RE: Globale Entwicklungen, die Hoffnung geben. | 06.08.2020 | 22:31

Wenn nur die alten Herren durch neue ersetzt werden, wenn die alten ihre Kleidung wechseln können, ohne ihre Denk- und Verhaltensgewohnheiten, dann war die Revolution keine Revolution. Und selbstverständlich gibt es mehr Pseudorevolutionen als echte.

RE: Globale Entwicklungen, die Hoffnung geben. | 06.08.2020 | 19:14

Dem stimme ich zu. Man darf erwarten, daß der zerfallende alte Konsens ein Vakuum hinterläßt, das sich mit einem neuen Konsens, der sich in Opposition zum alten bildet, füllen wird. Ich würde sogar unterstellen, daß der neue in nuce schon da und Mitursache ist, wenn der alte zu bröckeln beginnt.

Und @ Knossos: Wenn der neue Konsens eine kritische Masse erreicht hat, werden die Vertreter des alten das sinkende Schiff zu verlassen suchen, dh nach einem Platz für sich im Neuen. Dann wäre die Revolution ohne größere Destruktion gewonnen.

RE: „Corona hat uns sanft gemacht“ | 05.08.2020 | 19:14

„profit in arbeitslohn umwandeln“? - Nein, mein Argument war: in der bestehenden Gesellschaftsordnung bedeutet weniger arbeiten weniger Wert schaffen; unter der Voraussetzung, daß der Wert realisiert werden kann (sich ein Käufer findet), schafft weniger Arbeit weniger Wert. Wenn dann der Arbeiter trotz weniger Arbeit den gleichen Lohn erhalten soll, muß der Profit geschmälert werden. Anzunehmen, daß das ohne Revolution machbar ist, ist eine kindliche Vorstellung, so wie die Sloterdijksche von den freiwillig steuerzahlenden Reichen.

Profit ist Mehrwert, weder die Preisdifferenz aus eingesetztem zu am Markt realisiertem Kapital, noch ein Gewinn aus Verfügungsgewalt über Eigentum. Da die Marxsche Definition bekannt ist, wundert es mich, hier auf sie verweisen zu müssen. Der Profit generiert sich über die Tatsache, daß der Arbeiter nicht den Wert seiner Arbeit in einem äquivalenten Arbeitslohn entlohnt bekommt, sondern einem um den Profit gekürzten. Im Basisverhältnis des Kapitalismus werden nicht Äquivalente getauscht. Und auch am Markt werden nicht Äquivalente getauscht, sondern Preise ausgehandelt. Auch das ist nicht symmetrisch, weil iA die Marktmacht der Anbieter größer ist als die der Nachfrager. Diese Ungerechtigkeit ist allerdings von nachrangiger Bedeutung.

RE: Westöstliche Logik | 05.08.2020 | 14:50

So kann ich dem Buddhismus viel abgewinnen. Nur bin ich überzeugt, daß man die radikale Selbstdistanzierung (wenn ich das einmal als die Leere anspreche) in der Vernunft selbst finden kann, nicht den meditativen buddhistischen Weg benötigt (vielleicht erleichtert er die Einsicht). Was immer der Buddhismus an Wahrheit findet, die Wahrheit ist nicht buddhistisch, daher ist sie nicht exklusiv vom Buddhismus erreichbar.

RE: Globale Entwicklungen, die Hoffnung geben. | 05.08.2020 | 12:45

Ja, da solltest Du ein Beispiel geben (immer größere Schritte 5-4), hauptsächlich für die dritte Welt. Ich habe mich bei Deinem Blog über die Zustände in der 3. Welt ganz schön gegruselt. Wir haben hier schon zu reagieren gelernt, die Fische schwimmen wieder im Rhein. Das Problem ist, daß die verrückte kapitalistische Zukunft für die intellektuelle Anpassungsfähigkeit des menschlichen Denkens viel zu schnell über die Menschen dieser 3. Welt hereingebrochen bzw ihnen überstülpt worden ist. Daher läuft es total aus dem Ruder. Ich würde es sehr begrüßen, wenn man Bolzonaro alle Unterstützung entzieht und Hilfe für die Amazonasbewohner organisiert, das wäre die responsibility to protect, die man sonst widersinnig in Kriege steckt.

RE: Globale Entwicklungen, die Hoffnung geben. | 05.08.2020 | 12:22

Sie haben mich leider gründlich mißverstanden. Ich habe gegenüber Biene eine optimistischere Sicht empfohlen, insofern Sie etwas verteidigt. Verworfen habe ich gleichermaßen einen radikalen Pessimismus wie einen radikalen Optimismus, was ich beides als dumm bezeichnet habe, aber das unterstelle ich weder auf der einen Seite Biene noch auf der anderen Ihnen. Allerdings halte ich die Lage für so ernst, daß es ohne eine strukturelle Revolution nicht gehen wird. Nirgendwo spreche ich mich für Gewalt jenseits von Notwehr aus, ich bin radikaler Pazifist und betrachte den Bürgerkrieg ebenfalls als eine Katastrophe.

