Volker Hummel
06.10.2011 | 15:54

Der Projektor

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Volker Hummel

Ein Gespräch mit dem Hamburger Filmtechnik-Spezialisten Christopher Mondt, der europaweit Festivals beim Aufbau und Betrieb von Leinwänden, Untertitelungssystemen und analogen sowie digitalen Projektionsapparaten betreut.

Worin besteht Ihre Aufgabe beim Filmfest Hamburg?

Ich kümmere mich mit meinem Team um die digitale Untertitelung von 30 Filmen. Gemeinsam mit der Firma Subs, die die Übersetzungen macht, haben wir das Verfahren LiveSubtitling entwickelt. Dafür müssen keine neuen Kopien mit fest integrierten Untertiteln gezogen werden, stattdessen werden die Untertitel per Beamer auf die Leinwand oder einen darunter aufgebauten Screen projiziert. Das geschieht nicht von Hand wie früher noch, als in der Vorführkabine jemand mit einem Rechner saß und im richtigen Moment die entsprechende PowerPoint-Folie aufrufen musste, sondern per Timecode. Ton und Schrift laufen absolut synchron. Das Verfahren ist sehr viel kosten- und zeitsparender als das Ziehen neuer Kopien, und man kann Untertitel in mehreren Sprachen zugleich liefern.

Welche Filmformate kommen beim Filmfest zum Einsatz?

Zu 80 Prozent werden immer noch 35mm-Kopien gezeigt, die über mechanische Projektoren laufen. Die Digitalisierung der Kinos ist noch nicht so weit vorangeschritten, wie viele Leute glauben. Das einzige komplett digitalisierte Filmfest-Kino ist das Passage, im Cinemaxx gibt es vier Säle mit digitaler Ausstattung, alle anderen Kinos haben noch keine Server in ihren Vorführkabinen. 35mm-Kopien kann man vor der Vorführung sehr einfach prüfen: Welcher Film ist das, in welchem Zustand ist er, hat er Untertitel? Bei Videoformaten wie Beta, die wir auch zeigen, ist das auch kein Problem, knifflig wird es bei den neuen Digitalformaten, die die Verleiher in Form von Festplatten an die Kinos versenden.

Wo liegen die Schwierigkeiten?

Ein Problem ist das eingebaute Digital Rights Management, mit dem die Rechteinhaber verhindern wollen, dass ihre Filme sofort frei kopierbar im Web kursieren. Aus diesem Grund sind die Datensätze mit Codes geschützt, die dem Kino kurz vor der Vorführung per Mail zugesendet werden. Diese Codes funktionieren an einem bestimmten Ort, also in einem festgelegten Kinosaal, in einem nicht sehr großen Zeitfenster, also kurz vor bis kurz nach der Vorführung, und nur für eine gewisse Anzahl von Projektionen, bei einem Filmfestival meist zwei. Diese Sicherheitsarchitektur ist nachvollziehbar, aber sie hat auch Macken, denn die Codes oder Filme sind in circa fünf Prozent aller Fälle falsch, und man hat dann als Vorführer kaum eine Möglichkeit zu reagieren. 35mm-Kopien kann man lange im Voraus prüfen und bei Rissen schnell wieder zusammenkleben, Digitalausfälle sind endgültig. Ein weiteres Problem ist die Übertragung von der Festplatte auf den Server des Digitalprojektors, die heute noch meist über USB läuft, was mir völlig unverständlich ist. Das dauert mindestens eine Stunde, die man als Vorführer während eines Festivals nicht immer übrig hat.

Wird sich die Digitalprojektion trotz dieser Probleme durchsetzen?

Sie wird sicher weiter voranschreiten, dafür ist der Druck der Verleiher und Rechteinhaber auf die Kinos zu groß. Sie sparen erhebliche Kosten dadurch ein, dass sie nicht mehr Hunderte teurer Kopien herstellen lassen und hinterher versenden müssen. Kinos, die neue Filme zeigen wollen, vor allem die teuren Produktionen aus Hollywood, müssen früher oder später umrüsten. Die Investitionskosten sind allerdings so immens, dass viele Kinos sie sich gar nicht leisten können, ein digitales Server-Projektor-System kostet um die 100.000 Euro. Und nach fünf Jahren ist es wahrscheinlich obsolet und man muss sich ein neues anschaffen, das ist wie mit PCs. Ein guter 35mm-Projektor kostet dagegen höchstens 40.000 Euro, hält mindestens 30 Jahre und lässt sich immer wieder reparieren.

Wie sieht die Kinolandschaft in zehn Jahren aus?

Ich glaube, sie wird sich von der heutigen nicht wesentlich unterscheiden. Schon vor 15 Jahren hörte ich Abschiedsreden auf das Zelluloid und die analoge Projektion, aber so richtig viel hat sich nicht verändert. Das wird sich weiter ausdifferenzieren, wie in der Musikbranche, wo man ja auch eine Vinyl-Renaissance beobachten kann. Es wird mehr digitale Formate und Projektionen geben, aber eben auch noch Oldschool-Kinos, in denen das Malteserkreuz klappert. Analogfilm ist eine Technologie, die sich in hundert Jahren bewährt und ihre Qualität bewiesen hat, die verschwindet ebenso wenig wie das Brotbacken.

Bevorzugen Sie analoge oder digitale Filmbilder?

Beides hat seine Vorteile. Eine gut projizierte 35mm-Kopie hat viel mehr Farben und mehr Tiefe als ein Digitalfilm, der immer ein bisschen flächig erscheint. Pixel hingegen können nicht verschmutzen, sie verschleißen nicht, und ein digitales Bild ist ruhiger, es wackelt nicht so wie ein durch den Projektor rauschender Film. Das sind für mich aber gar nicht so relevante Vorteile, ich mag gerade die Körnigkeit und leichte Vibration alter Kopien, die verleihen dem Film eine zusätzliche Plastizität, die sich digital nicht herstellen lässt.

Film ist?

Mechanik.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.