Sehen und Verstehen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wenn wir von Sehen und Verstehen sprechen, dann entsteht zuerst der Eindruck, als würde es sich um verschiedene Seiten unserer Wahrnehmung handeln. Behandelt man sie so, dann könnte sich die Frage stellen, was zuerst sein muss. Muss man zuerst sehen um verstehen zu können? Oder muss man zuerst etwas verstehen, um sehen zu können? Betrachtet man das genauer, so zeigt sich, dass man in dem Moment, in dem man von Sehen und Verstehen als verschiedenen Seiten der Wahrnehmung spricht, an die Frage schon mit einer Vorstellung herangeht. Und man hat es mit dem seltsamen Phänomen zu tun, dass man in seinem weiteren Fragen an diese Vorstellung gebunden ist, dass man die Frage in den Beziehungen dieser Vorstellung zu beantworten sucht. Wir haben es daher mit zwei Tatsachen zu tun:

  • Was Sehen und Verstehen ist, darüber weiß man zunächst eigentlich nichts.
  • Man versucht jedoch in den Beziehungen einer scheinbar verborgenen Vorstellung ein Wissen darüber zu erlangen.

Offensichtlich ist es so, dass bei allem, was uns begegnet, wir mit einem intuitiven Wissen auf das uns Begegnende antworten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Noch scheinen wir uns der Implikationen dieser Tatsache gewahr zu sein. Wir kommen in einen Garten und sehen die Blumen und wir haben ein Wissen darüber, dass wir uns in einem Garten befinden und dass das, was wir da im Garten vorfinden, Blumen oder Gewürzkräuter sind. Dieses intuitive Wissen haben wir in jedem Moment, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, und ohne dass wir Anlass fänden, gesondert darüber nachdenken zu müssen. Entsprechend diesem intuitiven Wissen verhalten wir uns. Wenn wir uns eine Scheibe Brot abschneiden wollen, greifen wir nach dem Messer. Sind wir vom Stehen müde, spähen wir eine Sitzgelegenheit aus und setzen uns wie selbstverständlich hin. Wir gehen die Straße entlang intuitiv wohl wissend, dass sie uns zu unserem Ziel führt. Seltsamerweise treffen wir dabei immer wieder auf Störungen und erleben diese Störungen auf verschiedene Weise. Das Messer schneidet nicht und man flucht. Man stolpert über einen Stein und tut sich dabei weh. Ein Stuhlbein knickt weg und man fällt zu Boden und ärgert sich.

Daher stellt sich immer wieder die Frage nach der Ursache der Störung. Ist das angesägte Stuhlbein die Ursache? Ist der Stein, der unerwartet da war, die Ursache? Ist die Stumpfheit des Messers Ursache der Störung? Dass das Messer stumpf ist, ist eine Tatsache. Dass das Stuhlbein angesägt ist, ist auch eine Tatsache. Und der Stein, der da unerwartet liegt, ist ebenfalls eine Tatsache.

Sind nun diese Tatsachen die Ursache von Störung? Wenn ja, dann muss man sich auch um die Tatsachen mühen, Tatsachen schaffen, sich um Tatsachen sorgen, damit sie mit den Erwartungen des intuitiven Wissens übereinstimmen. Wenn Übereinstimmung ist, dann kann man sich gelassen entsprechend seines intuitiven Wissens in der Welt bewegen und muss diese Störungen nicht durchleben. Sollte wiederum eine Störung auftreten, dann liegt das daran, dass man bislang eine bestimmte Tatsache noch nicht beachtet hat, bzw. dass man seiner Sorge um das Schaffen von Tatsachen keinen angemessenen Nachdruck verliehen hat. Bei Störungen gibt es daher stets Grund, sich oder anderen etwas vorzuwerfen. Daher geht die Sorge um die Schaffung von Tatsachen auch stets darauf hinaus, Zustände zu schaffen in denen es zu keinen Störungen kommen sollte, damit kein Anlass für Vorwürfe und Zerwürfnisse entstehen kann.

