Die Erde dreht sich um die eigene Achse

Denken und Wirklichkeit - Es ist ein alte Frage der Philosophie in welcher Beziehung Denken und Wirklichkeit stehen. Diese Frage soll hier von einer bestimmten Seite her beleuchtet werden.
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Der Anlass zur Fragestellung

Ich kenne jemanden, der sich über das Internet in der Form eines Quiz duelliert. Da sind Fragen zu beantworten, drei an der Zahl und für richtige Antworten erhält man einen Punkt. Die Fragen werden in einem Set von 3 Fragen gestellt und 5 solcher Sets machen ein Spiel aus. Wer am Ende die meisten Punkte hat, kann sich als Sieger feiern lassen. Eine Musik ertönt mit der Inschrift: Du hast gewonnen.

Nun kann ich dem nicht entgehen, dass immer dann, wenn ich gerade zugegen bin und sich ein neues Set mit einem bestimmten Klingelton ankündigt, in dieses Spiels ob meines Wissens hineingezogen werde. Da die gegnerischen Spieler ja keinen Einblick in das Umfeld besitzen, aus dem heraus die Antworten gezogen werden und es auch keine rechtliche Instanz gibt, die darüber wacht, dass alles mit rechten Dingen zugeht, werde ich in diesen Situationen auch damit konfrontiert, meinen Senf zur Antwort beizusteuern, damit es gelingen kann, möglichst viele Punkte zu ergattern. Und dem kann ich mich meistens nicht entziehen.

So begab es sich, dass ich mit der Frage konfrontiert wurde, aus einer Zusammenstellung von 4 möglichen Antworten, diejenige Antwort auszuwählen, die das Phänomen erklärt, dass wir auf der Erde einen Tag- und Nacht-Zyklus haben, dass also Tag und Nacht jeweils gegenseitig aufeinander folgen.

Der Hintergrund

Nun gehört es ja zu den großen Paradeerkenntnissen der Aufklärung, dass die Bewegungsform der Erde beschrieben werden kann einerseits durch eine Rotationsbewegung, man spricht in diesem Zusammenhang von einer Eigenbewegung und zum anderen durch eine Umlaufbewegung auf einer elliptischen Bahn um ein Zentralgestirn, die Sonne. Wenn man nun die Bewegung der Erde auf diese Weise in einem konstruktiven Modell beschreibt, dann ergibt sich das Phänomen von Tag und Nachtzeiten, einerseits aus dem Auseinanderfallen der Zeiten innerhalb derer die jeweiligen Bewegungsformen (Eigenrotation und Umlaufzeit) wieder zu einem relativen Ursprung (Sonne im Zenit und TagundNachtGleiche) zurückkehren und andererseits aus der Tatsache, dass von dem Zentralgestirn Licht ausgehen muss (ohne Licht kein Tag).

Die Reflektion der "richtigen Antwort"

Das war aber nicht als richtige Antwort in diesem Quizspiel vorgesehen. Das einzige, was aus einer Reihe unsinniger bzw. halbwahrer Aussagen in Frage kommen konnte, war: Die Erde dreht sich um die eigene Achse. Und siehe da, mit dieser Antwort war der Punkt gesichert. Der Spieler gab sich damit zufrieden, begierig mit der nächsten Frage einen weiteren Punkt zu erhaschen.

Ich nun, als Beobachter und Beteiligter, fing an darüber nachzusinnen, wie es kommen kann, dass wir als aufgeklärte Menschen, eine solche Aussage als wahr erkennen können. Wer hat jemals die Achse der Erde gesehen, um die sie sich dreht? Wir kennen diese Modellkonstruktionen, an denen wir uns die Bewegung veranschaulichen. Drehbewegungen veranschaulichen wir uns damit, dass wir eine äußere Form um eine fixierten Punkt entwickeln. Aber wenn sich die Erde nun um diese eigene Achse drehen sollte, dann müsste sie mit dieser Achse in irgendeiner Beziehung stehen, die Achse selbst müsste gegenständlich vorhanden sein, wie die Achse beim Rad ein zentraler Bestandteil des Rads selbst darstellt und letzlich Bedingung für die Funktionalität des Rads ist (denn ohne Achse ist es nur ein Reifen). Nur kann man selbst beim Blick aus einem Raumschiff keine solche Achse ausfindig machen.

Bildkonstruktion und Wirklichkeit

Wenn man sich die kontruktiven Modelle für eine Drehbewegung ansieht, dann merkt man gleich, dass die Achse ein immanenter Bestandteil der Konstruktion ist. Ich kann einen Kreis nur konstruieren, indem ich einen Mittelpunkt als Drehachse fixiere und habe ich einen Kreis, dann ist es dieser Mittelpunkt, in dem sich alle Punkte des Kreises spiegeln und zu dem sie alle gleichen Abstand haben.

Andererseits, Wenn ich jedoch eine Seifenblase erzeuge, sehe ich keinen Mittelpunkt, um den herum sie sich bilden würde. Ich sehe nur die Seifenblase. Aber im Modell habe ich einen Mittelpunkt, von dem ausgehend ich durch Pfeile mir Druckkräfte anschaulich mache, die auf die Moleküle der Oberfläche wirken, die wiederum durch Anziehungskräfte zusammengehalten werden und aus dem Ausgleich dieses ganzen Kräftepakets die jeweilige Form erklären.

Das Modell, das zur Erklärung und Beschreibung der Drehbewegung herangezogen wird, ergibt sich daher nicht aus der Drehbewegung selbst, sondern aus einem bildlichen Abdruck, den die Bewegung hinterlassen hat. Und es ist eine Sonderheit des Denkens, aus den Bezügen dieses bildlichen Abdrucks, den Abstraktionen, die tatsächliche Bewegung hinterher wieder zu erklären.

Denken und Wirklichkeit

Wir sehen die oberflächliche Bewegung (Zyklus von Tag und Nacht, von einem nahenden Schiff sieht man zuerst den Mast....). Aus den Momenten der Bewegung, wie man sie registriert, konstruiert man ein Modell, aus dem die Phänomene der oberflächlichen Bewegung erklärt werden können. Und wie man in der Lage ist, diese Phänomene zu erklären, und Vorhersagen für das Auftreten zukünftiger Phänomene treffen kann (Eintreten des Sonnenaufgangs z.B.) identifiziert man das Modell mit der Wirklichkeit. Und auf diese Weise wird die Achse der Erde auf einmal in der Vorstellung aus einem Bestandteil des Modells zu einer gegenständlichen Größe erklärt, einem dinglichen Faktor, zu dem die Erde in Beziehung steht, zu der sie sich verhält, indem sie sich um dieses Ding dreht. Die Achse, die eigentlich ein der Modellkonstruktion immanenter Bestandteil darstellt, wird damit zu einer tatsächlichen, wirklichen Größe erklärt. Und so kommt, dass es uns einleuchtet, dass sich die Erde um die eigene Achse drehe, weil wir schon in einer Beziehung zu unserer Wirklichkeit stehen, in der wir die Modelle, mit denen wir unsere Wirklichkeit beschreiben, mit der Wirklichkeit gleichsetzen.

Dieser Gleichsetzung verdanken wir unsere Technik. Das Rad ist undenkbar, ohne Vergegenständlichung der Drehachse, ebenso wie der Zirkel, mit dem wir einen Kreis zeichnen oder der Türgriff, mit dem wir alltäglich unser Haus sichern und für uns zugänglich machen.

18:29 08.11.2015
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Geschrieben von

Walkus

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