Adel verpflichtet?! Die Ossis und der Prinz

Adel Prinz Alexander von Sachsen klagt, wie eine beleidigte Wurst von Leber, über mangelnde Etikette, Unfreundlichkeit und Undankbarkeit der Ostdeutschen
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Fährt der unbedarfte Interessierte zu einem Wochenendausflug ins ländliche Sachsen, zum Beispiel in die verschlafenen Holzspielzeugstädchen im waldreichen Erzgebirge, zu den bierbrauenden Singsangdialektleuten ins dunkelgrüne Vogtland oder vielleicht ins beschauliche hellgrüne schrebergartenreiche Muldental, wird er kaum vermuten, dass er es mit einem rebellischen widerborstigen Völkchen zu tun hat. Der gemütliche, ob seines charaktervollen Idioms gern von gebügelt sprechenden Landsleuten verspottete, Kaffeesachse, bereitete einstmals als eisenharter Krieger Kaiser Karl dem Großen nicht wenig Kopfzerbrechen, mochte der damals überhaupt nicht gemütliche Sachse doch so gar nicht vom einträglichen Handwerk des Plünderns lassen und hielt er doch die christliche Religion für ausgemachten Blödsinn. Die Sachsenkriege des Kaisers gelten als ein Höhepunkt einer an Grausamkeiten nicht gerade armen Epoche. Nach dieser blutigen Episode ihrer Geschichte übten sich die Sachsen in der fatalen Tradition stets auf der falschen Seite, der Verliererseite, zu kämpfen. Sie gewannen nichts im Nordischen Krieg, wurden im Siebenjährigen von Preußen besetzt und verloren die Hälfte ihres Landes, weil sie treu an Napoleons Seite standen um ihn dann doch, zu spät, in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 zu verraten. Erst 1989 besannen sich die Erzeuger des berühmten Stollengebäcks und Hersteller hochpreisiger Uhren ihres ruhmreichen Erbes und gaben das Signal zum Aufstand, diesmal zu aller Beteiligten Glück ohne Schwert, um ein ungerechtes System endgültig zu demontierten.

Es ist heute, in unseren aufgeklärten Zeiten, kaum noch vorstellbar, wo man entsetzt umschaltet wenn ein großer Öffentlich-rechtliche Sender die Hochzeit einiger unbedeutender Sachsen – Coburger in London überträgt, doch es gab eine Zeit, da der Adelsstand unabdingbar war. Wollte ein Herrscher, Herrscher sein, brauchte er Männer, die seine, für heutige Betrachter oft seltsame, Vorstellung von Recht und Ordnung für ihn durchsetzten. Das waren selbstverständlich nicht die Klügsten und Weitsichtigsten unter der Sonne, sondern jene, die es nicht kratzte mal eben eine unbotmäßige Dorfbevölkerung abzuschlachten und sich selbst im Krieg für einen Andern aufspießen zu lassen, wenn sie davor nur genug zu fressen, zu saufen und zu huren bekamen. Über die Jahrhunderte begannen sich diese zweifelhaften Subjekte als Elite zu fühlen, die Familien der Berufskrieger verheirateten ihre Kinder so lange untereinander, bis die tragischen Ergebnisse solch langwieriger Inzucht nicht nur für studierte Biologen erkennbar wurden, denn Erbkrankheiten von Hämophilie über Schwachsinn bis hin zu gegelten Haaren schlichen sich ins adlige Genom und dort blieben sie bis heute.

Beherrschen ließen sich auch die Sachsen und zwar von den Wettinern, einer mehr oder minder erfolgreichen Adelssippe, deren Stolz zu großen Teilen auf dem Umstand beruht, dass sie ihren Stammbaum bis zu jenen verfolgen können, die auf ihm saßen. Ihre Herrschaft endete 1918 nach fast 1000 Jahren zum Leidwesen der Nachfahren unspektakulär. Seine Majestät Friedrich August III. äußerte erstaunt als man ihm meldete sein Volk mache da draußen Revolution: „Ja, derfen die denn das?“ und verabschiedete sich kampflos aber beleidigt mit den Worten: „Macht euch euren Dregg alleene!“

Nach dem Ende der Revolution sorgte die neue Elite für eine standesgemäße Versorgung der Alten, die Wittelsbacher erhielten Immobilien, Preziosen und Geld. Den Hals bekamen die Hohen Herren trotzdem nicht voll, wie sich zeigte als der sächsische Landtag es zuließ, dass die Wettiner die Nachwendezeit nutzten um sich noch einmal, wie schon nach der Revolution 1918, die Taschen voll zu stopfen. Noch immer halten sich die Mitglieder des einstigen sächsischen Herrscherhauses für eine Art Elite, das Beste was die Menschheit an Modellen so im Schrank hat. Vor diesem Hintergrund sind die öffentlichen Äußerungen des nächsten obersten Vertreters dieses Hauses, Prinz Alexander von Sachsen, belustigend. In einem Interview mit Anja K. Fließbach in deren Blog "Disy" im 2006/07 äußerte der elitäre Prinz sich so:

Blog: „Prinz Alexander, Ihre Familie hat lange dieses Land regiert …“

Prinz: „Im Jahr 1098 wurden unsere Vorfahren vom deutschen König zu Markgrafen von Meißen ernannt. Man könnte sogar sagen, dass wir damals unser Business gestartet haben. Wir sollten das Deutsche Reich vor Angriffen von östlicher Seite schützen, also vor den Vandalen. Das haben wir damals so erfolgreich getan, dass wir knapp tausend Jahre dieses Land regierten.“

