verqueert
08.01.2013 | 09:45 20

Interventionen gg.die dt Beschneidungsdebatte

Rezension Das Buch wirft einen spannenden Blick auf eine emotional aufgeheizte und nicht selten rasstisch verlaufende Debatte

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied verqueert

Die Autoren des Bandes "Interventionen gegen die deutsche Beschneidungsdebatte" leisten Wichtiges in Bezug auf die derzeit impulsiv - teilweise gar "hysterisch" - geführte Debatte um die Vorhautbeschneidung bei Jungen: Sie liefern ein Fundament. Heinz-Jürgen Voß stellt heraus, dass medizinisch einiges für die Vorhautbeschneidung spricht. Harnweginfekte kämen bei 2% der unbeschnittenen Jungen bereits im ersten Lebensjahr vor, hingegen nur bei 0,2% der beschnittenen. Zur Prävention von Krankheiten würden von der Weltgesundheitsorganisation insbesondere in Ländern des afrikanischen Kontinents Vorhautbeschneidungen empfohlen. Gut lesbar bereitet Voß auch den weiteren medizinischen Forschungsstand auf - so diskutiert er Fragen der Sensitivität der Eichel und mögliche psychische Auswirkungen, die mit der Vorhautbeschneidung und dem gesellschaftlichen Umgang mit beschnittenen Jungen verbunden sein können.
Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter nehmen dagegen den Diskurs selbst sowie die populär vorgebrachten Mutmaßungen über die Vorhautbeschneidung in den Blick. Sie zeigen, wie gerade nicht Selbsthilfeorganisationen von vorhautbeschnittenen Männern die Debatte vorantrieben, sondern wie die Debatte geradezu "lanciert" wurde. Insbesondere gehen sie dabei der Rolle des Strafrechtlers Holm Putzke nach. Mit Bezug zu Horheimer und Adorno arbeiten sie heraus, wie in der Debatte - in abendländischer Tradition - selbst in atheistischen Positionen des "Mehrheitsdiskurses" die christliche Trennung von "Körper" und "Seele" vorausgesetzt und andere Positionen als "barbarische", "noch zu zivilisierende" diskreditiert werden. Die Debatte habe damit an frühere debatten angeschlossen. Hingegen hätten die politischen Entscheidungsträger_innen und die medizinischen Fachkreise weitgehend "unaufgeregt" reagiert - und mit dem aktuell verabschiedeten gesetz dem Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Religionsfreiheit gleichermaßen Rechnung getragen.
Egal wie man in der Debatte steht, bietet der Band wichtige - und zudem wissenschaftlich fundierte! - Anregungen zum Weiterdenken. Er bietet zugleich die unabdingbare Grundlage, auf der man überhaupt nachdenken kann, wie emanzipatorische Religionskritik aussehen kann.

Zülfukar Çetin, Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter: Interventionen gegen die deutsche «Beschneidungsdebatte» Edition Assemblage 96 Seiten, 9,80 Euro ISBN 978-3-942885-42-3

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (20)

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2013 | 11:02

Als Kontrast darf gern auf die kritische Rezension von Felix Riedel hingewiesen werden. Riedel, ansonsten zutiefst in einen Support des jüdischen Staates, des Staates Israel eingebunden sieht das vollkommen anders, verortet einen der Autoren gar relativ weit rechts.

Was natürlich über Ernsthaftigkeit wenig aussagt, weil ja gerade die Beschneidungsdebatte sehr exemplarisch dafür steht, wie man sich wechselweise und oft (gespielt?) entrüstet die gängigen Keulen um die Ohren hauen kann. Und alles nur wegen dem Gemischtwarenladen an Begründungen, der auch hier wieder anklingt, statt einfach den grauen Herren in ihrer religiösen Begründung zu vertrauen.

Fundament ist gut, der Bezug auf Horkeimer und Adorno noch besser, Erfurcht erheischend gar. Dumm nur, dass die beiden von den sog. Antideutschen, den Beschneidungsgegnern und eben auch dem Felix Riedel traditionell vereinnahmt sind; entsprechend interpretiert werden.

