Der Lärm (1) von 2012

Musik Was letztes Jahr das Ohr belärmte und 2013 noch nachklingelt
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Frohes neues Jahr nochmal, ihr lieben Versprengten, irgendwie Linken, Daheimgebliebenen oder unterwegs an den angeschlossenen Medienkonvertern Befindlichen. Die Welt ist, wie sie ist, man kann bedingt etwas daran ändern, und das Gegenteil von gut sind gute Vorsätze. Das Gegenteil von gut ist auch der letztjährige Lounge des neuen Online-Auftritts des FREITAG, weil man jetzt alles wiederfindet, außer man sucht etwas Bestimmtes. Aber ist auch egal. Wir sind nun mal die Versprengten, da muss man nehmen, was kommt. Und wenn man nicht nehmen will, was kommt, dann lässt man‘s eben.

Vieles kann man nämlich auch einfach lassen. Die Welt kauft zum Beispiel viel zu viele Klamotten, das könnte man lassen. Letzte Woche war die Feuerwehr im Haus, weil jemand vier Schnuller anbrennen ließ, und Schnuller kochen und dann aus dem Haus gehen, das kann man auch lassen. Und trotzdem: Selbst wenn man unheimlich viel lassen kann, verspricht das neue Jahr doch einiges bereit zu halten, gibt sich allerdings noch bedeckt, was.

Was das neue Jahr an Musik bereit hält, ist auch noch nicht ganz klar. Da es recht schwierig ist, Anfang 2013 Musik von 2013 zu hören, lasse ich noch mal das Jahr 2012 an meinem inneren Ohr vorbeilärmen, denn irgendwas muss man ja hören in den ersten Tagen des Januars. Und was spricht dagegen, die Millionen User der Freitag-„Community“ am Lärm von 2012 teilhaben zu lassen? Nichts. Also los.

Kein Freund von schnöden Listen oder gar Rangfolgen, fällt es mir trotzdem leicht, zumindest das folgenreichste Album herauszustellen, das mir 2012 untergekommen ist: Neneh Cherry & The Thing mit „The Cherry Thing“. Folgenreich deswegen, weil sich an dessen Mut zu poltern und zu rütteln ein ganzer Rattenschwanz ähnlicher Musik angeschlossen hat, der mich durchs letzte Jahr trug und durchs neue Jahr noch trägt.

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Für mich war die Energie von „The Cherry Thing“ - die im muskulären, die Schönheit nicht suchenden Jazz verankert ist - wie ein überraschendes Zeichen, dass die Rückbesinnung auf freien, queren Jazzlärm als prominent platzierte Zutat von Songs tatsächlich befreiend wirken kann. Zumal wenn jemand wie Neneh Cherry - die mal vor einiger Zeit in den Pop-Zirkus hineingeraten ist und dabei sicher kein schlechtes Geld verdient hat - dann aber auch erst recht so richtig auf rempelnde Freejazz-Passagen zurückgreift, sobald die Kinder ihr eigenes Geld verdienen.

So hat „The Cherry Thing“ dann sogar noch einen Lerneffekt, nimmt es doch mittels Coverversionen mehr oder weniger bekannter Originale (unter anderem von Suicide, Stooges, MF Doom, Nenehs Stiefvater Don Cherry) in eine Rohheit mit, auf die sich sonst womöglich viele Hörer erstmal gar nicht eingelassen hätten. Man muss sein Heil als in die Jahre gekommende/r Pop-Sänger/in also doch nicht im klassischen Comeback suchen, sondern kann auch getrost aufs Publikum pfeifen und sich sperrigen Kunst zuwenden, ob sie einem jetzt die Miete zahlt oder nicht. Dafür gebührt Neneh Cherry mein Respekt. Für mich die überraschendste Wiederkehr des Jahres.