Oder ist das intuitive Wissen Ursache der Störung? Wenn ja, dann muss man sich umgehend um dieses Wissen mühen. Man muss Informationen sammeln, Zusammenhänge eruieren. Denn wenn dann wieder Übereinstimmung besteht, dann kann man sich ebenfalls gelassen entsprechend seinem intuitiven Wissen in der Welt bewegen. Man kann sich dann sicher wähnen, nicht mit Ablehnung, Beschimpfung, Schmerz, Beleidigung, Ärger etc. konfrontiert zu werden. Sollte dann wiederum eine Störung eintreten, dann liegt das dann daran, dass man sich nicht genügend Informationen beschafft hat, dass man Zusammenhänge übersehen hat. Auch hier gibt es wieder Anlass, sich oder anderen etwas vorzuwerfen, etwa weil man sich nicht genügend informierte oder weil einen andere falsch informiert haben. Daher geht die Sorge um die Anpassung des Wissens auch stets darauf hinaus, einen Wissensstand zu schaffen, bei dem es zu keinen solchen Störungen kommen kann und damit kein Anlass für Vorwürfe oder Zerwürfnisse aller Art entstehen kann.

Egal nun, ob nun mangelndes Wissen oder das Bestehen von bestimmten Tatsachen als die Ursache der Störung angesehen werden, man hat damit zu tun, dass man Zustände schaffen muss, in denen möglichen Störungen und Zerwürfnissen vergebeugt ist. Dies impliziert aber nun, dass die Erwartung, die man an die Schaffung dieser Zustände hegt, nun selbst wieder Bestandteil des intuitiven Wissens wird. Das, was einem begegnet, was einem im Leben so vorkommt, wird nun wiederum in den Beziehungen dieser Erwartung wahrgenommen. Hat sich jemand verletzt gefühlt, weil ein böses Wort gefallen ist, so wird das Fallen jenes Wortes danach schon in der Erwartung des Eintretens einer Verletzung betrachtet. Hat sich jemand darüber geärgert, das der Bus zu spät kam, dann wird in einer Folgesituation bei Nichteinhalten eines obligatorischen Fahrplans der heraufziehende Ärger gerechtfertigt. Ist jemand über einer Bananenschale ausgerutscht, dann wird später vielleicht, wenn eine Bananenschale auf dem Weg begegnet, der öffentliche Räumdienst bewertet. Ist jemand durch eine Prüfung gefallen oder hat er mitbekommen, dass ein anderer eine Prüfung nicht bestanden hat, dann kommt er vor einer weiteren Prüfung nicht zu Ruhe, solange er nicht das Gefühl hat, allen möglichen Herausforderungen der Prüfung gerecht werden zu können. Betrachtet man all das genauer, dann erkennt man, dass man sich damit in einer Lage befindet, aus der sich zwangsläufig neuartige Störungen und Zerwürfnisse ergeben müssen. Das bedeutet: Solange man die Ursache der Störung im Vorliegen bestimmter Tatsachen oder im intuitiven Wissen sucht, sich so verhält, dass man durch Anpassung der Ursachen eine Beseitigung der Störung sucht, hat man immer wieder mit diesen Störungen zu tun.

Daher stellt sich die Frage: Ist der Zustand der Wahrnehmung die eigentliche Ursache der Störung? Ein Zustand, der dadurch gekennzeichnet ist, dass man seinem intuitiven Wissen folgt, ohne sich dessen bewusst sein. Ohne sich der Implikationen dieses Zustands gewahr zu sein?

1. Kommentar (Störungsfrei in Beziehungen leben?) Wir möchten gern störungsfrei leben in Beziehungen miteinander, in denen es keine Zerwürfnisse und unangenehme Überraschungen gibt.

Solange man die Ursache der Störung im Vorliegen bestimmter Tatsachen oder im intuitiven Wissen sucht, sich so verhält, dass man durch Anpassung der Ursachen eine Beseitigung der Störung sucht, hat man immer wieder mit diesen Störungen zu tun.

Daher stellt sich die Frage: Ist der Zustand der Wahrnehmung die eigentliche Ursache der Störung? Ein Zustand, der dadurch gekennzeichnet ist, dass man seinem intuitiven Wissen folgt, ohne sich dessen bewusst sein. Ohne sich der Implikationen dieses Zustands gewahr zu sein?


