RE: Was ist Kommunismus | 20.11.2018 | 11:34

Chomsky hat recht, daß wir „gegen die Herren der Menschheit aufstehen müssen“. Aber er liefert nicht die „zeitlose Definition von Kommunismus“, sondern präzise den Kampfbegriff, der lange Zeit ein Tabuwort war, der Leute, die absolut nichts vom Kommunismus verstehen, für die Kommunismus der horror vacui des entleerten Bankkontos ist, das Loch, in das sie fallen, wenn ihnen das, was sie ausmacht, genommen wird.

RE: Antizyklisch | 20.11.2018 | 00:41

Nach meinem Verständnis nennt man antizyklisch ein Verhalten, das kontraintuitiv das Gegenteil des Erwarteten tut, um einen Gleichgewichtszustand wiederherzustellen. Nun hatte ich Sie so verstanden, daß das Zukunftsmodell Freitag sich zum Auslaufmodell entwickelt hat, und zwar dadurch, daß der Pluralismus einem homogenen Mantra der Communarden gewichen ist, das die Krise des Freitag perpetuiert. Antizyklisch den Freitag wieder auf Erfolgsspur zu bringen, wäre dann doch gerade nicht mehr zu Kommentieren, was in der Blase bleibt, niemand außerhalb lesen will. Allerdings ist die antizyklische Meinungsäußerung auch total sinnwidrig, wie das Ziel, eine Zeitung maximaler Auflage zu kreieren. Da habe ich dann angemerkt, daß das am besten in den sozialen Medien geht, in den hysterischen Kampagnen, wo jeder was dazu zu sagen hat. So gesehen verstehe ich nicht nur Ihre zwei Schlußsätze nicht.

RE: Vorsätzlich beschädigt | 19.11.2018 | 14:46

Gegen einen regime change, der eine erblühende Landschaft hinterläßt, hätte ich ja gar nichts einzuwenden. Von wem wurde das angestrebt, von wem auch nur im Ansatz erreicht? Wenn man mal Afghanistan und Syrien vergleicht: der Westen hat den Bürgerkrieg nicht beendet, sondern in einen Dauerzustand überführt. Putin scheint schlauer zu sein, scheint seine Lektion in Afghanistan gelernt zu haben, sie nicht in Syrien wiederholen zu wollen. Wenn nicht, wird er wie die Amerikaner scheitern.

RE: Vorsätzlich beschädigt | 19.11.2018 | 12:34

Da muß ich doch widersprechen. Offensichtlich hat Putin in Syrien nicht das Ziel, als Sieger das Land zu zwangsorganisieren (statt regime change Regimeerhaltung um jeden Preis), von Andersdenkenden zu reinigen. Er bremst Assad aus, er setzt sich mit strategischen Gegnern an einen Tisch (Türkei, Frankreich, Deutschland), um einen belastbaren Frieden zu finden. Es wäre doch schön, der Westen würde ebenso mit Syrien, Libyen, Iran usw verfahren. Aber hauptsächlich mit Russland selbst.

RE: Vorsätzlich beschädigt | 19.11.2018 | 12:31

Ja, der feindselige Kurs gegenüber Russland wurde vorsätzlich eingeschlagen, das Vertrauensverhältnis nach dem Entgegenkommen Gorbatschows vorsätzlich zerschlagen. Die hier gebotene psychologische Erklärung ist mir aber zu vage, unplausibel. Warum wird das erzreaktionäre, nationalistische Polen so anders behandelt als das erzreaktionäre, nationalistische Russland, wobei man Putin noch eine mäßigende Rolle zubilligen kann? Kalte Ignoranz? Furcht vor dem bösen, mächtigen Feind? Nein, Ich sehe nur einen zwingenden Grund für das westliche Verhalten, kaltes Kalkül: der Kapitalismus ist in der Krise, muß zur Kompensation expandieren, aber das große, ressourcenreiche Russland widersetzt sich dem Zugriff des internationalen Kapitals, dem Ausverkauf. Die Debatte mit den sog. westlichen Werten ist eine vorgeschobene Verschleierung der machtpolitischen Absichten.

