Dr. Daniele Ganser und China

Vortrag vom 5.2.21 Der Historiker und Friedensforscher Dr. Daniele Ganser stürzt tief in den Abgrund transatlantisch-propagandistischer Narrative gegen China. Wie ist das möglich?
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Dr. Daniele Ganser wurde mit seinen wichtigen USA-kritischen Aufklärungsbüchern über NATO-Geheimarmeen in Europa und/oder seiner kritischen Beschäftigung mit den unbeantworteten Fragen zu 9/11 einem breiteren deutschsprachigen Publikum bekannt. Für diese Arbeiten ist ihm sehr zu danken. Selbstverständlich ist er damit zum natürlichen Feind der überwiegend transatlantisch ausgerichteten Medien geworden. Aus diesem Grund solidarisieren sich viele, vor allem links orientierte „Alternative Medien“ in oft enger Verbundenheit mit ihm. Was völlig richtig und in Ordnung ist. Dass diese Solidarität aber soweit geht, den unsäglichen virtuellen Vortrag Dr. Gansers am 5. Februar 2021 herunterzuspielen oder zu ignorieren, ist sehr unbefriedigend. Immerhin haben die NachDenkSeiten den genannten Vortrag zur Diskussion gestellt. Ich beziehe mich hier nur auf die Anteile, die sich direkt mit China befassen.

Im Vortrag referiert Dr. Ganser unter dem Titel „Corona und China: Eine Diktatur als Vorbild?“ über China als Diktatur in einer geradezu fassungslos machenden Oberflächlichkeit, bizarrer Unwissenschaftlichkeit und herausfordernder Unkenntnis. Vor allem aber bedient er bis in die letzten Nuancen das westlich-transatlantische Feindbild-Narrativ von der suspekten kommunistischen Überwachungsdiktatur. Vieles klingt so (unwahr), als hätte er Passagen seines Vortrags aus einem auslandsjournal-Beitrag der ARD oder bei Reinhard Bütikofer, dem Chef-China-Hetzer der Grünen im Europaparlament abgeschrieben. Auch der Duktus des Dozenten, die gezeigten Schaubilder und rhetorischen Wiederholungen zeigen einen befremdenden Willen zur Propaganda. Überaus bemerkenswert ist ebenso, dass sich Dr. Ganser als Testimonial einiger nicht korrekter Behauptungen stark transatlantisch geprägter Medien bedient, also derselben Medien, die über ihn selbst Unwahrheiten verbreiten. Warum macht er das? Ist das die Anwendung des „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“-Schemas? In der Schweiz ist besonders die NZZ (Neue Zürcher Zeitung) eines der Medien, die Ganser kritisieren; dessen ungeachtet zeigt er jedoch einen Artikelausschnitt aus ebendieser Zeitung zur Untermauerung seiner Behauptungen. Desgleichen verfährt er mit der „FAZ“ und dem „Tagesspiegel“, alles Printmedien, die für den guten geostrategischen Zweck das Blaue vom Himmel lügen. Bei Gansers China-Bashing dürfen sie aber zu Zeugen der Anklage werden. Wie ist das möglich? Eine saubere Recherche war bisher eines der Markenzeichen dieses Autors!

Allein schon beim ersten Bild des auf YouTube veröffentlichten Videos muss man schlucken: Man sieht eine Truppe chinesischer Uniformierter im Stechschritt und Augen geradeaus, die bedrohlich auf einen zumarschieren. Eine solche Bildwahl kennt man eigentlich nur aus öffentlich-rechtlichen Produktionen über Russland. Oder die Verkehrspolizistin mit der „Google“-Sonnenbrille, vor deren Augen jede Verfehlung („Müll vorgestern nicht ordentlich entsorgt“) der armen Kreaturen in ihrem Blickfeld heruntergescrollt wird. Auch die ständige unsinnige oder auch bewusste Wiederholung des Namens von Staatspräsdent Xi („Den Namen müssen Sie sich merken!“) erinnert fatal an die Gleichsetzung Putins mit dem Bösen.

Den mit Abstand größten Vorwurf muss man dem Historiker (sic!) Dr. Ganser aber dahingehend machen, dass seine Suada nicht den geringsten Willen erkennen lässt, sich China auf einer zumindest theoretisch von Vorurteilen freieren Ebene zu nähern.

Dr. Ganser zeigt auf wahrhaft Staunen machende Weise, dass er von China und seiner kulturellen, staatsphilosophisch konfuzianischen Geschichte, seiner Integration des Sozialismus, seines traditionell auf dem Wohl der Mehrheit ausgerichteten Gesellschaftsmodells bei gleichzeitiger Unterordnung des Individuums gegenüber dem Ganzen nichts versteht oder nichts davon verstehen will. Die sich daraus ergebende bewusst in Kauf genommende Oberflächlichkeit ist einfach nur ärgerlich.