Ich finde, das ist eine gute Frage.
Bestimmt die Erwartung die Wahrnehmung? Ergibt sich die Störung durch den Wunsch nach Kontrolle, also dem Wunsch nach Sicherheit?
Antwort:
Hier wird gesagt, dass der Zustand der Wahrnehmung dadurch geprägt ist, dass man den Herausforderungen schon mit einer verborgenen Vorstellung begegnet und Antworten in den Beziehungen dieser Vorstellung sucht. Weiter wird gezeigt, dass dieser Zustand Störungen, Zerwürfnisse und unangenehme Überraschungen mit sich bringt. Wenn man nun Bedingungen sucht für ein wie Du sagst "störungsfreies Leben", von wo aus stellt man diese Frage?

Wird die Frage von der Seite der Erfahrungen und der Vorstellung über das bisher Erlebte gestellt, dann ist sie schon von impliziten Vorstellungen geleitet. Wenn Du Dir dieser Tatsache gewahr bist, dann stellt sich diese Frage nicht.

Wenn die Frage aber dennoch gestellt wird, dann suchst Du eine Antwort in den Beziehungen der impliziten Vorstellung. Sind Erwartung, Wunsch nach Kontrolle, Wunsch nach Sicherheit nicht einfach Bestandteile aus denen sich diese Vorstellung nach einem "störungsfreien Leben" zusammensetzt?
Was geschieht, wenn man die Störung aus Bestandteilen des Zustandes versteht?
Ist man dann nicht versucht durch Beeinflussung dieser Bestandteile das Ganze zu transformieren?
Und perpetuiert man damit nicht genau den Zustand, von dem gesprochen wird, dass man einer intuitiven Vorstellung folgt, ohne sich der Implikationen für die Handlung gewahr zu sein?

2. Kommentar (Wer stellt fest?)

Ja, wie gesagt - gute Frage.
Ist der Zustand der Wahrnehmung die eigentliche Ursache der Störung? Ein Zustand, der dadurch gekennzeichnet ist, dass man seinem intuitiven Wissen folgt, ohne sich dessen bewusst sein. Ohne sich der Implikationen dieses Zustands gewahr zu sein?
Wesentlich scheint der fragliche Zustand, wer stellt ihn fest ?

Antwort:

wenn danach gefragt wird, wer den Zustand feststellt, dann hast Du schon eine Vorstellung von einem Wer, der in einer feststellenden Beziehung zu diesem Zustand steht. Siehst Du die Implikationen dieser Konstruktion, der Du zu folgen schon im Begriff bist?
3. Kommentar

Ich finde bereits "Zustand" ist eine Feststellung.
Antwort:
auf welche Weise willst Du die im Raume stehende Frage beantworten?
4. Kommentar (Verbales Antworten)

Ich denke, die Art wie die Frage gestellt ist macht eine verbale Antwort unmöglich, nachdem sich die Frage auf einen Zustand bezieht, der so zu sein scheint.
Antwort:
können wir den Blogbeitrag noch einmal rekapitulieren?
Können wir noch einmal gemeinsam darauf sehen, welche Bedeutung er hat?
Können wir darauf sehen, welche Implikationen darin enthalten sind, hinsichtlich unserer Beziehung im Wahrnehmen, unserer Beziehung im Sehen und Verstehen?

Wir wollen ja nicht der Frage ausweichen. Wir wollen ihr nicht ausweichen, indem wir die Unmöglichkeit postulieren, eine Antwort zu finden, die verbaler Natur sein muss.
Sind nicht auch die ganzen Reaktionsmuster auf die Störungen, die der Mensch in seiner gesamten psychologischen Entwicklung hervorgebracht hat, alles nur bruchstückhafte Versuche, der eigentlichen Frage nach dem Zustand der Wahrnehmung auszuweichen, innerhalb dessen sich die Störungen vollziehen und alles was dazu gehört, der Konflikt, die Verwicklungen und Widersprüche?

Der Blog steht unter der Überschrift von "Sehen und Verstehen". Wir machen Unterschied zwischen Sehen und Verstehen, ohne uns dessen sowie der Implikationen dessem gewahr zu sein. Wir fragen gewöhnlich nicht danach, woher diese Unterscheidung kommt. Wir halten sie für etwas selbstverständliches. Aber worin besteht diese Selbstverständlichkeit? Hat diese Selbstverständlichkeit zu tun mit den Beziehungen in denen wir uns in der Wahrnehmung vorfinden?

