Warum wir oft alle gemeinsam daneben liegen

Pluralistische Ignoranz "Wenn alle denken, dass alle anderen glauben, aber keiner glaubt." Wie ein sozialpsychologisches Phänomen hilft, Grundlagen aktueller politischer Probleme zu verstehen
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Warum wir oft alle gemeinsam daneben liegen
Auch die Lasagne hat das Potential, Fälle pluralistischer Ignoranz zu produzieren. In anderen Bereichen ist das Phänomen allerdings deutlich folgenreicher

Foto: imago/AGB Photo

Pluralistische Ignoranz ist ein Phänomen aus der Sozialpsychologie, dass sich tatsächlich am Besten auf den Satz „Alle denken, dass alle anderen glauben, aber keiner glaubt“ herunterkochen lässt. Dieses Phänomen ist zwar psychologisch begründet, hat aber fast immer eine politische Komponente.

So untersuchte Floyd Allenport, der den Begriff Pluralistic Ignorance in den 1920er Jahren erfand, warum Studentenverbindungen keine Schwarzen Kommilitonen aufnahmen: Weil eben die meisten Befragten privat zwar Bereitschaft zeigten, Schwarze aufzunehmen, aber dachten, die Anderen in der Verbindung seien dagegen.

Pluralistische Ignoranz beschreibt also einen Zustand, in dem alle Mitglieder einer Gruppe einer bestimmten Überzeugung sind, aber fälschlicherweise glauben, alle anderen seien anderer Meinung. Der Begriff kann zudem die zu Pluralistischer Ignoranz führenden sozialen Bedingungen und die aus ihr entstehenden Folgen mitbezeichnen.

Besonders oft scheint es dabei um soziale Normen oder politische Vorstellungen zu gehen. Wahrscheinlich, weil durch weniger konfliktbehaftetete Themen keine Situationen Pluralistischer Ignoranz entstehen: Wenn mein Lieblingsessen Lasagne ist, ich aber denke, meine Kollegen stehen alle auf Pizza, wird mich das nicht davon abhalten, in der Kantine Lasagne zu bestellen. Weil ich deswegen keine sozialen Sanktionen befürchten muss. So kann eine Situation Pluralistischer Ignoranz gar nicht erst entstehen, weil alle eben essen, was sie gerne essen und die anderen das ja sehen.

Wenn ich aber Lasagne liebe und denke, meine Kollegen seien militante Vegetarier, werde ich schon eher überlegen, ob ich in ihrem Beisein wirklich Lasagne essen oder meine Vorliebe zur Sprache bringen muss. Weil Fleischkonsum beziehungsweise Vegetarismus mittlerweile Themen mit großem Konfliktpotential sind. Sie wurden zunehmend politisiert und unterliegen oft umkämpften sozialen Normen. Wenn ich mich deshalb in der Kantine wieder mal für den Salat entscheide und schweige, kann sich mein falsches Vorurteil halten und ich werde nie erfahren, dass die Leibspeise der Kollegen aus der Montage in Wahrheit auch Lasagne ist. Denn die offenbaren sich ebensowenig. Aus Angst vor mir, den sie für einen überzeugten Vegetarier halten, weil ich immer nur Salat esse und dabei so grimmig schaue.

Ein wesentlich folgenreicherer – und auch besser untersuchter Fall von Pluralistischer Ignoranz ist der folgende: Nach dem 11. September 2001 gaben immerhin 23% der befragten US-Amerikaner an, die wichtigste Lehre aus den Anschlägen sei, dass die USA alleine gegen den Terrorismus kämpfen müssten. Der Knackpunkt aber war nicht die wild entschlossene Minderheit, sondern die beeindruckte Mehrheit: Durchschnittlich schätzten die Befragten, dass fast 50% aller US-Amerikaner einem nationalen Alleingang zustimmen würden. Diese Fehleinschätzung hatte handfeste Folgen: Die Befragten, die davon ausgingen, dass eine Mehrheit den Alleingang der USA wolle, befürworteten die Invasion des Iraks mit nahezu doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit.

Eine ähnlich fatale Fehleinschätzung treffen die Menschen in Israel und Palästina: 2005 gab dort bei einer Studie jeweils eine Mehrheit an, die gegenseitige Anerkennung der beiden nationalen Identitäten zu unterstützen. Dennoch glaubten die Befragten, dass nur ein Drittel der jeweils anderen Seite dies täte.

