Die Freiheit der Unfreien

Determinismus Neuropsychologie: Biologie und Psychologie haben wieder ein Kind. Determinismus und freier Wille schließen sich nicht aus, sie bedingen sich ungünstig.
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Wenn ein Mörder – sagen wir Amokläufer – verhört wird und wir die Unterscheidung machen in der Strafe, ob derjenige geistig Krank ist oder nicht – so können wir jemanden, der als geistig gesund befunden wird, eigentlich nicht verurteilen. Der Amoklauf kann nur – da der Mörder ja nicht geistig krank ist – Folge eines gesunden Geistes sein. Hieraus folgt aber, dass auch die Handlung eine gesunde sein muss. Können wir aber jemanden dafür verurteilen, dass er in solche Umstände gerät in der ein Amoklauf eine gesunde Entscheidung ist? Folge eines gesunden Geistes? Sicher, hier wird mit Worten gespielt und doch halte ich diese Provokation – gerade in Anbetracht des Artikels „Die Flugbahnen des Lebens“ von Oliver Burkeman aus dem letzten Freitag – für angebracht.

Aus der Bejahung der obigen Fragen kann sich eine Ansicht begründen, Amokläufer als per se geistig krank zu sehen – doch das Gesetz unterscheidet hier.

Die aktuelle Situation scheint also mit dem Satze Andrè Bretons zusammengefasst werden zu können:

Die einfachste surrealistische Tat besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings, solange man kann, in die Menge zu schießen.

Der gesunde Geist ließe es selbstverständlich nicht an Intentionalität und Motivation mangeln, die diese Tat begründen könnten. Das „blindlings schießen“ dagegen würde als Hinweis auf einen kranken Geist gewertet werden. Hier mangelt es an einem Motiv und der Frage nach dem „Warum?“ würde bloß ein „Einfach so.“ entgegengestellt werden. Im amerikanischen Strafsystem ist die Feststellung eines Motives insofern relevant, da am Gelingen oder Misslingen dessen abhängt, ob der Täter ins Gefängnis oder die Psychiatrie kommt. Wobei das Fehlen eines Motives für die Psychiatrie qualifiziert. Nun stellt sich die Frage, ob geistige Gesundheit an Rationalität, Intentionalität und Motivation gekoppelt werden kann – denn ist es nicht viel krankhafter aus gutem Grund amokzulaufen, anstatt es grundlos zu tun?

Wie geahnt läuft das Ganze auf die Frage nach dem freien Willen hinaus. Wer einen Grund hat, so die Annahme, wäre demnach auch in der Lage sich gegen die Durchführung zu entscheiden. Wer keinen Grund hat – also grundlos vorgeht – der hat folglich auch keinen freien Willen, kann nur so handeln. Er ist Opfer höherer Kräfte. So legt es auch Burkemans Beispiel vom Amokläufer mit einem Tumor im Gehirn nahe.

Jedoch: der Apell der an einen geistig gesunden damit gestellt wird, der davor steht einen Amoklauf durchzuführen, ist der, irrational zu handeln: auch wenn es sich ihm als folgerichtig ergibt, er es nicht für falsch, sondern sogar notwendig erachtet, gute Gründe hat – er soll es nicht tun. Auf eine Frage aber, weshalb er es nicht getan hat, obwohl er Gründe gehabt hätte, müsste der Gesunde also die Antwort des Kranken geben: "Einfach so."

Hiermit soll an den Artikel aus dem letzten Freitag angeschlossen werden. Stünde einer lediglich am Ende einer Kausalkette, die eben in einen Amoklauf mündete, so lösten sich folgerichtig die Kategorie krank/gesund auf. Und anders als es Oliver Burkeman meint, folgt aus den Thesen des Determinismus doch kein größeres Verständnis und Rücksichtnahme, bloß weil die Ansprüche an andere und sich selbst damit sinken könnten.

Sternenstaubmarionette der Naturgesetze

Wenn man Psychologie als eine Naturwissenschaft versteht oder sich darum bemüht sie zu einer zu machen, dann wird das, was wir als Psyche bezeichnen (das meint „das Innere“), paradigmatisch den Naturgesetzen unterworfen, was selbstverständlich in einen Determinismus mündet. Hieran soll aber nicht beklagt werden dann „unfrei“ zu sein, sondern das Gegenteil soll betont werden: Wenn das Innere ausschließlich Naturgesetzmäßigkeiten unterworfen wäre, entstünde hieraus kein Determinismus, sondern absolute Freiheit. Nicht also muss darüber geweint werden, dass egal was einer tut, es nicht sein eigener, freier Wille ist – er nur wie eine Sternenstaubmarionette den Naturgesetzen unterworfen ist – sondern, dass fortan alles was einer tut im Vorhinein gerechtfertigt ist – denn er kann ja nicht anders. Jede Tat, nach der einem der Sinn steht, ist bloß Ausdruck naturwissenschaftlicher Gesetze. Ist alles vorherbestimmt, so ist alles erlaubt.

Nur lässt sich so nicht leben und die Konsequenz kann sein, dass versucht würde, sich in einzelnen Personen oder Personengruppen manifestierende schädliche Kausalketten im Voraus zu erkennen und unschädlich zu machen. Die betroffenen hätten daran natürlich keinerlei Schuld mehr, sondern man beseitigte die Gefahr (Gefährder) folgerichtig und nüchtern, wie man eben ein gefährliches Objekt entfernt, das eine Bedrohung darstellt. Der Begriff der "Schuld" würde schlichtweg verschwinden und durch den der "Ursache" ersetzt. Wenn einer also weiß, dass x die Ursache für ein späteres Verhalten y ist, weshalb sollte einer dann diese Kausalkette nicht schon vorher zu unterbrechen versuchen? Wenn er es an sich selbst bemerkt, durch Selbstmord? Und wenn er es an anderen bemerkt, vielleicht durch einen Geleit unter die Dusche? Ließe sich nicht mit dem Verweis auf Determinismus auch das wieder rechtfertigen? So wiederholte sich Geschichte...

Uwe Timm zeichnet in seinem Roman „Ikarien“ über das Zusammenspiel von Euthanasie- und Eugenikprogrammen der Nazis genau das nach. Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ ist ein Zeitzeugnis der Vorstufe zu solchen deterministischen Ideologien.

Dieser Text bezieht sich auf den Beitrag "Die Flugbahn des Lebens" von Oliver Burkeman aus dem Freitag Nr. 23, vom 10. Juni 2021.

16:03 15.06.2021
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Geschrieben von

Julius

Bloß Student and so on and so on...
Julius

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