Daten und die Zukunft der Privatsphäre I

Verdatung der Welt Die informationelle und kommunikative Vernetzung führt auf zwei Fragen: Wie geht man mit der Überfülle an Daten um sowie Was ist und wozu brauchen wir eine Privatsphäre?
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Sprache ist materialisiertes Bewußtsein, Information ist entsubjektivierte Sprache. Das Anwachsen der Informationsmenge und die Aushöhlung der Privatsphäre tragen das Siegel der kapitalistischen Entwicklungsdynamik, dazu hat etwa Altvater in „Planetarischer Datenklau“ (der Freitag 12) das Nötige gesagt. Hier wird die kulturphilosophische Perspektive eingenommen, ohne die die gesellschaftlichen Veränderungen nicht umfassend verstanden werden können.

DATENPOSITIVISMUS

In früheren mündlichen Gesellschaften galt: Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie rauschen vorbei wie nächtliche Schatten. Darauf in der heutigen dokumentierten, protokollierten Gesellschaft noch zu bauen, wäre naiv. Die extreme Repräsentation der Welt wird von Jorge Louis Borges in zwei Geschichten thematisiert, „Das unerbittliche Gedächtnis“ und „Von der Strenge der Wissenschaft“. In der erstgenannten werden alle Wahrnehmungen vollständig und dauerhaft im Gedächtnis gespeichert, nichts, was hineingelangt, geht verloren, keine Entropie, keine vereinfachende Zusammenfassung, keine Superposition. Was auf den ersten Blick Möglichkeiten zu eröffnen scheint, erweist sich als unerträglicher Fluch. In der zweiten Geschichte wird vom Bild der Welt vollkommene Abbildungstreue, Isomorphie verlangt, es reicht nicht, ein Modell zu liefern, erst die vollständige Kopie wird der totalen Repräsentation gerecht. Der hypertrophe Wahrheits- oder Kontrollanspruch scheitert ruinös. Das Vollständigkeitsprinzip führt beidemal zum absoluten Bedeutungsverlust. Hat Borges geahnt, daß wir diesen phantastischen Vorstellungen einmal so nahe kommen werden?

Die Informationstechnologie, das kaum begrenzte Sammeln, Speichern und Organisieren, hat nicht nur die Allmachtsfantasien der Wissenschaftler beflügelt, sondern auch die Begehrlichkeiten der machtfixierten Anwender, für sie gilt: Wissen ist Macht. Und wenn man die Verschlüsselung zum Sammeln, Speichern und Organisieren hinzunimmt, komplettiert sich das Bild. Wissen wird Privatbesitz. Mit seiner Exklusivität ist Wissen die Monopolisierung der Macht. So konnten die NSAs und erst recht die wirklich geheimen Geheimdienste - ach was „-dienste“, die sind fremdbestimmt, da kann irgendwo immer was durchsickern, es gibt zu viele Mitwisser -, so konnten die rein selbstbezüglichen, niemandem rechenschaftspflichtigen, vollkommen unsichtbaren Geheimorganisationen (deren wahre Geschichte Borges, sich mit mittelalterlichen Geheimbünden beschäftigend, zu erzählen vergessen hat, von der aber ein Raunen in Verschwörungstheorien zu vernehmen ist) zu einem apokalyptischen Szenario für die Bürger werden. Dagegen wird von deren liberaler Fraktion die Kontrolle der Kontrolleure und die Privatheit der Privatsphäre in Stellung gebracht.

