"Coffee-to-go" oder ins Cafe TOGO

Kaffeehaus ..jetzt bin I mol gschpannd, wi es den im Cafe Togo so isch........
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Vor ein paar Wochen war ich, mit einem der spärlich fahrenden Buse des öffentlichen Nahverkehrs, unterwegs runter ins Tal in die nächst gelegene Stadt.

Also einem Ort, wo man noch etwas einkaufen usw. kann. Ich wohne ziemlich auf dem Land, wer sich den Luxus leistet dort zu wohnen......sagte mal der Landrat während einer seiner Reden zum strukturschwachen Raum.

Mit im wie immer, spärlich besetzten Bus zwei ältere Damen oder schon Omas, richtig hergerichtet für die Stadt, also so, daß es in der Stadt vielleicht niemand merkt, woher sie kommen. Dauerwellen oder so, frisch gemacht, ich kenne mich mit Friseur nicht so aus, und die Eine mit einer feuerrot-, die Andere mit einer pink leuchtenden Strähne so seitlich Richtung Hinterkopf. Alle Frauen in unserem ländlichen Tal gehen zur gleichen Friseuse, natürlich heisst sie Sandra und ist gleichzeitig noch Vorsitzende des Tierschutzvereins. Wer weiss, wieviel Geld, die mit diesen blöden Strähnen zusätzlich macht. Egal.............

Ich lese, weiss nicht mehr was, und höre dann: ...........jetzt bin I mol gschpannd, wi es den im Cafe Togo so isch........sagt die Eine zur Anderen.

"Wi es den im Cafe Togo so isch?" Halt mal, die haben von einer ihrer Bekannten gehört, das in der Stadt ein neues Cafe namens Togo eröffnet hat?

Das ist sicher die Filiale der grössten Bäckereikette in Südbaden, die jetzt auf einem Schild vor der Tür "Coffee-to-go" anbietet war meine Folgerung. Laut lachen ging nicht.

"Coffee-to-go", laut Wiktionary wird das korrekt mit den Bindestrichen geschrieben, wurde erstmals im Jahre 1964 von 7-eleven in den USA angeboten, ist natürlich unbedingt mit der Erfindung des Pappbechers durch den Amerikaner Lawrence Luellen im Jahre 1907 verbunden. Es dauerte aber bis in die 1980-er, als Starbucks auf die Idee kam den Becher mit einem Deckel zu versehen, sodass unterwegs kein Kaffee verschüttet werden kann. Den ersten "Coffee-to-go" in Deutschland bot dann Tchibo ab 1998 an.

Cafe Togo könnte durchaus der Name eines neuen Cafes sein, in Togo wird Kaffee angebaut, und das Land nimmt Platz 73 im Ranking der Kaffee exportierenden Länder ein.

Ein neues Cafe ganz im alten Kaffeehaus- Stil, ganz hier in der Nähe, so ein Kaffeehaus, wo es noch nach Kaffee und Kuchen und Brötchen und Brot und Schnee und Regen in nassen Mänteln und Regenschirmen riecht , wo im Sommer die Türen auf sind und die Gäste auch draussen sitzen könnenund wo es nach druckfrischen Zeitungen und Zeitungen von vor einer Woche und Magazinen und Büchern riecht, wo man auch bei nur einer Tasse Kaffee stundenlang sitzen und schauen kann, sitzen und lesen kann, sitzen und schreiben kann, sich verstohlene oder offene Blicke zuwerfen kann, stundenlang reden, erzählen, diskutieren kann, Revolutionen aushecken kann. Wurden nicht die deutschen 1968-er in den italienischen Eisdielen bei Espresso oder Capuccino ausgeheckt? Ich erinnere mich an mein 1968, als ich für die Revolution noch zu jung war, aber meine Freunde und ich uns für ein paar Minuten in das Kaffee am Seeufer trauten, wo die langhaarigen Hippies im Hafen-Cafe über Woodstock, die Studentenaufstände in Paris und Berlin, über Rudi Dutschke und die erste Demo in meiner damaligen Heimatstadt sich die Köpfe heiss redeten, wo es so voll war, daß man auch zu zweit auf einem Stuhl oder auf dem Tisch oder auf dem Boden sass, im Cafe war und den Unterricht schwänzte und die Bedienungen mit dieser neuen Welt völlig überfordert und genervt waren. Das Hafen- Cafe wurde ein paar Jahre später abgerissen und musste einem dieser neuen Bauten weichen, mit unten Geschäften für nutzloses Zeugs, oben Büros und Arztpraxen und darüber ein paar teure und noch teurere Wohnungen mit Seeblick und unten, unter der Erde die Tiefgarage.
​ Stefan Zweig über die Kaffeehaus- Szene in Wien:

„Es stellt eine Institution besonderer Art dar, die mit keiner ähnlichen der Welt zu vergleichen ist. Es ist eigentlich eine Art demokratischer, jedem für eine billige Schale Kaffee zugänglicher Klub, wo jeder Gast für diesen kleinen Obolus stundenlang sitzen, diskutieren, schreiben, Karten spielen, seine Post empfangen und vor allem eine unbegrenzte Zahl von Zeitungen und Zeitschriften konsumieren kann. Täglich saßen wir stundenlang, und nichts entging uns.“

"Für das gesellschaftliche und theilweise auch für das geschäftliche Leben von Wien sind die Kaffeehäuser von der höchsten Bedeutung. Namentlich in den Nachmittagsstunden vollzieht sich in denselben ein nicht unbedeutender Theil des Verkehrs, und das ‚Stamm-Kaffeehaus‘ ist ein Zusammenkunftsort."