Wenn wir nun die Wahrnehmung untersuchen, dann finden wir, dass sich die Wahrnehmung in einer doppelten Beziehung abspielt. Da ist einmal der Baum, der Vogel, die Blume, eine Handlung, ein Geschehen und auf der anderen Seite gibt es ein Wissen darüber, das auf Erfahrung, der Erinnerung an schöne oder schmerzliche Erlebnisse, Schlussfolgerungen, Theorien, Idealen, Vorstellungen aller Art beruht. Wir finden vor und wir haben Vorstellungen hinsichtlich Vorgefundenem. Dieser doppelten Beziehung sind wir in unserem unmittelbaren Wahrnehmen nicht bewusst. In diesem Nicht-Bewusstsein geschieht aber folgendes: In der Wahrnehmung werden die Vorstellungen mit dem Vorgefundenen identifiziert. Damit nicht genug: Die doppelte Beziehung, in der sich Wahrnehmung vollzieht, erscheint als eine Beziehung des Vorgefundenen. Als Interpretation wird diese Beziehung als wahr genommen. Wir sagen: Das ist ein Vogel. Das ist ein Baum. Das ist ein Reaktionsmuster. Das ist der Neid. Das ist der Ärger. usw.

Das meint jetzt: Indem diese verschiedenen Beziehungen der Wahrnehmung zu Beziehungen des Vorgefundenen verkehrt werden, haben wir es mit einem bestimmten Zustand der Wahrnehmung zu tun. Und in diesem Zustand werden dann Störungen entweder auf die Beziehungen des Vorgefundenen zurückgeführt oder auf die Beziehungen von Vorstellungen.

Damit bekommen wir es mit Gegensätzen zu tun. Die Verlegung auf eine Seite der Gegensätze zieht eine gewisse Einseitigkeit nach sich. Die Ursache wird etwa in Beziehungen von Tatsachen gesucht oder sie wird in den Beziehungen der Vorstellungen über Tatsachen gesucht. Das Handeln bezieht sich damit entweder auf das Schaffen von Tatsachen in äußeren Dingen oder bezieht sich auf die Rekonstruktion eines inneren Wissens. Daraus ergibt sich eine Doppelseitigkeit: Einerseits versucht man äußere Verhältnisse zu regeln und zwingt sich auf, sich nach diesen Regeln zu verhalten. Das Verständnis von Sehen ist dabei an die Regelung äußerer Verhältnisse gebunden. Andererseits versucht man sein inneres Wissen zu regeln. Das heißt man grübelt, sorgt sich, denkt nach, träumt, phantasiert, wünscht etc. Und das Verständnis von Verstehen ist an den Erfolg dieses inneren Regelns gebunden.

Was in obigem Blogbeitrag nun gezeigt wurde ist, dass alles, was der Mensch in dieser Doppelseitigkeit unternimmt, die Störungen und die Formen des Durchlebens dieser Störungen perpetuiert, während an diese Unternehmungen die Vorstellung gebunden ist, dass durch sie die Störungen beseitigt werden könnten. Das bedeutet: In dieser Doppelseitigkeit dieses Zustandes haben wir es mit so etwas zu tun, was wir gewöhnlich eine Zwickmühle nennen.

Die Frage, die sich hier nun stellt ist: Wie gerät man in diese Zwickmühle überhaupt erst hinein?

Ist diese Zwickmühle eine absolute Eigenschaft unseres Daseins? Handelt es sich um einen absolute Eigenschaft unseres Daseins, dann hat man keine andere Wahl, als sich danach zu richten. Und das bedeutet, dass man mit den Störungen und allem was damit zusammenhängt immer zu tun hat. Es empfiehlt sich dann, in seinem Wirken auf die Kultivierung der Formen hinzuwirken, in denen man mit den Störungen umgeht.

Oder ist das Bestehen dieser Zwickmühle bedingt? Hängt ihr Bestehen von etwas ab? In obigem Blogbeitrag wird gezeigt, dass die Zwickmühle bedingt ist, durch den Zustand der Wahrnehmung, in dem man dem Vorgefundenen schon nach Beziehungen von Vorstellungen über das Vorgefundene begegnet. Im Begegnen ist man sich dessen nicht bewusst und auch nicht der Implikationen, die durch diese Form des Begegnens geben sind. So, das ist nun eine Tatsache, mit der wir es in unserem Wahrnehmen immer zu tun haben. Man kann ihr nicht ausweichen.

