VictorLarslo

Schreiber 0 Leser 0
Avatar
RE: Arbeit am Mythos | 25.04.2014 | 13:17

Der Artikel will zu viel und das merkt man ihm leider auch an. In 5.000 Zeichen eine Rezension zweier Filme, die Rezeption eines dritten und dann nebenbei noch eine Bewertung der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in Polen unterbringen zu wollen, muss meiner Meinung nach zwangsläufig zu Oberflächlichkeit führen.

Da ist zum Beispiel die Einschätzung, "die Legende von der polnischen Unschuld" sei erst "relativ spät" infragegestellt worden. Was ist denn der Maßstab für diese Einschätzung? Etwa Deutschland, das vom Kriegsende bis zur Wehrmachtsausstellung nur schlappe 50 Jahre brauchte, um zu erkennen, dass auch ganz normale Deutsche Massenmörder waren? Und wenn es schon um früher oder später geht: Warum werden die Auseinandersetzungen der 1980er Jahre, etwa um Lanzmanns Shoah oder um Błońskis Artikel im Tygodnik Powszechny nicht erwähnt? Nur weil sie keine große Öffentlichkeit erreichten?

Ein weiterer Punkt ist die Bewertung der Debatten. So wird der Film Pokłosie vor allem als Schock beschrieben und auf die negative Kritik eingegangen. Dass der Film aber unter den zehn erfolgreichsten polnischen Filmen des Jahres 2012 war und W ciemności gar der zweiterfolgreichste (http://www.pisf.pl/pl/kinematografia/box-office/filmy-polskie?cat=6825), wird nicht erwähnt.

Auch die seit Jahren verstärkte Beschäftigung jüngerer Polinnen mit der jüdischen Geschichte, etwa auf lokalgeschichtlicher Ebene, wie im Warschauer Stadtteil Muranów, scheint keine Rolle zu spielen.

Die Einbeziehung solcher Beispiele und eine etwas differenzierter Darstellung der Auseinandersetzung um polnischen Antisemitismus muss ja nicht heißen, dass man em Ende zu einer grundsätzlich anderen Einschätzung kommt. Aber sie würde den Blick dafür Öffnen, dass es bei der Auseinandersetzung um weit mehr geht als um eine Stärkung des Selbstbewusstsein der Nation.

Weniger ist manchmal mehr. Hätte sich die Autorin auf die Besprechung der beiden sehr sehenswerten Filme konzentriert, wäre ihr vielleicht auch nicht entgangen, dass es in Ida um weit mehr geht als "die Schuldfrage".

P.S. Ärgerlich ist auch, dass man beim Freitag polnische Sonderzeichen offenbar als Accesoire betrachtet, dass je nach Belieben verwenden oder weglassen werden kann - selbst bei Wiederholungen desselben Wortes.