Der Umgang mit der Ängstlichkeit

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In meiner Kindheit machte meine Familie oft Ausflüge zu einem See, dem Titisee im Schwarzwald. Dort lieh meine Vater ein Ruderboot aus und wir fuhren hinaus aufs freie Wasser. Nach kurzer Zeit ließ mein Vater das Boot auf einmal hin- und herschwanken. Dabei wurde ich auf einmal fürchterlich ängstlich. Wir waren draußen auf dem Wasser, weit entfernt vom sicheren Ufer. Wir befanden uns in einer gefahrvollen Umgebung. Ringsherum nur Wasser, das fühlte sich recht kalt an und ich konnte nicht schwimmen. Auf dem Boot konnte ich mich eigentlich sicher fühlen. Im Hin- und Herschwanken des Bootes sah ich mich jedoch auf einmal dieser Gefahr hilflos ausgesetzt. So war ich ängstlich.

Was unternahm ich nun in Beziehung zu dieser Angst? Ich forderte meinen Vater auf, dass er damit aufhören solle. Dabei fand ich die Unterstützung vom Rest der Familie, der es anscheinend ähnlich erging wie mir. Der Vater hörte lachend damit auf und die Angst war weg. Kaum waren fünf Minuten vergangen, wieder das gleiche. Das Boot schwankte hin und her. Die Angst kam zurück. Was unternahm ich jetzt in Beziehung zur Angst? Ich sah ja, dass das Hin- und Herschwanken von ihm, dem Steuermann, verursacht wurde. So ließ ich von meiner Angst nichts anmerken und bat darum, dass man mir die Ruder und damit die Steuerung des Bootes überantwortet. Wir wechselten die Sitze und ich ergriff die Ruder. Damit fühlte ich mich auf einmal sicher, denn ich hatte die Kontrolle über das Boot. Mulmig wurde es mir nur dann, wenn ein großes Fahrgastschiff vorbeifuhr und mit seiner Bugwelle das Boot hin- und herschwanken ließ. Aber auch das konnte ich mit den Rudern in der Hand meistern. Die Angst war auf einmal wie verflogen.

Aus dieser Erfahrung schlussfolgerte ich nun: Wenn du in eine gefahrvolle Situation gerätst, dann schau einfach darauf, dass du die Kontrolle darüber in die Hand bekommst, wohin die Dinge laufen. Das schien zu funktionieren. Als Junge war ich stark, körperlich etwas früher entwickelt als die anderen mit denen ich zu tun hatte und außerdem war ich ein recht schlauer Bursche. Es dauerte jedoch nicht lange, da stieß ich an die Grenzen dieser Methode. Ich hatte Zahnschmerzen und musste zum Zahnarzt. Da musste ich auf einem Stuhl Platz nehmen, der nach hinten geklappt wurde und den Mund öffnen. Kaum griff mir der Zahnarzt da hinein, wurde mir weiß vor Augen und der Kreislauf stand kurz vor dem Kollabieren. Auf einmal war sie wieder da diese Angst. Und der Zahnarzt musste sein Vorhaben abbrechen. So ging es mehrere Male bis der Zahnarzt resignierte und mich nach Hause schickte. Jetzt hatte ich mit meinem Zahnweh zu leben. Und das Zahnweh gab mir auf, von meiner Angst frei zu kommen. Damit benötigte ich auf einmal psychologische Hilfe, eine Therapie. So erlernte ich mit meiner Angst umzugehen, indem ich meinem Atmen Beachtung schenkte. Wochen später konnte der Zahnarzt dann seine Arbeit tun und mich von den Zahnschmerzen befreien.

Zwei Methoden für den Umgang mit der Angst habe ich damit erlernt, eine äußere und eine innere. Die äußere Methode besteht darin, die äußeren Verhältnisse so einzurichten und zu gestalten, dass alles, was da geschieht, sich in berechenbaren, kontrollierbaren Bahnen vollzieht. Diese Methode scheint zu funktioneren, solange man auf diese äußeren Verhältnisse auch tatsächlich einwirken kann. Damit musste ich jedoch beim Zahnarzt scheitern. Denn ich konnte mir den Zahn nicht selbst bohren oder ziehen. Die innere Methode besteht darin, dass derweil der Zahnarzt sein Werk tut, ich mich auf etwas konzentriere, worüber ich selbst in der eingeklemmten Lage, in der ich mich beim Zahnarzt befand, die Kontrolle haben konnte. Das ist das Atmen. Sie besteht aus Ablenkung. Man blendet den Zahnarzt einfach aus und tut so als gäbe es in der Welt nur noch das Atmen.

Also, ich habe mit diesen Methoden gelernt, mit der Angst umzugehen, aber irgendwie war das für mich nicht zufriedenstellend. Man ist stets davon abhängig, dass man etwas findet, worüber man Kontrolle erlangen kann. Im Boot war das die Kontrolle über die Ruder, beim Zahnarzt musste Ablenkung im Atmen gefunden werden. Es müssen einem also stets irgendwelche Mittel zur Verfügung stehen, über die man die Kontrolle wirksam erlangen kann oder durch die man von dem, was gerade so geschieht, abgelenkt wird. Man muss sie ausfindig machen. Und stehen sie einem nicht zur Verfügung, wenn man sie braucht, dann ist sie wieder da - diese Angst. Und dazu kommt, man ist sich im vorhinein nicht sicher, ob diese Methoden auch beim nächsten Mal greifen. Man ist von etwas abhängig, von Instrumenten, von Objekten der Ablenkung. In der Abhängigkeit zu all jenem, geschieht nun das, dass man nun die Welt danach sondiert, inwieweit diese Dinge vorhanden sind. Sind sie nicht verfügbar oder scheinen sie verloren zu gehen dann kommt die Angst zurück und man ist am Wehren. Egal, wie auch immer, man ist damit nicht frei von der Angst.

