Der börsennotierte Körper

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Die Reaktionen auf den seit einiger Zeit schon sich ankündigenden Krebstod von Steve Jobs waren vorhersehbar, aber als sie dann kamen, nicht weniger irritierend: "Trauer" um den "Visionär" wurde behauptet. Auf der anderen Seite gab es die "Berliner Reaktion", die im Grunde sagt: Der Typ war mir zu ehrgeizig und ein fieser Charakter, mit dem hätte man kein Bier trinken wollen.

Beides, die Trauer wie das Urteil über den Charakter, nimmt eine Vertrautheit an mit einer Person, wo niemals eine war: Steve Jobs war CEO von Apple. Das ist eine Funktion. Mit einem CEO geht man natürlich kein Bier trinken, es sei denn, man soll angeheuert werden; natürlich spricht er in der Öffentlichkeit nicht frei und kümmert sich nicht um die Wahrheit der Intellektuellen — seine Sprache kommt aus der Kultur seines Unternehmens, seine Wahrheit ist die eines hoch effizienten Systems zur Verbiegung und Gefügigmachung von Wirklichkeit. Natürlich drückt er die Preise bei Zulieferern, natürlich verkauft er seine Produkte mit aller Verve, die ihm zu Gebote steht, und natürlich knüppelt er sein Unternehmen erbarmungslos zu attraktiveren Produkten. Wenn er eine Rede vor Studenten hält, ermutigt er sie, selbständig zu sein und ihre Träume zu leben. Und Sonnencreme zu tragen. Und ja, er lädt Journalisten ein und ist reizend und inspirierend, verschafft ihnen kleine Privilegien und gibt ihnen das Gefühl, als erste die Geschichte zu berühren. Man findet Beschreibungen genau dieser Situation in vielen der gerade erschienenen Nachrufe, einschließlich dem von Stephen Fry. So macht man das: Das ist, was CEOs tun. Steve Jobs war einfach sehr, sehr gut in seinem Beruf. Selbstverständlich kannten wir nicht Steve, den Menschen, wie sollten wir. Wir kannten Steve, die Funktion des Kapitals.

Wie sehr man in Netz und Presse Technologieunternehmen mit Ponyhöfen verwechselt, war nicht nur an den Reaktionen auf Steve Jobs’ Tod zu sehen, sondern auch an den Legenden, die ihm vorausgingen: Der Visionär, hieß es, habe auf Jahre hinaus die Innovationen für Apple geplant, gewissermaßen die Produkte der Zukunft vorauserfunden und in einen Panzerschrank legen lassen. Apple besäße, so muß man sich das wohl vorstellen, so eine Art Adventskalendersafe: Jedes Jahr würde ein Türchen geöffnet, ehrfürchtig staubten dann Männer in Kutten altmodische iPads mit konservierten Jobs-Erfindungs-Ideen ab, und setzen sie ins Werk: Dieses Jahr iJetpacks!

Enttäuschenderweise funktioniert Innovation so nicht. Denn jeder weiß, wo die Reise hingeht, jeder, der lesen kann, kann Science Fiction lesen: Es ist alles längst da und erfunden, es ist nur so unglaubwürdig -- bis es einer macht. Die große Kunst ist das Machen: Diese gewaltige Synchronisierung von Willen und Kraft zu bewerkstelligen, um etwas zu erzeugen, das es noch nicht gibt — immer unter Beobachtung des hypernervösen Kapitals, das auf die Schwäche des CEO lauert, um ihn zu schassen und zu vermeintlich sichereren, schon verstandenen, langweiligeren Produkten zurückzukehren. Die Erwartungen und die Nervosität des Kapitals zu managen und so langfristige Planung möglich zu machen, ist ein nicht zu unterschätzender Teil der Arbeit, die Steve Jobs so meisterhaft beherrschte.

Jahrelang war wegen dieser Meisterhaftigkeit im Grunde nicht Apple, sondern Steve Jobs' krebskranker Körper börsennotiert. Sein Gesundheitszustand war AAPL. Erst sein Tod konnte den Steve-Jobs-Körper von seiner Funktion lösen. Es spielt keine Rolle, ob es einen sympathischen Menschen Jobs hinter der sichtbaren Funktion gab — für niemanden von uns. Es muß keinen Menschen gegeben haben. Man muß annehmen, daß das zeitweilig wertvollste Unternehmen der Welt durchaus in der Lage ist, einen Körper vollständig zu übernehmen und mit seinen Interessen zu besetzen.

Die Aufmerksamkeit für den Krebs im Körper von Steve Jobs sollte ein schauderhafter Atavismus sein, angesichts der Geschlossenheit und Stärke von Apple, leicht zu sehen an Cashreserven und den Plänen für ein neues Hauptquartier. Die Abhängigkeit von diesem Körper verweist aber eben nicht auf das Klischee vom "Menschen hinter den Produkten", von der heimlichen, zu entdeckenden warmen Menschlichkeit der Technologie und derer, die sie machen, sondern auf ein kaltes, widerliches Fleisch-Maschine-Interface: Daß das Kapital diese Menschenkörper braucht, um Bedürfnisse, Willen und Erwartungen in seinem Sinne zu orchestrieren über Loyalität, Esprit, schieren Glauben, Zuckerbrot und Peitsche, auch in so kristallin erfolgreichen Mega-Entitäten wie Apple, und dass es gleichzeitig Nicht-Menschen braucht, vollständig von ihrer Funktion übernommene Körper, um es erfolgreich zu tun.

Es ist wichtig, richtig zu fühlen. Das richtige Gefühl für dieses Ereignis ist nicht Trauer, oder Häme: Es ist Staunen. Ein grimmiges, illusionslos begeistertes Staunen.

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[Foto auf der Startseite: Kevorg Djansezian/Getty Images]

14:12 07.10.2011
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Geschrieben von

Ronnie Vuine

And then I caught Kronos // At Tupperware Time // Gods in plastic boxes // Crowns with cats’ heads on them
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