Glaubensbekenntnisse einer 17jährigen Muslima

Hamburg Wie erlebt eine stolze gläubige Muslima das Tragen eines Kopftuches in Schule und Öffentlichkeit? Ein Rechtspopulismus Lügen strafendes Interview aus dem Großraum HH.
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07.02.2018. Interview mit Birgit1) im Großraum Hamburg.

Confessiones2): Birgit, Du trägst täglich ein Kopftuch, soweit ich weiß, auch in der Schule. Und Du hast mir vor dem Interview schon erzählst, du habest auch jüngere Schwestern, die wie Du ein Gymnasium besuchen. Magst Du uns erklären, welche persönliche Bedeutung für Dich (und deine Geschwister) das öffentliche Tragen des Kopftuches hat?

Birgit: Hallo! Und zwar trage ich Kopftuch seit der fünften Klasse, genauso auch wie meine anderen Geschwister. In erster Linie war’s auch nicht so, dass unsere Eltern gesagt haben: „Ihr müsst jetzt Kopftuch tragen!“ Natürlich sind wir mit der Religion des Islam aufgewachsen, aber unsere Eltern haben uns eben nie vorgeschrieben, dass wir ein Kopftuch tragen sollten. Es war unsere eigene Entscheidung, das tragen zu wollen. Natürlich hatten wir auch Vorbilder wie beispielsweise auch andere Familienmitglieder, bei denen wir das schon gesehen hatten und die uns auch inspirieren konnten, aber im Grunde war es unsere eigene Entscheidung, dass wir angefangen haben ein Kopftuch zu tragen.

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Confessiones: D.h. also Deine Eltern haben Euch schon seit der 5. Klasse die Möglichkeit gegeben, es selbst freiwillig zu entscheiden? Du nickst bestätigend. Kannst du uns in Deinen Worten erklären, was du selbst mit dem Tragen des Kopftuches verbindest? Was bedeutet es für Dich im islamischen Glauben?

Birgit: Also im islamischen Sinne bedeutet für mich Kopftuchtragen eine Art Schutz vor Schlechtigkeiten, weil man halt seine Reize bedeckt und dadurch nicht so empfänglich ist für, ja, für schlechte Gedanken anderer Leute, weil man eben diese Reize bedeckt. Das bedeutet es für mich. So verstehe ich auch den eigentlichen Sinn dahinter. Eine Frau sollte versuchen ihren Reiz zu bedecken, und da spielt nicht unbedingt nur das Bedecken der Haare eine Rolle, weil Haare an sich ja jetzt nicht das Ausschlaggebende sind, was Reize widerspiegelt, sondern eben auch gewisse Körperregionen und allgemein die Körperform. So beachte ich eben, dass ich das halt auch bedecke. Wichtig ist nicht nur das Kopftuch an sich.

Confessiones: Ich frage noch mal nach: Hat es etwas zu tun mit einer Vorstellung aus dem Glauben heraus, dass man sich so konzentrieren kann auf Wesentliches, im Glauben auf das Wesentliche?

Birgit: Das Kopftuch spiegelt jetzt nicht unbedingt immer ausschließlich eine sehr gläubige Muslima nur mit strengen, festgelegten Ansichten wider. Aber das Kopftuch ist natürlich schon ein Zeichen für muslimische Religionszugehörigkeit. Jeder erkennt dann auch, dass ich Teil einer Religions-Gemeinschaft bin. D.h. nicht, dass andere Leute, die das Kopftuch nicht tragen, ausgeschlossen werden. Doch in bestimmter Weise ist das Bekenntnis zur Religionszugehörigkeit in unserer Gemeinschaft wiedererkennbar, so dass andere hier wissen: Okay, das sind die Muslime.

Confessiones: Du hast bestimmt schon mal gehört oder gelesen, dass es Vorstellungen und Behauptungen gibt – inzwischen spürbar verbreitet auch in unserem Land –, die unterstellen, eine islamische Frau, die öffentlich in Deutschland ein Kopftuch trage, sei sozusagen per se (also: automatisch) eine unterdrückte Frau. Wie siehst Du das?

