Glückwunsch Ötzi - Ein cooler Typ

Archäologie Am 19.09.1991 kam der Mann aus dem Eis. Herzliche Glückwünsche von einem Fan.
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An: Herrn Ötzi. Alias: „Mann vom Hauslabjoch“, „Der Mann aus dem Eis“, „Mumie von Similaun“, „Gletschermumie“, „John Doe“ oder „Eisbein“, poste restante, derzeit Bozen, Südtiroler Archäologiemuseum.

Mein lieber Ötzi,

die meisten Menschen haben im Leben nicht allzu viele besondere persönliche Tage. Da wären der Geburtstag, die Kommunion und der Hochzeitstag. Das war`s, in den meisten Fällen. Wenn man eines Tages stirbt, begehen die Zurückgebliebenen, je nachdem, wie man sich zu Lebzeiten betrug, den Todestag. Ob Du jemals einen von diesen Tagen gefeiert hast? Ob Deiner gedacht wurde? Vielleicht, aber immerhin hast Du es geschafft, einen besonderen Tag hinzuzufügen, den die meisten Menschen mit absoluter Sicherheit niemals haben werden: Den Tag des Auffindens deiner Leiche.

Ich weiß nicht was für ein Mensch Du im Leben gewesen bist aber als Toter bist du eine verdammt coole Sau. Du hast einigen Staub aufgewirbelt und eine Wissenschaft, die Archäologie, beschämt, wie beflügelt.

Allein die Umstände Deiner Entdeckung! Reinhold Messner, die Tiroler Berghutze, hielt dich für einen gescheiterten Kollegen, die Polizei für ein Verbrechensopfer und der zuständige Forensiker wollte die Leiche schon für die Beisetzung freigeben. Als man dann endlich Deine wahre Natur erkannte, hast Du den Wissenschaftlern ordentlich den eiskalten neolithischen Finger gezeigt.

Zunächst Mal bist Du auf einer Höhe herumgekraxelt, wo Du laut damaliger wissenschaftlicher Meinung gar nichts zu suchen hattest. In Deiner Zeit sollten Menschen überhaupt nicht fähig gewesen sein in den Alpen zu überleben. Deshalb wurde schnell kolportiert, Du seiest mindestens ein Priester, gar ein Fürst oder sonst ein heiliger Mann. So etwas wird in der Archäologie immer dann behauptet, wenn ein Fund so gar nicht ins wissenschaftliche Bild passen will. Da Deine Ausrüstung perfekt der Umgebung angepasst war, begann diese These bald zu wanken und man konzentrierte sich auf dein Kupferbeil, welches natürlich nur ein „Kultbeil“ sein konnte. Die experimentelle Archäologie bewies, zum Entsetzen der orthodoxen Archäologen, dass dieses Beil funktionierte und offensichtlich zu Deiner Zeit, nicht einmal etwas Besonderes war.

Den größten Coup hast Du mit Deinen zahlreichen Winkelzügen gelandet. Ganze zehn Jahre brauchte die Wissenschaft um die Pfeilspitze in Deiner Schulter zu finden, noch länger um den Magen und dessen Inhalt zu identifizieren. Die These von der gesunden Ernährung der Neolithiker ist dahin, denn Du hattest Narben, Gallensteine, Arteriosklerose, Parodontose und Karies. Den Esoterikern hast Du es gezeigt mit Deinen angeblichen therapeutischen Tätowierungen, die eigentlich nur Ascheeinreibungen sind und ihr Gefasel vom friedlichen steinzeitlichen Zusammenleben beendet. Kein Frieden im Neolithikum, wie Deine Ermordung bewies und auch keine autochthone Völkerentwicklung, wie lange Zeit kolportiert.

Nicht zu vergessen der Streit zwischen Österreich und Italien, wer denn nun der Besitzer der Leiche sein dürfe.

Wie gesagt, cooler als im Tot kannst Du im Leben schlecht gewesen sein! Deshalb: Herzlichen Leichenauffindtag, Hoch sollst Du leben, äh sterben, ach, Du weißt was ich meine!

Alles Gute

17:23 19.09.2012
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Geschrieben von

visionsbar

"Ich lasse meine Mitmenschen zur Hölle fahren, wie es ihnen beliebt!" Robert Louis Stevenson
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