Abhängen mit der Edgar Broughton Band

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Dies ist der erste Teil der sporadischen Kolumne 'Musik zu aktuellen Zeiten trifft Musik zu Urzeiten'.

Diese Kolumne wird sich im Verlauf mit Tier-Maschine-Hybriden, 16-Tonnen-Synthesizer, gut abgehangenen Schlachthaushälften, Drogies, Lazy-Playing in Kingston/Jamaica, geilen Auflösungserscheinungen, offenen Hosenställen und I-Was-Holzfällerhemd-Before-You-Were-Holzfällerhemd-Rock beschäftigen - falls nichts dazwischen kommt.

Ich komme im Moment einfach nicht raus aus den vergilbten Zeugnissen ferner Epochen, auch wenn das normalerweise gar nicht meine Art ist und ich jene Zeit, um die es hier geht, nicht unbedingt am Puls derselben verbracht habe, sondern eher am Rockzipfel meiner Mutter oder auf dem Bolzplatz einer beliebigen Kleinstadt mit Doppelnamen. Um dem Verdikt der Aktualität zu entsprechen, will ich versuchen, neuere Kulturerzeugnisse geschickt in die Fortsetzungstexte einzubauen, damit spätere Generationen sie auch genau auf 2010 datieren können.

Schuld an dieser momentanen Abkehr vom aktuellen Musikgeschehen ist übrigens mein Schwager, den ich durch reine Gedankensuggestion dazu brachte, mich zu fragen, ob ich nicht ein paar seiner alten Platten haben möchte. Ich schwöre, so ist es gewesen! Ich sagte also nicht nein und zog mit einem dutzend LPs von dannen, die mich zu jenen Urzeiten (bzw. etwas später) doch ziemlich prägten, als ich als 13 bis 16 Jähriger fast uneingeschrängten Zugriff zu seiner Sammlung hatte. Und da Popmusik im Moment sowieso nur noch die Bedeutung des Soundtracks zur Software hat, kann ich mich ja auch gleich in verruchte Epochen begeben, in denen Männer noch kein Deo kannten und Kupferboiler nur einmal die Woche Samstags heißes Badewannenwasser bereit hielten.

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Den Anfang macht die Edgar Broughton Band.

1971, back in the heydays of sozialistische Rockerideologien made in Britain, kommt ihr selbstbetiteltes drittes Album heraus. Gemessen an dem rohen Coverfoto, das eine Halle voller Rinderschlachthälften zeigt, zwischen denen ein nackter Mann kopfüber, äh, abhängt, ist die Musik selbst schockierend einschmeichelnd und durchdacht, dabei durchaus mit Eingeweiden (die auf dem Cover schon fachgerecht entfernt sind) und Pathos (dunkel flirrende Streicher, Bläser, Chor), mit schwerem Bluesrock bisweilen, immer jedoch mit der dunklen Stimme Edgar Broughtons, die selbst in käsigen Momenten noch eine Gefährlichkeit markiert, wie sie sich damals zwangsläufig auch in Bart und fettigem Langhaar manifestierte. Das sind Rocker, Mann!

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Die Innenansicht des Klappcovers mit den blutverkrusteten Gesichtern könnte als Blaupause späterer kuttenbehängter Sunn O)))-Pressefotos herhalten. Auch aktuelle Softrocker wie Midlake könnten sich ihre Bärte einmal im Spiegel der Edgar Broughton Band betrachten.

Die kämpferische Attitude Broughtons nimmt auch private Rückzüge in sich auf („All I want is a piece of my own/ A lot of land/ And some sticks to build a home“) oder sieht das Ende nahen, als sich ein Vogelschwarm kurz zu einer riesigen Säule formiert („Evening Over Rooftops“). Tatsächlich kann die Platte sehr überzeugend verbergen, wie gut sie auch heute noch ist.

Bewertung: 20 von 22 Fleischerhaken bei vorschriftsmäßiger Kühlhaustemperatur

Als Bonus nahm ich noch die zweite Broughton „Sing Brother Sing“ mit, auf der mir bis heute allerdings nur ein Song gefällt („There’s No Vibrations But Wait!“), der Rest ist uninspirierter Hippie-Rock-Psych-Jam-Kram. Die Platte ist signiert: „Peace Edgar Broughton“ + unleserlich. Das macht's nicht besser. Trotzdem: Peace.

Bewertung: 3 von 31 Prog-Drops.

(wird fortgesetzt, ausser es hagelt Proteste)

18:14 26.08.2010
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wahr

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