Birgit: Ja, das tue sehr gerne. Dazu kommt es, glaube ich, immer darauf an, aus welcher kulturellen Region Frauen kommen, denn in verschiedenen Regionen wird der Islam meiner Auffassung nach falsch interpretiert. Dort sind Vorstellungen verbreitet, der Mann stehe über der Frau. Im Koran sind solche Vorschriften gar nicht enthalten, mit dem Islam haben sie eigentlich nichts zu tun. Frauen und Männer sind im Islam gleichberechtigt, da steht kein Geschlecht über dem anderen. In einigen Kulturen, beispielsweise in Pakistan oder in Marokko, handhabt die Gesellschaft es so, dass die Männer das Sagen haben und Frauen gehorchen müssen. Aber das ist eine völlig falsche Herangehensweise, die nicht nur meiner Meinung nach anders verstanden und gehabt haben werden sollte, sondern auch aus dem Grundgedanken der islamischen Religion völlig falsch ist.

Confessiones: Darf ich zu unserem Verständnis nachfragen? Du hast von kulturellen Regionen gesprochen, lebst ja selbst aber in Deutschland, worüber wir gleich noch reden werden. Könntest du etwas näher ausführen, an welche kulturellen Regionen du bei diesen Worten gedacht hast oder welche anderen, eigenen Vorstellungen Du mit kulturellen Prägungen in unserem Gesprächszusammenhang verbindest?

Birgit: Mein Vater kommt ursprünglich aus der Türkei, jedoch ist meine Mutter Deutsche. Dazu muss ich sagen, dass mein Vater überhaupt nicht kulturell geprägt ist, also seine eigene Familie schon, er selbst aber an sich überhaupt. Er war auch der erste in seiner familiären Tradition, der sozusagen den Bann gebrochen hat und eben nicht eine türkische Frau geheiratet hat. Mein Vater hat da auch eine ganz andere Sichtweise: Weil der Mensch immer zuerst ein Mensch ist, ist die eigene Nationalität eher unwichtig. Deswegen bin ich damit auch so aufgewachsen, dass solche kulturellen Einflüsse überhaupt keine Auswirkung auf das Bekenntnis zur Religion haben sollten. Natürlich schätze ich trotzdem meine Familie und die Familien der Eltern ebenso.

Confessiones: Das war ja eine sehr klare Aussage! Du lebst aber Deinen Glauben schon auch durch Besuche einer Moschee? Im Respekt vor Deinem Glauben: Magst Du Deine Gewohnheiten kurz nur beschreiben?

Birgit: Ja! Wir haben, seitdem wir klein sind, von unserer Mutter vieles beigebracht bekommen. So großartig in vielen verschiedenen Moscheen waren jetzt gar nicht. Der Grund dafür ist aber auch, dass in diesen türkischen Moscheen eben doch viele kulturelle Einflüsse mit dabei sind und vieles auch von dem türkischen Staat aus läuft und dementsprechend sich alles ein bisschen eingeschränkter darstellt als die islamische Religion eigentlich aus ihrem inneren Selbstverständnis heraus ist. Die Religion kann halt im inneren Selbstverständnis aus dem Glauben heraus nicht so gelebt werden, wenn man solche Moscheen besucht, wo alles organisiert wird vom türkischen Staat. Das aber ist nicht der tiefere Sinn im Glauben, sondern jeder Mensch sollte frei für sich entscheiden können, ob man zusätzlich im kulturellen Sinne dazu gehören möchte oder nicht.

Confessiones: Beeindruckend! Eher hätten wir doch erwartet, dass dein öffentliches Tragen eines Kopftuches schon auch Verbundenheit mit einem Kulturkreis ausdrücken könnte und auf jeden Fall ein regelmäßiger Besuch in einer islamischen Moschee zum eigenen Glaubensbekenntnis dazugehöre.

Birgit: Wie gesagt, pflege ich weniger den Besuch einer solchen Moschee, in der kulturelle Einflüsse prägend wären. Doch treffen wir uns sehr wohl regelmäßig auch in einer Moschee mit vielen Freunden und Bekannten, die sogar verschiedenen Nationalitäten angehören. Dabei tauschen wir uns halt über die Religion aus, lernen untereinander dazu, wie wir noch bessere Menschen werden könnten. Das spielt auch eine große Rolle in der Religion, denn es bringt doch wohl nichts, wenn wir alle über noch so tolle Vorstellungen nachdenken und im Gegensatz dazu mit den Menschen schlecht umgehen. Und ebenso sollten wir mit der Umwelt und Mitmenschen gut umgehen.
Auf jeden Fall wollte ich noch sagen, dass in unseren Gruppen mit so vielen Nationalitäten, in denen wir uns dann ab und zu treffen, kulturelle Prägungen aus jeweiliger nationaler Herkunft eigentlich unbedeutend sind. Wir konzentrieren uns wirklich nur auf die Religion und Wesentliches aus der Überlieferung von Propheten, wir sprechen über eigentlich nur wichtige Botschaften aus dem Koran und interpretieren nicht so wild hinein, wie das sich festgelegte Kultur-Kreise machen oder
– noch schlimmer – sich die Interpretation so zurecht legen, wie sie’s gerne hätten