An diesem legeren Gefasel stimmt, außer der Jahreszahl und dem Umstand der Belehnung, gar nichts. Wen die diesen Rahmen sprengenden shakespearischen Herrschaftsverhältnisse der letzten Jahre Heinrich IV., ein Mahlstrom aus widerlichen Verrat und schäbigen Betrug, interessieren der lese es nach. Zu den anderen Äußerungen: Das oben erwähnte angebliche Deutsche Reich des Prinzen ist das damalige Heilige römische Reich deutscher Nation und mit den Vandalen, ab etwa 550 taucht der Name dieses frühmittelalterlichen und, bedenkt man die Umstände, einigermaßen erfolgreichen germanischen Stammesverbandes in den historischen Quellen nicht mehr auf, meint er offensichtlich jene slawischen Stämme, die sich, wie einst die Sachsen selbst, vehement gegen die Eroberung und Christianisierung wehrten. Ob solches Geschwurbel Chauvinismus oder etwas anderes ist, mag ein jeder für sich selbst entscheiden, doch wirft derlei öffentlich geäußerter Quark einen bezeichnenden Blick auf das Geschichtsbild und das Selbstverständnis des hohen Herrn, der sich in einem Zeitinterview gerade so bitter über die Ostdeutschen beklagte.

Apropos Verständnis, ein wenig Verständnis sollte für die Vertreter der alten, einst so mächtigen, Stände aufgebracht werden! Der Adel und die Kirche bekamen jahrhunderte lang so etwas wie eine natürliche Machtfülle, begründet mit Gottes Fügung, zugesprochen. Selbst nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg, der furchtbaren Krönung ihres Erbes, gelang es beiden ihre Pfründe im Westen in großen Teilen zu behalten. Aber im Osten? Wie bitter muss es sein, nach der friedlichen Revolution in sein Stammland zurück zu kommen, von der eigenen Bedeutsamkeit überzeugt weihevoll gebückt gehend, dorthin, wo die ererbte kriecherische Bürgerlichkeit der westdeutschen Eliten mit ehernen Hammer und rot gefärbter Sichel aus den Köpfen der Einwohner geschlagen wurde, wo ein Titel so viel bedeutet wie eine leise Flatulenz im Wind und kein Mensch in Gegenwart eines Blaublüters oder Pfaffen begeistert den Atem anhält.

Und doch bekamen beide, Kirche und Ade,l vieles wieder, den angeblichen Stand, die selbstdefinierte Würde und die eingebildete Wichtigkeit. Was aber Menschen wie der Prinz von Sachsen wirklich begehrten, was sie unbedingt wollten, war es von den Ostdeutschen in Ehrfurcht geliebt zu werden. Nicht etwa, weil sie altruistisch tätig gewesen wären oder weil sie effizient an der Restrukturierung des danieder liegenden Landes gearbeitet hätten, sondern weil sie dachten, ja fest daran glauben, dass sie diese Liebe verdienen, dass sie ihnen aufgrund ihres unsterblichen Gottesgnadentums ganz selbstverständlich zusteht. Bedauerlicher Weise trafen sie aber auf eine Bevölkerung, welche über Jahrzehnte selbst mit dem zu einer grundlegenden Überzeugung gewordenen Gedanken erzogen wurde, etwas ganz besonderes, nämlich die wirkliche Zukunft der Menschheit zu sein. Es traf also bei der Begegnung von Ostdeutschen und Adel die Zukunft, die nun Vergangenheit war, auf die Vergangenheit, die jetzt gerne Zukunft sein wollte.

Der damalige „Ansiedlungbeauftragte“ Prinz Alexander von Sachsen scheiterte bei all seinen Unternehmungen grandios, womit er den Sachsen nicht nur die eigene Unfähigkeit vor Augen führte, sondern sie auch in ihren Vorurteilen bestätigte. Der Prinz musste erkennen: Es gab weiß Gott nicht viel wofür man dem Sozialismus seinerzeit eine gewisse Dankbarkeit entgegen brachte aber dafür, das Adel und Kirche, dieses Geschwür am Hinterteil der Gemeinschaft, nichts mehr zu melden hatte, schon. Ähnlich schlechte Erfahrungen machte weiland Pfarrer Christian Wolff in Leipzig, dem der Zorn über die renitent ungläubigen Heldenstadtbewohner anzumerken war als er behauptete, es sei eben eine Atheistenstadt.

Die Kirche mag eine gewisse Restbedeutung aufgrund des Mutes einiger ehrenhafter Glaubensvertreter während der friedlichen Revolution haben, den Adel dagegen verachtet man von Anklam bis Zwickau, waren sie doch die ersten die ihr schäbiges, von der Geschichte zerzaustes Haupt, in den Wind des Wandels hängten und gar nicht schnell genug wieder Besitz und Einfluss anhäufen konnten. Mit seinen Äußerungen, die Ostdeutschen seien unhöflich, undankbar und täten so als seien sie traurig über den Untergang der DDR, empörte der Prinz sogar die Vertreter der sächsischen FDP, und das will etwas heißen. In manchen ostdeutschen Gemeinden ist man dagegen über Empörung lange hinaus, dort vermisst die einstige Zukunft die radikale französische Lösung der Vergangenheit.

http://www.disy-magazin.de/Alexander-Prinz-von-Sachsen.724.0.html

20:37 02.08.2012
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Geschrieben von

visionsbar

"Ich lasse meine Mitmenschen zur Hölle fahren, wie es ihnen beliebt!" Robert Louis Stevenson
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