Besonders gut untersucht allerdings ist Pluralistische Ignoranz in einem Setting, das nur auf den ersten Blick überrascht: Sex, Drogen und Studenten. Zahlreiche Studien widmen sich diesem leicht zugänglichen und viel versprechenden Feld. Einige dieser Untersuchungen belegen zum Beispiel, wie sehr US-Studenten ihre Kommilitonen überschätzen, was sexuelle Aktivität und Wohlbefinden bei bestimmten sexuellen Praktiken angeht. Eine wirklich beeindruckende Lücke zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung konnten 2008 aber Forscher an einer Universität in Singapur feststellen: Die sexuelle Aktivität ihrer Kommilitonen schätzten Befragte fast doppelt so hoch ein wie ihre eigene. Die Bereitschaft Anderer beim ersten Date Sex zu haben, wurde sogar mehr als zweimal höher eingestuft, als die eigene. Für diese kapitalen Fehleinschätzungen machen die Forscherinnen auch die damals einsetzende Freigabe sexueller Inhalte in Singapurs Medien verantwortlich. In der Zeit um 2008 hatte Singapur die Zensur von medialen Darstellungen sexueller Praktiken langsam gelockert und so etwa die Ausstrahlung der Serie „Sex and the City“ ermöglicht. Die Autorinnen der Studie legen außerdem einen positiven Effekt der Fehleinschätzungen auf das tatsächliche Sexualverhalten der Studierenden nahe.

Ähnliche Effekte hatten Forscherinnen in den 90ern schon beim Alkoholkonsum von Studierenden in den USA festgestellt. Die Funktionslogik der dabei wirkenden Pluralistischen Ignoranz ist einfach ausgedrückt diese: Die meisten Studierenden wollen sich gar nicht betrinken, aber weil alle annehmen, die anderen wollten unbedingt, wird hemmungslos gebechert. Vergleichbares lässt sich für den Kosum von Tabak oder illegalen Drogen feststellen. Eine Folgestudie konnte allerdings belegen, dass dieser Effekt durch Gruppendiskussionen über das Phänomen der Pluralistischen Ignoranz reduziert werden kann. Verstärkt werden Effekte der Pluralistischen Ignoranz dagegen durch ausgeprägten Medienkonsum – was die Tabakindustrie offenbar zu nutzen weiß.

Das Gegenteil Pluralistischer Ignoranz wird als False-Consensus-Effect bezeichnet. Er tritt ein, wenn Menschen die Popularität ihrer eigenen Meinung stark überschätzen. Wenn also die Lasagneliebhaberin annimmt, die gesamte Belegschaft teile ihre Begeisterung für Béchamelsauce und Hackfleisch zwischen Teigplatten, obwohl in Wirklichkeit die meisten ihrer Kollegen viel lieber Pizza essen.

Was Pluralistische Ignoranz und False-Consensus-Effect gemein haben? Sie setzen voraus, dass Menschen nicht miteinander reden. Und ich meine wirklich reden. In Settings, die eine gewisse Offenheit zulassen. In denen Menschen sich sicher fühlen und keine Angst haben müssen, zu sagen, was sie denken. Wenn das gegeben ist, werden Pluralistische Ignoranz und False-Consensus auf einmal fragil. Wie in der Geschichte „Des Kaisers neue Kleider“, in der der Kaiser nackt durch die Gegend läuft und alle sein Outfit bewundern, weil alle denken, die anderen könnten des Kaisers neue Kleider sehen. Keiner spricht aus, was er denkt (der Kaiser ist nackt), weil alle Angst haben, dumm dazustehen. Diese Angst macht Gesellschaften anfällig für Instrumentalisierungsversuche durch meinungsstarke, geschickt agierende Gruppen. Die Farce in Hans-Christian Andersens Märchen bricht zusammen, als ein kleines Kind sagt, was alle denken: Der Kaiser ist nackt. So einfach wird es für uns freilich nicht. Aber dennoch brauchen wir unbedingt Räume, in denen wir mit kindlicher Offenheit über unsere Erfahrungen und Ansichten reden können. In denen es um Austausch geht und nicht darum, wer die Meisten sind.

In Reihenfolge der Erwähnung im Text:

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Hilfe bei Übersetzungen: Louis Killisch; Korrekturen: Leya Safian
09:41 11.09.2018
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