Confessiones: Weiterhin bemerkenswerte und aufschlussreiche Aussagen von Dir können wir hier hören und aufzeichnen. Aus einigen bisher geführten Gesprächen mit aktiven Personen in einer türkisch-islamischen Gemeinde hier in Norddeutschland kenne ich die Betonung anderer Aspekte im Bekenntnis zum Islam. Mehrmals habe ich beispielsweise mit Familienangehörigen im Alter von vielleicht 35 bis 50 Jahren gesprochen, die mir anschaulich erklärt haben, weshalb sie ihr Kulturzentrum kontinuierlich aufsuchen und dort in der Moschee gemeinsam in Gebete mit dem Imam gehen. Für ihre Generation erkennen sie dort letzte Möglichkeiten, hier in Deutschland doch noch ihre eigene türkisch-islamische Kultur zu erleben und im Austausch untereinander wirklich zu leben. Ihr türkisch-islamisches Zentrum hat deshalb für sie in diesem Sinne auch den Charakter eines geschützten Raumes. Die Generation ihrer Eltern, die in den 70er und vielleicht 80er Jahren des letzten Jahrhunderts nach Deutschland als sogenannte „Gastarbeiter“ hierher eingeladen worden sind, konnte hier bleiben, hier dauerhaft wohnen, arbeiten und leben. Heute sprechen wir in Deutschland von Migranten. Die nachfolgende Generation, deren Kinder hier schon aufwachsen sind, hier zu Schulen gehen und wie Du bald, auch das Abitur erwerben, hat keine kulturelle Verbindung zum eigenen Herkunfts-Kultur mehr und möchte sie wenigstens im türkisch-islamischen Kulturzentrum noch pflegen können. So haben es mir diese Familien zu verstehen gegeben.
Diese Generation türkisch-islamischer Familien schilderten mir noch vor eineinhalb Jahren andere Lebenserfahrungen und eine Ausdeutung eigener Identität vor allem in kultureller Hinsicht als diejenige, wie Du dich selbst verstehst.

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Den Schutzgedanken beim Tragen eines Kopftuches, vielleicht auch gegenüber gewissen Männerphantasien, hast Du schon erklärt. Weitaus wichtiger ist Dir aber der persönliche Ausdruck des eigenen Glaubens an Gott und dessen Wertvorgaben.

Wie erlebst Du es, die ja hier in Deutschland zur Schule geht, wenn viele Mädchen aus deinem Alter, manchmal schon in jüngeren Jahren mit beginnender Pubertät, sich insbesondere, wenn es wärmer wird und wir Sommer haben - frei, locker und wenig verhüllt in der Öffentlichkeit – auch in der Schule – auftreten. Wie empfindest Du Dich im Zusammenleben?

Birgit: [lacht] Vielleicht kann ich noch einmal verständlicher erklären, warum ich das Kopftuch trage. Natürlich auch aus Schutz, doch in erster Linie, weil von Gott geschrieben ist, dass es besser für die Frau sei, sich zu bedecken. Also trage ich es nicht nur aus meinem persönlichen Schutzbedürfnis heraus, sondern weil es von Gott so empfohlen wurde sich als Frau zu schützen.

Nun zur eigentlichen Frage: Im Sommer, gerade im Sommer, werde ich blöd angeguckt, wenn ich mich bedeckt habe, lange Kleider trage und, ja, nur die Hände und das Gesicht zu sehen sind. Da werden auch blöde Sprüche rausgehauen, also geäußert, und wenn ich dann andere Mädchen sehe, die sich knapp anziehen, denke ich mir: Sie können selbstverständlich machen, was sie wollen, es ist ihre freie Entscheidung. Aber ich persönlich erachte es für nicht so geeignet, wenn eine Frau sich so knapp anzieht. Blöde Blicke oder Sprüche kommen dann gegenüber diesen Frauen, sicher auch von Männern darunter mit übergriffigem Potential. Wie gesagt, eine Frau stellt sich wohl selbst darauf ein, dass auch nicht gewünschte Reaktionen kommen werden, wenn sie sich so knapp anzieht. Ich möchte das aber gar nicht erst erleben.