Für die schwedisch-norwegischen Aktionsjazzer The Thing dagegen war „The Cherry Thing“ eher ein Aufbruch in aufgeräumtere Gefilde, was ihnen aber auch mal ganz gut getan hat. Sonst pflegt die Band – und darin ganz besonders der Saxophonist Mats Gustafsson – auf ähnlich hohem Energielevel eher noch freier und pressiger zu klingen. Das konnte ich dann sehr anschaulich auf den früheren Zusammenarbeiten von The Thing mit Jim O'Rourke und Otomo Yoshihide hören. Über O’Rourkes Arbeit mit Gustafsson im hervorragenden „FIRE!“-Projekt (2011) landete ich schließlich bei …

Keiji Haino / Jim O'Rourke / Oren Ambarchi:

Seit 2009 treffen sich die drei immer um die Jahreswende herum im “SuperDeluxe” in Tokyo, improvisieren zusammen recht Gigantisches und veröffentlichen Auszüge davon dann ein knappes Jahr später auf aufs Schönste von Stephen O'Malley coverdesignten Alben. War der Erstling “Tima Formosa” noch recht elektronikdurchsetzt und wartete bisweilen mit fiesen Hochtönen auf, bei denen ich leider immer passen muss, wurde schon der erste Nachfolger, „In A Flash Everything Comes Together As One There Is No Need For A Subject“ (2011), mehr Impro-Rockbrett als Impro-Elektro-Jazz, zumal dort auch schon die Protagonisten ihre Instrumente klassisch aufstellten: Jim O’Rourke am Bass, Oren Ambarchi an den Drums und Keiji Haino an der E-Gitarre und an den Effekten.

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Entdeckt habe ich sie erst mit dem letztjährigen “Imikuzushi”, als mich dessen erster Track einsaugte in dieses seltsame regelmäßige Treffen der drei Krachkumpel: Ein ohne Vorwarnung einsetzender und nach fast 14 Minuten wieder abbrechender Lärmstrom ohne Unterlass, ohne Anfang, ohne Ende. Jim O'Rourke durchwalkt mit seinem Bass Keiji Heijnos E-Gitarrenkrater, deren Tonalitäten ungefähr dort erst anfangen, wo Neil Youngs Skalen sich gerade eben noch weigern, in freien Krach überzugehen. Die gleiche Analogie lässt sich auch zu Haijno’s Gebrüll ziehen: Ähnlich in der Stimmanlage wie Neil Young, wenn auch nicht ganz so hoch, startet Heijno mit kontrollierter Aggressivität, wo Neil Young längst den letzten Vers hinter sich gelassen hat. Drummer Oren Ambarchi unterfüttert das Ganze mit einer durchgehenden, nie endenden, rasenden Drum-Explosion.

Ohne zu wissen, warum, hielt mich der Track (dessen langen Namen ich mir spare) in seiner schreienden Radikalität so in den Bann, dass ich erst später die geheimnisvollen Strukturfragmente entdeckt habe, die sich unter dem 12 minütigen kollektiven Tonschrei verborgen halten. Die restlichen drei Tracks von “Imikuzushi” zäumen erhabener ein, müssen keine Gipfel stürmen, sondern können sich auch mal kleine Auszeiten nehmen. Dann ziehen sie wieder in straighte, gerade so vom Bersten abgehaltene Rockfundamente aus Bass und Drums, in die Haino meisterhafte Gitarrenfiguren fräst.

Immer wieder kommt Hainos unheimliche Fähigkeit zum Tragen, mit Stimme und Tongerätschaften eine Art kalter Mystik heraufzubeschwören, die sich ihres ritualen Charakters nicht schämt, aber die vollkommen unesoterisch ist. Ein echter Magier halt, der gleichzeitig seinen Pschyrembel kennt. Für mich persönlich die Gitarrenentdeckung der letzten Jahre, obwohl Haino auch schon seit den 1970er Jahren lärmt, unter anderem mit seiner Band Fushitsusha. Aber eben ohne meine Kenntnis.

