RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 21.09.2018 | 17:37

Aber sicher. Das Pikante: Hegel kommt hier dem sog. gesunden Menschenverstand verdammt nahe. Wenn das nicht Dialektik ist.

RE: Hic Salta | 21.09.2018 | 14:26

Der hier zahlreich vertretenen Ansicht, daß die Parteien im Machtsumpf verkommen sind, und die SPD kaum noch zu linker Politik zu gebrauchen ist, möchte ich nicht widersprechen. Aber das Ausmaß der Dummheit ist dann doch noch überraschend.

Was wir hier erlebt haben, ist ein bemerkenswertes Schmierentheater. Vielleicht war das Verhalten von Maaßen ja gerade noch akzeptabel, wahrscheinlich nicht, man hätte sich um Klärung, mindestens eine gewisse Transparenz bemühen sollen. Aber hier geht es nicht um eine objektive Bewertung, sondern um Parteipolitik. Die SPD ist zum Bedauern vieler Linker in einer falschen, unbequemen Koalition (man sollte sich nichts vormachen, mit Zustimmung der Mehrhit der verbliebenen Anhänger). Koalitionen erfordern Kompromisse, die hätten in einer unspektakulären Versetzung auf einen niederen Posten (ein gesichtswahrendes Abstellgleis) oder in einer von der einen Seite zähneknirschenden, von Bedenken begleiteten Akzeptanz von Maaßen im Amt (um des lieben Friedens willen) bestehen können, die nun praktizierte Formel ist jedoch so absurd wie das Fehlverhalten der Konzerne im Dieselskandal. Die SPD hätte wohl ohne Koalitionsbruch keine Versetzung erreichen können, aber sicher eine Einigung, bei der mindestens das Verhalten Maaßens einseitig problematisiert wird. Und die CDU hätte sich mit der Abwendung in ihren Augen schlimmerer Konsequenzen durchgesetzt und hätte daher den Widerspruch der SPD hingenommen. Stattdessen fällt der Beamte die Karriereleiter hinauf. Ich vermute, außer der AfD gefällt nicht einmal der Mehrheit der CSU-Wähler, welch verheerendes, die Politik- und Parteienverdrossenheit förderndes Beispiel man hier gibt. Man muß nur weit genug oben stehen, dann ist man too big to fail, dann werden Fehler auch noch belohnt. Haben die führenden SPD-Funktionäre, die das mittragen, vielleicht genau diese Perspektive im Sinn? Für die Partei ist es ruinös.

RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 21.09.2018 | 12:56

Na, darauf können wir uns einigen. Wir denken und argumentieren in Modellen. Und alles, was wir in diesem Rahmen für notwendig und erkannt halten, kann anders sein. Aber, das von uns Erkannte ist immer ein gedachtes Erkanntes, und auch, was wir für fragwürdig (kontingent) halten, ist immer ein gedachtes Fragwürdiges (Kontingentes). Und, wie sagte schon Hegel zu Kants Ding-an-sich, die Furcht zu irren ist der Irrtum selbst.

RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 21.09.2018 | 11:39

Siehe Vorkommentar an dos.

Ich gebe gern zu, daß in der menschlichen Nahperspektive, die sehr selektiv ist, der Eindruck strenger Kausalität sich aufdrängt, während in der Fernperspektive (der umfallende chinesische Reissack) die Ereignisse als kontingent erscheinen. Natürlich ist beides falsch. Aber Wissenschaft, insbesondere die Naturwissenschaft, türmt Systeme der Notwendigkeit auf, daß sie auf Kontingenz stößt, bestreite ich doch nicht. Also verstehe ich nicht, wieso man Kontingenz zur Grundlage der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissenschaft machen will.

RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 21.09.2018 | 11:25

<Sieht so aus als vermischten/verwechselten Sie statistische Physik u. ä. (Superposition, Hamilton-Op.) mit der epistemischen Deutung/Dimension der Modallogik (unbestimmt, weiß nicht, un/gewiss usw.).>

Wieso das? Habe ich nicht betont, daß wahrscheinlichkeitstheoretische Aussagen, Superpositionen keine Kontingenz sind. Nur betrachte ich Kontingenz auch nicht bloß als Nichtwissen, also eine Aussage, von der ich nicht entscheiden kann, ob sie wahr oder falsch ist. Ich habe mir gestattet, in diesem Fall von einer subjektiven Kontingenz zu reden. Relevant finde ich das, weil die Wissenschaft sich weniger für die extensionale Bestimmtheit der Welt und mehr für die Zusammenhänge, dh vorwiegend kausalen, aber auch zB systemtheoretischen Beziehungen interessiert. Und diese Zusammenhänge werden von Kontingenz eingeschränkt. Wie Lethe sagt, wenn sich eine Ereigniskette verzweigt (ohne daß die Verzweigung auf eine statistische Auffächerung zurückgeht).

Nun spielt zweifellos in der Quantenwelt unser Wissen der Zustände eine große Rolle. Daher kommt auch eine andere als die klassische wahrheitsfunktionale Logik ins Spiel. Die Modallogik arbeitet mit drei oder noch mehr Modi, neben w und f mindestens mit u oder, wie Sie schreiben, mit ◊p. Man kann w, f, u definieren durch die Äquivalenzen avﬧa. a˄ﬧa, ◊p˄◊ﬧp, ich schrieb semantisch u˄ﬧu. Die Modallogik ist die Aussagenlogik mit mehr als zwei Wahrheitswerten, dh die Lehre von dem korrekten Schließen auch mit Aussagen, deren Wert unbekannt ist (die Anwendung einer modalen Prädikatenlogik in der Wissenschaft ist mir nicht bekannt, aber ich lasse mich da gerne aufklären). Wie gesagt, man kann sich darauf beschränken, aber das beschreibt dann nur einen ganz kleinen Teil der Naturwissenschaften, der überwältigende Teil arbeitet mit der klassischen Aussagen- und Prädikatenlogik. Meine Kritik galt Lethes kontingenzbasiertem Weltbild, er redet von teilkausal und gewissermaßen vollkontingent. Das kehrt für mich die tatsächlichen Verhältnisse um. Selbst da, wo die Kontingenz als Freiheit am größten ist, in der menschlichen Unordnung, ist die Ordnung, sind die Formen von Kausalität noch erdrückend oder entlastend, wie man will.

<Siehe auch die kontingente Rollen-/Arbeits-Teilung bei klonierten/parthogenen Ameisen ab dem Zusammenleben von 6 Individuen/Identitäten, die stets DIESELBEN Lebensbedingungen hatten>

Dies ist ein Fall systemtheoretischer, keiner mechanischen Notwendigkeit. Im Fall von Selbstorganisation kann man meistens Gründe angeben, warum sich ein Ensemble so differenziert und organisiert, wie es das tut. Wie kann man da von Kontingenz sprechen? Und was daran kontingent ist, ist kaum von wissenschaftlichem Interesse.

RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 20.09.2018 | 18:24

Was hat denn nun der Kontingenzbegriff mit Modallogik zu tun? Die verwendet in ihrer üblichsten Form den Wahrheitswert u für „weiß nicht“, „unbestimmt“. Nicht aber für „Superposition“, also nicht für „zugleich w und f“, sondern nur für „w џ (aut) f“, das ausschließende oder. Der unbestimmte Wahrheitswert wird durch die Negation auf sich selbst abgebildet, es gilt u↔u˄רu.