"Emanzipatorische Religionskritik"? Vielleicht die der sog. Identitären? Wie in meinem Kommentar dort bei dem Riedel leicht zu erkennen, so halte ich die Beschneidungsdebatte eher für einen Indikator zur Frage: Säkularer vs. Gottesstaat, wie gerade am sehr aktuellen Beispiel Israels zu erkennen.

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Der Beschneidung selbst, das sei angefügt, stehe ich im hier und heute (nur darum geht es trotz vieler, bewußt eröffneter Nebenkriegsschauplätze) relativ tolerant gegenüber. Es geht mir dabei weniger um das oft skurril diskutierte "warum", denn um ein hier und heute zivilisatorisch angemessenes "wie".

Eine Beschneidung im fachärztlich-klinischen Umfeld des Jüdischen Krankenhauses zu Berlin beispielsweise, die wollte ich durchaus tolerieren. Alles was darüber hinaus geht bekommt meiner Meinung nach sehr schnell einen Touch von medizinisch-hygienischer Anarchie und/oder religiösem, spirituellem, beinahe exorzistischem Fanatismus.

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2013 | 11:20

Ist die Frage ernst gemeint? Sie haben doch auf einem anderen, uns beiden gut bekannten Blog den Begriff hinterfragt, mit entsprechenden Links versehen.

Und ja, obwohl bekannt sein dürfte, dass ich dem Riedel et al. in ihrem bedingungslosen, oft bellizistisch getriebenen Israelsupport sehr kritisch gegenüber stehe, so fröstelt es mich durchaus etwas bei einem Begriff wie "emanzipatorische Religionskritik". Religion über das ganz Persönliche hinaus als institutionalisierte Ideologie und Herrschaft erheischend kann nicht emanzipatorisch sein.

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2013 | 11:23

Danke für den Hinweis.

Allerdings geht es da ja nicht um inhaltliche Kritik. Herr Wolter stellt lediglich klar, dass er nicht mehr Mitglied der DKP und noch nie Mitglied bei der BDS-Campaign gewesen sei.

Das ist natürlich durchaus bemerkenswert, heißt doch aber noch lange nicht, dass deswegen alle Sachargumente von Riedel falsch sind. Außerdem hat Herr Riedel die Änderungen wohl sofort vorgenommen, wie im nächsten Kommentar zu lesen ist.

Ich habe auf diese Rezension verlinkt, weil mich auch die Gegenpositionen interessieren.

Daniel Domeinski 08.01.2013 | 11:52

Ja, die Frage war ernst gemeint, da ich den zitierten Satz inhaltlich nicht verstehe. "Die Identitären" ist gegenwärtig die Selbstbezeichnung neofaschistischer Gruppierungen in Frankreich, Österreich und Deutschland. Riedel verwendet in der Rezension das Attribut "identitär",. um den "emanzipationsfeindlichen Zynismus" des "akademischen Feminismus" anzugreifen. Ich glaube Sie irren sich, ich habe nicht im "uns beiden gut bekannten Blog den Begriff hinterfragt, mit entsprechenden Links versehen." Ziel meinerKritik war Riedels oberflächliche Feminismus-Bashing. Ich verstehe auch nicht, was an einer "emanzipatorische Religionskritik" so schlimm sein soll.

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2013 | 12:21

Institutionalisierte, Herrschaft erheischende Religion(en) -und um die ging/geht es ja primär in der (offiziellen) Beschneidungsdebatte- die können nicht emanzipatorisch, offen sein.

Eine "emanzipatorische Kritik" daran, eine verstehende, auf Veränderung zielende, hoffende und gern positive Kritik kann es mangels basalem Target also ebenfalls nicht geben.

Einfachstenfalls ist emanzipatorische Kritik ein trojanisches Pferd, welches im Grunde, wenngleich verbrämt, religiösen Support transportiert.

