Volker Hummel
30.09.2011 | 17:35

Der Gerry-Effekt

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Volker Hummel

Ein Gespräch mit Kathrin Kohlstedde, Programmleiterin des Filmfestes Hamburg

Fr. Kohlstedde, ist Festival-Programmierung ein Ganzjahres-Job?

Ja, ich habe eine volle Stelle und das ganze Jahr über zu tun. Im Wesentlichen besteht mein Job darin, Filmfestivals zu besuchen. Ich reise zu den großen Veranstaltungen in Rotterdam, Cannes, Locarno, aber auch zu kleineren Festivals, zum Beispiel in Teheran oder zum Tribeca Filmfest in New York. Meine Aufgabe dort besteht zum einen darin, Filme anzusehen und mögliche Kandidaten für uns zu finden, und zum anderen im Networking mit Verleihern, Rechteinhabern, Marketing-Leuten, Produzenten und Regisseuren. Das ist der schwierige Part des Jobs, es geht um langfristige Kommunikation und Überzeugungsarbeit. Vertriebe haben, anders als man vermuten würde, gar nicht immer ein so großes Interesse, ihre Filme überall zu zeigen. Wenn sie davon ausgehen, dass sich in Deutschland kein Verleiher findet, fordern sie von uns verleihübliche Summen für die Aufführungsrechte. Gerade große Weltvertriebe wie Fortissimio oder Wild Bunch, die heute die Rechte an einem Großteil der weltweiten Arthouse-Filme haben, sehen sehr genau hin, auf welchen Festivals die laufen. Ohne gute Kontakte läuft da nichts.

Wonach halten Sie bei einem Festival Ausschau?

Ich glaube, jeder, der sich fürs Kino begeistert, hält Ausschau nach etwas, das er selbst nicht genau benennen kann – bis er es dann gesehen hat. Das kann etwas sehr Emotionales sein oder etwas ganz Abstraktes, ein Thema, über das man noch nie nachgedacht hat, oder eine ästhetische Form, ein Blick auf die Welt, der einen erschüttert und begeistert. Das passiert nicht so häufig, mir ist es zum Beispiel mit Gerry von Gus Van Sant so gegangen, dessen neuer Film Restless auch bei uns läuft. Zwei junge Männer, die Gerry heißen, laufen durch die Wüste – beschreiben kann man das nicht, man muss es sehen. So ein Film kann einen dann wieder hellwach machen und den Glauben an den eigenen Job zurückgeben, nachdem man einen ganzen Tag lang Mist gesehen hat. Einen anderen Liebling von mir, Without, den ich dieses Jahr in Locarno gesehen habe, haben wir leider nicht bekommen. Der Regisseur Mark Jackson wäre gern gekommen, hat aber während unseres Filmfestes keine Zeit. Und allein wollte er seinen Film nicht reisen lassen. Es ist sein erster Langfilm, und da sind Filmfestivals ja die beste Möglichkeit, in die Welt zu kommen.

Entscheiden Sie allein über die Auswahl?

Zum Teil schon, weil ich auf vielen Festivals allein unterwegs bin. Das Programm machen Albert Wiederspiel und ich, dann haben wir auch noch einen Kollegen in Südamerika, der die Sektion „Vitrina“ programmiert. Es ist auch nicht so, dass mein eigener Geschmack für mich allein entscheidend ist, ich versuche immer das Profil und das Publikum des Filmfest Hamburg im Blick zu haben. Und den Leuten auch mal Experimente zu schenken. Ein Filmfest hat die Chance, filmische Horizonte zu erweitern. Der Bogen ist bei uns weit gespannt, er reicht vom durchkomponierten, ernsten iranischen Eröffnungsfilm Auf Wiedersehen von Mohammad Rasoulof bis zu optimistischen, warmherzigen Dramen wie dem kanadischen Abschlussfilm Monsieur Lazhar.

Früher konnte man aufregende Asiaten wie Takashi Miike und Kim Ki-duk auf dem Filmfest entdecken. Warum laufen dieses Jahr nur zwei Filme aus Fernost, einer aus Japan (Hanezu von Naomi Kawase), der andere aus Singapur (Tatsumi von Eric Khoo)?

Das liegt daran, dass die Qualität der Filme stark nachgelassen hat. Vor 10, 15 Jahren gab es vor allem in Japan und Südkorea eine Welle von aufregenden Filmen und Regisseuren. Wir haben The Isle gezeigt oder Memento Mori. Shark Skin Man and Peach Hip Girl ist einer meiner Lieblingsfilme, Sogo Ishii und Tadanobu Asano sind für mich Götter des Filmolymps. Es wurde viel Geld in die Filmproduktion gesteckt, und zugleich bestand noch eine größere Freiheit in den Themen und formalen Herangehensweisen. Mittlerweile ist das Filmschaffen dieser beiden Länder sehr konventionell geworden. Den neuen Samurai-Film Ichimei von Takashi Miike hätte ich gern im Programm gehabt, aber der deutsche Verleih war noch nicht so weit.

Viele interessante Filme sind in Hamburg nicht zu sehen, weil sie vorher woanders in Deutschland gelaufen sind. Welchen Sinn hat diese Erstaufführungsregel?

Für die Überzeugungsarbeit, die wir bei Verleihern/Weltvertrieben zu leisten haben, damit sie uns ihre Filme anvertrauen, ist es unverzichtbar, dass wir sie exklusiv zeigen. Wenn ein Film beispielsweise schon Ende Juni auf dem Münchner Filmfest gezeigt wurde, hat der entsprechende Vertrieb kein großes Interesse mehr daran, dass er ein weiteres Mal in Deutschland läuft, entweder ist er an einen deutschen Verleih verkauft oder das wird erst mal nicht passieren. Dann wollen die Lizenzgeber von uns Geld, das wir nicht bezahlen können. Außerdem kommt ein Regisseur auch selten zweimal in ein Land, um einen Film zu präsentieren. Klar verlieren wir da den ein oder anderen Film, aber wir kriegen auch Filme, die München gerne hätte. Das muss man sportlich sehen.

Dieser Erstaufführungsregel stehen in diesem Jahr 24 Filme gegenüber, die in Deutschland schon einen Verleih haben. Wieso so viele Filme zeigen, die eh ins Kino kommen?

Das hat verschiedene Gründe, allen voran unser Interesse daran, dem Publikum möglichst viele Gäste zu präsentieren. Regisseure, Schauspieler und Produzenten kriegt man am leichtesten, wenn der Film einen Verleih hat, der natürlich ein Interesse an einer möglichst großen medialen Aufmerksamkeit hat. Halt auf freier Strecke zeigen wir, weil Regisseur Andreas Dresen und Produzent Peter Rommel dieses Jahr den Douglas-Sirk-Preis erhalten. Andere Filme laufen, weil wir schon andere Werke des Regisseurs gezeigt haben, es ist für uns sehr wichtig, die Entwicklung für uns wichtiger Filmemacher zu begleiten. Eine Aufführung im Rahmen eines Filmfest unterscheidet sich von einem normalen Kinostart. Filmemacher kommen, es gibt Diskussionen im Kino. Die Leute treffen sich und tauschen sich über das gemeinsame Kinoerlebnis aus.

Film ist?

Die Welt mit anderen Augen sehen.

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