Wenn es nicht um den subjektiven Kontingenzbegriff geht (die fehlende Kenntnis des Wahrheitswerts einer Aussage A, also das Wissen um A), dann meint man doch wohl mit Kontingenz entweder, daß A nicht zwingend aus irgendetwas gefolgert werden kann (und ebensowenig ﬧA). Oder Kontingenz bezeichnet die Tatsache, daß es für A keinen Grund (= gesetzmäßigen Zusammenhang) gibt. Vielleicht fehlt Dir diese Bedeutungsvariante. Objektive Kontingenz ist demnach reine Zufälligkeit oder reine Grundlosigkeit. Statistische Zufälligkeit bezeichnet man nach meiner Kenntnis nicht mit Kontingenz. Wenn dieser Sprachgebrauch richtig ist, beschäftigt sich die Wissenschaft in erster Linie mit dem Gesetzmäßigen, Notwendigen, in zweiter Linie mit der Feststellung von kontingentem Sein, das ist unbefriedigend (hauptsächlich, wie ich schon sagte, weil man immer hofft, doch noch Zusammenhänge zu finden), aber unvermeidlich.

In der Quantenwelt hat die Quantenlogik, der Zustandskalkül seinen Platz, ohne daß man sagen könnte, hier herrsche nur Kontingenz. Und daß die restliche Physik sich praktikabel mit der Quantenphysik beschreiben läßt, scheint mir doch äußerst zweifelhaft. Der Hamiltonoperator ist ein Konstrukt, Quanten- und klassische Welt kompatibel zu machen. Klassische Logik und Mathematik werden uns als Grundlage unserer Erkenntnis der Welt erhalten bleiben (die aristotelische Ahnengalerie).

RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 20.09.2018 | 13:08

Nein, ich teile nicht diesen subjektiven Begriff der Kontingenz. Selbstverständlich sind in allen Weltpunkten (x,t) eine riesige Menge von Zuständen Z(x,t) möglich, und wir können kein exaktes vorausschauendes Wissen solcher zukünftiger Zustände Z‘(x,t‘) haben, weil wir keine Kenntnisse aller Randbedingungen bzw. der exakten Vorzustände haben. Insofern ist die Welt W(x,t) nicht voraussehbar, unser Wissen von der Welt beschränkt sich auf den winzigen Teil, der in diesem Moment gemessen wird. Das ist eine verschwindend kleine Kenntnismenge und man kann sagen, für uns, im Hinblick auf unser Wissen ist die Welt kontingent. Objektiv sieht die Sache anders aus, unsere Mesowelt ist mechanisch betrachtet völlig determiniert und ideell durch das Hamilton-Gleichungssystem vollkommen bestimmt. Was passiert, passiert mit absoluter Notwendigkeit. Also subjektiv praktisch absolute Kontingenz, objektiv absoluter Determinismus. Natürlich sind solche Allbegriffe sinnlos, sie machen den Zusammenhang von Wissen und Sein aporetisch. Und bei genauerem Hinschauen sind sie ja auch falsch. Wenn die Welt voll determiniert oder voll kontingent wäre, gäbe es kein Bewußtsein der Welt.

Ich kann ein Experiment machen, bei dem ich weitgehend Herr der Randbedingungen bin, und kann den Folgezustand fast exakt voraussagen. Und die Welt ist umgekehrt kein vollständiger Determinismus, es gibt die schwache Kontingenz, bei der der Einzelfall zufällig, aber die Summe aller Einzelfälle in einer statistischen Verteilung determiniert ist, und es gibt den reinen Zufall. Das physikalische Universum ist schließlich durch die Entropie bestimmt, vereinfacht gesagt (weil die Welt sich 4-dimensional mit einer nicht linear unabhängigen Zeit realisiert), W(-,t) ist in einem bestimmten Gesamtordnungszustand (mit zunehmender Entropie). Lokal gesehen nimmt die Entropie ab, daher kann unser Wissen (von der Ordnung der Welt) zunehmen.

Im Falle von Naturkonstanten können wir Kontingenz vermuten, unser Wissen kann manchmal die Kontingenz auflösen, indem wir die systematische Notwendigkeit der Konstanten erkennen. Das ist dann ein Beispiel, daß sich subjektive Kontingenz aufhebt.

