Leben im Müll - "Something Better to Come"

Filmkritik|filmPOLSKA “Something Better to Come” ist ein einfühlendes Porträt über Menschen, die unter schwersten Bedingungen ihre Würde bewahren, geprägt von ruhigen, unverfälschten Bildern.
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Man kann Moskaus Einwohner auf viele Arten beschreiben: von Luxus bis Armut ist die gesamte gesellschaftliche Bandbreite vertreten. Doch Armut scheint keine adequate Beschreibung mehr für die Umstände die Hanna Polak in ihrem Dokumentar-Epos “Something Better to Come” beleuchtet: die größte Mülldeponie Europas und mittendrin Yula und ihre Familie. Wo sich sonst keiner hintraut, hat Polak – teils unter lebensbedrohlichen Umständen – mehr als ein Jahrzehnt gefilmt. Zwischen den stinkenden Abfällen sieht der Zuschauer wie Yula vom Kind zur jungen Erwachsenen aufwächst; ihr Zuhause eine feuchtkalte, dürftig zusammengebastelte Bretterhütte, die mal am einen Ende der Müllberge steht, mal am anderen.

Es wäre einfach gewesen, die Bewohner der Mülldeponie lediglich als Opfer darzustellen. Stattdessen liefert Hanna Polak einen Film über das Erwachsenwerden eines Mädchens unter unzumutbaren Umständen. Wir sehen wie sie aufwächst, sich die Haare färbt, eine Beziehung eingeht… kurz gesagt die gleichen Meilensteine erlebt wie viele andere Teenager. Oft wird gezeigt, wie unzufrieden Yula mit ihrer Lage ist. Doch man sieht auch wie sie lacht, spielt, und ihren Platz in der engen Gemeinschaft der Menschen, die ihr Schicksal teilen, sucht. Polak selbst ist dabei eher unaufdringlicher Beobachter als Teil des Geschehens. Ab und an sprechen Yula und ihre Familie sie dann aber doch direkt an und das Vertrauensverhältnis zwischen Regisseurin und Gefilmten wird deutlich.

Durch den Einblick in Yulas Alltag wirken einschneidende Erlebnisse umso erschütternder. Yulas Mutter kommt nach Hause und erzählt, dass sie vergewaltigt wurde, Müllmänner diskutieren gelassen über die Toten, die sie inmitten der Abfälle finden, Yulas Großvater beschimpft sie und weigert sich, die Familie bei ihm einziehen zu lassen. Das Ganze immer wieder untermalt von Putins Radioansprachen. Während Putin frohe Weihnachten wünscht und über die Wichtigkeit eines Zuhauses spricht, lauscht Yulas Familie auf der Müllhalde. Die grauen, uniformen Plattenbauten in der Ferne wirken einladend.

Die typische Erfolgsgeschichte bleibt am Ende nicht ganz aus – als eine von wenigen schafft Yula es aus den Müllbergen in eine eigene Wohnung zu ziehen – doch ob es wirklich ein Happy End für sie und ihre Familie gibt, bleibt offen. “Something Better to Come” ist ein einfühlendes Porträt von Menschen, die unter schwersten Bedingungen ihre Menschenwürde bewahren, geprägt von ruhigen Momenten und unverfälschten Bildern.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des 3. deutsch-polnischen Programms für junge Filmkritiker/innen und –journalist/innen der 11. Ausgabe von filmPOLSKA und ist ursprünglich hier erschienen

15:17 24.04.2016
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Geschrieben von

Vlora Kleeb

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