Confessiones: Wie erlebst du denn überhaupt die Reaktionen auf das Kopftuch-Tragen? Wir fragen bewusst nach dem aktuellen Klima in diesen Tagen. Wir leben ja in Norddeutschland, im Großraum Hamburg. Du erlebst die Reaktionen jetzt hier in der Region. Vielleicht kannst Du auch unterscheiden zwischen eigenem Erleben und Deinen Gedanken zu öffentlich zitierten Äußerungen und der aktuellen Auseinandersetzung über Geflüchtete und Migration ohne jeden Fluchthintergrund. Die blöden Sprüche im Sommer hast Du ja schon erwähnt. Nimmst Du selbst Rassismus und/oder Feindlichkeit gegenüber Deiner vermuteten Kultur und gegenüber dem nicht zu übersehenden Bekenntnis zur islamischen Religion wahr? Hörst Du vielleicht dumme Sprüche in der U-Bahn? Und was geht Dir durch den Kopf, wenn Du liest und hörst, dass sich eine ausgeprägte Islamfeindlichkeit zu verbreiten scheint in Deutschland?

Birgit: Also zu dem Ersteren würde ich gerne sagen, dass das Klima, seitdem deutlich mehr Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, ein bisschen kritischer geworden ist. Also bestimmte Leute gucken mich inzwischen noch blöder an. Keine Ahnung, ob die jetzt glauben: „Die sind alle Flüchtlinge, ich hasse die alle.“ Also gar nicht so speziell wegen der Religion, wobei die wohl auch denken, dass alle Flüchtlinge oder alle „Ausländer“, die aus dem orientalischen Bereich eingewandert sind, nur Muslime seien, was ja auch nicht stimmt.

Letztlich sind Jahreszeiten wie Sommer, Herbst und Winter nicht entscheidend, im Sommer kommt es eben nur etwas häufiger vor, dass ich mit gewissen Sprüchen konfrontiert werde. Grundsätzlich frage ich mich: Warum machen die das? Jeder Mensch ist doch ein Mensch, egal wie sie oder er aussieht, welche Rasse und Hautfarbe sie oder er hat, ob eine Person sich bedeckt oder nicht. Ich meine, zu voll Tätowierten sagen dieselben Sprücheklopfer vermutlich nichts, obwohl doch gerade eine solche Person nicht mehr richtig zu erkennen ist.

Man sollte nicht so auf das Äußerliche eingehen, sondern viel mehr berücksichtigen, wer die eigentliche Person denn ist. Natürlich spiegele ich so meine Religion wieder, aber wenn diese Leutevoller Vorurteile sich wirklich mit dem Islam befassten und nicht nur alles, was in bestimmten Medien verbreitet wird, glauben, sondern die Botschaften des Islam erforschten, dann würden sie, glaube ich, solche Sprüche auch gar nicht mehr von sich geben.

Mir ist es wichtig hervorzuheben, dass die Menschen wenigstens ein bisschen einen offeneren Blick bekommen sollten. Wir leben im 21. Jahrhundert und so viele menschliche Ausdruckformen und Verhaltensweisen sind heute als legitim akzeptiert, aber ausgerechnet das Kopftuch stellt jetzt für viele Mitmenschen ein außerordentliches Problem dar. Wenn man jetzt ehrlich ist, müsste das Tragen eines Kopftuches schon längst als normal akzeptiert worden sein, weil es doch umgekehrt noch andere Ausdrucksformen gibt, wobei die Bekleidung recht spärlich ausfallen kann und man doch einer Trägerin keine weiteren Fragen mehr stellt und so nichts über die eigentliche Person weiß oder erfährt.

