„Ich bin ein Zahlenfreak“

Politik Marco Buschmann von der FDP über die Identitätssuche seiner Partei – und warum der Bundestag in puncto Digitalisierung hinterherhinkt.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bei Kaffee und Croissant begrüßte Alice Greschkow, Politikberaterin und Moderatorin der sitzungswoche Sprechstunde am 20. November das Publikum in der Ständigen Vertretung in Berlin. Ihr Gesprächspartner an diesem Tag: der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Dr. Marco Buschmann.

„Der erste liberale Abgeordnete der Stadt seit es Wahlen gibt"

Der 1977 in Gelsenkirchen geborene Buschmann fand früh zur Politik. Wie viele Gelder haben eigentlich die verschiedenen Schulen zur Verfügung? Eine über die Ausstattung an seiner Schule empörte Englischlehrerin brachte ihn 1994 (da war Buschmann 17 Jahre alt) dazu, nachzuforschen. Das Ergebnis fand er ungerecht, brachte ihn bis zum Schulverwaltungsamt – und später in die Politik.

Denn im gleichen Jahr ist er bei den Jungen Liberalen gelandet: „Mir hat deren Herangehensweise gefallen, zu schauen: Was kann man selbst machen?“ Noch vor dem Abitur war er Pressesprecher der Jungen Liberalen, später wurde der promovierte Jurist Bundesvorstand und 2014 Bundesgeschäftsführer. In der Rolle hat Buschmann dann auch den Wahlkampf der FDP betreut. Seit 2017 ist er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion.

Sein Wahlkreis Gelsenkirchen ist nicht bekannt als FDP-Hochburg: „Ich bin der erste liberale Abgeordnete in der Geschichte der Stadt, seit es überhaupt Wahlen gibt“, erzählt Buschmann über seinen Werdegang.

In seinem Wahlkreis gebe es viel kreatives Potenzial, das darauf warte, gesehen zu werden: „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mit mehr Selbstbewusstsein in die Eigenvermarktung gehen“, sagt Buschmann und fährt begeistert fort: „Wir haben mehr Theater und mehr Universitäten als die meisten anderen Regionen in Europa.“

Daher werbe er beim Ortsbesuch im Wahlkreis dafür, ein bisschen aus der „gelernten übermäßigen Bescheidenheit“ herauszukommen. „Am Ende ist es die Frage, ob die Region ein bisschen mehr Begeisterung für sich selber entwickeln kann“, stellt Buschmann fest und schwärmt vom sogenannten Makerspace in Gelsenkirchen, in dem junge Ingenieure mit Schülern zusammen tüfteln – und für den sich Buschmann mehr Öffentlichkeit wünscht.

„Wir müssen die Themen aus dem Land reinholen“

Raus aus Gelsenkirchen, rein in die Berliner Politik: Es werde oft von der Berliner Blase der Politik gesprochen, bemerkt die Moderatorin, wie erkläre Buschmann in seinem Wahlkreis, was in der Hauptstadt passiere?

Tatsächlich sei er durch seine Funktion als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer seltener vor Ort als er es gerne wäre, erklärt Buschmann und holt weiter aus: „Wir leben in einer Zeit, in der demokratische Institutionen an Vertrauen verlieren und Populisten Auftrieb bekommen“, daher sei es für ihn nicht förderlich, die Institutionen zu kritisieren.

Man müsse differenzieren: Den Vorschlag der Grünen eines Veggie-Days findet Buschmann zwar verrückt, aber das gelte dann nicht automatisch auch für den Bundestag als Institution: „Die Institution ist dazu da, um die Debatte zu führen.“

Die „Berlin-Mitte-Welt“ müsse aufpassen, dass sie kein selbstreferenzielles System werde, das sich abkapsle, sagt Buschmann und fordert: „Wir müssen rausgehen und die Themen aus dem Land in die Politik holen.“ Das helfe am besten gegen „Blasenbildung“.

Die FDP sucht ihren Kern

Nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag bei der Wahl 2013 war es still um die FDP. Diese Zeit nutzte die Partei, um grundlegende Fragen zu klären: „Wer sind wir? Wofür gibt es uns? Wofür braucht man uns? Was ist unser Kern?“, beschreibt Buschmann die Identitätssuche.

Als damaliger Bundesgeschäftsführer war er maßgeblich an der darauffolgenden Wahlkampfkampagne und der Entwicklung des neuen Corporate Designs beteiligt. „Ende 2014 hatten wir dann ein Leitbild mit unseren Kernwerten.“

Die wichtigste Mission der Liberalen in der Politik ihm zufolge: „Deutschland aus der Komfortzone herausholen.“ Das Parteitagsmotto 2015 lautete dann passend: „German Mut“. „Das war ein Bruch in der Politik, plötzlich etwas auf Englisch zu machen“, erinnert sich Buschmann und fasst den Erfolg der Kampagne wie folgt zusammen: „Glück, Groundwork (Arbeit an der Basis, Anmerk. d. Autorin) und mutige Berater.“

WLAN im Bundestag erstmal "Pilotprojekt"

„Die Digitalisierung ist bei den Freien Demokraten ein Riesenthema“, schreibt die FDP auf ihrer Website. Wie beobachtet Buschmann die Digitalisierung im Bundestag? Der Politiker erzählt Anekdoten aus dem Inneren des Politikapparates, von Jutebeuteln voller Drucksachen und der Neuerung, dass nun alle Büros des Bundestages WLAN hätten – dieses gebe es allerdings vorerst als „Pilotprojekt“. Seine Fraktion sei eine „papierlose Fraktion“, betont Buschmann stolz, jeder Vorgang laufe im Intranet ab.

Dann waren die 60 Minuten sitzungswoche Sprechstunde schon fast rum, doch ein paar Fragen aus dem Publikum wurden noch beantwortet: etwa die nach der Kommunikation der Fraktion. „Die erste strukturelle Entscheidung, die ich getroffen habe: Social Media und die klassische Pressearbeit zu trennen“, erzählt Buschmann. Beide Ebenen funktionierten einfach zu unterschiedlich. Durch die an das jeweilige Soziale Medium angepasste Tonalität wolle die FDP besser an parlamentarische Inhalte heranführen: Bei Instagram etwa werde mit Infotainment gearbeitet.

„Wir experimentieren viel“, sagt der Politiker und bezeichnet sich selbst als “Zahlenfreak“, der alles messe: „Durch die Performance der Beiträge können wir Stück für Stück identifizieren, was funktioniert und was nicht.“

Politik live gibt es regelmäßig bei der öffentlichen sitzungswoche Sprechstunde in der Ständigen Vertretung des Rheinlandes in Berlin-Mitte. In der einstündigen Gesprächsrunde am Morgen werden Politikerinnen und Politiker des Bundestags vorgestellt, im Anschluss kann das Publikum Fragen stellen.

21:05 20.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Victoria Scherff

Victoria Scherff ist freie Journalistin in Berlin. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
Victoria Scherff

Kommentare