergangenheit sah ich es recht unbekümmert, wie die meisten – aber die Frage ist es wert, gestellt zu werden. Ist Amazon wirklich derjenige Konzern, den man vertrauen sollte? Den man mit seinem Geld unterstützen möchte und sollte? Je länger ich über diese Fragen nachdenke, umso eher komme ich zu der Erkenntniss, dass Amazon ein Konzern ohne jegliche gesellschaftliche Verantwortung ist, auch – oder selbst im Vergleich zu anderen großen Unternehmen.

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Die Steuern, die Mitarbeiter – wir wissen es alle.

Natürlich bezahlt Amazon kaum Steuern, um genau zu sein sind es 0,07 Prozent in Europa, das heißt – 700 Euro auf 1.000.000 Euro ihres Gewinns, was weit weniger ist, als die meisten über ihre Einkommenssteuer abführen [1]. Manche dieser Steuertricks sind legal, manche fragwürdig, manche auch illegal [2].

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Und natürlich behandelt Amazon die Mitarbeiter schlecht (in manchen Berichten ist gar von „modernem Sklavenhandel” die Rede) [3], davon hat jeder gehört. Erst vor wenigen Wochen macht die Schlagzeile „Amazon will Mitarbeiter per Armband stärker kontrollieren” [4] die Runde und zeigt damit, dass diese Zeiten lange nicht vorbei sind, sondern gerade erst begonnen haben. Nur wenige Monate nachdem Amazon den Lebensmittelhändler Whole Foods übernommen hat, erzählt ein Filialleiter: „Seeing someone cry at work is becoming normal” – mit Scorekarten werden Mitarbeiter bestraft, die Fehler begehen [5].

Jeff Bezos – etwa kein Philanthrop?

Gleichzeitig kann sich Gründer Jeff Bezos freuen: Denn vor wenigen Tagen kürt ihn das Forbes-Magazin zum reichsten Menschen auf der Welt, mit einem Vermögen über 120 Milliarden Dollar, ungefähr ein Drittel des deutschen Bundeshaushalts [6] [7]. Aber anders als die anderen „superreichen Milliardäre” auf der Forbes-Liste (man nehme Mark Zuckerberg, Bill Gates, Warren Buffet oder Elon Musk, ...) partizipiert Jeff Bezos nicht am „Giving Pledge”, das Versprechen den Großteil des Vermögens nach dem Tod zu spenden [8].

Skandale? Davon hat Amazon nie gehört.

Wem das alles nicht genug ist, der sollte sich anschauen, wie Amazon mit Skandalen umgeht. Im letzten Jahr waren praktisch alle großen Unternehmen damit konfrontiert, dass ihre Werbegelder dem rechtsextremen Magazin „Breitbart” zuflossen [9]. Daraufhin haben tausende Unternehmen verkündet, keine Werbung mehr auf Breitbart zu schalten [10]. Amazon ist natürlich nicht darunter – tatsächlich hat Amazon bis heute keine Stellung dazu bezogen und wirbt noch immer auf Breitbart [11].

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Ein neuerliches Beispiel ist der Amoklauf in Parkland (USA), der zu einer starken Bewegung gegen Waffen und für schärfere Waffengesetze führte [12] [13]. Viele große Unternehmen sind darum bemüht, ihre Verbindung zur Waffenlobby, die NRA, zu kappen. So haben praktisch alle größeren Unternehmen ihre Rabatte für NRA-Mitglieder aufgekündigt [14]. Delta Airlines, in einem sehr konservativen Staat angesiedelt, hat sich das sogar 40 Millionen Dollar Steuerrabatt kosten lassen – der Governor des Bundesstaates hat die Steuererleichterung mit der Bedingung verknüpft, dass Delta Airlines die NRA-Rabatte aufrecht erhalte [15] – prompt verkündete Delta, ihre Werte stünden nicht zu Verkauf [16]. Eine Aussage, die von Amazon niemals kommen würde. Einzelhändler wie Walmart zogen nach und haben den Verkauf von Waffen erschwert, ganz ohne gesetzliche Bestimmung, sondern auf freiwilliger Basis [17]. Andere Unternehmen haben Produkte von Waffenherstellern aus dem Sortiment genommen [18]. Auch Amazon wurde auf sozialen Medien und über den Kundenservice gebeten, Stellung zu beziehen, denn: Amazon streamt den Propagandakanal der NRA, NRAtv, auf Prime [19]. Sie ahnen es bereits: Amazon hat bis heute nicht reagiert… Wenn es aber mal nicht um die Gesellschaft geht, sondern um lächerliche und kindische Fehden mit Google, so ist Amazon schnell zu Maßnahmen bereit: Vor wenigen Tagen wurde der Verkauf von Google-Nest-Geräten eingestellt [20].

Ökologisches Bewusstsein als Sinnbild

Zuletzt ist auch die Energienutzung von Amazon ein Sinnbild für die gesellschaftliche Verantwortung des Konzerns: Amazon setzt vor allem Kohle- und Atomstrom ein – während Apple bereits heute 83 Prozent aus erneuerbaren Energien bezieht, Facebook 67 Prozent, Google 56 Prozent [21].

Und, was bleibt?

Die abschließende Frage bleibt: Warum hat Amazon trotz allem so viel Erfolg? Warum kaufen Sie bei Amazon? Are you lazy or just incompetent?”, fragte der Philanthrop, Jeff Bezos, einst einen Mitarbeiter [22] – und frage ich nun Sie. Aus meiner Sicht steckt die Antwort im Titel dieses Beitrags. Die Verantwortungslosigkeit kommt den Kunden zugute. Der Preis ist günstig, der Service gut, die Lieferung schnell. Dabei ist genau das schwer erkauft. Die Mitarbeiter, aber auch die Umwelt und die Gesellschaft bezahlen – und damit auch Sie.

An dieser Stelle ist auch Amazons wachsende Monopolstellung zu erwähnen. Jeff Bezos meinte, Amazon solle mit kleinen Buchverlagen so umgehen wie ein Gepard mit einer Gazelle [23]. Langfristig verliert auch der Kunde an einem Monopol – erst diese Monopolstellung macht es Amazon möglich, Skandale produzieren zu können – und auch ignorieren zu können. Die Zukunft wird nicht besser. Der letzte Grund, bei Amazon zu kaufen, wird vom eigenen Erfolg der Verantwortungslosigkeit gefressen. Es bleibt: Nichts.

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04:44 11.03.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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