"Sirenengesang" - ein Märchen für Erwachsene

Filmkritik|filmPOLSKA Mit “Sirenengesang” liefert Smoczyńska ein schrilles Debüt mit Kultpotential. Das Horror-Musical mit Fantasy-, Erotik-, und Dramaelementen ist ein Film der polarisiert.
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“Sind ja fast so viele Leute da, wie beim Eröffnungsfilm” stellt der Moderator fest, als er in den Zuschauersaal des Babylon blickt. Das Interesse an “Sirenengesang” ist offensichtlich groß. Zuschauer, die den Film ohne Erwartungen ansehen, werden überrascht werden – ob positiv oder negativ kommt auf die jeweilige Offenheit für Genre-Crossovers und die persönliche Schmerzgrenze für Trash an. Das Horror-Musical mit Fantasy-, Erotik- und Dramaelementen wartet mit einer bizarren Mischung auf. Während der Frage- und Antwortrunde vom Kameramann als “Märchen für Erwachsene” bezeichnet, ist “Sirenengesang” ein rasanter Wechsel aus Musical-Nummern und blutrünstigen Szenen.

Die zwei Hauptcharaktere, “Gold” und “Silber” sind keine Disney-Meerjungfrauen. Die von Muränen inspirierte Ästhetik der Sirenen ist bewusst abstoßend gewählt, um zu verdeutlichen, dass sie Monster und Jäger sind, erzählt Regisseurin Agnieszka Smoczyńska. Inspirieren ließ sie sich dabei vor allem von Gemälden und alten Mythen. Für ihren ersten Film ist „Sirenengesang“ ein sehr ambitioniertes Projekt. Die nötigen finanziellen Mittel für das experimentelle Werk zu finden war nicht immer einfach. Wie viel am Ende tatsächlich zusammenkam weiß keiner, aber auf dem Papier wären es 1,2 Millionen gewesen – viel für einen Debütfilm, aber wenig für dieses spezielle Werk. Viele Künstler hätten auch nichts mit dem Projekt zu tun haben wollen – einige bereuen es jetzt. Der Kampf den Film auf die Leinwand zu bringen hat sich aber offensichtlich gelohnt: beim Sundance Filmfestival in Salt Lake City feierte er erste Erfolge und vom Publikum im Babylon kommen begeisterte Rückmeldungen. Jemand freut sich, dass so innovative Filme aus Polen kommen; viele andere stellen interessierte Fragen an Regisseurin und Kameramann.

Obwohl der Film beim Festivalpublikum gut ankam, wird er sicher nicht jedem gefallen. Es gibt viele Punkte, die man in dem Disco-Spektakel kritisieren kann, nicht zuletzt die wirre Handlung und die teilweise undurchsichtigen Motivationen der Figuren. In bestimmten Kreisen hat er aber das Potential zum Kultstatus. „Sirenengesang“ lässt sich nicht auf ein oder selbst zwei Genres reduzieren. Die Gestalt der Sirene als Metapher fürs Erwachsenwerden macht den Film eher zur Coming of Age Geschichte als zur Fantasy-Saga. Die zahlreichen Nacktszenen sind oft weniger Erotik als Ausdruck des Animalismus, der die beiden Hauptcharaktere ausmacht. Mit ihrer schrillen Eskalation von kollidierenden Genres, hat Smoczyńska ein polarisierendes Meisterwerk geschaffen, das auch über Polen hinaus Wellen schlagen wird.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen des 3. deutsch-polnischen Programms für junge Filmkritiker/innen und –journalist/innen der 11. Ausgabe von filmPOLSKA und ist ursprünglich hier erschienen

15:16 24.04.2016
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Geschrieben von

Vlora Kleeb

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