Mit seiner scharfen USA-/NATO-Kritik erweckt Daniele Ganser bei vielen linksorientierten Menschen den irreführenden Eindruck, letztlich irgendwie auch Links zu sein. Das stimmt freilich so nicht: Ganser ist die sozialistische Idee gänzlich fremd. Das ändert freilich nichts an der Qualität und Wichtigkeit seines bisherigen Schaffens, doch erwähnt sollte es sein. Aber das Verständnis, bestenfalls die Sympathie, zumindest der Respekt für diese Idee hätten seinem Vortrag wirkliche Substanz, so er eine solche überhaupt intendiert haben mag, eingehaucht. Die Tatsache, dass sich die Menschen in China weit überwiegend nicht als Opfer einer brutalen Ein-Parteien-Überwachungs-Diktatur fühlen, sondern sich im Gegenteil eher beschützt und geborgen, erwähnt Dr. Ganser zwar kurz, hat aber für seinen weiteren Vortrag natürlich keinerlei Bedeutung. Wenn die hohe Zufriedenheit eines Volkes mit ihrer politischen Führung nicht ein wichtiger, wenn nicht der wichtige Maßstab sein soll – welcher denn dann? Oder dürfen diese Stimmen nicht ernst genommen werden aufgrund einseitiger Dauer-Propaganda des Staats? Will man ernsthaft 1,4 Mrd. Menschen für – gehirngewaschen - unterbelichtet erklären?

Was Dr. Ganser abfällig über das chinesische Ein-Parteien-Systhem und Unabwählbarkeit des Staatspräsidenten sagt, ist nicht haltbar. Selbstverständlich darf dieser auch abgewählt werden. Aus ihrer Sicht leben die Chinesen auch in einer Demokratie, deren Begründung aber, wenn man wirklich interessiert und frei von plumpen Vorurteilen ist, durchdrungen werden muss. Überhaupt: Das chinesische Modell in üblicher westlicher Arroganz mit den Demokratien westlicher Prägungen zu vergleichen ist natürlich schon der erste Kardinalfehler. Dr. Ganser sollte mal bei Prof. Mausfeld nachlesen, wie es um unsere „Demokratien“ bestellt ist, die von Unten nach Oben umverteilen, und in denen jeder einzelne Wohlhabende mehr Rechte genießt als die ganze breite Klasse der Armen. Und vor allem, was Mausfeld zu unserem parlamentarischen Mehrparteiensysthem sagt. Aber das weiß Daniele Ganser natürlich alles auch; umso zweifelhafter ist es deshalb von ihm, die ganzen sozialen Errungenschaften, Anstrengungen und Erfolge Chinas allein bei der Armutsbekämpfung mit nicht einem Wort zu erwähnen.

Dem Aufruf (s.o.) Albrecht Müllers auf den „NachDenkSeiten“, den Vortrag Dr. Gansers zu diskutieren sind viele, vor allem empörte Zuschauer nachgekommen, darunter Leser, die entweder China (mehrmals) bereist haben, einen chinesischen Partner haben, sich tief in die chinesische Kultur und Politik eingearbeitet haben und/oder des Mandarin mächtig sind und auf diese Weise in chinesischen Chat-Räumen mitlesen und das ermessen können, was in und wie in China diskutiert wird. Das Ergebnis: So gut wie nichts (in Zahlen: 0) von dem, was Dr. Ganser in seinem Horrorbild von China zeichnet, ist auch nur irgendwie belastbar (Sozialkreditsystem, Lockdown, Verschweigen Chinas der eigentlichen Corona-Todeszahlen, Dr. Li Wenliang usw.). Im Gegenteil, es zeigt, dass es der Dozent in wiederholter Weise mit der Wahrheit nicht so genau nimmt. Eine Katastrophe. Zumal in diesen Zeiten der verschärften, fast kriegslüsternen transatlantischen Propaganda gegen China.

Es ist von niemandem verlangt, die dem Abendländer sehr fremde Gesellschaftsphilosophie Chinas als für sich lebbar zu ersehnen. Das Abendland findet seine Vollendung in der freien Gestaltung der eigenen Individualität. China nicht. Aus vielen Gründen heraus, die für das ganze Bild gesellschaftspolitischer Möglichkeiten eine mehr als interessante Perspektive darstellt. Man muss auch kein Freund des Kommunismus/Sozialismus sein, um eine halbwegs faire, objektive und damit hilfreiche Kritik an China zu formulieren.

Der Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=xcjMUVrsBVg&feature=share

Die Dokumentation auf den NachDenkSeiten:

https://www.nachdenkseiten.de/?p=69840

03:30 19.02.2021
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