<… unschärfegetrieben am laufenden Band Sets von Eigenschaften produziert; irgendwann ist dann auch ein Set konsistenter Eigenschaften dabei, der eine Raumzeit etablieren kann, einfach so, ohne Notwendigkeit, dass das so sein müsste, nur als Folge des Umstandes, dass über einen quasi-unendlichen Zeitraum mit quasi-unendlich viele Permutationen, irgendwann auch ein stabiles Set dabei sein wird.>

Das ist erst einmal das Glaubensbekenntnis einer kleinen Gruppe von Physikern. Aber es betrifft auch überhaupt nicht unser Thema, denn die uns nur schwer zugänglichen Mikro- und Makroebenen der Welt sind von uns nur hypothetisch erfaßt, natürlich wissen wir nicht, ob wir zu einer toe gelangen, das wäre dann ein theoretisch erfaßter Determinismus der Gesamtwelt, dessen Beitrag zu der uns einsichtigeren Welt mittlerer Größe gering sein dürfte. Er wird unsere Kausalität nicht auf den Kopf stellen.

RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 20.09.2018 | 11:06

Dann sind wir Atheisten wohl von Feinheiten abgesehen in kosmologischer Hinsicht keine Juden oder Griechen, sondern Buddhisten (bzw Inder, als indogermanische Sprachethnie sind wir das ja ohnehin). Ganz so möchte ich das dann doch nicht sagen. Denn die Griechen haben uns mit fast allen Möglichkeiten, die Welt zu denken, versorgt. Und haben uns auf den Weg der diskursiven Kognition gebracht. Damit haben sie uns aus dem Paradies vertrieben, aber wir leben (und sterben) jetzt im eigenen Haus.

RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 20.09.2018 | 00:00

Ja, mit „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist gemeint: Ich weiß, daß ich vieles weiß, daß ich mich in manchem irre, daß ich von vielem weiß, daß ich es nicht weiß, daß es vieles gibt, von dem ich nicht mal weiß, daß ich es nicht weiß, und schließlich darin das enthalten ist, was ich nie wissen kann. Und auch umso mehr ich weiß, an dieser Aussage wird sich prinzipiell nichts ändern.

RE: Gegenbewegungen zur Entropie | 19.09.2018 | 17:58

Aufklärung = das Kollektiv der ziemlich plötzlich die alten Gewißheiten und Institutionen infragestellenden, auf Wissenschaft statt religiöse Verkündigung setzenden Aufklärer. Wie kann man im akzeptierten Dunkeln, Trüben mündig sein?

Kontingenz = Indeterminiertheit. Ereignisse in der chemophysikalischen Welt sind mit verschwindend wenigen Ausnahmen völlig determiniert. Das Verstehen der Welt ist die Einsicht in die Notwendigkeiten und Kontingenzen der Welt. Dieses Verstehen ist nie ein endgültiges, abgeschlossenes Verstehen, das Kontingente kann sich als notwendig, das Notwendige als falsche Verallgemeinerung herausstellen. Ein vernünftiger Mensch hält sich nicht für allwissend und Allwissenheit überhaupt für unerreichbar. Daher wird er immer auch skeptisch hinsichtlich seines Wissens sein. Man kann aber den Zweifel übertreiben. Dann verläßt man den Boden der Realität. Der Gegenbegriff zum Skeptiker wäre der Affirmatiker, der sich seiner Einsichten (zu) sicher ist. Man kann auch die Gewißheiten übertreiben. Vernünftig ist der Realismus, der ein angemessenes Maß an Skepsis wie ein angemessenes Maß an Vertrauen in seine Einsichten hat. Ich bezeichne also, und das scheint mir sinnvoll, jemanden als Skeptiker, der über ein realistisches Maß hinaus skeptisch ist. Dementsprechend ist ein kontingenzbasiertes Weltbild Merkmal eines Skeptikers. Denn ohne Kontingenz leugnen zu wollen muß man sich doch eher über das Ausmaß der Notwendigkeit, der deterministischen Bestimmtheit der Welt wundern, aus der die Möglichkeit des Verstehens der Welt folgt. Und ich bin mir nicht sicher, daß das nicht auch für die Mikrowelt gilt. Darüber wissen wir allerdings noch zu wenig.

Der Willkommensgruß im Hegeluniversum war Ironie.