In dem Moment, in dem ich in dem ebenen beschriebenen Zustand der Wahrnehmung auf diese Tatsache antworte, was geschieht? Der Zustand wird als Vorstellung, Wissen im Gedächtnis festgehalten. Dieses Wissen interpretiert wieder neu. Und damit ergibt sich die Zwickmühle wieder von neuem. Das ist der Zustand von Bewusstsein und es sind die Implikationen von Bewusstsein. Das bedeutet, dass solange Wahrnehmung sich in den Beziehungen von Bewusstsein vollzieht, man nie aus dieser Zwickmühle herauskommen kann.

Daher ergibt sich die Frage: Gibt es ein Wahrnehmen, das frei ist von den beschriebenen Implikationen von Bewusstsein? Gibt es ein Sehen, das nicht auf die Regelung äußerer Verhältnisse abzielt? Gibt es ein Verstehen, das nicht auf das Ordnen innerer Vorstellungsverhältnisse aus ist? Kann der Mensch der Implikationen der Beziehung zum Gedächtnis gewahr sein, ohne in den Beziehungen von Vorstellungen den Herausforderungen zu begegnen?

Wenn nun auf diese Fragen geantwortet wird, dass man sie nicht verbal beantworten könne, liegt dem dann ein wirklich tiefgreifendes Sehen und Verstehen zugrunde oder ist es nur ein Ausweichen vor der Herausforderung, die die Tatsache von Bewusstsein stellt?

5. Kommentar (gewöhnliche Vorstellung von Wahrnehmung)

ich habe deinen Blog sorgfältig gelesen, du hast sehr anschaulich dargelegt, wie sich die Wahrnehmung in doppelter Beziehung abspielt. Und du hast auch angeführt, dass wir uns der Implikationen gewöhnlich nicht bewusst sind. Das Thema wurde weitgehend abgedeckt, da bleibt nur wenig hinzu zu fügen.

Gibt es ein Wahrnehmen, das frei ist von den beschriebenen Implikationen von Bewusstsein? Gibt es ein Sehen, das nicht auf die Regelung äußerer Verhältnisse abzielt? Gibt es ein Verstehen, das nicht auf das Ordnen innerer Vorstellungsverhältnisse aus ist? Kann der Mensch der Implikationen der Beziehung zum Gedächtnis gewahr sein, ohne in den Beziehungen von Vorstellungen den Herausforderungen zu begegnen?

Gibt es also direkte Wahrnehmung ohne die angeführten Störungen ?
Ich denke, dass auf diese Fragen eine verbale Antwort aus dem selben Bereich käme, in dem auch die Probleme entstehen (wie du ja auch schreibst) und somit eine wirkliche Antwort keine verbale Antwort sein kann. Mit wirklicher Antwort meine ich ein Ende der Verwirrung bezüglich dem Zustand der Wahrnehmung.
Ich sehe die von dir gestellten Fragen nicht als etwas an, das verbal zu beantworten wäre.

Gewöhnlich wird übersehen, dass das, was als Wahrnehmung bezeichnet wird eigentlich die gedankliche Verarbeitung und Auswertung der Sinnesreize ist und die gesehenen, gehörten , gefühlten und gerochenen "Tatsachen" dadurch zu etwas relativem, bezogenen, persönlichem werden - nämlich zu Bestandteilen des Denkens - zu Erinnerungen , Erfahrungen, zu etwas, das man kennt.

Was sind Tatsachen? Warum muss man sie verstehen, sind sie nicht an sich?

Antwort:
Du sprichst hier ein wichtiges Thema an, das man sich einmal genauer ansehen sollte. Es ist die gewöhnliche Vorstellung von Wahrnehmung. Ich denke erst einmal, dass diese Frage gründlich in einem anderen Blog untersucht werden sollte. Fragen an diesen Blog können eventuell daher rühren, dass die Beziehungen der gewöhnlichen Vorstellung von Wahrnehmung und ihre Bedeutung hinsichtlich der Handlung nicht gesehen werden.

6. Kommentar

Wenn wir von Sehen und Verstehen sprechen, dann entsteht zuerst der Eindruck, als würde es sich um verschiedene Seiten unserer Wahrnehmung handeln. Behandelt man sie so, dann könnte sich die Frage stellen, was zuerst sein muss. Muss man zuerst sehen um verstehen zu können? Oder muss man zuerst etwas verstehen, um sehen zu können?

