Bertha Benz, das Boxenluder

Glosse 130 Jahre nach Bertha Benz' Jungfernfahrt kredenzt Mercedes-Benz ihr einen Film. Von den Pannen und Problemen der Pionier-Porno-Branche
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Bertha Benz, das Boxenluder
Vollständig bekleidet: Bertha Benz

Foto: Daimler und Benz Stiftung/Wikimedia (CC0)

Manche Erfindungen sollen ja eher zufällig zustande gekommen sein. Mercedes hat beispielsweise ganz nebenbei den Pionier-Porno erfunden. Wussten Sie nicht? Wusste ich bis vor kurzem auch nicht, obwohl diese Entwicklung bereits im Sommer 2018 auf den Markt kam.

Der Reihe nach. Es begann mit einer Wissenslücke, die sich – was mir gar nicht so selten passiert! – bei der Hausaufgabenbetreuung meiner Kinder schloss. Da stand im Lesetext aus einem Grundschulbuch die großartige Geschichte von Bertha Benz. Wie sie zum ersten Mal das Automobil, das ihr Mann zusammengebastelt hatte, auf der Langstrecke testete.

Für alle, die hier ebenfalls Wissenslücken haben: Bertha Benz, die ihren Mann Carl von Anfang an massiv mit Kapital und Grips unterstützte, ärgerte sich darüber, dass die Erfindung ihres Mannes nicht sonderlich gut bei den Leuten ankam. Um zu beweisen, dass so ein Auto eine praktische Sache ist, unternahm sie im August 1888 zusammen mit ihren beiden jugendlichen Söhnen die erste längere Tour mit dem dreirädrigen Gefährt. 106 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim in rund 13 Stunden. Eine Weltpremiere. Sie trägt seither den Titel der ersten Autofahrerin. Das allein erscheint noch ein wenig dürftig als Verdienst um diese bedeutende Entwicklung, obwohl sicherlich eine große Portion Wagemut und Enthusiasmus dazu gehörten.

Es war allerdings so, dass diese erste Fahrt nicht vollkommen reibungslos verlief. Vielmehr kam es zu diversen Pannen und Problemen, die Bertha Benz kreativ löste. Als sie zurückkehrte, hatte sie einen Sack Verbesserungsvorschläge im Gepäck und gilt deshalb unter anderem als Erfinderin der Bremsbeläge.

Warum muss Bertha so viel Bein zeigen?

Wunderbarer Stoff! Dachten sich die bei Mercedes-Benz auch und machten 130 Jahre nach dieser Jungfernfahrt einen Film daraus.

Und tatsächlich, der rund zweiminütige Film The First Driverist hübsch gemacht, Sonnenlicht fällt durch das Scheunentor, als die junge Bertha eintritt, sich die glänzende Karre schnappt und anwirft. Es kommt einem wie eine lässliche Sünde vor, dass ihre Jungs nur Starthilfe geben und dann entgegen den tatsächlichen Begebenheiten zurückbleiben. Nicht so dramatisch, dass Bertha ganz entspannt auf dem Motorwagen Nummer 3 dahin cruised, muss ja nicht jeder sehen, wie aufregend, anstrengend und gefährlich das Unterfangen war.

Aber ab etwa 1:30 hört der Spaß auf. Der Wagen macht Zicken, Bertha muss absteigen und nach dem Rechten sehen. Es dampft aus einem Leck und die junge Frau rafft beherzt die Röcke. Die Kamera gleitet vom Schuh ganz allmählich das Bein nach oben, wo ein jungfräulich weißes Strumpfband zum Vorschein kommt, mit dem sich dann wunderbar der Schaden beheben lässt – und weiter geht die fröhliche Fahrt. She drove more than a car, heißt es am Ende, she drove an industry.

Nett gesagt. Nett auch, dass Mercedes nicht völlig unterschlägt, dass es sich hierbei um eine Pionierin eines gigantischen Industriezweiges handelt. Weniger nett, dass hier eine wirklich traumhafte Geschichte zu einem seichten Männertraum verkommt. Was soll das mit dem Strumpfband? Warum muss Bertha so viel Bein zeigen? Warum stilisiert man diese interessante Person zu einer Art Boxenluder des Dreikaiserjahrs?

