Auf der Suche nach dem Guten

Die Linke und die Moral Fundamentaldebatten über Moral werden in der FC immer wieder geführt. Und das ist nicht verwunderlich, handelt es sich doch hier um ein linkes Meinungsforum.
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Fundamentaldebatten über Moral werden in der FC immer wieder geführt, und das ist nicht verwunderlich, handelt es sich doch hier um ein linkes Meinungsforum. Zuletzt war es ein an der Oberfläche kratzendes Blog von Magda, in dessen Thread wieder die Lieblingsdifferenzen der Linken heftig ausgefochten wurden. Mir scheint es geboten, auf eine philosophische Protoebene zurückzugreifen, um den chaotischen Argumentationsdschungel etwas zu lichten.

Die übliche Unterscheidung von Natur und Kultur, bspw in Naturgesetz und kultureller Varianz, ist die von notwendigem und möglichem Sein. Da, wo wir frei sind, verschiedene Handlungsoptionen zu entwickeln, nehmen wir, wenn wir uns nicht spontan festlegen, entweder funktionale Bewertungen vor, um uns zu entscheiden, oder wir folgen einer Logik der Selbstbegründung (das spiegelt sich in der Differenz vom Guten und Schönen). Der funktionale Bezugspunkt kann das Individuum oder die Gesellschaft sein, wenn beide Perspektiven kollidieren, läßt sich nur das gesellschaftliche Gute begründen (da mag man sich über den Pedanten Kant mokieren, hier hat er recht). Die Wahl des Guten ist subjektiv, folgt einer Wertsetzung, die Begründung rekurriert auf Wahrheiten, macht die Werte kommensurabel.

Werte sind immer positive subjektive Zuschreibungen zu Prädikaten. Im Falle des Guten gibt es die philosophische Unterscheidung von Ethik und Moral, die auch im Alltagssprachgebrauch sich eingeprägt hat. Danach ist letztere normativ, hat Aufforderungscharakter, bildet ein zusammenhängendes Konzept, steht für ein Sollen, während erstere eher deskriptiv ist, situativ, mehr für ein Wollen steht. Die eine wird als allgemeinverpflichtend verstanden, die andere als eine Selbstverpflichtung. Und schließlich steht Sittlichkeit für die reine Faktizität ethischer Praxis.

Der subjektive Charakter von Werten sollte die Menschen in ihrem Bedürfnis der normativen Gängelung mäßigen, die ethisch basierte Gesellschaft ist fortschrittlich gegenüber der moralisch reglementierten, es ist der Fortschritt einer innen- statt außengeleiteten Gesellschaft.* Womit nicht geleugnet werden soll, daß eine moralische besser ist als eine ethisch indifferente, und daher die religiösen Leitsysteme durchaus positiv gesehen werden können, als eine historische Höherentwicklung. Aber die soziale Ordnung hat sich ambivalent aufgebaut, als integrative Kooperation und Kommunikation und als segregierende Herrschaftsordnung. Moral ist hierin kaum ohne Doppelmoral zu haben.

Die menschliche Freiheit beruht auf der Möglichkeit, alternative gesellschaftliche Handlungssysteme konstituieren, und individuell davon abweichen zu können. Wenn das bewußt geschieht, reden wir gegebenenfalls von einer ethischen Wertorientierung. Nun ist es ein Trugschluß, aus der Subjektivität der Werte auf deren Gleichrangigkeit zu schließen und damit auf eine Werteindifferenz. Denn Werte lassen sich durchaus besser oder schlechter begründen. Jeder Mensch bewertet jederzeit überwiegend unbewußt seine Lebenssituation und seinen Handlungsspielraum darin. Das verfestigt sich zu mehr oder weniger stabilen generellen Haltungen, die man als individuelle oder kollektive Werte bezeichnet. Ethische Qualität nehmen die Werte an, wenn sie auf ein allgemeines Wohl oder auf ein verallgemeinerbares individuelles Wohl abzielen. Das aber läßt sich weitgehend objektiv beurteilen. Man kann also ethisch handeln, ohne es zu wissen, aber wenn man bewußt ethisch handeln will, muß man seine Haltungen wahrheitsgemäß begründen (können).

Die Subjektivität der Werte bedeutet, daß es unterschiedliche ethische Orientierungen gibt, die harmonieren, sich ergänzen, aber auch widersprechen können. Die Gesellschaft ist selbstverständlich berechtigt, wenn es zu einer mehrheitlichen ethischen Selbstverpflichtung kommt, diese zur regulativen Norm zu erheben. Sie sollte aber angesichts der Pluralität ethischer Orientierungen möglichst tolerant gegenüber abweichendem Verhalten sein. Und möglich ist auch die Koexistenz ethischer Subkulturen. Auf diese Weise wird die ethische Orientierung der Gesamtgesellschaft nicht zu einem moralischen Zwangssystem, in dem moralische Konformität verlangt wird, sondern es wird vom Einzelnen nur gefordert, daß er sich an die legitimen selbstbestimmten Regeln der Gesellschaft hält.

Um es an einem Beispiel zu demonstrieren. Der Kapitalismus ist historisch gesehen ein Fortschritt, weil er eine amoralische/transmoralische Gesellschaft ist, und gleichzeitig eine Absurdität, weil er eine Gesellschaft der Ungeselligen ist. Sein Grundparadigma ist der Egoismus, der individuelle Eigennutz. Die Menschen handeln in ihm entweder innengeleitet, das sind die Wenigen, die durch antiethisches Handeln sich maximale Vorteile zu verschaffen versuchen, und die angepaßt außengeleiteten, die sich an die (A-)“Moral“ des Systems halten, weil sie keine mögliche Alternative sehen und im Fall des Widerstands zu große persönliche Nachteile. Die Befreiung aus dieser Ordnung ist nur möglich, wenn das Paradigma gewechselt wird, wenn Solidarität und Kooperation zur Grundhaltung der Mehrheit werden und dann in gesellschaftliche Regelungen einfließen, deren Einhaltung von allen verlangt werden darf. Auf diese und nur auf diese Weise erhält die Gesellschaft eine ethische Grundlage (mit der Ethik von Solidarität und Kooperation), die nicht als moralische Zwangsordnung gefordert werden muß und daher mit der Autonomie (Selbstbestimmung) der Menschen, nicht aller, aber der Mehrheit, kompatibel ist. Wer diesen Unterschied von ethischer und moralischer Orientierung für spitzfindig und weltfremd hält, hat nicht genügend verstanden, daß nur so eine freie UND gute Gesellschaft möglich ist.

* Pessimisten und Konservative halten, wenn überhaupt, die moralische Stufe für die ultimative Entwicklungsstufe der Gesellschaft und schließen daher die Möglichkeit einer emanzipierten, wirklich freien Gesellschaft als linke Spinnerei aus. Die Linke steht und fällt mit der Möglich-/Unmöglichkeit der Idee der (relativen) Autonomie.

13:01 18.08.2018
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