Abschied des blinden Propheten - Rürup wird Wirtschaftsweiser bei AWD

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Bert Rürup hat mal wieder was gesagt. Sie wissen schon: Der Mann, der Ende des Monats als Ober-Wirtschaftsweiser aufhört und - nicht ganz inkonsequent - zu einem führenden Versicherungskonzern wechselt, nachdem er sich eine staatlich geförderte Privatrente für Selbständige ausgedacht hat. Was er in diesen letzten Tagen sagt, ist also quasi das Vermächtnis seiner Wirtschaftsweisheit. Und deshalb sollte es festgehalten werden: Alles wird gut! Wir kommen wieder, denn Deutschland "ist durch die Reformen der letzten Jahre besser gerüstet als die meisten anderen Länder".

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Klar doch: Reformen sind klasse. Fragt sich nur, von welchen "letzten Jahren" der scheidende Staatsprophet spricht - und von welchen Reformen. Die Merkel-Zeit kann er jedenfalls nicht meinen, wenn er ehrlich mit sich ist. Den schwarz-roten Koalitionsvertrag hatte er 2005 nämlich scharf kritisiert. "Definitiv unrealistisch" sei die Annahme, demnächst könnten 300.000 Arbeitsplätze entstehen (Handelsblatt, 13.11.2005). Es wurden dann wesentlich mehr, doch wer kann das schon vorher wissen? Rürup jedenfalls nicht: Alle "Hoffnungen" auf eine Erholung des Arbeitsmarktes seien "enttäuscht" worden, sagte er noch im Sommer 2006. Es fehlten nämlich Schritte zu einer "erforderlichen weiteren Flexibilisierung des Arbeitsmarktes". ( WiWo, 23.07.2006) Auch Rürups gleichzeitige Diagnose, der einsetzende Aufschwung werde "nicht nur vom Export, sondern auch von der Binnennachfrage getragen" (WiWo, 23.07.2006), verwundert im Nachhinein. Die Zahlen belegen das Gegenteil: Gerade in 2006 hatte der Privatkonsum "mit lediglich 0,4 Prozentpunkten nach wie vor kaum etwas zum Wachstum" beigetragen (Ver.di: Wirtschaftspolitische Informationen 3/2007). Und wäre es nach Rürup gegangen, wäre dieser Beitrag noch geringer ausgefallen. Noch im November 2005 hatte er von den Gewerkschaften eiserne Lohnzurückhaltung gefordert, trotz der Mehrwertsteuererhöhung um drei Prozent (Netzeitung, 16.11.2005).

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Dass es nichts werden würde mit einem binnengestützten Wachstum, hätte selbst Rürup eigentlich klar sein müssen. Die chronische "Spaltung" der deutschen Konjunktur in erfolgreiche Exportindustrie und Trend zur relativen Armut in den binnenorientierten Gewerben ergab sich aus der Schröder-Zeit, als die Mitte-Links-Regierung zur Strategie erklärte, was die SPD jetzt zu bekämpfen vorgibt: Niedriglohn und Prekarisierung. Ganz im Sinne Rürups, der - wiewohl Sozialdemokrat - , stets gegen "zu hohe Mindestlöhne" von 7,50 Euro stritt und den Bereich darunter als "Chance" sah. (z.B.: Spiegel 02.09.2006). Die Bundesrepublik wird nunmehr hart getroffen werden, weil sie sich - auch auf Rürups Rat - ganz auf den Export verlassen hat, obwohl der nach wie vor nicht viel mehr als ein Drittel des Bruttosozialproduktes bringt. Ihre Exportfixierung bedeutet, dass sie einen besonders geringen Einfluß darauf hat, wann es - wenn denn der Kapitalismus wieder einzurenken ist - wieder "bergauf" geht.


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Und was macht der Meister? Er erklärt die Krise zur Chance: Wenn die Konjunktur weltweit wieder anläuft, werde Deutschland als Exportnation besonders stark profitieren, zitiert ihn jetzt die dpa! Wir müssen also nur abwarten. Und können inzwischen viermal auf Peter Hartz anstoßen, mit Dosenbier von Plus. Wann allerdings der Aufschwung der anderen wieder einsetzt, auf den die Republik nun warten soll, weiß Rürup nicht zu sagen. Wie könnte er auch? In seiner Welt hätte das ganze Malheur über die Banken nie hinausgehen dürfen: "Die Krise wird auf die Finanzmärkte beschränkt bleiben", war sich Rürup noch sicher, als andere längst zu zweifeln begannen. (Finanzen-net, 12.08.2007). Und wie "Konjunkturpakete" dies- und jenseits des Antantik und anderer Ozeane so wirken, kann einer wie Rürup nun wirklich nicht wissen: Hielt er doch antizyklische Intervention stets für sinnlos, bis er plötzlich im November 2008 die Bundesregierung für ein zu kleines Paket kritisierte.


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Das Leben bleibt also spannend, selbst für Propheten. Wer hätte schon gedacht, dass ausgerechnet er mit dem folgenden Satz zum Banken-Enteignungsgesetz von der Brücke gehen würde: Eine "Übernahme wichtiger Finanzinstitute durch den Staat" müsse ""immer eine Option sein" , damit dieser "nicht von den Alteigentümern erpresst" werden könne? (Saarbrücker Zeitung, 18.02.2009). Rürup selbst sicher nicht. Wir wollen aber nicht ungerecht sein,schließlich lagen die anderen auch daneben. Eigentlich könnte er sie gleich mitnehmen zum "unabhängigen Finanzoptimierer" AWD. Wünschen wir ihm also eine schöne Restkarriere, einen goldenen Handschlag und auch sonst alles Gute. Aber achten wir auch in Zukunft darauf, uns nicht von AWD "optimieren" zu lassen. Aus wohlverstandenem Eigeninteresse. Dort ist nämlich bald Bert Rürup für die "ökonomische Analyse" zuständig.

15:20 18.02.2009
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Geschrieben von

vomsehen

kreuzberg - my god rides a skateboard
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