Ach, was soll'. Ich hab' mich nur ganz kurz geärgert. Dann wurde ich rollig. Und hab mir mal angesehen, was da noch alles an ungehobenen Schätzchen schlummert.

Nehmen wir doch gleich einmal den jungen Carl Benz. Später hat er es ja leider etwas mit seinem Schnauzer übertrieben. Aber 1869 sah er noch ganz passabel aus. Und weil es – wie übrigens auch von seiner Gattin Bertha – nur Porträts von ihm gibt, auf denen er vollständig bekleidet ist, lässt das viel Spielraum für Fantasien.

Glührohrzündung!

Der junge Carl also, im letzten Licht eines heißen Sommertages, das durch die Ritzen besagter Scheune fällt. Er schwitzt und hat deshalb sein Hemd weit aufgeknöpft (ausgezogen ginge wohl für die damalige Zeit zu weit). Das halblange, dunkle Haar fällt ihm in sanften Wellen ins Gesicht, er blickt sehr konzentriert auf das stehende Schwungrad und greift dann mit seinen kräftigen Händen nach dem Werkzeug Das Ganze wäre dank Motoröl und anderer sexy Utensilien sehr ausbaufähig. Hach, das muss doch mal jemand denen bei Mercedes sagen!

Und dann Gottlieb Daimler! Ich sage nur: Glührohrzündung.

Wie beim Automobil auch wird natürlich niemand verhindern können, dass auch andere in das Pionier-Porno-Geschäft einsteigen und es weiterentwickeln. Zuerst werden möglicherweise die anderen Autobauer aufgeschreckt sein und nachlegen. Henry Ford hatte leider einen etwas irritierenden Silberblick, den wird nicht jeder erotisch finden. Und André Citroen hat die Ausstrahlung eines Buchhalters. Einigen könnten sich alle möglicherweise auf den jungen Nikolaus Otto – mit seinen hängenden Augenlidern hat er durchaus etwas vom Sex-Appeal eines Silvester Stallone. Und Rudolf Diesel mit seinen wilden Locken – dem könnte man mit etwas gutem Willen (und guter Maske) unter Umständen auch noch etwas abgewinnen. Man ist es von Pornos ja gewohnt, dass da nicht unbedingt die erste Riege der Stars auf den Plan tritt.

Doch wer sagt, dass der Pionier-Porno auf die Autoindustrie festgelegt ist? Kennen Sie dieses unfassbare Foto von Nikola Tesla: Auf einem thronartigen Stuhl sitzend blickt er dem Betrachter – den Kopf sinnlich auf seine linke Hand gestützt – von schräg unten direkt in die Augen. Was für ein Blick! Und der glänzende Scheitel!

Levi Strauss geht leider gar nicht. Er hat supersexy Hosen erfunden, keine Frage, aber sorry, Levi. Nein. Geht wirklich nicht.

Mein persönlicher Favorit ist ohnehin ein anderer: Thomas Edison, etwa in seinen Dreißigern. Der Anzug immer einen Tick zu groß, aber den soll er ja ohnehin spätestens bei 1:30 ausziehen. Was wir wollen, sind seine Augen, seine formvollendeten Gesichtszüge und vor allem diesen Mund! Im Gegensatz zu vielen seiner Pionier-Porno-Kollegen sah er sogar im Alter interessant und irgendwie charismatisch aus. Aber wir wollen natürlich nur den jungen Thomas nackt sehen, ist ja klar. Im schwachen Schein einer Glühlampe. Die Kamera wandert langsam körperabwärts und je tiefer sie sinkt, desto schneller vergessen wir, was wir diesem Sexgott alles an Errungenschaften verdanken. Ganz wie bei Bertha, mit den endlosen Beinen. Mercedes sei Dank.

20:10 21.02.2019
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