Unsere maßlose Gesellschaft neigt dazu, Gefahren (wie Chancen) von Entwicklungen zu verharmlosen oder zu dramatisieren. Augenblicklich werden, längst überfällig, Geheimdienste skandalisiert, ihre Dämonisierung trägt jedoch hysterische Züge. Bald wird man den Skandal verdrängt haben und zurückgekehrt sein zum business as usual, Skandale werden in atemberaubender Geschwindigkeit von neueren Skandalen überschrieben, verdrängt, im Aufmerksamkeitsbereich gelöscht. Wären wir mit einer anderen Geschichte von Borges, „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“, vertraut, könnten wir gelassener in die Zukunft blicken und uns gleichzeitig einem ernsten Problem der Kommunikation stellen, denn die digitale Verdatung der Welt ist wie jede Versprachlichung (auch die gänzlich andersartige der von Borges vorgestellten Sprache von Tlön), nur noch viel radikaler, eine Entsubstantialisierung. Und eine Entsubjektivierung, denn Daten werden im Unterschied zu sprachlichen Äußerungen im Allgemeinen nicht als Aufforderung zur Resubstantialisierung durch den Rezipienten, sondern als reine Sachaussagen gehandhabt. Das gilt auch für das in die Datenwelt integrierte Bildmaterial, von Natur aus metaphorisch, das aber der Ikonographisierung unterliegt. Entsubstantialisierung und Entsubjektivierung sind eine „Befreiung“ im doppelten und im dialektischen Sinne übrigens, Befreiung von überkommenen Bedeutungen, wenn nicht von Bedeutsamkeit überhaupt, und Befreiung zu unbeschränkter Verfügbarkeit, zur Manipulation. Die Verdatung ist Dekonstruktion und Spielmaterial für Eigenkontextualisierung. Sie verwandelt Leben in starre Fakten (wie das Tlönisch, von unpersönlichen Verben oder von einsilbigen Adjektiven statt von Substantiven ausgehend, Leben in Dynamik, in ein Fließbild verwandelt), aber nicht ohne Verluste, und daher in Artefakte. So gesehen ist Faktionalisierung eine Fiktionalisierung – und zugleich eine Optionalisierung. Sie erzeugt Herrschaftswissen und Reflexionsvermögen, aber sie führt auch auf realitätsverlustige Abwege, auf Überforderung und Verwirrung bei denen, die auf die Angebote zugreifen können, und auf Ausschlußerfahrungen bei den anderen, in die Unfreiheit. In den Datenbanken werden die Unterschiede in der Relevanz sowie im Wahrheitsgehalt der Informationen nivelliert, die Informationen werden entdynamisiert und ihrer Zusammenhänge entkleidet. Es ist das Tlön-Gegenmodell, statt Sprachfluktualismus Sprachpositivismus. Das sinnfreie Kalkulieren und Verwalten der Daten läuft weiter, bis die Kosten und die Nutzlosigkeit des Schnüffelns und Sammelns so ins Bodenlose gesteigert sind, daß nichts mehr geht, bis wir dereinst vor den Monumenten unseres Informationszeitalters stehen wie vor den sprachlichen Manifestationen einer vor langer Zeit verstorbenen Kultur, vor den Hieroglyphen einer toten Sprache, die wir erst wieder versinnlichen, mit Bedeutung auffüllen müssen. Das wäre noch eine weitere reizvolle borgeske Geschichte, die uns der Meister leider nicht mehr erzählen kann. So weit sind wir noch nicht, aber die wachsende Verdatung der Welt, mit oder ohne Kenntnis, Zustimmung und Mitarbeit jedes Internetnutzers, rückt schon das Problem des Schutzes von Daten und der Privatsphäre in den Vordergrund.

Die Nöte unserer liberalen Mitbürger sollten unsere Empathie nicht allzusehr in Anspruch nehmen, es sind Probleme, die sich das Bürgertum selbst aufgehalst hat. Erst wurde die Welt in einen Jahrmarkt der Interessen verwandelt, der natürliche Reichtum zur Beutemasse freigegeben, sukzessive konnte alles, auch die allgemeinsten Lebensgrundlagen, informativ erschlossen, bewertet und in den Verwertungsprozeß integriert werden. Und schließlich wurden die Daten selbst, dem Geld ähnelnd, weil auf gleiche Weise abstrakt-allgemein und privatisierbar, und sogar in mancher Hinsicht überlegen, zum neuen Zahlungsmittel in der Informationsgesellschaft. Die second world hatten wir längst, als die digitale second world erfunden wurde. Inzwischen bastelt man am virtuellen Geld. Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann hätte seine helle Freude an der Bestätigung seiner Theorie des Reflexivwerdens, wir leben in einer Welt der Repräsentation der Repräsentation der Repräsentation, ja von was eigentlich? Oder ist Luhmann selbst eine Fiktion, eine geschickt in die Wissenschaft eingeschmuggelte Wissenschaftsfantasie von Borges? Wenn diese verrückte Spiegelwelt tatsächlich real ist, müssen wir konstatieren, daß wir ein oder mehrere Schritte zu weit bzw. in die falsche Richtung gegangen sind. Oder aber die Bürgergesellschaft – hier ist nicht die Rede von den wirklich Herrschenden und nicht von den zahlenmäßig unerheblichen und daher zu effektivem Widerstand unfähigen Antikapitalisten - spaltet sich endgültig auf in die Fraktionen der ökologischen Fundamentalisten, die die technologische Entwicklung grundsätzlich infrage stellen, in die der pragmatischen Selbstoptimierer, die sie unreflektiert als gegeben ansehen und ihren eigenen maximalen Nutzen daraus zu ziehen versuchen, und in die der Menschenpark-Idealisten und Cyber-Utopisten, die noch an das technologische Paradies in der Zukunft glauben. Dann freilich ist eine zu gemeinsamen Lösungen führende Kommunikation nicht mehr möglich.