RE: Antizyklisch | 18.11.2018 | 22:32

Die Anfangszeiten des Freitag kenne ich nicht, ich habe den Freitag nicht als liberales, sondern als linkes Meinungsmedium kennengelernt. Es wundert mich nicht, daß erst einmal diese Zeitung sich erfolgreich etablieren konnte, weil sie in eine von den anderen freigelassene Leerstelle eindrang, und dann einen Sättigungspunkt erreicht hat. Denn, machen wir uns nichts vor, Linke ohne Intellektuellenphobie gibt es vergleichsweise wenig, und daran wird sich so schnell nichts ändern. Vielleicht kann der Freitag und die FC das kritische linke Bewußtsein etwas schärfen und verbreitern, aber die Binnenfunktion der Selbstvergewisserung dieser Denkgemeinschaft dürfte die Außenwirkung weit übersteigen. Dabei ist zu hoffen, daß sich das linke Denken nicht durch Wunschdenken und selbstimmunisierenden Trotz gegen die Anderen von der Wirklichkeit abnabelt. Hier könnte man diskutieren, ob der Freitag oder die Community auf Kurs oder auf Abwegen ist.

Was Sie dagegen suchen, ist das Bad in der pluralen Menge und der Erfolg. Da sind Sie in den sozialen Medien doch genau richtig. Aber wozu sollte ein linkes Meinungsmedium diesen Weg einschlagen, es würde sich als solches abschaffen. Und wieso ist es antizyklisch, da zu kommentieren, wo es alle interessiert? Und ist die antizyklische Strategie sinnvoll, immer die irgendwo dominierende Meinung gegen die Langeweile durch eine Gegenmeinung zu pluralisieren? Die zwei Schlußsätze sind wohl nicht nur mir gänzlich unverständlich.

RE: Mehr als Deal or No Deal | 18.11.2018 | 17:35

Ich glaube nach wie vor, daß es zu einem halbwegs gesichtswahrenden deal eines weichen Brexit kommt. Aber wenn überhaupt Brexit, weich oder hart, wird es wie vom Blogautor vermutet zu übersehenen tiefenwirksamen politischen Folgen kommen. Nicht daß ich viel von den europäischen Politikern halte, es entstehen jedoch Zwänge, die beantwortet werden müssen. Der Separatist (GB) stärkt die Zentristen oder zwingt sie, für Europa mehr Farbe zu bekennen. Der amerikanische Einfluß schwindet (wenn sich Europa nicht endgültig aufgibt). Die östlichen Länder verlieren ihren verläßlichsten Partner und erhalten das Signal, daß das starke Eurozentrum den Fliehwilligen die Bedingungen diktieren kann. Sollten die Ostländer auf ihrer Distanz zur Vereinheitlichung bestehen, dürfte die Idee des Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten wieder auf dem Tisch liegen, mE das Beste, was uns passieren kann. Denn das kann doch nur heißen, der Kern einer stärkeren Sozialunion, oder?

RE: Frauen als minderwertige Geschöpfe | 18.11.2018 | 02:47

Vielleicht ist die Vorstellung einer matriarchalisch-harmonischen Urgesellschaft doch ein wenig zu spekulativ, wie wäre es mit folgendem recht simplen Erklärungsversuch, der von einer späteren Realität jenseits der Kleingruppengemeinschaften ausgeht:

Religionen sind Weltdeutungssysteme, aber auch Organisationssysteme von Machthierarchien. Vermutlich sind Männer machtaffiner, bedingt durch Testosteron. Das würde schon erklären, daß Religionen mindestens in der Regel patriarchalisch sind. Wenn man des weiteren annimmt, daß Religionen ein Bindungsangebot machen (negativ ausgedrückt: Unterwerfung fordern), daß andrerseits Frauen (ebenfalls hormonell bedingt) ein stärkeres Bindungsbedürfnis besitzen, ist schon verständlicher, daß Frauen trotz Unterdrückung an der Religion festhalten. Männliches Dominanzverhalten und stärkere weibliche Bereitschaft zur Unterwerfung. Wenn sich etwas zum Besseren wenden soll, sollten beide Teile der Menschheit sich ändern. Aber das geschieht ja, wenn auch sehr zaghaft.

