Der Vatikan macht keine Fehler - Ratzinger auf Märtyrerjagd

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In letzter Zeit war viel zu hören von einer schrecklichen Schludrigkeit, einem furchtbar unprotestantischen Mangel an „Leistungsprinzip“ und einer mittelalterlichen Dienst-nach-Vorschrift-Mentalität in der Kurie. Alles Eigenschaften, die man dem Vatikan auf der Haben-Seite anzurechnen hat. Wenn sie denn zutreffen, doch daran sind Zweifel erlaubt. Denn die ungewöhnlich massive Kirchenkritik dieser Art wird offensichtlich im Interesse einer rationalen Erklärung für den „Fall Williamson“ serviert. Wer aber auch nur ein paar Eckdaten des kirchenpolitischen Wirkens des Joseph Alois „Benedikt“ Ratzinger kennt, kann sich ein „Versehen“ nicht so recht vorstellen.

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So brauchte die 2005 inthronisierte Ratzinger-Kurie nicht einmal zwei Jahre, um einen der populärsten Glaubenslehrer,Menschenrechtsaktivisten und Beinahe-Märtyrer Lateinamerikas zu maßregeln: Jon Sobrino, einen Jesuiten aus El Salavdor. Sobrino war in den 70er Jahren Berater und Mitarbeiter des "Vaters" der katholischen Befreiungstheorie: Oscar Romero, der 1980 wegen seiner Gegnerschaft zur dortigen Rechts-Diktatur in San Salvador erschossen wurde. Neun Jahre später entging Sobrino selbst nur knapp einem brutalen Attentat, bei dem sechs Jesuiten und zwei Angestellte ums Leben kamen. Der Salvadorianer ist beileibe keine Randgestalt wie die Piusbrüder. Er steht im Zentrum des kirchlichen Lebens, gerade dort, wo dieses jung ist und wächst. Doch internationale Anerkennung, zahlreiche Menschenrechtspreise, die Tatsache, dass er eine Universität gegründet hat und die renommierte theologische Zeitschrift Concilium mitherausgibt – all das half nichts. Benedikt fand einen „Fehler“ in seiner Theologie: Die Doppelnatur Jesu als Mensch und Gott werde nicht ausreichend gewürdigt. Grob gesagt sieht Sobrino Jesus Christus tatsächlich in erster Linie als leidenden Menschen und leitet daraus ein Gebot der diesseitigen – und zwar durchaus politischen, nicht nur karitativen - Intervention zugunsten der Armen ab.

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Eine Exkommunikation des populären Sobrino wäre nicht durchzuhalten gewesen. Doch die Maßregel, die der Papst wählte, ist beileibe nicht so zurückhaltend, wie Benedikts Verteidiger gerne behaupten. Zwar bringt die „öffentliche Notifikation“ vom März 2007 keine päpstliche Lehreinschränkung oder ein individuelles Publikationsverbot mit sich. Sie richtet sich aber ausdrücklich gegen verbreitete Lehrsätze der Befreiungstheologie und kann insofern von einzelnen Bischöfen benutzt werden, in ihrem Gebiet entsprechende Maßnahmen zu treffen. Im Licht des nun eingeschlagenen Versöhnungskurses mit dem rechten Kirchenflügel scheint die anti-linke Politik Benedikts noch klarer auf. So nutzte er 2007 auch die 35. Generalkongregation der Jesuiten, den größten katholischen Orden auf das bloße Verkünden des Wortes und das Spenden der Sakramente einzuschwören. Die "Gesellschaft Jesu" ist heterogen, aber gerade in Übersee fassen viele Jesuiten ihren Missionsauftrag befreiungstheologisch auf.

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Schon in seinem Vorleben als vatikanischer Chefideologe hatte sich Ratzinger mit an die Spitze des Rollbacks im Katholizismus gestellt. Es gibt aus dieser Zeit einen zweiten prominenten „Fall“: Das Mobbing gegen Leonardo Boff in den 80er und frühen 90er Jahren. Der Brasilianer, der 1970 bei Ratzinger promoviert hatte, veröffentlichte 1981 unter dem Eindruck des Mordes an Romero seine „militante Ekklesiologie“. Der Franziskaner Bonaventura Kloppenburg, Boffs zweiter Doktorvater und Weggfährte Ratzingers, warf ihm daraufhin offen Häresie vor, und Ratzinger bestellte ihn nach Rom. Der Vorwurf: Kirchenschädlichkeit. Nicht nur wegen „polemischer“ Kritik am Apparat, sondern auch wegen des Standpunkts, aus Jesu Botschaft sei keine spezielle Kirchenform abzuleiten - und wegen seines Lobes der Volksfrömmigkeit und ihres naiven Gerechtigkeitsempfindens. Urteil: ein Jahr "Bußschweigen".

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Dem kam Boff noch nach. Doch als als er 1992 von Ratzingers Glaubenskongregation erneut mit Disziplinarmaßnahmen bedroht wurde, zog er die Konsequenzen und gab sein Priesteramt auf. Für Boff persönlich wird das eine Befreiung gewesen sein. Heute lebt er als geachteter Ethik-Professor, Publizist und Träger des Alternativen Nobelpreises glücklich mit der Menschenrechtlerin Marcia Maria Monteiro de Miranda zusammen. Für die Bewegungen Lateinamerikas war die Delegitimierung der Befreiungstheologie aber ein schwerer Rückschlag im Rollback der 80er und frühen 90er Jahre.

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Das waren nur die „großen“ Fälle. Wie sein Vorgänger hat Ratzinger kaum eine Gelegenheit ausgelassen, den vermeintlich unchristlich-marxistischen Gehalt der Befreiungstheologie anzuprangern – noch dazu ohne die moralische Kapitalismuskritik, zu der Karol Woytila in seiner Spätphase auflief. Wer all das zusammenrechnet, kann auch im Fall Piusbrüder-Williamson nicht so recht an einen "Fehler" glauben. Im Gegenteil: Der Mann im Vatikan kennt seine Pappenheimer. Er weiß, was er will – es ist nichts allzu Gutes. Und sei es nur, dass ständig Piusbrüder durch die Talkshows geistern. Denn angesichts derer freut man sich doch tatsächlich aus ganzem Herzen über den normalkatholischen Bischof, den das Fernsehen zur Flankierung meist mitliefert.

00:11 18.02.2009
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Geschrieben von

vomsehen

kreuzberg - my god rides a skateboard
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