INTERNETDEMOKRATIE

Setzen wir einmal voraus, daß wir uns über die Chancen und Gefahren der Verdatung verständigen könnten. Sie ist so weit fortgeschritten, daß sie in ihrer Alltagsnützlichkeit kaum verzichtbar erscheint wie andrerseits ihr Mißbrauch zu Manipulation und Machtausübung unübersehbar ist. Wobei Mißbrauch nicht nur im Falle von Datendiebstahl, sondern auch in der Datenfälschung vorliegt. Seit Beginn des digitalen Zeitalters schwebt vielen Zukunftsorientierten die Vision einer grenzenlosen, freizügigen und direkten Kommunikation vor. Endlich einmal ein Fortschritt, der nicht in Begünstigte und Habenichtse spaltete. Nun böte sich technisch durchaus die Möglichkeit, das einzulösen. Man könnte das sympathische open-source- oder Wikipedia-Prinzip der freien Zugänglichkeit zum Wissen der Welt für alle auf das gesamte Internet übertragen, auf alles Digitalisierte, auf Wissen wie Meinung, auf Bestätigtes wie auf Behauptetes. Das ist leichter, indessen problematischer als gedacht, ohnehin verführt der Sprachpositivismus, der nicht ohne den allgemeinen erkenntnistheoretischen Positivismus der bürgerlichen Welt solche Wirkung entfalten könnte, zur Gleichsetzung von Bedeutung, Wissen und Aussage, Faktum (Expressum). So ist Wissen in der Computer-fixierten Welt alles, was in einer Datei Platz gefunden hat, also der Inbegriff aller Daten. Früher unterschied man den Sach- und den Beziehungsaspekt (und Bewertungsaspekt) in der Kommunikation, die heutige Datenkommunikation läßt die Beziehungsebene nur noch erahnen; sind smileys und Daumen und Herzchen überhaupt noch Gefühlsäußerungen? Aber auch das (theoretische) Wissen über die Welt ist nicht mehr so wichtig, Wissen ist nun zuvorderst Kenntnis der Datenlage. Etwas ist, wenn es medial gesagt ist. Ich habe eine e-mail-Adresse, followers, usw. - also bin ich. Wir wissen, daß das nicht stimmt, aber wir können uns kaum gegen die Affirmation des Fixierten wehren. Gilt doch vielen Gott schon als Tatsache, weil es ein fett geschriebenes Wort ist („Im Anfang war das Wort“), und selbstverständlich weil Millionen sich nicht irren können.

