Die Beziehungen der gewöhnlichen Vorstellung über Wahrnehmung

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Im Blog "Sehen und Verstehen" wurden die Beziehungen der Wahrnehmung untersucht. Es wurde herausgestellt, dass Wahrnehmung in einer doppelseitigen Beziehung besteht. Man sieht den Baum. Und man hat ein unmittelbares intuitiven Wissen darüber, dass es sich um einen Baum handelt. Wahrnehmung wird daher aus einer Position aus betrachtet, aus der einem Wahrnehmung unmittelbar ist. Denn so wie einem die Dinge unmittelbar sind und wie man sie sieht, so handelt man entsprechend.

In der gewöhnlichen Vorstellung von Wahrnehmen wird jedoch eine völlig andere Position eingenommen.

Da ist der Baum - Dort ist der Mensch - Dazwischen ist Luft und Helligkeit - Der Mensch hat eine Vorstellung von Baum.

Wahrnehmung wird hier jetzt als die Frage verstanden, wie kommt etwas, das nicht Baum sein kann, zum Menschen, sodass in diesem die Vorstellung von Baum vorhanden ist. Wir haben hier ein äußerliches Modell. In diesem Modell wird nun versucht, den Baum mit der Vorstellung oder einem Bild, wie es auch genannt wird, von Baum in Beziehung zu bringen. In der mathematischen Formulierung hat man die Struktur von Urbild und Abbild, und Wahrnehmung ist eine Funktion, zwischen Urbild und Abbild.

Die Konstruktion des Modells verläuft dann den Weg:

- Da ist der Baum,
- auf den Baum treffen Lichtstrahlen,
- die werden reflektiert,
- damit entstehen Energieimpule, Codierungen
- die treffen auf das Auge
- das Auge wird durch die Energieimpule angeregt
- und leitet sie weiter an das Gehirn
- auf dem Weg zum Gehirn und im Gehirn werden diese Energieimpulse, denen eine Codierung zugrundeliegt decodiert
-Die Decodierung ist dann das Bild, die Vorstellung von Baum, die der Mensch hat.

Wenn man genauer hinsieht, dann schließt das Modell ein, dass man immer schon ein Bild, eine Vorstellung von Baum haben muss, also von diesem Etwas, das man wahnimmt, um überhaupt dieses Modell konstruieren zu können. Das Modell hat stets den Makel an sich, dass man das, was man durch das Modell verstehen möchte, schon kennen muss. Es wird nach diesem Kennen konstruiert. Es bewegt sich also in einer tautologischen Struktur. Nach den Vorstellungen die man von Baum hat, konstruiert man die Codierungs- und Decodierungsmechanismen. Dieser Umstand ist irgendwie vor mehreren hundert Jahren dem englischen Bischof namens Berkeley aufgefallen, der daraus den Schluss gezogen hat, es gäbe gar keinen Baum, sondern nur die Vorstellung desselben. Darauf beruft sich heute auch noch der Skeptizismus und Agnostizismus.

Was meiner Ansicht nach für uns wichtig ist, zu sehen, dass dieser Ansicht eine Position zugrundeliegt, die wir in unserem Wahrnehmen nie einnehmen. In unserem Wahrnehmen besteht überhaupt keine Beziehung zu diesen äußerlichen Codierungs- und Decodierungsmechanismen. Wir haben in unserem unmittelbaren Wahrnehmen keine Beziehung zu Neuronen oder neuronalen Netzen. Wenn wir unsere Wahrnehmung nach diesem Modell verstehen wollen, stehen wir in unserem Sehen immer außer uns und haben keine Beziehung dazu, wie uns die Wahrnehmung unmittelbar ist und wie man entsprechend der Unmittelbarkeit wie einem die Wahrnehmung ist handelt. Das ist gleichbedeutend damit, dass in diesem außer-sich-sein der Wahrnehmung, die Spaltung zwischen Beobachter und Beobachtetem zwangsläufig perpetuiert wird.


Wahrnehmung ist in dieser Vorstellung ein eindimensionaler, materieller, funktionaler Vorgang innerhalb einer tautologischen Struktur. Was bei dem Menschen letztlich als Bild ankommt ist von vornherein festgelegt in dieser eindimensional, materiellen Funktionalität. Und der Mensch ist in seiner Beziehung in der Welt gebunden an diesen materiell funktionalen Vorgang. Er ist dann letztlich bloß nur noch ein Produkt dieser eindimensionalen Funktionalität. Er fasst sich damit selbst auf als Roboter, als Subjekt eines auferlegten Automatismus der seiner unmittelbaren Wahrnehmung äußerlich ist.

Wenn oben gesagt wurde, dass der gewöhnlichen Vorstellung von Wahrnehmung eine Position zugrundeliegt, die wir in unserem Wahrnehmen nie einnehmen, dann war das nicht ganz richtig. Richtigerweise muss es heißen, indem wir in dieser gewöhnlichen Vorstellungen befangen sind, nehmen wir unbemerkt eine solche äußerliche Position in Beziehung zu unserer Wahrnehmung ein, die wir in Wahrheit nie innehaben. Und das hat zur Folge, dass wir in der Beziehung der Wahrnehmung von uns und unserem Handeln außer uns stehen. Man spricht über Konditionierung, sieht aber nicht in diesem Sprechen die Konditionierung. Man spricht über klares bzw. unklares Sehen, sieht aber nicht, dass dieses Sprechen selbst unklar ist. Denken allgemein, betrachtet man als äußerlichen Mechanismus, zu dem man sich auf irgend eine Weise verhält oder zu verhalten habe, wobei übersehen wird, dass Wahrnehmen, Sehen und Verstehen, in den Beziehungen dieser Äußerlichkeit gerade Denken ist.

10:11 02.07.2010
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Geschrieben von

Walkus

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