RE: "Das Alter ist die Hölle der Frauen" | 06.08.2017 | 19:46

Liebe Magda,

wie Recht Sie haben! Das Alter hat – wenn frau finanziell halbwegs abgesichert ist – auch für Frauen sehr seine Vorteile, vor allem den einen: Freiheit und Unabhängigkeit. Ich kann entscheiden, wann ich ins Bett gehe, wann ich aufstehe, was ich heute mache, wohin ich gehe ... Ich engagiere mich politisch, aber ich alleine entscheide, wie viel Zeit ich dafür aufbringe.

Ja, im ersten Drittel meines Lebens steckte ich auch in dieser Falle: unbedingt jung, schön sein und heiraten, Kinder kriegen. Mit Anfang 40 aber hatte ich davon die Nase voll, denn ich mir war in mehreren Beziehungen klar geworden, dass ich mich in dieser Gesellschaft verbiegen müsste, wenn ich diese Ziele erreichen wollte. Aber verbiegen wollte ich mich nicht, also machte ich mich auf einen anderen Weg: reiste alleine mit Rucksack und Zelt durch die Welt und machte nur noch "mein Ding". Wahrscheinlich wäre ich eine "Rabenmutter" geworden.

Mit Ende 50 habe ich – ansonsten geistig arbeitend – zusätzlich zimmern, schreinern, mauern gelernt und gemerkt, welche Befriedigung es ist, ein fertig gestelltes Werkstück oder einen selbst gebauten offenen Kamin vor sich zu sehen und stolz festzustellen: Das habe ich gemacht! Ach ja, und ich geniere mich überhaupt nicht, damit anzugeben, und alle finden: das dürfe ich aber auch! So ganz nebenbei habe ich dabei auch den Wert der Arbeit mit der Hand im Gegensatz zu der mit dem Kopf gelernt – und wie wahr das Marxsche Diktum von der Selbsterkenntnis (eigentlich Identitätsfindung, nicht wahr?) des Menschen im Produkt seiner Arbeit ist. Auch mein Freundeskreis erweiterte sich um Hand- und Schichtarbeiter*innen, mit denen ich in meiner rein bildungsbürgerlichen Welt sonst kaum Kontakt bekommen hätte, und von denen manche mindestens so klug sind wie die aus jener so in sich geschlossenen Welt.

Von Belang bleibt, dass man so halbwegs gesund ist.

Dasstimmt natürlich. Anfang des Jahres bekam ich ein neues Hüftelenk: Einen Monat Hölle. Dann ging es langsam aufwärts. Die letzten Tage stand ich mit meinen 83 Jahren auf der Leiter und schliff und strich meine Fensterrahmen von außen. Auch darauf darf ich stolz sein.

Ach, und ich bin frei! Einfach wunderbar.

RE: Wer prügelt das Abkommen durch? | 09.02.2016 | 00:37

Lieber Herr Leusch, wenn Sie noch über CETA schreiben wollen, vielleicht hilft dabei diese Analyse von Thomas Fritz:

http://thomas-fritz.org/default/Analyse-und-Bewertung-des-EU-Kanada-Freihandelsabkommens+CETA

Schönen Gruß!

RE: Wer prügelt das Abkommen durch? | 08.02.2016 | 12:46

Sehr guter Artikel, Herr Leusch. Das Bündnis gegen TTIP organisiert vom 26.-27. Februar eine Aktionskonferenz in Kassel, um den weiteren Widerstand gegen TTIP & Co. Zu beraten:

http://ttip-aktionskonferenz.de/. Jemand mit Ihrem Hintergrundwissen wäre dort mit Sicherheit höchst willkommen. Darf ich Sie dazu einladen?

Ein Aspekt in Ihrem Text fehlt mir: das Abkommen mit Kanada, CETA, wird möglicherweise schon im Mai vom Europäischen Parlament abgestimmt und unmittelbar danach „vorläufig in Kraft“ gesetzt werden. Das ist leider möglich, auch wenn (vorausgesetzt es wird als „gemischtes“ Abkommen anerkannt) die nationalen Parlamente noch gar nicht darüber debattiert, geschweige denn zugestimmt haben. Das wird der Dammbruch sein, nach dem TTIP kaum noch zu verhindern ist – von TiSA ganz zu schweigen. Wir wissen, dass eine Mehrheit des EP für CETA ist, eine größere Mehrheit allerdings gegen ISDS. Auf sie richtet sich Gabriels Vorschlag eines Internationalen Handelsgerichts, und es ist zu befürchten, dass sie darauf hereinfallen, trotz der Ablehnung durch den Richterbund. Wie können wir das verhindern?