Confessiones: Du hast ein unfreundlicheres Klima hier in Deutschland angesprochen, womit Du Dich m.E. noch sehr nett und diplomatisch ausgedrückt hast. Könntest Du uns noch anschaulicher darstellen, was da herauskommt an Vorurteilen und Ablehnung? Bitte verschone uns aber vom Wortlaut gewisser Sprüche! So anschaulich muss es denn doch nicht geschildert werden von Dir! Du hast schon gesagt: Gedacht wird an Flüchtlinge. Erlebst Du solche Reaktionen als Feindlichkeit gegenüber fremder Kultur, ist es irgendwie Rassismus oder drückt sich auch Frauenfeindlichkeit darin aus? Wird Dir auch unterstellt, dass Du gar keine selbständige Frau seiest?

Birgit: Also ich bin mir sicher, dass mit muslimischen Frauen und Kopftuch hier in Deutschland fast immer assoziiert wird, sie seien von ihren Männern gezwungen worden sich zu bedecken. In solchen Vorurteilen ist immer schon eine gewisse Frauenfeindlichkeit mit dabei.

Doch andererseits: Im Großen und Ganzen denke ich, dass in der momentanen Lage hier in Deutschland einfach viele Leute davon genervt sind, dass so viele fremde Menschen neu hierhergekommen sind, nachdem deren Land im Krieg zerstört worden ist, sie kein eigenes Heim mehr haben, für ihre Flucht doch selbst gar nicht verantwortlich sind.

Genau in diesem Zusammenhang denken wohl viele: O.k., diese hier ist bestimmt auch so ein Flüchtling. Nicht unbedingt spielt nur die genauere kulturelle Zugehörigkeit jetzt so eine Rolle. Sie meinen möglicherweise: Wieder so ein Flüchtling aus Syrien! Mit diesem Gedanken assoziiert ist die Verallgemeinerung, dass alle dieselben Muslime seien.

Dementsprechend sind diese Leute in zweierlei Hinsicht irgendwie ein bisschen genervt, wenn sie eine Kopftuch tragende Frau sehen. Einerseits: Oh, das ist bestimmt ein Flüchtling! Oh, das ist dann bestimmt auch eine dieser radikalen Muslima bzw. Muslime. Ganz schlimme Zugewanderte! So bekomme ich auch immer nur im Vorbeihuschen irgendetwas schnell zugeworfen, denn solche Menschen trauen sich ja gar nicht, ihre Gedanken direkt ins Gesicht zu sagen, stattdessen werfen sie es im Vorbeigehen aus der Seite an den Kopf. Ich frage mich dann immer: Warum könnt Ihr nicht dazu stehen, eine solche Meinung nicht von Auge zu Auge, von Gesicht zu Gesicht direkt und persönlich sagen.

Confessiones: Noch einmal zurück zu Deinem Eigen- und Fremdbild angesichts dessen, was sich in einigen Regionen Deutschlands gerade abspielt. Was denkst Du über das Anwachsen des Rechtspopulismus? Im Deutschen Bundestag hat diese Strömung nun öffentlichkeitswirksame Stimmen aus der AfD-Fraktion.

Birgit: Also mir geht dabei nur eins durch den Kopf: Viele Menschen sind verwirrt, teilweise haben sie auch gar nicht so sehr selbst schuld, da sie doch stark aus Medien beeinflusst werden. Die enthaltenen Manipulationen können viele selbst nicht beeinflussen als Person. Deshalb muss ich auch ehrlich sagen, manchmal bin ich den Menschen gar nicht so böse, gerade älteren Menschen nicht. Häufig kommen abwertende Sprüche, weil sie andere Auffassungen gar nicht kennen oder nur bestimmte vorurteilsvolle gewohnt sind. Sie sind überzeugt von sich: Im Fernsehen habe ich gerade das und das gesehen und gehört, das meine ich jetzt auch so. - Deshalb kann ich nicht immer so ernst nehmen kann, was diese Leute sagen, wie gesagt, gerade bei den älteren bin ich sicher, dass sie einfach nicht so aufgeklärt sind über Sachverhalte und andere Sichtweisen.

Confessiones: Eine letzte Nachfrage noch. Macht Dir die aktuelle Entwicklung schon auch Angst oder eher nicht? Die AfD wurde in den Deutschen Bundestag gewählt, immerhin vielleicht 13 Prozent der erwachsenen Wahlberechtigten gäbe diesen Rechtspopulisten jetzt die Stimme. In Österreich sind Rechtspopulisten in die Regierung gekommen. Machen Dir solche Signale Angst oder denkst Du, sehr viel Schlimmeres wird nicht passieren, besonders gegenüber islamischen Migranten in Deutschland?

