RE: Die NATO als Wert(e)gemeinschaft | 14.10.2019 | 11:33

Sachte, sachte, ich möchte kein invertiertes Schwarzweiß dagegen setzen, jedoch:

Die ideologische Perspektive, daß der gewünscht zusammenwachsende Westen seine Freiheit verteidigen müsse, ist nachvollziehbar. Aber die alleinige Weltmachtstellung der USA war früh erkennbar. Die Nato wurde als Bollwerk gegen den kommunistischen Osten gegründet, dh im Bewußtsein des Kalten Kriegs. Ich sagte „seit langem, wenn nicht ...“. Da gab es sicher einige, die den Kalten Krieg als vom Osten aufgezwungen empfanden, aber die Defensivperspektive wurde immer mehr zur Heuchelei. Die Amerikaner brauchten Europa nicht zur Selbstverteidigung, die Nato war das Instrument, in Europa den Vasallenstatus zu zementieren. Und Europa fand immer mehr Gefallen an der Fassade der schönen Neuen Welt des Konsumparadieses und des Horts der Freiheit. Kalter Krieg ist die wachsende Konfrontation mit dem Osten, die Polarisierung des Denkens, des die Diplomatie verdrängende Militarismus. Die ersten nichtkaltekriegerischen deutschen Politiker in höchsten Ämtern waren Heinemann und Brandt mit seiner neuen Ostpolitik. Das war aber ein kurzes 68-er Intermezzo, eine kurze Zeit der Entspannung weltweit (die zurecht erwähnte OSZE). Danach fand man zurück zur Machtpolitik, zur kaltekriegerischen Schwarzweißpolitik. Die Weigerung des alten Europa, im Irak mitzumarschieren, war halbherzig. Lafontaine hat als Rufer in der Wüste „raus aus der Nato“ gefordert, den Anspruch auf eine friedenswillige Politik formuliert, die nicht mit der Nato vereinbar ist. Die Idee, man könne mit Militär, unter militärischer Führung Frieden machen, ist ziemlich illusionär, Leute wie Kujat sind seltene Ausnahmen.

RE: Die NATO als Wert(e)gemeinschaft | 13.10.2019 | 23:57

Die Nato ist seit langem, wenn nicht von Anbeginn eine Veranstaltung von Militaristen und kalten Kriegern. Es freut mich, daß bei Ihnen endlich der Groschen fällt (vielleicht ist er schon früher gefallen und ich habe es nicht bemerkt) und so kann ich erstaunt Ihrem Beitrag voll zustimmen. Hoffnung auf eine europäische Friedenspolitik ist derzeit illusionär, die müßte von einer breiten pazifistischen Öffentlichkeit gegen die Herrschenden durchgesetzt werden. Unser oberster Diplomat bspw ist selbst eine Kaltekriegermarionette.

RE: „Nie wieder“ – ein Lippenbekenntnis | 13.10.2019 | 18:26

Massenmorde gab es bislang vielfach unter religiös-kultureller Ausrichtung, die Verirrung linker Haßattacken ist zum Glück wohl Vergangenheit. Daß die christliche Religion besonders negativ auffallen würde, kann man glaube ich nicht sagen, aber religiöse Identität ist oft ein Haßkatalysator. Allerdings dürfte das Haßproblem am größten sein bei denen, die einer autoritären Ordnung bedürfen, aber die religiöse Bindung verloren haben. Die Faschisten berufen sich auf Religion, haben dabei aber ein rein instrumentelles Interesse, sind unfreiwillige, manchmal zynische Nihilisten.

RE: „Nie wieder“ – ein Lippenbekenntnis | 13.10.2019 | 18:25

„Wo bitte geschieht denn das?“ Da, wo man ausgerechnet diesen Einzelfall, der sich in eine Reihe zahlreicher, überwiegend nicht Juden betreffender Einzelfälle einreihen läßt, als Menetekel an die Wand malt, auf ihn in einer besonders hysterische Weise reagiert. (Eine säkulare Jüdin fühlt sich nun massiv bedroht, ja fühlte sie sich bisher denn nachts als Frau allein in der Ubahn weniger massiv bedroht? Dann hat sie eine falsche Wahrnehmung.) Man hätte schon viel früher auf ähnliche Fälle von Haßangriffen reagieren sollen, man sollte endlich irgendwann beginnen, das Problem einer sich in Haß steigernden Gesellschaft nüchtern zu analysieren, ohne ihm mit plakativen Beschwörungsformeln und politischem Scheinaktivismus auszuweichen. Das wohlfeile Stereotyp des Antisemitismusvorwurfs ist kontraproduktiv.

Von Israel habe ich überhaupt nicht gesprochen, das ist Ihre Projektion. Für einen Philosemiten ist es wohl schwierig, den hohen moralischen Anspruch mit der israelischen Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen, da greift man gerne zur Antisemitismuskeule und braucht nicht mehr nachzudenken.