@ Herrn Fröhlich: Es gibt auch in Deutschland die Bewegung TTIP-freie Kommunen: http://www.attac.de/TTIP-in-Kommunen.

RE: Nichts bleibt, wie es ist | 28.11.2013 | 11:57

Verhandlungsmasse werden könnten nicht nur Sozial- und Umweltstandards, sondern auch ganze Artikel des Grundgesetzes. So geschehen bei der Verhandlung des nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA zwischen den USA, Kanada und Mexiko. Dabei wurde der zentrale Artikel 27 der mexikanischen Verfassung gestrichen, der das Land der indigenen Bevölkerung vor Privatisierung und Verkauf schützte. Deshalb erklärten die Zapatisten am Tage nach dem Inkrafttreten des Abkommens 1994 dem mexikanischen Staat den Krieg.

Für Deutschland steht zu befürchten, dass eine Große Koalition mit ihrer Mehrheit derartige Änderungen des Grundgesetzes ohne Probleme herbeiführen könnte, falls sie in den TTIP-Verhandlungen gefordert würden.

RE: Was unsere Feinde am meisten hassen | 02.11.2013 | 13:42

"Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass er ausführlicher zu Wort kommt." – Wer englisch kann, bekommt den Text hier ausführlicher:

http://www.radicalphilosophy.com/article/our-contemporary-impotence

RE: Helfer am Hindukusch | 11.07.2013 | 20:06

Schon vor Niebel konnte seitens der Bundesregierung von einer "partnerschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit" keine Rede sein. Vor knapp 30 Jahren erläuterte mir in Gambia ein Entwicklungshelfer der Deutschen Welthungerhilfe das Prinzip dieser NGO: Hilfe zur Selbsthilfe. Die Welthungerhilfe war gerade dabei, mit Hilfe von etwa 100 einheimischen Beschäftigten am Gambia-Fluss ein Reisfeld anzulegen. Die dazu benötigten Werkzeuge wurden im Land gekauft, um die einheimische Wirtschaft zu stärken. Das Feld wurde in Handarbeit angelegt, gleichzeitig wurden die Menschen davon überzeugt, dass sie dieses Feld - gegen ihre Traditionen, was etwas mühsam war - genossenschaftlich zu nutzen. Kosten der ganzen Angelegenheit: etwa 2000 DM. Gleichzeitig legte die GTZ - die damalige Vorläuferin der GiZ - einige Kilometer weiter flussaufwärts ebenfalls ein Reisfeld an, allerdings mit Hilfe zweier aus Deutschland importierter Maschinen. Einheimische Beschäftigte: zwei. Kosten: das Hundertfache. Hinzu kommt: für eine eventuelle Reparatur dieser Maschinen müssen Mechaniker aus Deutschland eingeflogen werden. Das Ganze nützte also vor allem der deutschen Industrie, nicht den Menschen in Gambia. Nichts Neues also. Jetzt also auch die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Herr Niebel schafft es tatsächlich, die sogenannte "Entwicklungshilfe" zur Farce verkommen zu lassen. Das allerdingswar angesichts seiner bekannten Einstellung dazu zu erwarten

RE: Drum prüfe, wer was regeln will | 09.06.2012 | 20:30

Lieber Jörg Friedrich, natürlich haben Sie recht: „der Mensch, mit dem ein Experiment gemacht werden soll, muss sich aus freien Stücken auf den Versuch einlassen können, und er muss ihn ohne Angabe von Gründen auch verweigern können.“ Im Falle von Experimenten mit Kindern müssen die Eltern die entsprechende Einwilligung geben. Und ich hoffe, dass dies bei dem Experiment mit Kindern, das der Freitag vom 15. September letzten Jahres beschreibt, auch so geschehen ist:
www.freitag.de/wochenthema/1137-doppelter-ertrag

Da wurden zwei sozial benachteiligte Kindergruppen über Jahrzehnte beobachtet, die eine besuchte zwei Jahre lang eine Kita, die andere nicht. Das Ergebnis ist erstaunlich. Es ist ein Experiment, das durchaus in der Praxis und nicht im Labor stattfand, und selbstverständlich ist das Ergebnis interpretierbar, dennoch aber wohl – trotz der vielfältigen sonstigen Einflüsse auf die beteiligten Menschen – ziemlich eindeutig. Ja, die Experimentiersituation ist nicht so ideal, wie man es sich als Naturwissenschaftler wünschen würde, und das ist im Sozialbereich auch tatsächlich nicht möglich.

