Alte vs. neue Medien: Wer beeinflusst mehr?

Medien Politische Akteure schauen immer noch auf Print, twitternde Bundestagsabgeordnete zeigen, dass es auch anders geht. Über die Rolle von alten, neuen und sozialen Medien.
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Die Medienbranche ist im ständigen Wandel: neue Bezahlmodelle, das Zeitungssterben oder die Möglichkeiten und Risiken durch soziale Medien – um ein paar Schlagworte zu nennen. „Wir haben ständig ein Auge auf Twitter, YouTube, Facebook und alle möglichen anderen Kanäle“, sagte Monika Pilath, Chefin vom Dienst am Newsdesk von Zeit Online, beim Mediensalon zum Thema „Alte und neue Influencer“ am 27. Februar im Vodafone Institut in Berlin-Mitte. Pilath war Teil einer Diskussionsrunde zum Thema „Wie viel Macht haben Medien bei politischen Entscheidern?“

Pilath beschrieb, wie Zeitungen heute die sozialen Medien nutzen: „Früher bezogen die großen Nachrichtenblätter ihre Informationen vor allem von den großen Nachrichtenagenturen, heute sind die sozialen Medien neben den Agenturen wichtige Nachrichtenlieferanten.“ Dadurch seien Pilath und ihr Team manchmal schneller als die Agenturen, weil sie genau beobachteten, was sich in den sozialen Medien tue. Social Media funktioniere daher in der Recherche wie eine Art „Frühwarner“.

Den Spagat schaffen

Trotz der veränderten Bedingungen gelte nach wie vor die journalistische Sorgfaltspflicht. Also: Wo kommen die Informationen her? Sind sie verifizierbar? Können wir das so veröffentlichen? „Be first, but be right“, fasst Pilath den Spagat zwischen Schnelligkeit und korrekten Informationen zusammen. Glaubwürdigkeit sei wichtiger, als der Erste zu sein, bestätigte Müller von Blumencron, Chefredakteur des Tagesspiegel. Die Stärke der klassischen Medien sei weiterhin, Dinge richtig einordnen zu können. Auf Schnellschüsse müsse man daher verzichten. Auch Stefan Mauer, Hauptstadtkorrespondent von Xing News, sagte: Es habe ein Umdenken eingesetzt.

"Wir können nur als Medien bestehen, wenn wir Qualität liefern“, sagte Pilath. Die alten Influencer, also die Printmedien und die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, müssten sich täglich neu erfinden. Auch Zeit Online habe das getan, etwa mit dem Projekt „Deutschland spricht“. Ein Format, bei dem jeweils zwei Menschen aus Deutschland mit unterschiedlichen politischen Ansichten ins Gespräch kommen sollen.

Aufklären und unterhalten

Doch an diesem Abend sollte es auch um die Macht der Medien bei politischen Akteuren und Entscheidern gehen. „Wie viel Macht hat eigentlich der Tagesspiegel?“, fragte daher Moderator Johannes Altmeyer (Welt). „Wir denken nicht in der Dimension, wie viel Macht haben wir über die Politik und wo schieben wir sie als Nächstes hin“, sagte Chefredakteur Müller von Blumencron und erinnerte an die eigentlichen Aufgaben des Journalismus: Aufklären über Dinge, die schwer verständlich sind, und über Dinge, die noch unbekannt sind. Auch Unterhaltung sei ein wichtiger Teil von Journalismus.

Einen anderen Blickwinkel in die Talk-Runde brachte Dr. Annekatrin Gebauer durch ihre Zeit als Regierungssprecherin und Chefin vom Dienst beim Bundespresseamt. Heute berät sie bei Hering Schuppener Unternehmen in der strategischen Kommunikation. „Es ist nicht von vornherein absehbar, welcher Satz wie läuft“, sagte Gebauer über die öffentliche Kommunikation von Politikern. Die Popularität von Merkels berühmtem Satz „Wir schaffen das“ beispielsweise hätte niemand vorhersehen können. Was sich Gebauer zufolge jedoch geändert habe: Politische Akteure seien vorsichtiger geworden mit bestimmten Äußerungen. Neue Angriffsflächen seien mit dem „Meinungsraum“ von Social Media hinzugekommen – dort würden Äußerungen anders aufgegriffen. Bei Kommunikationkrisen rät die Expertin: „Ganz früh reagieren.“

Von den Lesern lernen

Wie so oft, wenn Mediengrößen zusammen kommen, ging es auch bei diesem Diskussionsabend um die Krise der Zeitungsbranche und neue Geschäfts- und Bezahlmodelle. „Nach wie vor ist es eine richtig schwierige Zeit für den Journalismus, im Geschäftlichen“, stellte Müller von Blumencron fest. Es gebe aber auch Zeichen der Hoffnung: Erfolgsmedien etwa wie die New York Times, die Republik in Zürich oder De Correspondent in den Niederlanden. Die Digitalisierung bringe viele Möglichkeiten, „mit den Lesern zu interagieren, von ihm zu lernen und journalistische Dialoge weiterzuentwickeln“, sagte der Chefredakteur des Tagesspiegel.

