Vöglechen

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RE: Wir müssen hier raus | 29.07.2014 | 21:21

Wie verfahren die Sache ist, zeigen schon die Widersprüche in diesem Text. Das deutsche Film-Fördersystem ist erfolgreich und erfolglos. Es ernährt den Mann aber nicht die Seele bzw. die Kinosäle bleiben leer. Was also fordern: Ein andres neues Deutsches Film-Fördersystem, gleich mit einer protzigen Summe. Prima. Nur die Verteilungsfrage wird umgangen. Statt müder Bürokraten Lostrommel, Community, Bakschisch?

Der andere Widerspruch: Von dem neuen tollen deutschen Film wird erwartet, dass er originell ist, neue Erzählstrukturen erfindet, alte Zöpfe abschneidet. Zusätzlich wird von dem neuen Film erwartet, dass er beim Publikum erfolgreich ist.

Hollywood, das man in Sachen Publikumswirksamkeit als Landmarke nehmen muss, beweist, dass es nicht die radikal neuen Erzählstrukturen sind, die das Publikum binden. Am Ende sind es noch nicht einmal (immer) die 100 Millionen Dollar Budgets, die den Erfolg ausmachen.

Natürlich machen Stars einen Teil des Marketingerfolges. Aber Stars sind nun auch nur Schauspieler, die beim Publikum ankommen, weil sie richtig gut in richtig guten Filmen spielen. Wer jetzt lacht und Gegenbeispiele aufzählt, gehört definitiv zu den Strukturverhärterern der deutschen Filmindustrie.

Die deutsche Filmindustrie selbst hat ihr Publikum über Jahrzehnte darauf trainiert, graue Sozialdramen zu erwarten. (Damit will ich die drei oder vier wirklich herausragenden Sozialdramen nicht diffamieren.) Bekommt es hollywoodmässige Kost aus deutscher Fertigung vorgesetzt, stellt sich schnell der Reflex ein, das ist unecht, das ist ja wie Hollywood nachgemacht. Oft mit weniger Können und weniger Budget (auch wenn von den Machern nur das magere Budget zugegeben wird).

Die Lösung wird nicht sein, haufenweise Geld in total neue irre Filme zu investieren (obwohl man das ruhig mal tun könnte), die Lösung wird wohl in dem mühsamen Weg bestehen, mit immer wieder neuen gut erzählten und emotional wirkungsvollen Publikumsfilmen den Zuschauer daran zu gewöhnen, dass auch andere Filmgenres in Deutschland mit deutschen Gesichtern erzählt werden können und das das gut ist. Die Macher dieser Genre-Filme werden über eine lange Strecke überzeugen müssen, bis das Glaubwürdigkeitsproblem deutscher Genrefilme überwunden ist.

Vielleicht polen die dieser Tage erfolgreichen Kinderfilme und Kinderfilmserien, die ohne intellektuellem Dünkel auskommen, unseren Nachwuchs schon um. Dann müsste schnell mal jemand kommen, der den älter werdenden Kindern anständige Jugendfilme anbietet, damit sie nicht ausschliesslich durch Hollywood-Kost weitergeleitet werden.

Deshalb ist es so wichtig, dass es einen Til Schweiger als prügelnden Tatort-Action-Kommissar gibt. Erst wenn wir soviel davon abbekommen haben, dass wir es nicht mehr merkwürdig finden, hat der deutsche Film eine reale Chance, sich zu verändern.

Vergessen wollen wir weiterhin nicht, dass es auch immer mal funktionierende Beispiele für deutsche Genre-Filme gegeben hat. Da haben Autoren gut geschrieben, Produzenten um den Film gekämpft und Regisseure ihre Vision verfolgt. Zu gerne würde ich mal ein oder zwei Drehbücher aus dem sagenumwobenen meterhohen Stapel von epochalen Meisterwerken lesen, deren Realisierung einzig an den Filmförderinstitutionen gescheitert ist. Nehme ich auch gerne als PDF entgegen.

All das soll im Übrigen nicht heißen, das das Bürokraten-Fördersystem nicht einer Verschlankung bedarf.

Vermutlich werden kleine, spezifisch deutsche Filme immer eine Domäne des deutschen Films bleiben, zum einen wegen der atomisierten Budgets, zum anderen, weil sie sonst fehlten. Denn bei aller professionellen Herangehensweise Hollywoods. Das ganz spezifische Deutsche muss weiter von uns kommen. Nur dieses andere Kino, darum werden wir uns kümmern müssen. Nicht mit neuem Geld, Geld ist ja genügend da.