Birgit: Meiner Meinung nach haben die Leute die AFD gewählt, weil sie verunsichert sind und weil so viele neue Eindrücke auf Sie kommen. Ich persönlich muss sagen, es macht mir jetzt nicht Angst in dem Sinne: „Oh Gott, was werden Sie tun?“ Aber natürlich weiß ich schon, was auf mich zukäme, könnte die AfD gewisse Entscheidungen direkt beeinflussen oder bestimmen. Wir Muslime würden eingeschränkt werden in unserem Glaubensbekenntnis. Allerdings nicht nur Muslime, sondern ebenfalls andere Leute mit anderen Auffassungen und Lebensvorstellungen. Die AfD wirkt nicht nur gegen den Islam, sie sind halt sehr nationalstolz und sogar nationalistisch. Viele Andersdenkende würden eingeschränkt werden, hätte die AfD zu bestimmen oder mit zu bestimmen.

Abschließend möchte ich noch betonen, dass ein Kopftuchverbot - auch in der Schule - der Anerkennung von Menschenwürde widerspräche. Solche Diskriminierungen beträfen doch alle Menschen. Warum gewährt das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland denn Religionsfreiheit? Man fragt sich: Wozu ist dieses Grundrecht denn gewährt?

Weshalb sollte man trotzdem eingeschränkt werden in seiner Religionsausübung? Natürlich sollte niemand auf öffentlichen Straßen irgendwelche Predigten halten oder die Leute jetzt damit bedrängen, wie selbst Glauben gelebt wird.

Doch sollte jedem Menschen schon frei überlassen sein, das machen zu dürfen, was man für richtig hält. Tätowierte oder auch homosexuell Orientierte dürfen doch heutzutage ihre Lebensvorstellungen schon öffentlich zeigen. Warum sollten wir unser Glaubensbekenntnis zu Gott nicht öffentlich darstellen dürfen?

Confessiones: Wir bedanken uns für dieses Interview und hoffen, dass unsere Leserinnen und Leser bessere Einblicke in das Glaubensbekenntnis einer jungen muslimischen Frau gewinnen konnten, die hier in Deutschland aufgewachsen ist und mit uns oder unseren Kindern gemeinsam zur Schule geht und lebt.

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1) Wir haben den Namen der Interviewten hier geändert. Ihre persönliche Identität ist der Confessiones-Redaktion bekannt.

2) Das Interview führte Freitag Community-Autor Wolfgang Blankschein.

„Birgit“ haben wir sie in bewusster Reaktion auf Deutschlands bekannteste islamfeindliche Vorzeige-Hetzerin, das bekennende „Muttertier“ Birgit Kelle, genannt. Noch am 15.11.2017 hat die vor einigen Jahren zum Katholizismus konvertierte rumäniendeutsche Autorin und Publizistin, die u.a. für Die Welt, den Focus, das rechtskatholische Online-Portal kath.net, die Freie Welt, den Bayernkurier, und die Junge Freiheit schreibt, in den Fußstapfen des männliche Vordenkers Thilo Sarrazin, der schon 2009 das Kopftuch-Tragen in Schulen verbieten lassen wollte, die Präsentation einer Kopftuch-bedeckten Barbie-Puppe durch den US-Hersteller Mattel zum Anlass genommen, ihrerseits vor einer Islamisierung durch Puppen zu warnen. Nach einem Eintrag im Wortlaut dicht an der Grenze zur Volksverhetzung wurde sie kurzzeitig von Facebook gesperrt, was sie wiederum zum Anlass nahm, am 15.11.2017 in der Welt zu prahlen:

Ich bin jetzt auch eine islamfeindliche Hetzerin. Danke!

[…] Leider brach ich nicht in Begeisterungsstürme aus angesichts einer neuen Barbie-Puppe, die mit Hidschab bekleidet einen ganz neuen Markt für den internationalen Spielwarenhersteller erschließen soll und dabei mit freundlichem Gesicht die Zwangsverschleierung und Unterdrückung von Frauen in islamischen Ländern weltweit in die Kinderzimmer kleiner Mädchen bringt. […]

Und so drängte sich mir die Frage auf, ob es demnächst wohl auch das Barbie-Haus gibt, in dem der liebe Ken seine Barbie auspeitschen oder steinigen lassen kann, wenn sie den hübschen Hidschab ablegen will? (Quelle: s.u.)