Und wenn von Krise die Rede ist, dann durfte der Fall Relotius in der Gesprächsrunde natürlich nicht fehlen. „Die blödest mögliche Affäre zum blödest möglichen Zeitpunkt“, meinte Müller von Blumencron. Das Positive am Fall Relotius sei laut Pilath jedoch, dass nun die Qualitätskriterien bezüglich der Recherche noch stärker geprüft würden.

Wichtig ist, was gedruckt ist

Doch worauf schauen die politischen Entscheider nun – Print- oder Digital-Medien? Die Kernfrage des Abends kam aus dem Publikum. Gebauer: „Es gibt ein Nebeneinander der alten und neuen Welt, mit nicht so vielen Berührungspunkten.“ In der klassischen Presseauswertung werde nach wie vor besonders beachtet, was in Print geschrieben werde. Interessant sei, dass diese Medien zwar weniger Leser hätten, trotzdem hätten sie für die Akteure unverändert viel Gewicht.

Was wird in den sozialen Medien diskutiert und wie kommt das an, was wir tun? Das spiele laut Gebauer bei den politischen Akteuren noch keine so große Rolle – Social Media werde wahrgenommen als ein „neuer Meinungs- und Resonanzraum, der Probleme bereitet, weil dort Querulanten unterwegs sind, welche die Legitimität unseres Systems in Frage stellen“. Mediale Influencer seien immer noch die klassischen Printmedien und das Fernsehen – darauf schauten die politischen Akteure vorrangig.

„Vielleicht ist das auch ein Zeichen für den Zustand der Politik in diesem Land“, warf Müller von Blumencron ein. Er beobachte es anders: Es gebe auch Politiker, die erkannt hätten, dass digitale Medien eine viel höhere und länger währende Reichweite als Printmedien hätten. Schließlich sei die Zeitung von heute das Altpapier von morgen, während Online-Inhalte deutlich länger verfügbar seien.

Nicht nur auf „Holzmedien“ schauen

Und dann wurde auch kurz über neue Influencer gesprochen – junge YouTuber, die mit ihren Clips ein Millionenpublikum erreichen und an sich binden. YouTuber hätte eine enge Beziehung mit ihrer Community, die sich auch die klassischen Medien wünschten, sagte Müller von Blumencron nicht ohne Neid und stellte fest: „Die Politik muss sich schnellstens stärker auf die neuen Medien einlassen – auf Dauer ist es keine gute Strategie nur auf die Holzmedien zu gucken.“ Die politische Ebene sei damit teilweise überfordert, entgegnete Gebauer.

„Es gibt eine nachholende Entwicklung, der Bundestag twittert nun und ist auch auf Facebook“, sagte Pilath. Viele Bundestagsabgeordnete twitterten längst selber, „das mache es auch spannend.“ Heute hätten Medien etwa über Twitter mehr Möglichkeiten, Zitate zu bekommen oder passende Gesprächspartner zu finden. „Weg von klassischer Paarbeziehung, hin zu offener und polyamouröser Beziehung“, bezeichnete Pilath diesen Trend im Verhältnis von Medien und Politik.

„Wer ist der wichtigste Influencer für Sie, ob alt oder neu?“, wollte Altmeyer zum Abschluss wissen. „Im Nachrichtenbereich sind es die klassischen Medien, morgens lese ich gerne den Newsletter vom Tagesspiegel“, sagte Mauer. „Ich wache auch damit auf“, stimmte Gebauer zu und fügt hinzu: „Objektiv ist es für mich immer noch die Bild.“

„Ich orientiere mich mehr und mehr an Newslettern“, verrät Müller von Blumencron. Auf seiner Leseliste stehen diverse Newsletter, wie der Checkpoint-Newsletter des Tagesspiegel oder der NZZ-Newsletter. „Ich höre morgens gerne Podcast. Mein erster Blick geht auf die internationalen Medien wie New York Times und Guardian und auf die großen deutschen Häuser“, antwortete Pilath. "Der zweite Blick geht auf die sozialen Medien – dort gibt es aktuellere Gedanken als bei den klassischen Medien.“

17:49 28.02.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Victoria Scherff

Victoria Scherff ist freie Journalistin in Berlin. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
Victoria Scherff

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