Heute wird bei vielen Gelegenheiten, dem kultivierten strategischen Denken folgend, mit der Wahrheit gelogen, sogar im wissenschaftlichen Streit, wo man sich mithilfe von Gutachten und Gegengutachten mit bedingt gültigen Argumenten ent- und exkommuniziert. Das funktioniert, weil man, nachdem man Aussagen passend verengt und abgesichert hat, punktuelle Wahrheit unzulässig verallgemeinern kann. Oder indem man selektiv zitiert. Und selbst, wenn man die Daten nicht mißbraucht, stattdessen sich ihnen unterwirft – gerade in der Wissenschaftsentwicklung kann man beobachten, wie sich das Verständnis von Wahrheit verlagert hat. Suchte man früher das theoretische Verständnis, das idealisierende Modell, das paradigmatische Experiment, so glaubt man heute fast nur noch an den Erkenntnisgewinn aus riesigen Datenmengen, endlosen Versuchsreihen, kostspieligsten Untersuchungen unter Extrembedingungen, an die Qualität der „Erkenntnismaschinen“, manchmal sogar an „künstliche Intelligenz“. Der LHC soll die Weltformel liefern, die vollständige Entschlüsselung des genetischen Codes soll den Krebs besiegen. Der Datenpositivismus ist universell. Ich glaube, es war Heisenberg, der sich anläßlich einer Vortragsreise durch die USA darüber verwunderte, daß seine Zuhörer überhaupt keine Verständnisprobleme mit dem Vorgetragenen hatten, mit den Unvereinbarkeiten der Vorstellungen von der andersartigen Welt des Kleinen und der Uninterpretierbarkeit von Meßergebnissen. Heute ist der jahrhundertealte Wissenschaftlertyp Heisenberg fast ausgestorben. Oder er traut sich nicht mehr in die Öffentlichkeit. Oder, was das wahrscheinlichste ist, er geht im mainstream unter. Dabei wird die Theorieproduktion aus unzähligen Wissenshäppchen, wenn es nicht um statistische Sachverhalte geht, in der Wissenschaft durchaus kritisch gesehen.

Wenn schon das große Datensammeln, dann für alle. Eine Variante, die oft vorgeschlagen wird, ist die Verallgemeinerung der Datenprivatisierung, wenn schon Geheimdienste, dann Verschlüsselung für alle. Oder doch lieber der große Topf des Gemeinschaftsvermögens, aus dem sich alle bedienen können. Wir sind schon sehr weit gekommen auf dem Weg zu der Internetutopie einer digitalen Volksbibliothek, so etwas wie ein schäbiger und chaotischer Ableger der „Bibliothek von Babel“ (man sieht, bei diesem Thema kommen wir einfach nicht von Borges los, dessen unendliche Bibliothek allerdings eine ausgesprochen seriöse und noble ist, so repräsentativ wie präsentabel). Eine Bibliothek, die nicht nur wie letztere neben dem Sinnvollen auch alles Sinnlose enthält, sondern neben dem Erhabenen auch das Peinliche. Heilige Demokratie! Vollständige Transparenz! Sie würde ein Gleichgewicht der Kräfte herstellen, gegen auf verborgenen Datendiebstahl gegründete Datenakkumulation Einzelner. Die Internetdemokratie befreit uns ja nicht vom Datenmüll, von der Desinformation durch Dummheit, Gemeinheit und allem sonstigen Abstoßenden, im Gegenteil, sie vervollständigt das Panoptikum. Aber sie befreit uns von den Privilegien der Desinformation, mit denen wir systematisch im Interesse und zum Vorteil weniger Manipulateure in die Irre geführt werden.

Auch hier zeigt Demokratie ihre charakteristische Stärke, jeden Fehler durch Gegenfehler zu kompensieren und so gravierende Fehlentwicklungen kaum zuzulassen. Leider heben sich nicht nur die Fehler gegenseitig auf, sondern auch richtige Impulse. Der freie Meinungsmarkt, wo sich das Richtige durch Abarbeiten der Fehler herauskristallisiert, ist dem Evolutionsprinzip nachempfunden, trial and error. Das ist das demokratische Prinzip in der Natur, jede Mutation ist ein gleichberechtigter Versuch. Es findet sich wieder in der sozialliberalen Idee der Chancengleichheit: der Parcours ist zwar abgesteckt, alle rennen wie die Idioten los, aber immerhin von einer gemeinsamen Startposition aus. Das nennt man dann gerecht.