So definierte der Illustrierte Wegweiser durch Wien und Umgebungen im Jahre 1900 das Wiener Kaffeehaus.

"In Wien hat fast jedes Kaffeehaus eine aus verschiedenen Sorten bestehende Kaffeebohnenmischung, die jeder Kaffeesieder natürlich als ‚Geschäftsgeheimnis‘ hütet. Sonst wird der Kaffee in ganz Wien gekocht und nicht gebrüht. Die bestimmte Menge ganz fein geriebenen Kaffees wird in das kochende Wasser (auf 1 Liter 80–100g) geschüttet, mit einem Löffel umgerührt, und nachdem sie einigemale aufgewallt ist, in die Aufzugmaschine geschüttet, worauf diese sehr langsam aufgezogen wird. Vielfach wird dem Kaffee mit Wasser gesprudeltes Eigelb beigefügt, um den Kaffee zu klären. Der aufgezogene reine Kaffee wird dann in gutschließenden Porzellankannen im Wasserbade heiß gehalten.''

Aus: F.J. Beutel- "Die modernen Getränke", H. Killinger Kochkunstverlag, ca.1925

Honore' de Balzac im Cafe: "„Die Gedanken setzen sich in Marsch wie die Bataillone der Großen Armee,und die Schlacht entbrennt. Die Erinnerungen kommen im Sturmschritt an,mit flatternden Fahnen. Die leichte Kavallerie der Vergleiche entwickelt sich in einem prächtigen Galopp. Die Figuren nehmen Gestalt an, das Papier bedeckt sich mit Tinte.“"

Die Avantgarde traf sich in den Kaffeehäusern: in Prag im "Slavia", in Wien im "Herrenhaus", in Paris im "Cafe du Dome" traf man Picasso, die Existentialisten im "Cafe Les Deux Magots" und die deutschen Emigranten während der Nazizeit im Zürcher "Odeon".

Heute sollen wir nicht nur schnell konsumieren und schnell wieder gehen und Platz machen für den nächsten Kunden oder besser noch den Kaffee in einem Pappbecher mitnehmen, die sind innen mit Plastik ausgekleidet und der schnell gemachte Kaffee schmeckt nach Plastik und vermüllt die Meere. Natürlich gibt es die Mehrwegbecher oder entsprechend nachhaltig hergestellte Thermosbecher aber wer gibt uns die Zeit zurück, die wir im Kaffeehaus hätten verbringen können, alleine oder mit Anderen zusammen.

Neoliberal, neoliberal: wird unsere Arbeit weniger prekär oder wertvoller, wenn wir auf dem Weg zur Arbeit, in der kurzen Mittagspause unseren "Coffee-to-go" zu uns nehmen? Sind wir nur noch auf dem Weg, in irgendeiner xbeliebigen Rolle des Spektakels.

Woher haben die älteren Damen vom Land die Zeit, die wir nicht mehr haben? Die Zeit, für die sie sich extra herrichten, für die sie zum Friseur gegangen sind. Nur ein einziges Mal im Monat oder in einem halben Jahr!

Der Neoliberalismus kolonialisiert unsere Träume, Wünsche, Phantasien. unsere Zeit. Wir tun Alles gleichzeitig, sind ein humanes Multitool und haben und sind gar nichts mehr.

Es geht auch anders! Im ganzen Landkreis gibt es ein einziges richtig geiles Café, coffee-to-go gibt es überall, in jedem Supermarkt, jeder Döner- Bude.......eben in diesem, meinem Lieblings-Café checkt niemand das Handy, man sieht dort immer bekannte Gesichter, setzt sich an einen Tisch dazu, oder setzt sich alleine, um zu lesen, ohne das ich bestelle, steht ein paar Minuten später der beste Cappucino der Welt vor mir, ob ich noch was möchte, die Entscheidung fällt meist schwer, einen Teller mit frischer Foccacia, Pecorino, ein paar schwärzeste Oliven, oder Süsses: Tiramisu, torta della mama, ganz dunkle oder pistaziengrüne Schokotrüffel....man redet über Essen, natürlich, spannende Wanderstrecken im Schwarzwald oder über ein Bild, das sich bei der Auktion selbst zerschreddert..............und vielleicht entwickelt sich aus so einer Kaffeehaus- Zeit mal wieder eine Revolution.

20:58 25.03.2019
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ver.pailt

linker Handwerker
ver.pailt

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