PIL: Leben in der Box

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Die unerreicht giftige und raumgreifende Musik der „Metal Box“ der britischen Public Image Ltd. wurde unlängst als CD wiederveröffentlicht – und benötigt schnöde Jubiläumslaudatien bis zum heutigen Tag nicht im Geringsten.

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Es ist an der Zeit für ultra-dünne Verzerrgitarren. Das dachte ich, als ich letztens „Soldier Talk“, eine alte Platte (1979) der Red Crayola, auflegte.

Aber es ist schon klar, warum der dünne Verzerr-Klang nie in seiner ganzen soundtechnisch kümmerlichen Pracht in den heutigen Zitate-Kanon der End-Siebziger aufgenommen wurde. Zu unangenehm, zu wenig beeindruckend wirkt er. Zu wenig öffnet sich der Sound, er bleibt dicht am Körper, ist schmächtig und insektig, er holt nicht aus und vereinnahmt nicht. Er nervt nur.

Und er will auch nerven. Daher meiden Bands wie Interpol oder The XX ihn, obwohl sie sich ansonsten doch so deutlich auf die End-Siebziger beziehen. Selbst die Liars, die am Anfang der Nuller-Dekade noch am ehesten auf „They Threw Us All In a Trench And Stuck a Monument On Top“ in die Nähe der dünnen E-Gitarren gekommen sind, haben sich dann doch auf Konzeptkrach, Telefonstimme, Gang Of Four und Zicken-No-Wave-Funk konzentriert. Die ultra-dünne Verzerrgitarre fristet also ein Dasein außerhalb der heutigen Zeit. Beziehungsweise fristet sie überhaupt kein Dasein mehr.

In jener Zeit jedoch vor ungefähr dreißig Jahren, als hässliche und fiese ultradünne Verzerrgitarren wahrhaftig – man glaubt es kaum - wegen ihrer Hässlichkeit und Fiesheit eingesetzt wurden, als man versuchte, damit Wirklichkeiten abzubilden, die über den Horizont rein Ich-bezogener Inszenierungen hinausgehen sollten (Hallo Bloggerwelt!), erschien die „Metal Box“ von Public Image Ltd., besser bekannt unter dem Branding PIL.

Es ist auch heute noch kaum zu glauben, wie weit PIL ein herkömmliches Band-Line-Up - Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Keyboard/Synthesizer - hinausgetragen haben, indem sie mit simplen Tricks die traditionellen Gewichtungen veränderten: Das Schlagzeug und der Bass weit, weit vorne; die Gitarre ausgedünnt, verzerrt, sirrt stichelnd wie ein lästiges Insekt; der Sänger (war kurz zuvor in einer berühmten Punk-Band) ist nach hinten gemischt, er hält keine Refrains/Strophen mehr aufrecht, er proklamiert beiläufig, als zitiere er Satzfetzen aus einem mitgehörten Gespräch, ist dann wieder giftig, zynisch und herablassend. Oft ist er gar nicht da, überlässt das Vakuum einem scheinbar zufällig einfallenden Synthesizer, der nur einmal wirklich einlullt, nämlich im letzten Stück, „Radio 4“, einem intelligenten Kommentar zu Formatradio und Kaufstimulation.

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Eine der vielen die Dekaden überdauerten Sensationen von „Second Edition / Metal Box“ ist der Sound der dominanten Basis: Bass und Schlagzeug, die selbst heute in ihrer Raum einnehmenden Kraft unerreicht sind. In drei Jahrzehnten nicht getoppt - eine beachtliche Leistung! Und den Höhepunkt aller Höhepunkte auf „Metal Box“ bildet das Dreigestirn „Socialist“ / „Graveyard“ / „The Suit“. Ersteres war lange Jahre das grimmig-treibende Titelstück von „John Peel's Music“, welches wiederum mit „Careering“ (ebenfalls auf dem Album enthalten) ausklang. Mittleres hat den zwingensten Drum-Bass-Part, der sich im Zusammenhang von Experiment, Wave, Track und Song denken lässt.

Und Letzteres ist die mit dunklen Schritten begleitete hämische Analyse der sich abstrampelnden Pendler zwischen Büro und Heim, zwischen offiziellen Anlässen und institutionalisierten Freizeitbeschäftigungen. Ein Leben zwischen Einrichtungsgegenständen, Sportclub-Mitgliederausweisen und Saisonkarten:

It is your character

Deep in your nature

Take one example

Sample and hold

...

Everyone loves you

Until they know you

...

Society boy

On social security

It is your nature

Tennis on Tuesday

Sipping champagne

Football on Sunday

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Ich weiss nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, aber mich hat die zeitlose Größe dieser Musik mehr beunruhigt, als dass ich mich darüber freuen konnte. Kann ein dreißig Jahre altes Werk immer noch heutig sein? Und wenn es das nicht kann, ich es aber so empfinde, bin ich dann noch zu retten?

23:58 25.02.2010
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wahr

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