Karola gegen die Hydra

MDR Der Sender kommt nicht zur Ruhe und er wird es für längere Zeit auch nicht. Es liegt an den schlechten Strukturen, welche über die Jahre geschaffen wurden
Karola gegen die Hydra
Mireille Mathieus wie immer gut sitzende Frisur in "Das Beste aus 15 Jahren Krone der Volksmusik" kann nicht über die Köpfe der Hydra hinwegtäuschen

Foto: MDR / Andreas Lander

Kennen Sie Karola Wille? Nein? Nie gehört? Sollten sie aber, denn Karole Wille hat einen der miesesten Jobs der Welt. Karola Wille ist die Intendantin des MDR. Was, den kennen Sie auch nicht? Also sagen Sie mal! Der MDR, der Mitteldeutsche Rundfunk, ist die Landesrundfunkanstalt der Länder Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Seine Produktionen laufen in der ARD, zu der er auch gehört. Richtig, der Volksmusiksender, genau der, da wohnt die Hydra!

Wie gesagt, Karola Wille hat als Kammerjägerin für große Viecher eine schwere Aufgabe. So in etwa, wie sonst Hartmut Mehdorn, ja, da lachen immer alle, den kennen Sie, was? Hartmut Mehdorn hält sich für einen Macher, dabei hat er nur wichtige Freunde. Karola Wille dagegen hat für derlei Klüngel keine Zeit. Die Intendantin ist nicht der Feuerlöschtrupp, nein, sie führt die Aufräumbrigade mit der Schippe und den Leichensäcken an. Wissen Sie, woran man erkennt, dass in der Wirtschaft eine Katastrophe dräut? Völlig überraschend wird eine Frau Chefin. Wenn plötzlich von weiblichen Qualitäten geschwärmt wird, von Einfühlungsvermögen und Eloquenz, dem besonderen weiblichen Charme, gar der Intuition, geht es dort in der Regel schon eine ganze Weile den Bach runter. Sie sitzen in einem Flugzeug und jemand fragt scheinheilig: „Entschuldigen Sie, ist vielleicht zufällig eine Pilotin an Bord?“ Beten Sie, denn Sie würfeln gerade mit dem Tod! Männer geben Frauen nur dann Jobs von denen Männer meinen die Evolution hätte einzig und allein sie selbst dafür auserkoren, wenn es gar nicht mehr anders geht. Sie wollen wissen, wie ich darauf komme? Sehr einfach, nehmen wir einmal den MDR. Intendant des MDR, einem politisch gewollten Projekt der Wendejahre, war von 1991 bis 2011 Udo Reiter. Zwanzig Jahre Chef, fragen Sie? Ja natürlich, denn die Politik braucht in einer Landesrundfunkanstalt einen verlässlichen Führer, verzeihen Sie mir bitte das anrüchige Wortspiel. Um es klar zu sagen, Fernsehen und Rundfunk bedeuten Macht, Meinungsmacht.

Verspekuliert

Udo Reiter erzählt gern, wie er damals anfing, im wilden Osten, ohne Leute, ohne Geld und nur mit einer Idee bewaffnet. Bei ihm klingt es als sei er selbst so eine Art Medien-Mac Gyver. Aber Udo Reiter hatte sehr viel mehr als Kaugummi und Kugelschreiber, nämlich politische Unterstützung und einen dreistelligen Millionenbetrag. Das ist eine Menge Holz, sagen Sie? Stimmt, aber viel zu wenig für einen anständigen Sender fand Udo Reiter. Deswegen begann der MDR an der Börse zu spekulieren. Ja, ich weiß, die Idee ist etwas seltsam, niemand geht ins Casino, wenn auf dem Konto Ebbe herrscht, aber am Anfang ging alles gut und dann nicht mehr. An dieser Stelle kommen die politischen Freunde, die natürlich für ihre Hilfe etwas haben wollten, ins Spiel. Und weil gewisse gegenseitige Verpflichtungen bestanden, häuften sich die Merkwürdigkeiten. Der MDR hält zum Beispiel Wertpapierbeteiligungen. Das ist doch widersinnig, was hat das denn mit öffentlich-rechtlichem Fernsehen und Radio zu tun, denken Sie? Sie habe Recht, gar nichts. Der MDR hat zum Beispiel seine schönen neuen Gebäude durch Leasing finanziert. Das ist doch Schwachsinn, sagen sie, weil man die auch hätte kaufen können? Ja, da haben Sie wohl Recht. Große Summen bringen große Probleme und so verlor Udo Reiter, vielleicht über die Geldsorgen, ein wenig die Übersicht und vor allen Dingen die Kontrolle über einige seiner Mitarbeiter.