Darüber hinaus ist es eine beinahe zelebrierte Volte, gerade in sehr speziellen akademischen Zirkeln. Das rezensierte Büchlein gehört wohl genau dort hinein; muss ich nicht lesen...

seriousguy47 08.01.2013 | 13:56

"Interventionen gg.die dt Beschneidungsdebatte"

Wie meinen? Interventionen gegen Kritik an der kindlichen Zwangsbeschneidung? Oder Interventionen gegen die Meinungsfreiheit, wenn es um Dinge geht, die sich als religiös definieren? Oder was....?

"Das Buch wirft einen spannenden Blick auf eine emotional aufgeheizte und nicht selten rasstisch verlaufende Debatte....die derzeit impulsiv - teilweise gar "hysterisch"....."

Muss man jetzt nicht belegen, oder? Geht ja schon daraus hervor, dass man gegen die kindliche Zwangsbeschneidung ist?

"...die populär vorgebrachten Mutmaßungen über die Vorhautbeschneidung..."

Nun, was den Miautoren Jürgen Voß betrifft, könnte dies durchaus ein zutreffendes Urteil sein. Auf Seiten der Gegner der kindlichen Zwangsbeschneidung habe ich jedenfalls ziemlich viel medizinischen, psychologischen und juristischen Sachverstand angetroffen. Bei den Befürwortern zielmlich viel Ideologie und Unterwürfigkeit unter "religiöse" Bedürfnisse.

"Mit Bezug zu Horheimer und Adorno arbeiten sie heraus, wie in der Debatte - in abendländischer Tradition - selbst in atheistischen Positionen des "Mehrheitsdiskurses" die christliche Trennung von "Körper" und "Seele" vorausgesetzt und andere Positionen als "barbarische", "noch zu zivilisierende" diskreditiert werden."

Na das ist jetzt aber der Knaller. Lese ich das richtig so: Weil Körper und Seele zusammengehören - welch eine Erkenntnis im 21. Jhd.! - darf Religion sich nicht damit zufrieden geben, sich mental zu verankern. Nein, den Babies resp. Kleinkindern muss im Sinne von "Ganzheitlichkeit" ein körperliches Herden-Branding verpasst werden? Und das soll sich dann auch noch mit Horkheimer/ Adorno rechtfertigen lassen?

"Hingegen hätten die politischen Entscheidungsträger_innen und die medizinischen Fachkreise weitgehend "unaufgeregt" reagiert - und mit dem aktuell verabschiedeten gesetz dem Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Religionsfreiheit gleichermaßen Rechnung getragen."

Das ist nur noch Realsatire. Oder: "queer {adj} [dated] [strange]seltsam
wunderlich [seltsam] eigenartig".

dame.von.welt 08.01.2013 | 19:02

Anläßlich des 100. Beschneidungsblogs beim Freitag bleibt anzumerken, daß der Artikelautor hier schon so unter jeder Gürtellinie angegangen wurde, daß er mutmaßlich deswegen seine zwei vorherigen Blogs zum Thema löschte, die beiden Texte kann man hier und hier noch nachlesen.

Unter seinem ersten Blog wurden Intersexuelle als 'widernatürlich' bezeichnet (die Wahl zwischen Realsatire und queer = seltsam, wunderlich, eigenartig' hat aber auch was), dem Blogautor wurde Sexismus vorgeworfen, als er im Nachklapp des Kölner Urteils die Doppelmoral kritisierte, mit der Kölner Gericht und Kritiker der Zirkumzision an nicht einwilligungsfähigen Kindern rein gar nichts gegen die bislang übliche Praxis der operativen UND sozialen Geschlechtszurichtung bei Kindern mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen einzuwenden haben (die laut Schattenbericht in gerade mal 40% der Fälle auch ihrer Persönlichkeit entspricht und ungleich 'blutigere' Operationen an 'unschuldigen Kindern' bedeuten).

