Schach der Kanzlerin

Realsatire Nach der Nominierung Steinbrücks zum Kanzlerkanditaen der SPD, treffen sich Altbundeskanzler Schmidt und Steinbrück zu einer Schachpartie und zu einigem mehr.
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Schmidt: Hab ich es Dir nicht gesagt, mein lieber Peer, die Nr. 1 von mir ist jetzt auch die Nr. 1 der SPD.

Steinbrück: Nachdem jetzt Steinmeier offiziell zurückgezogen hat, war der Weg frei. Gabriel war zu keinem Zeitpunkt ein ernsthafter Gegner. Für Deine Unterstützung danke ich Dir natürlich, Helmut.

Schmidt: Ich habe Dich zwar unterstützt, aber meine Fürsprache war nicht entscheidend. Viel entscheidender ist, dass die SPD außer Dir keinen Kandidaten bzw. Kandidatin hat, der Merkel wirksam Paroli bieten kann.

Steinbrück: Nicht alle sind glücklich über meine Nominierung. Kahrs vom Seeheimer Kreis hat mir erzählt, dass einige aus dem linken Parteiflügel die Faust in der Tasche haben.

Schmidt: Die werden schön die Füße stillhalten, schon allein deshalb, weil sich in ihren eigenen Reihen niemand befindet, der sich als Gegenkandidat zu Merkel profilieren könnte. Seit Schröder ist der linke Parteiflügel nicht mehr existent, es sei denn, Du meinst diejenigen, die gemerkt haben, dass sie in der Linkspartei auch keine Heimat gefunden haben und jetzt glauben, zur alten Dame SPD zurückkehren zu müssen.

Steinbrück: Ich habe ja beim Nominierungsparteitag mehr Beinfreiheit gefordert. Ich glaube, das haben die Parteilinken schon verstanden, was ich damit meine. Ich werde einen Wahlkampf wie Schröder führen, natürlich mit meiner eigenen Note.

Schmidt: Letztendlich gilt es, die Merkel zu schlagen. Der Abstand zwischen CDU und SPD beträgt aktuell 10%. Das ist eine Menge Holz. Im Prinzip hat die SPD nur eine Chance und zwar eine totale Blockadepolitik im Bundesrat, die aber nicht Du sondern Gabriel organisieren muss.

Steinbrück: Ganz die Kopie des Schröder-Wahlkampfes, nur mit dem Unterschied, dass in unserem Land nicht wie 1998 eine Wechselstimmung vorherrscht und Gabriel nicht Lafontaine ist.

Schmidt: Die Wechselstimmung kann noch kommen, ist aber eher unwahrscheinlich. Und Du kannst froh sein, dass Gabriel mit Lafontaine nicht vergleichbar ist. Er hat zwar ein vergleichbar ausgeprägtes Ego wie Lafontaine, hat aber keine Prinzipien. Ein typischen Salonlinker, rhetorisch geschickt, wankelmütig in der Sache und wenn es ernst wird, kneift er.

Steinbrück: Du meinst also, Gabriel mimt den bad guy und ich verhalte mich konstruktiv kritisch, staatsmännisch und dem Wohle des Landes dienend.

Schmidt: Genau, eine Rollenverteilung wie sie seinerzeit zwischen Schröder und Lafontaine sehr erfolgreich praktiziert wurde. Gabriel hält die Partei zusammen und Du machst Wahlkampf gegen Merkel, profilierst Dich als Macher und setzt kleine Nadelstiche zum richtigen Zeitpunkt, rhetorisch brillant vorgetragen, eine Art Guerilla-Taktik. Vorpreschen, zuschlagen und sich dann wieder zurückziehen. Im Übrigen, wenn die wirtschaftlichen Zahlen so bleiben wie jetzt, vor allem was die Arbeitslosigkeit betrifft, hat die SPD keine Chance an der CDU/CSU vorbeizuziehen.

Steinbrück: Also muss es schlechter werden?

Schmidt: Der Deutsche wählt fast ausschließlich nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Was die Konjunktur betrifft, zeichnet sich ab, dass wir auf eine Stagnation bzw. Rezession zulaufen. Das Problem ist nur, dass der Arbeitsmarkt erst zeitverzögert darauf reagiert. Und diese Zahlen sind nun mal entscheidend.

Steinbrück: Also müssen wir etwas nachhelfen?

Schmidt: Das kommt von ganz alleine. Der Zeitfaktor spielt aber eine entscheidende Rolle. Wenn die Deutschen in Asien bzw. in den USA weniger Autos oder Maschinen verkaufen, ist es vorbei mit der Exportherrlichkeit. Was Europa betrifft, ist der Drops längst gelutscht.

Steinbrück: Eines ist aber klar, für eine Vizekanzlerschaft stehe ich nicht zur Verfügung.

Schmidt: Musst Du nicht, bei deinen Kontakten in die Wirtschaft, dürfte es keine Schwierigkeit sein, Dich dort weiter verdient zu machen.

Steinbrück. Mein Bankenpapier hat ja mächtig Furore gemacht.

Schmidt: Ich würde es nicht überbewerten, mein lieber Peer. Der Wähler versteht die Hälfte von dem nicht, was Du geschrieben hast und die andere Hälfte betrifft ihn nicht. Trotz allem zielt das Papier in die richtige Richtung. Es mobilisiert vor allem die eigenen Parteileute und gibt ihnen das Gefühl, dass Du einer von ihnen bist. Sie werden Dich zwar nicht lieben, dafür aber respektieren. Wenn wir 1/3 der potentiellen Nichtwähler der SPD an die Urne bringen, werden wir vorne liegen.

Steinbrück: Was wäre noch zu tun?

Schmidt: Nun wenn man den General zur Strecke bringen will, muss man zunächst die Offiziere aus dem Weg räumen. Das Kabinett Merkel ist bis auf 2-3 Figuren eine Chaostruppe. Also gilt es, diese Pappnasen gezielt anzugehen. Merkel kann eine Kabinettumbildung nicht mehr riskieren, also muss sie mit dem leben, was ihr zur Verfügung steht. Das ist ja geradezu eine Steilvorlage für Deine spitze Zunge.

Steinbrück: Schach der Kanzlerin!

Schmidt: Ja, aber erst nachdem genügend Bauern geopfert und Offiziere neutralisiert wurden.

19:55 02.10.2012
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