https://www.welt.de/debatte/article170658556/Ich-bin-jetzt-auch-eine-islamfeindliche-Hetzerin-Danke.html

Nun hat der Süßwarenhersteller Katjes – wiederum mit Kopftuchträgerin – auf einem pinkfarbenen Werbeplakat für gelantinefreies Fruchtgummi nachgezogen um Menschen werbewirksam zu erreichen, die kein Schweinefleisch essen. Selbstredend waren islamfeindlicher Hass, Hetze und Boykottaufrufe im „aufgeklärten“ Deutschland eines 21. Jahrhunderts die Folge. Verbreiteter Rechtspopulismus wirft seine Kraken aus.

Diesmal hat die Welt einen Beitrag der Autorin Britta Poetzsch veröffentlicht: „Gut so!“ (Quelle: s.u.)

https://www.welt.de/wirtschaft/bilanz/article173339378/Katjes-wirbt-mit-Kopftuchtraegerin-fuer-Suessigkeiten-gut-so.html

Confessiones reagiert auf die Debatte mit einer eigenen Kampagne: UNICORNS AGAINST RACISM!

Kopftuchbedeckte Einhörner in alle deutschen Kinder- und Jugendzimmer! Hier die Kreation einer talentierten Schülerin (Alicia Uhlisch) aus einem Gymnasium Norddeutschlands, die wir bald als Aufkleber und Buttons anbieten möchten:

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Nachwort:

Johann Wolfgang von Goethe: Mahomets Gesang

Seht den Felsenquell,
Freudehell,
Wie ein Sternenblick;
Über Wolken
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.
Jünglingsfrisch
Tanzt er aus der Wolke
Auf die Marmorfelsen nieder,
Jauchzet wieder
Nach dem Himmel.
Durch die Gipfelgänge
Jagt er bunten Kieseln nach,
Und mit frühem Führertritt
Reißt er seine Bruderquellen
Mit sich fort.
Drunten werden in dem Tal
Unter seinem Fußtritt Blumen,
Und die Wiese
Lebt von seinem Hauch.
Doch ihn hält kein Schattental,
Keine Blumen,
Die ihm seine Knie umschlingen,
Ihm mit Liebesaugen schmeicheln:
Nach der Ebne dringt sein Lauf
Schlangenwandelnd.
Bäche schmiegen
Sich gesellig an. Nun tritt er
In die Ebne silberprangend,
Und die Ebne prangt mit ihm,
Und die Flüsse von der Ebne
Und die Bäche von den Bergen
Jauchzen ihm und rufen: Bruder!
Bruder, nimm die Brüder mit,
Mit zu deinem alten Vater,
Zu dem ewgen Ozean,
Der mit ausgespannten Armen
Unser wartet
Die sich, ach! vergebens öffnen,
Seine Sehnenden zu fassen;
Denn uns frißt in öder Wüste
Gierger Sand; die Sonne droben
Saugt an unserm Blut; ein Hügel
Hemmet uns zum Teiche! Bruder,
Nimm die Brüder von der Ebne,
Nimm die Brüder von den Bergen
Mit, zu deinem Vater mit!
Kommt ihr alle! –
Und nun schwillt er
Herrlicher; ein ganz Geschlechte
Trägt den Fürsten hoch empor!
Und im rollenden Triumphe
Gibt er Ländern Namen, Städte
Werden unter seinem Fuß.
Unaufhaltsam rauscht er weiter,
Läßt der Türme Flammengipfel,
Marmorhäuser, eine Schöpfung
Seiner Fülle, hinter sich.
Zedernhäuser trägt der Atlas
Auf den Riesenschultern; sausend
Wehen über seinem Haupte
Tausend Flaggen durch die Lüfte,
Zeugen seiner Herrlichkeit.
Und so trägt er seine Brüder,
Seine Schätze, seine Kinder
Dem erwartenden Erzeuger
Freudebrausend an das Herz.
Verfasst: 1772/73

http://andalusian.de/index.php/andalusian-blog/item/zum-geburtstag-des-propheten-mahomets-gesang-von-goethe

20:47 11.02.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolfgang Blankschein

Confessiones-Autor gegen vernetzten Rechtspopulismus und -extremismus. Deutsch- und Philosophie-Gymnasiallehrer sowie Fotograf im Großraum HH.
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Wolfgang Blankschein

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