RE: Hand am Drücker | 22.07.2019 | 17:48

Die Beschränkung auf Sanktionen der Willigen, die allen anderen gestattet, sanktionsfrei mit dem Iran zu handeln, wäre für Trump die schlechteste Lösung, da wäre es besser, den Deal mit dem Iran zu erneuern unter fadenscheinigen Erfolgen der Trumpadministration (zB eine kosmetische Einbeziehung von Raketen größerer Reichweite oder ein USA-Iran-Gipfel nach Korea-Vorbild). Es wäre der Präzedenzfall für den amerikanischen Wirtschaftskrieg, die USA und ein paar Satelliten schließen sich vom Handel aus, alle anderen sind die lachenden Dritten und auch die Zweiten können noch schmunzeln. Allein die Einheitsfront des Westens macht die wirtschaftlichen Verluste der USA relativ niedrig, die des Gegners entsprechend hoch, und so die Bilanz positiv. China arbeitet hart daran, aus dieser Logik aussteigen zu können, wie die USA im Gegenzug, die Verbündeten zum Mitmachen zu erpressen. Wenn deren Wirtschaft zu sehr unter diesem Vabanquespiel Trumps leidet, wird es Versuche geben, sich davon abzusetzen.

RE: „Fühlend verbunden“ | 21.07.2019 | 10:32

Erhaltung ist das biologische Prinzip, Gestaltung das humane.

RE: Provinzler mit Raketen | 20.07.2019 | 14:03

Ein ganz kleiner Schritt in der Konkretisierung der Tatsache, daß der Raum der Menschenwelt über unseren Planeten hinausreicht. Daß wir die Reichweite steigern. Die Hauptbedeutung dieses Ereignisses war indes der infantile Triumph der Amerikaner: wir sind die ersten.

RE: Das Radikale siegt immer | 20.07.2019 | 13:01

Zu der beckmesserischen Seziererei dieses gutfaßlichen, entspannten Vortrags möchte ich nichts sagen. Zur Theorie des Faschismus ist vielleicht ein Aspekt stärker zu berücksichtigen, der heute mit der Kenntnis der Systemtheorie naheliegender ist. Er ersetzt nicht die von Adorno ausgebreiteten Überlegungen, aber er gibt ihnen einen anderen Drall.

Eine Tendenz zum Faschismus ist nach wie vor die Reaktionsbildung gegen eine bedrohliche Zukunft, eine Veränderung des status quo, eine reale Abstiegsangst. Die ist in fast allen Schichten vorhanden, seit der bürgerliche Optimismus bei den meisten keine Nahrung mehr findet. Und es scheint logisch, daß dafür nicht das System, die objektiven Mechanismen der Wirtschaftsordnung verantwortlich gemacht wird/werden, weil das System ja den status quo hervorgebracht hat, weil es lange scheinbar unaufhörlich voranging. Stattdessen soll es am Establishment liegen, das die Interessen der Bürger verrät und verkauft. Oder in einer Dolchstoßlegende die Feinde des Systems, die Kommunisten, Anarchisten, Chaoten, Dekadenten.

In dieser als klassisch zu bezeichnenden Erklärung der ökonomisch basierten faschistischen Tendenz, für die zurecht, wie Adorno argumentiert, keine substantiellen Werte in Anspruch genommen werden können, wo dementsprechend alle ins Spiel gebrachten Werte rationalisierende Scheinbegründungen sind, wird der Faschismus als eine nichtkonservative, antikapitalistische kapitalismusaffirmative Reaktionsbildung gesehen.

Ich möchte nun hinweisen auf einen weiteren, mit der kapitalistischen Entwicklung sich akkumulierenden Sachverhalt, der ebenfalls zu einer Reaktionsbildung führt, die sich konservativ oder faschistisch gestalten kann. Der Kapitalismus, die bürgerliche Gesellschaft ist ein dynamisches, immer komplexer und abstrakter werdendes System. Lernfähigkeit ist zwar Menschennatur, aber die gesellschaftliche Entwicklung hat ein Tempo erreicht, mit dem immer weniger Menschen mithalten können. Immer mehr Menschen sind von Komplexität und Entfremdung überfordert. Der Konservativismus knüpft an vorkapitalistische Wertordnungen an, die als naturgegeben angesehen werden und im historischen Prozeß Halt geben, aber auch die Dissonanz des Unzeitgemäßen und Unvereinbaren erzeugen. Der Rückgriff auf die verblassenden traditionellen Werte, der konservative Ausstieg aus der Moderne wird jedoch immer schwieriger. Der Faschismus bietet dagegen eine Alternative in der Moderne an mit seiner „Lösung“ des Komplexitätsproblems. Die Entfremdung (Abstraktion) wird aufgehoben in der Scheinkonkretion einer in- und exkludierenden Identität, wie die Ambivalenzen einer offenen Gesellschaft in dieser strikten Binärordnung. Und eine strenge Autoritätshierarchie entlastet von der Verantwortlichkeit für die Entscheidungsebenen, die über der eigenen liegen. Natürlich ist auch ein Kapitalismus mit einem faschistischen Überbau nicht langfristig stabilisierbar, die bürgerlichen Antinomien sind nur verschoben, aber das merken die meisten, wenn es wirklich zu einem solchen Versuch kommt, viel zu spät.

