Hat die Demokratie ausgedient? oder: Sprung!

Demokratie neu starten Demokratie, das ist wenn alle Macht vom Volk ausgeht - ganz einfach, oder? Was sind die Sätze, die uns zukünftig vereinen sollen und wie können wir sie realisieren?
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Nicht Bürgerkieg ohne Waffen

Wann haben Sie ihr letztes Wahlprogramm (CDU/CSU 76 Seiten, SPD 88 Seiten, Die Linke 136 Seiten, Die Grünen 248 Seiten, FDP 96 Seiten, AfD 76 Seiten) gelesen? Wann waren Sie das letzte mal demonstrieren, und wofür? Denken, sie die Leute wählen eher nach dem Wahlprogramm, eher nach dem was der Nachbar sagt oder eher nach ihrem Bauchgefühl? Wann ist Demokratie so oberflächlich geworden? - Vielleicht als Demokratie der Rahmen wurde.

Demokratie, das ist wenn alle Macht vom Volk ausgeht - ganz einfach, oder? Vielleicht ja doch nicht. In einer Demokratie haben alle Menschen Interessen und Ziele. Eine demokratische Gesellschaft versucht diese durch Kompromisse zusammenzubringen. Kompromisse, das sind die Dinge mit denen keiner so richtig zufrieden ist, weil keiner wirklich bekommt was er will. Kompromiss heißt immer den Mittelweg finden.

Die letzten beiden Sätze waren genauso oberflächlich. In einer Demokratie bedeutet ein Kompromiss nicht Ausgleich, sondern einen Weg zu finden bei dem alle beteiligten Interessengruppen gemeinsam einen Mehrwert für sich erzielen. Dabei sitzen alle in einem Boot. Demokratie ist nicht Bürgerkrieg ohne Waffen, Demokratie muss gemeinsames Arbeiten am Projekt „Gesellschaft“ sein.

Stellt sich die Frage, was unsere Gesellschaft, unsere Kultur, eigentlich ist, beziehungsweise was sie ausmacht. Ich stelle in den Raum, dass sich eine Gesellschaft über eine Vielzahl an unausgeschriebenen Sätzen beschreibt, an die wir alle glauben. Zum Beispiel teilen viele Leute sicher die Überzeugung, dass wir uns nicht gegenseitig den Kopf einschlagen sollten. Ein anderes Beispiel sind Gerichte. Keiner kann für sich die endgültige Wahrheit in Anspruch nehmen, auch kein Gericht. Wir sind uns aber in stillschweigender Übereinkunft einig, dass wir anerkennen was ein unabhängiges Gericht urteilt. Oder? Es ist eine interessante Frage, wie viele solcher Sätze wir überhaupt noch gemeinsam haben. Fragen Sie sich vielleicht mal, wie viele ehrliche Gemeinsamkeiten Sie mit Ihrem Nachbarn finden können!

Stuhlbein der Gesellschaft

Der glaube an einen Weg des beidseitigen Vorteils, der glaube an gemeinsame grundlegender Werthaltungen oder der glaube an Fakten und die Redlichkeit des Gegenübers sind Grundlegend für das funktionieren einer demokratischen Gesellschaft, da sie Grundlegende für die Kommunikation zwischen den Einzelnen Menschen sind. Durch eine Vielzahl zum Teil sehr spezifischer sozialer Prozesse beginnen Menschen in den letzten Jahren vermehrt Verschwörungstheorien zu verbreiten. Nicht zuletzt durch die Corona Krise gerät diese Entwicklung in den Fokus des öffentlichen Diskurses und beginnt sich ihren Weg in Richtung der gesellschaftlichen Mitte zu bahnen. Die Vielen Erzählungen der Verschwörungsgläubigen unterscheiden sich dabei erheblich voneinander. Mal geht es um die Chem-Trails am Himmel (aka Kondensstreifen), mal um die Umvolkung, die Impfen, die Klimalüge oder Kinder-Sklaven-Ringe mit Adrenochorm. Gemeinsam haben sie aber die Verschwörung, also das Narrativ, dass eine geheime und mächtige weltweite Organisation ihren perfiden Kampf für ein leicht variierendes Ziel, aber auf jeden Fall gegen die eigene Ingroup führt. Es gibt also die Verschwörer (das sind die Bösen), die Aufgewachten (das sind die Guten), und die Schlafschafe (also uns andere). Letztere fallen immer noch auf die Manipulationen der Verschwörer hinein. Folglich sind alle Argumente und Standpunkte, die sie gegen die Verschwörungsgläubigen ins Feld bringen, nichtig, da sie ja Manipulationen und Täuschungsversuchen der Verschwörer unterliegen. Man kann also nur noch Aufgewacht sein (dann hat man Recht) oder man unterliegt weiter der Manipulation und entmündigt sich damit.