RE: So alt wie die Demokratie selbst | 13.10.2019 | 18:21

Daß „mühe-volle arbeit/innovatives wirtschaften“ des VW-Konzerns, des deutschen Vorzeigeunternehmens, und anderer im Dieselskandal zunächst ihren Lohn bekam, ist, wenn Konsens, dann schlechter Konsens. Innovatives Profiterwirtschaften war es sicherlich, und es hat einen Profitlohn gebracht, selbst im Nachhinein sind Manager fürstlich abgefunden worden. Und die andere Seite betreffend, Marx hat uns doch gelehrt, daß Lohnarbeit von Übel. Ich sage ja nichts dagegen, Arbeit zusätzlich zu belohnen, aber erstens haben alle, auch die notorischen Faulenzer, ein Recht auf Leben, und wenn wir uns leisten und leisten können müssen, von Geburt an Behinderten, die keine effiziente Arbeitsleistung erbringen können, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, warum dann nicht auch den wenigen Abweichenden, die man als krank oder fehlorientiert ansehen muß, für die Arbeit nicht auch ein Lebensbedürfnis ist. Dagegen kann man nur mit dem Ammenmärchen zu Felde ziehen, daß die Menschen ohne Lohnarbeit=Zwangsarbeit keinen Strich tun würden, was von der Wissenschaft und aus offensichtlicher Alltagserfahrung als widerlegt gelten kann. Die Funktion dieser Märchenerzählung ist die Legitimierung des Arbeitszwangssystems.

Es gab und gibt Unternehmer, Kapitalisten, die sich dafür interessieren, wirklich nützliche, dem allgemeinen Wohl zugute kommende Produkte zu entwickeln und auf den Markt zu bringen, aber das sind die Ausnahmen, ständig von wirtschaftlicher Bestrafung bedroht, wer nicht genug Profit erwirtschaftet, geht unter.

Und Venezuela ist ein Beispiel dafür, daß Korruption und Chaos von der herrschenden Klasse ins Unerträgliche getrieben wird, wenn man ihr die normale Korruption nicht gönnt.

RE: So alt wie die Demokratie selbst | 13.10.2019 | 12:04

Ja, allerdings ist Profiterwirtschaften korrektes Systemhandeln und systemische, als gerechter Tausch erscheinende Korruption.

RE: So alt wie die Demokratie selbst | 13.10.2019 | 11:56

Das ist genau der Grund, warum die Idee der Demokratie(sierung) der Gesellschaft nicht ausreicht.

RE: „Nie wieder“ – ein Lippenbekenntnis | 13.10.2019 | 11:50

Den Vorkommentaren von Freitag20, Mika B, Heinz Lambarth und vielen anderen kann ich weitgehend zustimmen. Der existierende Antisemitismus, über dessen Fortbestand nach dem Weltkrieg man nüchtern nachdenken müßte, ist natürlich der Grund dafür, daß ein Haß und die haßabführende mörderische Tat sich bevorzugt auf Juden richten kann, wie die Angst vor Veränderungen und besonders Fremden diese als legitimes Ziel des Hasses erscheinen läßt. Aber das relevantere Problem ist der gesellschaftlich ansteigende Haßlevel, nicht der Antisemitismus. Da gibt es in der Welt und auch in Deutschland virulentere Feindbilder. Die Zahl anderer Haßopfer, seien es Muslime, Migranten, Ausländer, Linke und hauptsächlich völlig unbeteiligter Zivilisten (sozusagen Kollateralschäden der Haßattacken) ist größer, und die Juden Deutschlands und die empörten Moralisten tun sich keinen Gefallen damit, die jüdischen Opfer so hervorzuheben, als sei ein jüdisches Leben mehr wert als ein nichtjüdisches. Das ist ein falsches, dummes Signal. Diese Hysterisierung konterkariert jede effektive Maßnahme gegen die Haßakkumulation.

RE: So alt wie die Demokratie selbst | 13.10.2019 | 10:51

Das ist ein Fall der Dialektik von Innenwelt und Außenwelt. Soziale Systeme werden von Menschen gemacht, aber sie stabilisieren sich durch Mechanismen, die sich dem bewußten Zugriff der Subjekte entziehen, von selbst funktionieren. Religionen sind zB solche Denksysteme. Der Kapitalismus nun ist das System schlechthin. Er funktioniert nach der Kapitallogik, die selbst den Kapitalisten vorschreibt, was sie zu tun haben. Er ist ein Ausbeutungssystem mit wenigen extremen Nutznießern, aber ohne wirklich souveräne Herrscher. Daher kommt dieses Herrschaftssystem mit sehr wenig Gewalteinsatz zu seiner Erhaltung aus.

Korruption bzw Korrumpierbarkeit ist in der Natur des Menschen angelegt, fußt auf seinem natürlichen organismischen Egoismus. Aber die Systeme haben Einfluß auf die Ausprägung, Performanz dieser Anlage. Der Kapitalismus sozialisiert die Menschen zu Egoisten, wie das Aufwachsen in einer mafiösen Gesellschaft zum Mafioso sozialisiert. Der Einzelne kann sich davon befreien, aber erst wenn genügend Bewußtsein über diese Verhältnisse vorhanden ist und man unter ihnen genug leidet, können die Systeme erfolgreich überwunden werden.

Wir haben es also bei der Korruption mit individueller und mit systemischer Korruption zu tun, die in einem dialektischen Interdependenzverhältnis stehen. Moralismus gegen die individuelle Korruption bringt nichts, greift zu kurz. Aber ohne die Selbsterkenntnis, daß man auch individuell das System stützt, wird sich das System nicht aushebeln lassen.

In diesem Sinn kann man den Vorschlag der E/XR-Bewegung für ein Lossystem verstehen, das Lossystem ist gewissermaßen in der Korruptionsfrage systemneutral, es fördert nicht, dämpft aber auch nicht den status quo der inneren Einstellung zur Korruption, es ersetzt nur die systemische Förderung.

RE: So alt wie die Demokratie selbst | 12.10.2019 | 23:50

Genau das könnte, sollte organisiert werden, ein Tag des Schienennahverkehrs.