Die unstete Muse Erinnerung

Fragment In seinem ­Roman "Als wir Gangster waren" beschreibt Oliver Storz noch einmal die letzten ­Monate des Krieges – aus der Sicht eines Teenagers

Die Erinnerung, schreibt Oliver Storz an einer Stelle seines Romans Die Freibadclique, sei wie eine Fliege, die, kaum verscheucht, sich immer wieder an exakt derselben Stelle des Körpers niederlasse. Man kann das späte Werk von Storz, die 2008 erschienene Freibadclique und den soeben erschienenen Band Als wir Gangster waren, als Versuch begreifen, eine Form zu finden für die Bilder und Personen der Erinnerung, die Storz in den letzten Jahren seines Lebens beharrlich heimsuchten. Die Straßen und Häuser der Stadt Schwäbisch-Hall, das Rauschen des Flusses Muhr, die amerikanischen Bomber am Himmel, die SS-Uniformen, die Freunde, die Wärme der Steinmauer vorm Freibad. Und natürlich der rote Badeanzug der Luftwaffenhelferin Lore, unerreichbares Sehnsuchtsobjekt des 16- und intensivstes Erinnerungsobjekt des 80-jährigen Storz.

„Eines ist klar: Zu wem die Toten sprechen, der wird bald bei ihnen sein.“ Der Satz des Erzählers, der zu Beginn von Als wir Gangster waren aus einem Hotelfenster auf die fremd gewordene Heimatstadt hinabblickt, sollte sich viel zu früh bewahrheiten. Am 6. Juli des vergangenen Jahres ist Storz im Alter von 82 Jahren gestorben. In den späten Fünfzigern begann er als Journalist zu arbeiten. In den sechziger und siebziger Jahren wurde er einer der gefragtesten Autoren, Produzenten und Regisseure der Münchener Bavaria-Studios. Ab 1976 hatte er als freier Schriftsteller und Regisseur Erfolg – Storz’ Karriere umfasst fast die gesamte Nachkriegszeit, doch die Periode, aus der seine Erinnerung das Material seiner letzten Werke schöpft, umspannt nur knapp anderthalb Jahre. Sie beginnt im Sommer 1944 und reicht bis zum Winter 1945, als der reguläre Schulbetrieb in Deutschland wieder begann.

Storz ist der genaue Chronist dieser Zeit, die im offiziellen Geschichtsdiskurs meist als Zäsur beschrieben wird, in seinen Erzählungen aber ganz aus einem sinnlichen Guss erscheint. Dies ist vor allem ein Verdienst der Perspektive, aus der Storz diese Zeit schildert: Es ist die eines Teenagers, der im letzten Kriegsjahr nichts als Mädchen und Swing im Kopf hat, der sich einen Dreck schert um Führer, Reich und Vaterland, aber aufpassen muss, nicht kurz vor Kriegsende noch als Kanonenfutter an der Westfront zu enden. Der nach dem Krieg bewundernd den amerikanischen GIs zuschaut bei ihrer „Hey-Froullein-care-for-some-candy“-Völkerverständigung und mit seinen Kumpels eine „Goldgräberzeit“ erlebt.

Goldgräberzeit

Der Blick dieser für den Führerkult gerade noch zu spät Geborenen, „die dazwischenhingen auf immer und ewig“, ist vollkommen unideologisch, und gerade darum registriert er sehr vieles: Farben, Gerüche und Geräusche, den Slang der GIs und die Dialekte der Displaced Persons, die Manierismen der Lehrer, Bademeister und Blockwarte. Und weil hier ein Jugendlicher erzählt, wird vor allem Körperliches bemerkt, fast alles ist erotisch aufgeladen.