An dieser Stelle wird es spannend, da hier also ein Entweder-Oder-Szenario erzwungen wird, was einen Ausgleich, eine Kommunikation auf Augenhöhe und ein gemeinsames Arbeiten an einem beidseitigen Vorteil unmöglich macht. Offensichtlich, dass wir an dem Punkt den Glauben an eine gemeinsame grundlegende Werthaltung, Fakten oder die Redlichkeit des Gegenüber schon längst hinter uns gelassen haben. Was Verschwörungsgläubige also eigentlich machen ist am Stuhlbein unserer Gesellschaft zu sägen, in dem sie nicht mehr an grundlegende Sätze glauben, die unsere Gesellschaft ausmachen.

Nicht starrer Rahmen sondern Inhalt!

Wir müssen uns also die Frage stellen was unsere Gesellschaft jetzt wirklich noch ausmacht, beziehungsweise welchen Stellenwert der Begriff überhaupt noch hat. Existiert nicht viel mehr eine ungemeine Vielzahl an Gesellschaften und Kulturen, die sich an manchen Stellen unterscheiden und an anderer Stelle überschneiden?
Welche Rolle kann eine Demokratie in einer so vielfältigen Ansammlung an Gesellschaften, Kulturen und Lebensweisen eigentlich noch spielen? Eine Essenzielle, denn keine andere Organisationsform großer Menschenmengen kann dieser Vielzahl gerecht werden. Es scheint, dass Diversifikation und Connection die grundlegende Richtung der Menschlichen Entwicklung sind. Deshalb wird auch kein autoritäres System für immer Bestand haben, dafür sind wir Menschen einfach nicht ausgelegt.
Dabei darf man Demokratie aber nicht als den (starren) Rahmen verstehen, sondern als den Inhalt. Das bedeutet, dass Wahlen, Parlamente und Volksvertreter nicht Demokratie sind, sondern der Glaube an den gemeinsamen Weg, die Redlichkeit des Gegenübers, an koproduktive Gestaltung und viele andere Sätze. Die Form von Parlamenten und Vertretern ist nur das Mittel zum Zweck, das wir gewählt haben um unser Zusammenleben anhand dieser Sätze zu organisieren. Wenn wir nun feststellen sollten, dass diese Mittel uns weit gebracht haben, aber nach 70 Jahren Entwicklung in der Gesellschaft nicht mehr die passenden Werkzeuge sind, dann lasst uns doch zusammen Neue scha
ffen!

Zum Sprung ansetzen!

Nach meiner Erfahrung ist Demokratie wenn einzelne Menschen bemerken, dass sie Wünsche und Bedürfnisse haben und die Verantwortung für diese nicht an etwaige Vertreter delegieren, sondern feststellen, dass sie selber dafür verantwortlich sind, ihnen nachzugehen. Wenn Deine Stadt langweilig ist, kannst Du Dich natürlich darüber beschweren und fordern, dass jemand dieses Problem löst. Oder du gehst los, nutzt die neuen Möglichkeiten der Kommunikation und startest mit deinen Leuten und vielen anderen ein Event, ein Projekt, eine Party! Menschen, die sich ihrer Bedürfnisse bewusst sind und ihre Umwelt aktiv gestalten, sind der Grundstein der Demokratie. Der Begriff Verantwortung spielt dabei eine große Rolle, da man selbst dafür verantwortlich ist, seine Wünsche zu verwirklichen. Man ist aber genauso dafür verantwortlich mit der eigenen Aktivität anderen nicht ihren Gestaltungsspielraum zu nehmen. Diese gelebte Demokratie ist also oft eine Gratwanderung, sie verlangt viel Eigenverantwortung und sie ist kein Wissen sondern eine Fähigkeit, die gelernt und trainiert werden muss. Das ist für den Einzelnen und für uns alle natürlich eine große Herausforderung. Aber umso größer die Hürde, desto höher der Sprung.

Wir müssen Wege finden, diese gelebte Demokratie entsprechend unser gemeinsamer Sätze zu organisieren. Ein guter Ansatz dafür kann Do-ocracy sein, wie er in innovativen Projekten ausprobiert wird. Ausprobieren ist wichtig, auch Scheitern gehört dazu, weil beides grundlegend für Lernen ist. Es ist an der Zeit, dass wir wieder beginnen auszuprobieren, zu scheitern, wieder neu zu lernen und uns die Fragen zu stellen, was die Sätze sind, die uns zukünftig vereinen als auch ausmachen sollen und wie wir sie realisieren können! Lasst uns zum Sprung ansetzen!

Lassen Sie sich nicht vom Titel irittieren - für mich sind die Grundsätze unseres demokratischen Miteinanders nicht verhandelbar. Der Text entstand durch meinen Gedanken und Erfahrungen aus meiner Arbeit und Aktivität der letzten Monate. Ich möchte mit ihm gerne einen Dialograum zu der Frage öffen, wie wir unser gesellschaftliches Miteinander neu denken und weiterentwicklen können!

10:22 29.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Valentin Rühlmann

Psychostudent - Stadtmensch Projekt - Koordinator eines Jugendforums
Valentin Rühlmann

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