RE: Globale Entwicklungen, die Hoffnung geben. | 05.08.2020 | 10:51

Pessimismus, wenn er strategisch eingesetzt wird, um aufzurütteln, und wenn er die Möglichkeiten der worst cases ins Bewußtsein bringen will, ist gerechtfertigt. Wenn er nur das Denken verengende Schwarzmalerei ist, geht er in Verbohrtheit und Dummheit über. Das gleiche gilt für einen erfahrungsresistenten Optimismus, der dem Gesundbeten und der Schönfärberei verfällt.

Die partielle Selbstdestruktivität der Menschenart ist eine Tatsache. Die Selbstdezimierung ist ein worst case. Man darf sie aber nicht als alternativlos darstellen. Umgekehrt ist die Haltung „es wird schon gutgehen“ nicht weniger dämlich, pardon menschendumm.

Spätestens seit der Aufklärung kursieren seltsame Allmachtsphantasien, aber wissen wir auch, was wir uns unter einem guten Leben vorstellen dürfen. Es ist die Schwäche der menschlichen Intelligenz, auch eine Nachgeordnetheit der Kognition in der Verhaltenssteuerung, mancher wird darin sogar eine tierische/biologische Vernunft walten sehen, daß sich das richtige(re) Denken nur sehr mühsam und langsam durchsetzen kann – so werden kognitive Fehlschlüsse unterbunden. Also ja, es braucht sehr lange, wahrscheinlich mindestens einen kompletten Generationenwechsel, bis wir ein falsches Verhalten korrigieren können. Der „Club of Rome“ hat die Menschen geschockt, aber nicht ihr Verhalten geändert, nur wenige haben die Notwendigkeit erkannt, das Denken zu ändern. Heute ist dieses andere Denken schon bei einer großen Zahl, wenn nicht der Mehrheit angekommen. Je näher die Gefahr kommt, desto bereiter sind die Menschen für ein Umsteuern. Also: die Hoffnung nicht verlieren. Daß die sanftesten Transformationen schon nicht mehr möglich sind, muß man akzeptieren.

Wenn Politik die Kunst des Möglichen ist, ist Politik noch möglich. Und hauptsächlich ist die Verbesserung der Einsicht in die reale Lage möglich (die eine revolutionäre Umgestaltung verlangt). Es gibt viel zu tun.

RE: „Corona hat uns sanft gemacht“ | 05.08.2020 | 01:17

„Keinesfalls ist jedoch bereits ausgemacht, dass weniger Arbeit bei gleichen Bezügen nicht gut möglich ist.“

Selbstverständlich geht das, aber nicht in der kapitalistischen Gesellschaft, nur wenn man Profit in Arbeitslohn verwandelt. Ich habe die Blauäugigkeit kritisiert, zu sagen, dann arbeiten die Leute einfach weniger und bekommen das gleiche Geld.

RE: Westöstliche Logik | 04.08.2020 | 14:10

Das ist richtig: aller subjektiver Wahrheit ist ein Moment der Autosuggestion inne, sogar der objektiven Wahrheit, denn obwohl jeder Naturwissenschaftler weiß, daß es keine absolute Wahrheit gibt, ist er geneigt, die eigene objektive, dh scheinbar sicher nicht falsifizierbare, für sicher zu halten. Trotzdem gibt es gewaltige Unterschiede. Und wer seine subjektiven Wahrheiten als solche kennt, wird sie nicht absolut setzen, ihre relative Hypothetisierung, die anerkannte Bedingtheit dieses Wissens kann man nicht mehr als Autosuggestion bezeichnen. Den Buddhismus habe ich so verstanden, daß er seine tiefe Erfahrung der Leere eben nicht als bedingt, also als subjektive Wahrheit sieht, sondern absolut setzt, oder sehe ich das falsch?

RE: Westöstliche Logik | 04.08.2020 | 12:11

Das ist aber der Punkt: die Erfahrung leugne ich doch gar nicht, ich bestreite ihre Interpretation. Ich glaube gerne, daß ich unter Anleitung oder Meditation eine ähnliche oder gleiche Erfahrung machen würde, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß ich sie in der gleichen buddhistischen Weise oder ähnlich deuten würde. Es bleibt die Frage, wie diese Erfahrung zu deuten ist, als tiefe Wahrheit oder als Autosuggestion (daß eine solche Autosuggestion möglich ist, ist ja selbst eine Wahrheit).