So katastrophal diese antibürgerlichen Reaktionsbildungen auch sind, die Probleme, auf die sie antworten, müssen gelöst werden. Und können nur links, antikapitalistisch gelöst werden. Das ist die große Herausforderung einer weiterentwickelten Aufklärung.

RE: Das Radikale siegt immer | 19.07.2019 | 19:19

„Aber auch nie gelebt hat, sondern Zeit seines Lebens bei biederer Bürgerlichkeit verblieben ist.“ Na und? Führen wir nicht alle ein biederes Bürgerleben, mancher kleinbürgerlicher, mancher wie Adorno mit großbürgerlicher Attitüde. Seine Sehnsucht nach Amorbach freilich ….

Nein, ich erwarte von dem großen Theoretiker und Stichwortgeber nicht auch noch, daß er auf den Barrikaden turnt, so viel Arbeitsteilung darf sein.

„… dass es außerhalb der Linken nicht so fürchterlich viele Menschen gibt, die diese linke Eigenwahrnehmung bestätigen würden“, auch das ist mir egal, mein größeres Problem liegt darin, daß viele nicht nur in der Fremdwahrnehmung als sich falsch verortend gesehen werden, sondern daß sich viele zur Linken zählen, die es nach meinem Verständnis nicht sind. Dafür gibt es auch Linke, die nicht wissen, daß sie links sind. Ich möchte jedenfalls nur von Linken reden, für die meine obige Charakterisierung gilt. Und es stimmt leider, das sind erbärmlich wenige.

RE: Das Radikale siegt immer | 19.07.2019 | 14:20

Ich komme noch einmal auf meine kurze Bemerkung zurück. Es ist ja eine Tautologie, in einer sich polarisierenden Gesellschaft siegen immer mehr die Extremisten, in einer sich integrierenden herrscht der Drang zur Mitte. Adorno hatte eine sich verhärtende autoritäre Gesellschaft vor Augen, und als die Studenten rebellierten, sah Habermas, wahrscheinlich ein wenig auch Adorno (der die Polizei rief), im linken Extremismus vor allem das Spiegelbild des rechten. Ich halte das für einen groben Fehler. Tatsächlich überwiegt in unserer Gesellschaft immer noch die Integrationskraft und zwingt die Extremen, Kreide zu fressen. In unserer Gesellschaft wird ein progressiver Kurs von der Mitte mehr bedroht als von rechts, bei uns haben die Trumps noch keine Chancen. Ich vermute, daß die AfD wie der frühere FN sich auf die koalitionsfähige Mitte zubewegen. Die Linke steht anders als die Rechte vor dem Problem, daß sie für Frieden und Ausgleich steht, aber radikal dem Frieden der Mitte, dem Frieden von Ausbeutern und Ausgebeuteten, entgegentreten muß.

Abgesehen von dem erwähnten unsouveränen Verhalten stehe ich übrigens ganz auf Seiten von Adorno, der im Unterschied zu Habermas nie das radikale linke Denken aufgegeben bzw verwässert hat.

RE: Richtig austeilen | 19.07.2019 | 10:03

Augstein hat recht, viele Karikaturen sind bösartig, treten noch die Schwachen. Allerdings hat Lethe auch recht, es macht keinen Sinn, pc zu fordern, letztenendes von Menschen, die sich öffentlich äußern, zu fordern, daß sie sich immer auf die Seite der Schwachen stellen (und danach ihre Worte oder Zeichnungen wählen). Ich denke, unser Rechtssystem ist klüger, es fordert nur, gewisse Grenzen einzuhalten, Grenzen des erlaubt Sagbaren, Darstellbaren.

So soll man auch Rechte weitgehend sagen lassen, was sie sagen wollen. Es gibt die Grenze, und natürlich ist es ein Armutszeugnis, wenn man rassistischen oä Karikaturen im Sinne von Augstein nicht widerspricht. Ich fand es falsch, die Mohammed-Karikaturen wegzuzensieren, dem illiberalen Druck nachzugeben, aber es war auch erbärmlich affirmativ, antihuman, der bösartigen Seite der Zeichnungen nicht zu widersprechen. Und die künstlerisch höchste und politisch notwendigste Form der Karikatur ist die Selbstkarikatur.