Haben Sie weiland von MDR TV-Unterhaltungschef Udo Foht gehört? Das ist doch der, der wegen Korruption verurteilt wurde? Jein, noch nicht. Über die Entlassung einigte man sich in einem Vergleich. Die Untersuchung der Staatsanwaltschaft dauert noch an. Uwe Foht übte sich in kreativer Rechnungsgestaltung, nahm Vorteile und Bargeld an, versprach dafür Leistungen zu erbringen, allerdings nicht für sich privat, sondern für den Sender. Das ist doch dämlich, der Sender bekommt Geld von der öffentlichen Hand, um sein Programm zu gestalten, sagen Sie? Vermutlich haben Sie Recht. MDR-Sportchef Wilfried Mohren, erinnern Sie sich an den? Das ist der, der Geld, allerdings für sich selbst, nahm, um bestimmte Sportarten, Interviews und Ereignisse in seinen Sendungen zu platzieren. Er wurde verurteilt. Erinnern Sie sich an den KiKA-Herstellungsleiter, der acht Millionen Euro hinterzog und in Haft sitzt? Beim KiKA ist der MDR federführend. Kennen Sie Reinhard Mirmseker, den Unterhaltungschef von MDR 1 Hörfunk? Der wurde gerade entlassen, weil er nicht offen legen wollte, dass er als MDR Mitarbeiter an einer Firma, die für den MDR arbeitet, privat beteiligt ist. Warum denn nicht, fragen Sie und wieso behauptet der Sender, dass sei lediglich ein arbeitsrechtliches Problem? Hier wird es ein bisschen schwierig, weil es nur teilweise stimmt und nicht nur Herrn Reinhard Mirmseker betrifft.

Sehen Sie, Produktionsfirmen, also jene die für Öffentlich-rechtliche Sender Programme produzieren, also das Programm machen, sind oft aus den oben genannten Gründen ebenfalls politisch gewollt und daher eng mit den Sendern, wie auch untereinander verwoben. In den entsprechenden Aufsichtsräten tummeln sich Senderredakteure, politische Vertreter, die Kirchen mit Vertretern ihrer eigenen Medienunternehmen, Mitarbeiter aus Medienunternehmen die wiederum Beteiligungen an andern Medienfirmen der öffentlichen Hand halten usw. usf. Was das bringen soll? Eigentlich Kontrolle, es geht immerhin um öffentliche Gelder. Aber es funktioniert nicht gut, denn über die Posten in den Aufsichtsräten bestimmen die Sender, wer was wann wo produzieren darf und wer wofür wie viel Geld vom Sender bekommt. Das ist doch eine Vorlage für Vorteilsnahme und Schiebereien, sagen Sie? Da gebe ich Ihnen Recht.

Quicklebendige DDR

Und nun noch einmal: Karola Wille hat den miesesten Job der Welt. Inzwischen weiß jeder, warum überraschend eine erfahrene Medienrechtsexpertin auf den Schild gehoben wurde, als Udo Reiter noch vor Auslaufen seines Vertrages zurücktrat. Eigentlich sollte Karola Wille das sagen wir einmal schlichte Programm des MDR umgestalten. Fragt man nämlich Zuschauer, sagen die, der MDR sei der einzige Ort weltweit, wo die DDR noch quicklebendig wäre und sie meinen nicht nur das Programm. Wie kann denn das sein, da waren doch Fachleute aus den alten Bundesländern am Werk, meinen Sie? Schon, aber die benötigten die Unterstützung von Medienleuten aus der DDR und so entstand eine Belegschaft aus Christsozialen und Wendehälsen, wenn sie so wollen, die ultimative Allianz zwischen Konservativen und Kommunisten. Das geht doch nicht, sagen Sie, es gäbe nichts was ausgerechnet die aneinander bindet? Vielleicht haben Sie Recht. Deswegen steht zu befürchten, dass Karola Wille noch lange die Schippe gegen die Hydra im eigenen Haus schwingen muss und wenig Zeit für eine dringend notwendige Programmneuausrichtung hat.

Wissen Sie übrigens, wie die neunköpfige Hydra starb? Herakles schlug die Köpfe ab, brannte die Stümpfe aus, damit keine Köpfe nachwuchsen, begrub den einen unsterblichen Kopf in einem tiefen Loch und wälzte einen schweren Stein darüber. Das ist doch aber heutzutage kein probates Mittel mehr, sagen Sie? Sie haben Recht. Leider.

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13:36 13.07.2012
Geschrieben von

visionsbar

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