Knips oder stirb: vom Selfie zum Survivie

Wandel Bislang galten Selbstporträts in sozialen Netzwerken als purer Narzissmus. Aber sie können auch Leben retten, sagt die Bergwacht
Jonas Weyrosta | Ausgabe 03/2015 1

Jetzt fordert die Bergrettung in Alaska Wanderer dazu auf, vor Beginn ihrer Touren Selfies in den sozialen Medien zu posten, um mögliche spätere Bergungen zu erleichtern. Jeder Anhaltspunkt zur Kleidung oder zum Aufenthaltsort eines Vermissten könne im Fall des Falles Leben retten.

Vielleicht wird die Kritik an den narzisstischen Fotografien aus allen Lebenslagen damit etwas leiser. Die Menschen werden weiterhin ihre Schmollmünder und Kulleraugen vor jeder erdenklichen Kulisse festhalten. Nun aber auch, um einem etwaigen Tod in der Wildnis zu entrinnen. Die Macht über die Natur erlangt die Zivilisation nur um den Preis der Entfremdung von dieser, heißt es bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer.

In Form von Likes produzieren die sozialen Medien heute das begehrte Gut Anerkennung, und die Selfies sind dabei ein wichtiges Instrument. Faustregel: je kurioser die Aufnahmen (an absurden Orten, aus fahrenden Autos oder Arm in Arm mit Prominenten), desto besser. Auch die Philosophie hat das popkulturelle Phänomen schon für sich entdeckt. Konrad Liessmann, Ethikprofessor an der Universität Wien, spricht gar von authentischen Selbstporträts. Das Selfie lebe von der Unzulänglichkeit des Augenblicks.

Doch da dürfte der Philosoph irren. Die Authentizität ist oft reines Kalkül, Selfies sind beabsichtigt, die Motive werden sorgsam ausgewählt und oft nachträglich mit schmeichelnden Filtern bearbeitet. Besonders beliebt ist dabei der sogenannte Selfiestick, ein ausklappbarer mechanischer Kameraarm, mit dem man die Bilder auch aus zwei Metern Distanz aufnehmen kann, ohne andere Menschen um Hilfe bitten zu müssen. Entfremdung eben.

Vom Time Magazine 2012 zu einem der Unwörter des Jahres gewählt (Platz neun), ist das Selfie heute fester Bestandteil des Alltags, seit dem Bergretter-appell könnte man die Selbstbildnisse auch Survivies nennen – eine beachtliche Karriere.

Übersehen wird dabei, dass die Selfieverehrung auch schon Todesopfer gefordert hat. In Portugal stürzte vergangenes Jahr ein polnisches Ehepaar beim Selfieknipsen steile Klippen hinunter. Auch die Antike kannte das Risiko der übertriebenen Selbstliebe schon. In der griechischen Mythologie ertrinkt Narziss, weil er seinem Spiegelbild im Wasser näherkommen will. Die bittere Erkenntnis: Wir werden weiterhin verunglücken, Unvorhersehbares erleben und eines Tages sterben. Egal ob wir uns davor fotografieren oder nicht. Im Zweifel bleibt ein schönes, letztes Andenken. Aber keine Garantie auf Rettung.

06:00 15.01.2015
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