Das Fragment gebliebene Als wir Gangster waren ist weniger eine Fortsetzung von Die Freibadclique als eine Variation, in der Motive und Figuren des Vorgängers wieder auftauchen. Im Zentrum steht wiederum ein plötzlich in der Kleinstadt S. auftauchender junger Mann, ein paar Jahre älter als der Erzähler, der Welt und Geheimnis mit sich trägt, der undurchsichtige Dinge tut und am Ende stirbt. Mehr noch als in Die Freibadclique ist im Fragment das Ringen um die Erinnerung selbst Thema. Schon das erste Kapitel, das die Rückkehr des alt gewordenen Erzählers in seine Heimatstadt schildert, ist eine schöne Beschwörung der unsteten Muse Erinnerung, deren Erzählung unvollständig bleibt, wenn sie nicht durch Anschauung, Erfindung und rationales Nachdenken ergänzt wird. Immer wieder stockt die Erzählung, hält inne, prüft das gerade Beschriebene. Manchmal wird es auch wieder verworfen, wie die Schilderung einer gefangenen „SS-Frau“ und die Assoziationen, die das Wort im Erzähler hervorruft – „halt, halt! Das ist doch Unsinn! Nachkriegswissen! Woher soll ich damals diese Bilder, Töne, Gerüche denn genommen haben im April ’45?“

Dass der Roman unvollständig geblieben ist, merkt man zwar aufgrund des abrupten Endes, aber dank der tastenden Erzählstimme, die vom verborgen Gebliebenen ebenso kündet wie vom exakt Erinnerten, hat das Fragmentarische sogar eine ästhetische Folgerichtigkeit. Fast liest sich Als wir Gangster waren wie eine der vier Erzählungen, die zusammen mit dem Fragment zusammen in einem Band erscheinen. Sie alle belegen eindrucksvoll Storz’ schönen Satz „Es gibt ja eine Art Denken, das nichts von sich weiß“, indem sie das Unbewusste jener Jahre nicht direkt aussprechen, sondern in ganz alltäglichen Begebenheiten anschaulich machen. Die häufig bei Storz anzutreffende Nähe von Sehnsucht und Grauen, von Eros und Thanatos, findet ihren unheimlichsten Ausdruck in Ein Ausflug im Sommer. Der Weg des Erzählers führt ihn an einem heißen Tag auf den Spuren eines begehrten Mädchens durch deutsch-romantische Landschaften hin zu einem erst am Ende enthüllten Ort. Durch einen Wald führt der Weg und entlang eines Flüsschens, durch eine enge Schlucht und in ein verschlafenes Dorf, um schließlich an der Seite des Mädchens im Wipfel eines Baumes zu enden. Von dort herab öffnet sich der Blick in den Hof einer Gewerbeschule, in dem die SS einen Polen hinrichtet, ein junger Bursche, der „ein Schädling und ein Verräter gewesen sei an seinem deutschen Wirtsvolk, mehrere Sabotageakte in der Landwirtschaft, die Versorgung der kämpfenden Truppe gefährdend, außerdem Beweise, dass er wiederholt deutschen Frauen und Mädchen nachgestellt habe, und dies in einem Fall sogar bei einer Kriegerwitwe.“

Sudelkunst

Dieses Verweben eines zugleich sinnlichen und kühl registrierenden Blicks und, radikaler noch, des eigenen Begehrens mit dem behaupteten eines erklärten Volksfeindes, gibt Storz’ an der Oberfläche sanft wirkender Prosa eine ganz eigene Kraft. Ob er von einem Gastwirt erzählt, der in seinem Lokal einen KZ-Überlebenden wie einen König hofiert, oder vom aussichtslosen Kampf eines Bademeisters gegen die „Sudelkunst“ an den Wänden der Umkleidekabinen, Storz macht den Faschismus sichtbar, indem er ihn nicht als das Außerordentliche schildert, sondern als ganz alltägliche Form der Angst, des Opportunismus und der Bigottheit, die 1945 keineswegs plötzlich vorbei war. Der dem Band als Epilog beigefügte frühe Text „Das grüne Band“ zeigt, dass Storz diese Angst und dieser Opportunismus selbst nicht fremd waren – und dass er als Teenager schon ein vollkommener Erzähler war.

Als wir Gangster warenOliver Storz Graf Verlag, 192 S., 18

Volker Hummel ist freier Filmkritiker

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12:00 06.05.2012
Geschrieben von

Volker Hummel

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