Solche zweifelhafte demokratische Vorzüge präsentiert uns das digitale Datenchaos, es ermöglicht im besten Falle, das Wahre oder Glaubwürdige herauszufiltern. Wenn also alle Daten offenlägen, könnte jeder einsehen, was z.B. die Geheimdienste herausgefunden haben. Man erkennt sofort die Absurdität dieser Vorstellung: Sind nicht die Geheimdienste (im Auftrag der Allgemeinheit) heute der wahre Hort der Privatsphäre, des absolut privatisierten Wissens? Der Geheimdienst definiert sich durch die Herstellung von Transparenz mithilfe von Methoden der vollkommenen Intransparenz. Nach demselben Muster versucht man, den menschenverachtenden Terror durch Terror gegen Verdächtige auszumerzen, Kriegslüsterne durch verschärfte Kriegsführung, entfesselte Unvernunft, zur Vernunft zu bringen. Den meisten leuchtet das sogar ein, das sollte es aber nicht, außer in extremen Notlagen. Wie kommt man aus solcher Kurzschlußlogik heraus?

In der Gesetzlosigkeit als ultimativer Schutzinstanz des Gesetzes zeigt sich die Unbeantwortbarkeit der Frage besonders krass, den Geheimdiensten sei dank. Es ist aber ein Grundwiderspruch, der auch in der Normalität des Alltags sichtbar werden kann, z.B. im allgemeinen Konflikt zwischen den gleichberechtigten individuellen Freiheiten. Die Antinomie von Freiheit und Gleichheit ist schon in der französischen Revolution angelegt, sie läßt sich erst jenseits des bürgerlichen Horizonts auflösen. Radikalisierte Demokratie ist die antibürgerliche Bürgeridee einer radikalen Gleichheit, radikalisierte Datendemokratie die einer informationellen (bzw. kommunikativen) Gleichstellung. Informationelle Offenheit in einer Gesellschaft, die auf Privatisierung, dem Privateigentum, der individuellen Entscheidungsmacht beruht. Eine zusätzliche Demokratisierung des Internets ist vielleicht möglich und wünschenswert, Hoffnungen auf einen tiefgreifenden Wandel, die sich damit verbinden, sind jedoch illusionär.

So löst das freie Internet nicht unsere Probleme mit den Daten, schon gar nicht, wenn man der Privatsphäre wie der Öffentlichkeit eine substantielle Bedeutung zugesteht.Will man mehr als die formale Offenheit der Möglichkeiten, als die babylonische Jahrmarktsvielfalt, will man den Idealismus einer vernunftorientierten Gesellschaft, reicht Demokratie nicht aus, die Mehrheit müßte sich schon für eine ganz andere gesellschaftliche Selbstorganisation entscheiden. In der mehrheitlich akzeptierten bürgerlichen Gesellschaft läuft es immer auf einen faulen Kompromiß hinaus, wie viel Macht man einerseits dem verselbständigten Staat überträgt, der zwar als öffentliche Instanz als Gegenmacht zur Privatmacht des Kapitals konzipiert ist, aber primär die Wirtschaftsmacht des Kapitals zu sichern hat. Und wie viel unverantwortliche Eigenmächtigkeit man andrerseits dem Individuum zugesteht. Denn der Staat gilt nicht als Institutionalisierung des Allgemeininteresses der Gemeinschaft, und die Individuen sehen sich nicht als diejenigen, durch die sich die Gesellschaft reproduziert und nach Möglichkeit weiterentwickelt, in deren Händen es also liegt, ob das erreichte Zivilisationsniveau gehalten oder verbessert werden kann. Das Staatsinteresse steht, selbst wo es nicht von mächtigen Lobbyisten usurpiert ist, dem Individualinteresse ziemlich fremd gegenüber, wie in dieser Konkurrenzgesellschaft die Individuen untereinander. Das eine geht fast immer auf Kosten des anderen. Das ist die im bürgerlichen Denkhorizont sichtbare und zugestandene Wahloption: Sicherheit oder Freiheit, staatliche Datenspeicherung oder individuelle Datenanarchie, Guantanamo oder Al Kaida, Rauchverbot oder Steueroase, Kinderpornographie. Die Privatsphäre ist nicht der Intimbereich, der sich in kommunikativen und vertrauensgenerierenden Prozessen öffnen kann, sondern mein mißtrauisch gehütetes Geheimnis oder verloren gegangenes kompromittierendes Material in fremden Händen, in den Händen von aggressiven, heimtückischen Feinden, und sei es des böswilligen Staates.

11:18 07.04.2014
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