RE: Noch weit entfernt von Gleichstellung | 17.11.2018 | 23:19

Solange „Überzahlen überzählig kooptieren“, handeln Menschen Partikularinteressen folgend. Demokratie auf dieser Basis ist eine bürgerliche, in der man allenfalls bürgerliche Gerechtigkeit erreichen kann. Da kann man dann mit Quoten nachhelfen, wenn zB die Frauen zu blöd sind, Kandidatinnen aufzustellen und zu wählen. Ich sehe nicht, daß man damit das Problem der Unemanzipiertheit lösen könnte. Wie gesagt, bessere Repräsentation, aber eigentlich kein linkes Ziel. Übrigens sind selbstverständlich die Kapitalinteressen, also die Partikularinteressen einer kleinen Personenzahl, fast die einzigen, die überhaupt in unserer Demokratie repräsentiert sind, da fast alle Politiker und Politikerinnen der Meinung sind, ohne deren Berücksichtigung könne Gesellschaft nicht funktionieren. Die Vorteile, die man dann bei einer Erhöhung des Frauenanteils in der Politik erwarten dürfte (gegen eine negative Männerquote - höchstens 40% der BT-Abgeordneten männlich - hätte ich keine Einwände), sind mE ziemlich bescheiden.

Schade, daß Sie nicht den Unterschied zwischen einer Phrase und einer Phrase in Anführungszeichen verstehen. Ich habe von einem natürlichen Prinzip gesprochen, das von Menschen, die sich der rechtlichen Bewertung bedienen, zu einem Rechtsprinzip verklärt wird, zB von Sozialdarwinisten, die die Meinung vertreten, daß die menschliche Art zugrunde geht, wenn sie im Unterschied zum Tierreich sich nicht mehr durch die Elimination des Schwachen verbessert. Solch eine Rechtsauffassung läuft der Ansicht, daß Recht die Schwachen schützen sollte, zuwider, ist in dieser angemessenen Idee von Recht „unrecht“ im Sinn von widersinnig. Es macht keinen Sinn, den Vorteil des Stärkeren noch rechtlich zu affirmieren.

RE: Noch weit entfernt von Gleichstellung | 17.11.2018 | 10:40

<Die Gleichberechtigung muss ... nach so langer Zeit der Versuche über Predigten und gute Absichten, damit sie Wirklichkeit werde, wohl mit verbindlichen Gesetzen, Regeln und Sanktionen hergestellt werden>

Ich denke, daß das eine zu autoritäre Vorstellung des Rechtssystems ist. Es ist die Kodifikation dessen, was eine Gesellschaft für eine notwendige Regulierung des sozialen, weniger streng des privaten Verhaltens hält, im Wesentlichen also eine Kodifikation der gesellschaftlichen Sittlichkeit. Dabei decken sich Sittlichkeit und fixierte Positivierung im Paragraphenkalkül nicht völlig, und es ist durchaus wünschenswert, daß das Recht im ethischen Wandel eine progressive Rolle spielt. Aber es darf sich nicht zu einem abgehobenen Moralsystem entwickeln, das von der Kaste der Politiker und Juristen dem Volk verkündet wird, als säkulare Religion.

Natürlich hat das Recht auch die Bedeutung einer regulativen Norm, aber das kann nicht begründen, daß das Verhältnis von Politik und Recht umgekehrt wird, daß wir unter einem universellen Moralgesetz stehen. Der Glaube, wir könnten etwa eine mafiöse Gesellschaft durch Gesetzgebung humanisieren, ist naiv. Es bedarf einer Einstellungsänderung, Gesetze können diese unterstützen.

Und man sollte sich klarmachen, daß das Recht eine menschliche Hilfskonstruktion ist, um als ungerecht empfundene Zustände zu korrigieren. Recht ist die zivilisatorische Antwort auf das natürliche Prinzip des „Rechts des Stärkeren“, insofern „ungerecht“. Das brutale biblische Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ist ein archaisches Gerechtigkeits- bzw Gleichheitsprinzip, zum Glück sind wird über es hinausgewachsen. Ihr Beispiel des Lobs der militärischen Gleichstellung der Frau zeigt sehr schön den Mangel solcher formellen Gleichstellung. Wo der Militarismus zu bekämpfen wäre, also die fraglose Investition der Gesellschaft in den Militärapparat, fordern Sie Gleichbeteiligung der Frauen, statt die Gleichentmilitarisierung von Männern. (Ich halte es nicht für eine offene Frage, ob Militarismus sich zum Übel oder zum Wohle erweist.) Es mag sein, daß die Zivilverteidigung als nicht ausreichend angesehen wird, daher kann man sich vorstellen, daß man trotz Pazifismus an einer militärischen Restverteidigung festhält, aber ich finde nichts Anrüchiges daran, wenn man der Meinung ist, daß den lebensspendenden Frauen die Tätigkeit an den Waffen nicht zuzumuten ist, selbst wenn es ihr freier Wille sein sollte.