RE: Das Radikale siegt immer | 19.07.2019 | 09:28

Adorno hatte noch eine ziemlich autoritäre Gesellschaft vor Augen. Somit dürfen wir mit Adorno hoffen, daß sich die Geschichte hier nicht als Farce wiederholt.

RE: Zukunft: KI, Umwelt und die Katastrophe. | 18.07.2019 | 19:40

„Den Einsatz von nuklearen Waffen im Verlauf des Kollaps des "Menschensystems" zu verhindern ...“ - warum sollten die zum Einsatz kommen? Es ist ein bißchen müßig, „was wäre, wenn“ zu spekulieren im Falle einer Singularität, denn das wäre es. Wenn, würde ich jedoch eher vermuten, man läßt die letzten Sektkorken knallen.

Aber nein, „meine alternative Entwicklung“ heißt Reversibilisierung oder zumindest asymptotische Stabilisierung. Die Toten gibt es ja schon lange (hat es in der Menschengeschichte immer gegeben). Eine vernünftige Organisation im Weltmaßstab kann durchaus die Opferzahlen hier und jetzt verringern. Und das auch, wenn das Klima sich noch eine zeitlang verschlechtert (das war mein Bild vom Riesentanker). Der ökologische Umbau der Wirtschaft stoppt die Exponentialität der Entwicklung, ich bezweifele nicht, daß der irgendwann konsequent in Angriff genommen wird. Dafür muß sich das System nicht fundamental ändern, die Herrschenden bleiben an der Macht. Erst ein sozialer (sozialrevolutionärer) Umbau würde den Schwachen helfen, das ermöglichen, was man sich seit der Aufklärung unter einer guten Gesellschaft vorstellt. Die ökologische Problematik kann jedoch zum Katalysator für einen fundamentalen Wandel der Gesellschaft werden, denn der Kapitalismus ist, wenn ich einige Wirtschaftsindikatoren richtig lese, unabhängig von der ökologischen Problematik ökonomisch ziemlich am Ende.

Ob das „solidarische Zusammenrücken der Menschheit“ wahrscheinlicher ist als eine weitere für wenige profitable Katastrophe für viele oder eine ungewollte Katastrophe für alle, weiß ich nicht, das kann niemand wissen. Ich bin Optimist, weil es viel ununterdrückbaren Widerstand gibt, und die Herrschenden schaffen es nicht mehr, sich auf eine hegemoniale Position zu einigen. In dem von Trump entfesselten Wirtschaftskrieg zeigt sich wie im Liebäugeln mit autoritären Modellen mE deutlich ein „rette sich, wer kann“.

RE: Zukunft: KI, Umwelt und die Katastrophe. | 18.07.2019 | 19:37

Welche „Theorie des Zusammenrottens“? Soll das die Übereinkunft sein, sich ökologisch auf den kleinsten Nenner zu verständigen, alle erst einmal zu retten? Der Individualismus ist der Kern der Ideologie unserer Gesellschaft, das notwendig falsche Bewußtsein der individuellen Selbstbestimmung. Er ist nicht das Ergebnis einer Manipulation (der Mächtigen), sondern ergibt sich aus der Funktionsweise des Systems (Marx hat das „das Sein bestimmt das Bewußtsein“ genannt). Diese Ideologie teilen die Machtlosen mit den Mächtigen, nur daß erstere glauben, die Mächtigen hindern sie an der Selbstbestimmung, während die letzteren sich in ihrer Scheinautonomie sonnen und die ersteren für zu blöd dafür halten, und die es nicht verdient haben, schließlich kann es jeder schaffen.

Es geht also, wenn es Befreiung sein soll, sicher nicht um das Einebnen von Individualität auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern um das Verständnis der substantiellen allgemeinmenschlichen Interessen, die freilich sich nicht auf die biologischen Basisbedürfnisse beschränken, sondern durch das zivilisatorische Niveau der Gesellschaft gegeben sind. Aber vielleicht habe ich Sie ja falsch verstanden. Dann bitte ich um Aufklärung.

Was Sie zur Hysterie, zu den „Wissenden“, zur Schwarmintelligenz sagen, kann ich unterschreiben. Allerdings kann uns die Schwarmintelligenz nicht retten.

Ja, den Übermenschen traue ich keine Lösung zu, denn sie suchen die Lösung an der falschen Stelle bzw auf die falsche Weise, und diese Lösung ist keine universelle, sondern nur der partikulare Vorteil. Aber den Konsumismus führe ich ja auch nicht auf eine heimtückische Manipulation zurück; der Hype, von dem ich sprach, kann selten rein manipulativ erzeugt werden, es ist eher so, daß die Manipulierbarkeit, oder, was dasselbe ist, die mangelnde Autonomie individueller Entscheidungen, von den Marktstrategen ausgenutzt wird. Daher also in beiden Fällen keine VT.