Ja, eigentlich ist es tatsächlich so, man denkt, entweder muss man erst sehen um zu verstehen oder man muss erst verstehen um zu sehen.

Betrachtet man das genauer, so zeigt sich, dass man in dem Moment, in dem man von Sehen und Verstehen als verschiedenen Seiten der Wahrnehmung spricht, an die Frage schon mit einer Vorstellung herangeht.

Ich kann das nicht so genauer betrachten, ich kann nicht sehen diesen Moment, in dem die Vorstellung ensteht.

Antwort

Die Frage, wie diese Vorstellung entsteht, ist eine andere Frage. Hier wird davon gesprochen, dass sie da ist , sozusagen mit "unsichtbarer" Hand steuert. Es ist das Denken, das trennt, an den Trennungen festhält, damit Form der Wahrnehmung ist, innerhalb derer Verstehen in der Vermittlung/Beziehung der getrennten Teile gefasst wird. Woraus sich dann die Vorstellung ergibt, zuerst müsse man etwas sehen, hinterher quasi durch Verarbeitung des Gesehenen etwas verstehen. Sehen und Verstehen sind dann getrennte Vorgänge.

Es gibt im Deutschen z.B. ein Problem bei der Übersetzung von K-Texten. Was meint K wicklich? Ist Denken die Reaktion auf die Vergangenheit oder ist Denken die Reaktion der Vergangenheit. Wenn man Denken als Reaktion auf die Vergangenheit spricht, dann fasst man Denken als solchen Prozess, der nachdem etwas geschehen ist, das Geschehene aufarbeitet. Also in solchem Verständnis hat man die Trennung sowohl im Wahrnehmen und dann auch eben Zeit (Vorher das Geschehen, hinterher das Nachdenken) und die Postion des äußerlichen Beobachters, der das Geschehen mehr oder weiniger in der Form des Selbst-Therarpeuten, unter dem Blickwinkel des stillen Begleiters beobachtet, aufarbeitet, und im Hinblick auf zukünftige Ereignisse seine Schlussfolgerungen zieht, sich etwas vornimmt (z.B. aufmerksam sein zu müssen etc.) sich manches auferlegt .

Wird jedoch andererseits Denken als Reaktion der Vergangenheit verstanden, dann haben wir im Wahrnehmen einen einheitlichen Vorgang, in dem nicht erst hinterher ein Verstehen aus der Sicht eines außerhalb des Geschehen stehenden Beobachters generiert wird, sondern in dem Verstehen im unmittelbaren Sehen der Formbestimmung des Geschehens aufgrund der Bindung an die Vergangenheit ist.

Das Dilemma von Psycho-Therapie und Psyvcho-Analyse besteht eben in dieser Trennung. Das Verstehen ist hier immer aus der Position des äußerlichen Beobachters im Hinterher. Aber im Geschehen selbst, wenn die Dinge passieren, der Ärger, die Angst, der Stress, die Wut, die Arroganz, der Übermut, die Gleichgültigkeit,die Rechthaberei, etc. haben wir eine ganz andere Position. Wir sehen diese Dinge nicht aus der Sicht der Resultate hinterher und deren Bewertung, was auch nur dann geschieht, wenn die Dinge schief gelaufen sind, sondern wir sind mittendrin und in diesem Mittendrin nehmen wir in anderen Beziehungen wahr. Hinterher sagen wir, wir waren rechthaberisch, wenn sich jemand uns den Rücken zukehrt. Aber im Geschehen wähnen wir uns auf dem rechten Weg. Daher besteht unser Problem auch darin, wie im Geschehen zu sehen, dass dieses Wähnen, auf dem rechten Weg zu sein, Rechthaberei, trennende Aktivität ist. Denn dieses Sehen beendet das. Wenn es aber dieses Sehen nicht gibt, dann gibt es nur die Einsicht, Fehler gemacht zu haben und die Beteuerung, sich zu bessern. Und in der nächsten Situation wiederholt sich das aufs Neue, vielleicht mit umgekehrtem Vorzeichen - erst war man rechthaberisch mit scharfer Axt, jetzt ist man das mit Engelszungen.

15:01 19.06.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Walkus

Walkus
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