Aber ohne solche Experimente haben wir als Grundlage für politische Entscheidungen eben nur die wie auch immer ideologisch eingefärbte Behauptung, wie z.B. zur Zeit (Stichwort Betreuungsgeld) die Behauptung von Frau Schröder und Teilen der CDU und vor allem CSU, dass es nichts Besseres für Kinder gebe, als ausschließlich im Schoße der Familie aufzuwachsen, ungeachtet der Frage, wie geeignet oder auch nur (z.B. aus Zeitgründen) fähig die jeweilige Familie zur Erziehung ihrer Kinder ist.

Im Übrigen erscheint auch mir eine Demokratie, in der globale Konzerne und Ackermänner mitregieren, nicht so vertrauenswürdig wie offenbar Ihnen. Wie demokratisch ist das? Glauben Sie tatsächlich, dass Sie mit Ihrem Kreuz bei der Wahl daran irgendetwas ändern könnten? Ich nicht.

RE: Drum prüfe, wer was regeln will | 03.06.2012 | 22:09

Lieber Jörg Friedrich,
ich vermute mal, Sie sind Geisteswissenschaftler, und Ihre Aversion dagegen, "in sozialen Systemen Experimente nach naturwissenschaftlichem Vorbild zu machen", stammt aus der notorischen Distanz der Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften und vice versa. Und die ist das Ergebnis des wirklich unglückseligen Schisma zwischen den beiden Wissenschaftsrichtungen seit Descartes (vorher lief das alles noch gemeinsam unter "Phiolosophie"). Grundsätzlich gebe ich Ihnen recht, bei "Experimenten" im Sozialbereich muss man vorsichtig sein. Aber hin und wieder mal eine Entscheidung zu überprüfen, z.B. ob Kinder frühmorgens wirklich besser lernen, kann doch nicht so falsch sein?
Ich finde es sehr schade, dass unser Wissen immer spezialisierter wird und das Gesamtwissen der Menschheit so wenig wahrgenommen wird, geschweige denn in den Alltag einfließt. Um das mal an einem pädagogischen Beispiel zu verdeutlichen: Wer als Erziehende/r nicht weiß, dass die Wut eines Kindes (und der damit verbundene Adrenalinschub) nicht durch gutes Zureden, sondern nur durch Bewegung (das Kind sollte mal tüchtig rennen!) abreagiert und abgebaut werden kann, riskiert im Zweifel, alle guten Vorsätze über Bord zu werfen und dem Kind eine Ohrfeige zu versetzen. Mal abgesehen von der ethischen Frage löst das natürlich das Problem nicht, sondern verschlimmert es. Dieses Wissen aber stammt aus der Hirnforschung, nicht aus der Sozialwissenschaft. Es wird jedoch in der Pädagogik nicht gelehrt. Genauso wenig wie ethische Fragen eine angemessene Rolle in den Naturwissenschaften bzw. deren Lehre spielen. Ein weites Feld...

RE: Drum prüfe, wer was regeln will | 01.06.2012 | 14:53

Noch ein Nachtrag, denn offensichtlich nützt es was, wenn man hier so öffentlich meckert: Ich hätte gerne grundsätzlich die URL zum jeweiligen Original bei allen Artikeln aus dem Guardian oder dem Observer o.ä. In einem Telefongespräch mit jemandem vom Freitag wurde mir bestätigt, dass das sinnvoll sei, der Herr aber meinte, er hätte schon mehrfach versucht, das in der Redaktion durchzusetzen, leider ohne Erfolg. Höchst merkwürdig!
Im übrigen habe ich dem Freitag vor längerer Zeit vorgeschlagen, den 65. Geburtstag des Ahlener Programms der CDU zu Anlass zu nehmen, daran in der Rubrik "Zeitgeschichte" zu erinnern. Keine Antwort. Dabei ist es so wunderbar aktuell!

RE: Drum prüfe, wer was regeln will | 01.06.2012 | 14:42

Herzlichen Dank! Kam zwar erst nur auf deutsch, hab dann aber die englische Version gefunden und gleich weiter gemailt. Vilab