So stellte ich mir die Frage: Kann ich die wirkliche Natur der Ängstlichkeit voll und ganz verstehen, derart, dass ich davon wirklich frei sein kann? Was ist das Wesen der Ängstlichkeit?

Ich erinnere mich der Situation auf dem Boot, wo das ganze seinen Anfang nahm. Um mich herum war Wasser. Das Wasser war kalt. Ich konnte nicht schwimmen. Darin lag eine Gefahr. Das Sitzen im Boot hielt die Gefahr von mir ab. Ehe ich in das Boot stieg hatte ich vom festen Ufer aus ebenso den Blick auf das Wasser mit seinen Gefahren. Am Ufer hatte ich jedoch festen Boden unter den Füßen. Den Gefahren des Wassers konnte ich hier immer ausweichen. Dass ich überhaupt in das wankende Boot einstieg, war damit verbunden, dass mir das Boot die gleiche sichere Position in Beziehung zum Wasser vermittelte, die ich am Ufer innehatte. Das wurde noch dadurch unterstützt, dass beim Einstieg mehrere Hände das Boot festhielten. Mit der Vorstellung, dass mich das Boot ähnlich wie das Ufer von der Gefahr des Wassers abhält, war ich bereit einzusteigen. Solange nun das Boot ruhig dahinfuhr, fühlte ich mich so auch sicher. Das ruhige Dahingleiten des Bootes vermittelte mir die sichere Position, die ich am Ufer innehatte. Aber was geschah nun in dem Moment des Hin- und Herschwankens? Das sichere Gefühl, das mir das Boot vermittelte, wurde zerstört und das Hin- und Herschwanken wurde interpretiert als das Eintreten der Befürchtungen, die mit der Gefahr verbunden sind, und es gab keine Möglichkeit, dem zu entkommen. Der Weg vom Boot zum sicheren Ufer war inzwischen durch die Fahrt, die hinter uns lag, abgeschnitten. Aber im Wahrnehmen dessen, dass mit dem Hin- und Herschwanken meine Befürchtungen eintreten, musste ich etwas gegen das vermeintlich im Stattfinden begriffenen Unglück tun, während in Wirklichkeit das Unglück gar nicht stattfand. Ich wehrte also etwas ab, was gar nicht auf mich zukam bzw. stattfand. In diesem Widerspruch reagierte ich hysterisch.

Nun, was ist die Beziehung zwischen der hysterischen Handlung und der Ängstlichkeit? Es ist nicht so, dass ich hysterisch handle, weil ich etwa ängstlich bin, weil ich mit der Ängstlichkeit etwa etwas Gesondertes hätte, das die hysterische Handlung hervorbrächte. Die Handlung die auf der Interpretation der Situation als Eintreffen der Befürchtung beruhte, während nur das Boot wackelte, ist die hysterische Reaktion. Das Wackeln des Bootes wird als Eintreten der Befürchtung interpretiert, die sich mir nun als Herausforderung für meine unmittelbare Aktion darstellte. Die damit verbundene Störung ist die Ängstlichkeit.

Wenn man das voneinander trennt, dann wäre zuerst zu lernen, mit der Angst derart umzugehen, dass man hinterher Handlungen generieren könnte, die frei sind von Angst. Man muss dann im vorhinein für zukünftige Handlungen in zukünftigen Situationen Vorsorge treffen, damit dann dort die Angst nicht auftreten kann. Aber wie kann man sich dann sicher sein, dass das, was man in einer bestimmten Situation tut, jenes determiniert, was in Folgesituationen auftritt? Und da man das nicht kann, ist man dazu verdammt, sich für alle Situationen sicherzustellen, welche auf einen zukommen oder zukommen könnten, dass die Methoden der inneren und äußeren Kontrolle Anhaltspunkte für ihr Wirksamwerden finden. D.h. die Wirklichkeit als Ganzes wird auf die Sicherung dieses Gelingens hin reduziert und verzerrt.

Wenn jedoch gesehen wird, dass die Angst die Störung im Sinne ist, die durch die Interpretation der Situation als das Eintreten der Befürchtung bedingt ist, was geschieht dann? Nichts weiter als dass man das gesamte Geschehen, innen wie außen, sorgfältig beobachtet ohne überhastete, voreilige Interpretation des Geschehens als das Eintreten eines zu erwartetenden Unglücks. Und die Ängstlichkeit ist verschwunden. Die Gefahr jedoch nicht. Kentert das Boot, dann schwimmt man. Fängt der Zahnarzt an zu bohren, dann hält man den Mund auf, beobachtet seine Bewegungen und die inneren psychischen Regungen, ohne diese als Ankündigung eines zu erwartenden Schmerzes zu interpretieren, auf den man in der prekären Lage, in der man auf so einem Zahnarztstuhl nun mal ist, reagieren müsste.

09:43 02.07.2010
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Geschrieben von

Walkus

Walkus
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