Betäubt von Schmerzgesang

Pop Die jungen Liedermacher von AnnenMayKantereit bringen die Zweifel ihrer Generation auf die Bühne
Jonas Weyrosta | Ausgabe 08/2015 3
Betäubt von Schmerzgesang
Irgendwie diffus: Christopher Annen, Severin Kantereit und Henning May
Foto: Star-Media/Imago

Willkommen in Potsdam, zu Gast sind AnnenMayKantereit, die junge Kölner Band, die gerade als nächstes großes Ding gehandelt wird. Vor ein paar Monaten bespielten sie noch die Kölner Fußgängerzone, seit Januar touren sie durchs ganze Land, die meisten ihrer Konzerte waren sofort ausverkauft. Seit der Schulzeit sind sie enge Freunde, bis vor kurzem wohnten sie zusammen. Der Name der Band setzt sich aus den Nachnamen der drei Mitglieder zusammen.

Das Publikum im Potsdamer Waschhaus ist textsicher, die Jungs treffen offensichtlich einen Nerv. Ihre Lieder klingen wie Generationendiagnosen, vielleicht ein bisschen wütender. Die Halsschlagader des Sängers Henning May pocht zumindest ziemlich heftig. Seine Stimme ließ Feuilleton und Blogosphäre aufhorchen, in den sozialen Netzwerken verbreitete sich der Sound rasend schnell. Irgendwo zwischen Tom Waits und Rio Reiser kratzt May die Töne aus dem Bauch – nicht schlecht für einen, der eben noch in der gymnasialen Oberstufe saß.

Der Vergleich mit Rio Reiser hinkt allerdings. Reiser hatte die 68er-Generation mit politischen Parolen vor sich hergetrieben, May singt lieber von Gefühlen. Seine Texte sind, wenn überhaupt, subtil politisch, getragen von einer diffusen Kritik an den Anforderungen, die ein Mensch heute auch an sich selbst stellt oder stellen muss. AnnenMayKantereit bleiben bei der Gefühlsbeschreibung stehen, spielen Lieder im Konjunktiv. Vorbei mit der musikalischen Abwehr des Establishments, vorbei mit „Scheiß auf den Staat“ und „Nieder mit den Kriegstreibern!“

Für immer und mich

Auch wenn manche Kritiker eine neue Garde Politnachwuchs herbeischreiben wollen: Die neuen jungen Liedermacher sind unentschlossener als ihre Vorgänger. Sie singen von der Suche nach mehr, nach Halt. Sie können keine klaren Feinde ausmachen. Stattdessen finden sie elaborierte Worte für große Gefühle.

Womit wir wieder bei Rio Reiser wären: Singt Reiser in einer seiner bekanntesten Liebeshymnen von einem Leben Für immer und dich, sieht sich May in der Rolle des geliebten Sohns gefangen – und muss sich befreien von der väterlichen Liebe. Den Song Oft gefragt hat er seinem Vater gewidmet, und der hat sich oft gefragt, was seinen Sohn eigentlich zerreißt. Doch Henning May schweigt, möchte nicht alles mit seinem Vater teilen. Mit etwas Abstand singt May, in Anlehnung an Rio Reiser: „Du bist zu Hause für immer und mich.“ Der Vater erscheint als Heimat und als Freund. Eine großzügige, väterliche Liebe, die den Ablösungsprozess der Söhne erschwert. Worauf soll man die eigene Identität aufbauen, wenn man sich gegen niemanden wehren muss?

Das junge Publikum begleitet jedes einzelne Wort dieses ganz persönlichen Lieds so aufmerksam wie die Älteren in den hinteren Reihen. Vielleicht steht dort die Elterngeneration, die hier besungen wird, gute Freunde ihrer Kinder. Der Abend mutet tatsächlich wie ein Generationenprojekt an. Doch die deutlichsten Worte richten sich an die jungen Menschen, die vor der Bühne auf Antworten zu warten scheinen, vereint in der Suche nach einem Sinn. „Du wirst 21, 22, 23, und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst“, schleudert Henning May seinem Publikum entgegen und wird für den Entlastungsversuch mit Jubel belohnt.

Sagt mir, wer wir sind

„Du verschwendest deine Jugend zwischen Kneipen und WGs.“ Wie narkotisiert schwingen Mädchen dazu im Takt. „Du sagst immer nur, es liegt nicht an dir, und bestellst dir noch ein Bier“. Da ist er wieder, der latente Vorwurf, sich häuslich im Unwohlsein einzurichten. Der Zweifel steht mit auf der Bühne. Aber statt sich in Trübsal und Kummer zu verlieren, treibt die Band das Publikum zum Tanzen an. Der Sound von AnnenMayKantereit wirkt viel lebendiger als auf der Platte.

Im vergangenen Jahr veröffentlichten sie ihr erstes Album, alles selbst eingespielt, unter freiem Himmel. Ihre Vergangenheit als Straßenmusiker ist ihnen auch live in Potsdam anzuhören, Henning May beherrscht das Schreien. Ende Februar erscheint nun ihre zweite Platte, Titel: Wird schon irgendwie gehen. In Rekordzeit haben AnnenMayKantereit sie über eine Crowdfunding-Plattform finanziert und in den Berliner Hansa Studios aufgenommen, produziert von Moses Schneider, der zum Beispiel schon den Sound von Tocotronic prägte. Die jüngeren Texte handeln von Umzügen, von einem neuen Zimmer voller Kartons, vom Streunen, ohne zu wissen, wohin die Reise geht.

Junge Männer mit Schmuddelbart schwitzen in Wollpullovern, schließen die Augen. Endlich spricht ihnen jemand aus der Seele. „Du bist überall, nur nicht hier“, singt Henning May und klagt über Smartphones und Videomitschnitte aus allen Lebenslagen, niemand lebe mehr wirklich den Moment. Wieder gibt es Jubelschreie – bis die ersten, quasi schizophren, auch hier zu ihren Kameras greifen. Solange es nach Zweifel und nach Suche klingt, ist das Publikum mit seinen Widersprüchen versöhnt. Soll einen der Abend jetzt aufgewühlt oder entnervt zurücklassen?

Jedenfalls gibt es viel Schmerzgesang. Wer hier von einer Generation potenzieller Leistungsträger spricht, hat nicht viel verstanden. Das Publikum ist offenbar höchst unsicher. Die Leute reiben sich auf am Hier und Jetzt, der Alltag scheint sie zu überwältigen. Sagt mir, wer wir sind, steht in den Gesichtern geschrieben.

Das Sicherheitspersonal vor der Bühne hat nicht viel zu tun. Einer der Männer trägt einen Pullover mit der Aufschrift „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Ein bisschen Rio Reiser war dann doch dabei in Potsdam.

09:50 20.02.2015
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