Und so kam ich denn über die Haino/O’Rourke/Ambarchi-Schiene zu Oren Ambarchi, dem australischen Multinstrumentalisten, der Anfang der Nuller-Jahre ganze Alben mit freundlichem, niederfrequentem Brummen aus dem Moog-Bass füllte, später dann zum Teilzeitmitglied der Dröhnmetaller SunnO))) um Stephen O’Malley wurde, und der dieses Jahr in wechselnden Kollaborationen ungefähr 6 bis 10 Alben herausbrachte, vielleicht auch 11 oder 12. Jedenfalls etwas zuviel Output für mich, um hinterher zu kommen.

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Zwei weitere Arbeiten neben Ambarchis Zusammenarbeit mit Haino und O’Rourke bekam ich aber mit – und beide zählen ebenfalls zum Besten, was mir im letzten Jahr um die Ohren geflogen ist:

"Audience Of One" ist davon die ruhigere Angelegenheit. Sie lässt sich anfangs leicht verkosten mit „Salt“, einem zarten Songgebilde, auf dem Ambarchi wieder auf seine niederfrequenten Töne zurückgreift und dazu sehr sanft und zart singt und summt. Man merkt ihm an solchen Stellen an, dass er neben beinhartem Lärm auch ein Fan von Solo-Werken übertalentierter Pop-Multiinstrumentalisten wie Lindsey Buckingham und Paul McCartney ist und gerne mal im heimischen Melbourne vor WIRE-Journalisten entsprechende Platten aus der Sammlung zupft und auf dem Boden verteilt.

Kernstück von „Audience Of One“ ist „Knots“, ein 33-minütiger ambient-artiger Unruhestifter, der sich langsam und bedrohlich aufbaut, sich mit Sound aufsaugt und ausdehnt und ausdehnt. Immer wieder zuckt Blitz und Donner in das untrennbare, angespannte Gebilde aus Gitarren, Autoharp, Bratsche, Cello, Stimme, Waldhorn und untergründiger Perkussion. Nach 27 Minuten etwa kommt „Knots“ etwas zur Ruhe, die Anspannung bleibt und wird immer wieder durch elektronische Entladungen durchzogen. Als wäre Blitz und Donner die Dub-Version eines langsam abziehenden bewölkten Tages. Ein Meisterwerk, auf einer Stufe mit ähnlich aufgetürmtem Unruhe-Ambient wie Animal Collectives „Infant Dressing Table“ oder Köhns „Nigewöhne“.

Das zweite Album Oren Ambarchis heißt so wie sein einziger Track: Sagittarian Domain, ein 33-minütiges Überbleibsel aus den „Audience Of One“-Sessions und gleichzeitig Soundtrack-Arbeit. Hier ist Ambarchis Spiel, gemessen an seinen niedrigfrequenzlastigen Arbeiten in den Nullerjahren, nochmal um einiges präsenter. Eine Entwicklung, die er selbst auf seine Zusammenarbeit mit SunnO))) zurückführt.

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Auf „Sagittarian Domain“ bedient sich Ambarchi eines alten Tricks der Groovemotoriker Klaus Dinger und Michael Rother (weltberühmt als NEU!), nämlich mittels schnellem gleichförmigen Beat und langen Elektronik- oder Gitarren-Schleifen räumliche Fortbewegung zu simulieren. Zieht einen Klaus Dingers Schlagzeug aber eher mit leichtem Spiel in den Sog, spielt Oren Ambarchi eine kräftige, sehr muskuläre Drum-Figur ein, die dem halbstündigen Track eine starke Physis gibt. Die letzten Minuten von „Sagittarian Domain“ sind dann einem zarten, traurigen, kammermusikalischen Nachhall vorbehalten. Vollkommen überzeugend.

So, das war's erstmal aus der Krachfraktion. Musikbeispiele sind zum Teil unter den Links im Text zu finden. Oder man sucht auf einschlägigen Portalen. Nächstes Mal geht es etwas gesitteter zu mit Folk aus reanimierter organischer Materie, alten Doom-Metal-Helden, Country-Rock-Konzeptalben und mehr.

14:17 11.01.2013
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wahr

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