Verqueert hat aus meiner Sicht vollkommen recht, die unterirdische Form der Debatte zu thematisieren, ebenso das rezensierte Buch, gegen diese Art von Diskurs zu intervenieren. Mir ist in knapp 5 Jahren Teilnahme an Diskussionen im www noch keine begegnet, die derartig gewalttätig geführt wurde, was mir den vorgeblichen Wunsch von Vorhautbewahrern nach weniger Gewalt als kaum glaubhaft erscheinen läßt.

Ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung wird zu 'Verstümmelten' und sexuell Defizitären erklärt, beschnittene Männer, die sich das in Diskussionen verbitten und von ihrer positiv empfundenen Sexualität berichten, wird wahlweise Unkenntnis oder Schwanzmessererei unterstellt. Frauen, die ein Verbot religiöser Beschneidung für falsch halten oder erwachsenen beschnittenen Penissen nicht mit der ihnen ziemlichen Abscheu begegnen, wird die Verstümmelung ihres Genitals anempfohlen.

Die verstockten Juden und Muslime müssen um jeden Preis und mit allen Mitteln belehrt werden, ihnen wird Handlung zum Wohl ihrer Söhne abgesprochen oder sie werden gleich ganz von jeder Emanzipation ausgeschlossen oder - wer nicht hören will, muß fühlen - aus Deutschland, Humanismus, Aufklärung, Geschichte, Kultur ausgebürgert.

Kritik an Überreaktionen jüdischer Deutscher verkommt unter Vernachlässigung des Grundrechts auf freie Religionsausübung durchaus im Sinn des Adorno/Horkheimer-Zitats zu kultureller Gleichmacherei und vulgär-atheistischer Religions-Abschaffung.

Der Staatsanwalt im Kinderzimmer wird als angemessener empfunden als der grundgesetzlich garantierte Schutz und die Privatheit von Familien. Es werden Anforderungen an die Ausübung von Elternschaft geäußert, die an kuschelige Petrischalen erinnern, indem davon ausgegangen wird, Kinder würden nicht in jedem Fall von ihren Eltern irreversibel geprägt.

Kinderficken und Zirkumzision wird auch redaktionell in einen Topf geworfen und kräftig umgerührt, die kenntnisfreien Vergleiche von FGM und Zirkumzision sind ohnehin überall Legion.

Verbotsskeptiker werden zu 'Beschneidungsapologeten' erklärt, während es die Mehrheit der Kinderschützer nicht für nötig halten, sich auch nur im Mindesten über die eigenen Prägungen, Weltbilder, Geschlechterordnungen bewußt zu werden, wenn man sie doch so prächtig und 1:1 Juden und Muslimen überhelfen kann. Kenntnis verschiedener Kulturen/Religionen, Wahrung von Proportion oder gar das Sprechen mit statt über wären da nur störend, ebenso ein Hauch von Nachdenklichkeit über den nichtexistenten 'natürlichen Leib' (z.B. anhand des Artikels 'Markierte Körper' von Michel Chaouli, auf den Verqueert sich in seinem zweiten gelöschten Blog bezog).

Mit diesem 100. Beitrag stelle ich die seit Juli geführte Chronologie der Beschneidungsblogs beim Freitag ein - ich hätte mir nicht träumen lasssen, was das für ein Dauerbrenner wird und habe es mehr als satt, Anmaßung, Unbildung, Verbalgewalt, Feindseligkeit, aufklärungsfaschistische Hermetik, Kokettieren mit antisemitischer Scheiße zu lesen.

War ich wohl naiv - die beiden Attraktionen Penis + Religion sind ganz offenbar gar nicht zu überschätzen. Der Gedanke, womöglich 'unschuldige Kinder' für die höchsteigenen Belange zu mißbrauchen (nachdem auch die Rechte des alle 5 Sekunden irgendwo auf der Welt verhungernden Kinds unter 10 Jahren nicht vergleichbar interessieren), kommt den selbsternannten Knaben-Hütern selbstredend nicht.