Daten und die Zukunft der Privatsphäre II

Individualität Datenproduktion und Datenaneignung ähneln der kapitalistischen Warenproduktion. Was dabei mit der Privatsphäre geschieht, kann uns nicht gleichgültig sein.
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In Daten und die Zukunft der Privatsphäre I wurde der Frage nachgegangen, wie sich Denken und Handeln der Bürger ändern und anpassen in Bezug auf die von ihnen selbst ausgelöste Flutung mit exponentiell wachsenden Datenmengen. Rezeption der Welt ist heute zu einem erheblichen Teil Rezeption der vom Internet zur Verfügung gestellten Datenwelt. Diese Datenwelt repräsentiert zwar die reale Welt, ist aber ein entsubstantialisiertes und entsubjekltiviertes Abbild. Die Informationsgesellschaft stützt sich weniger auf Nachdenken und komplexes Wissen als auf kurzzeitgültige Kenntnisse. Aus solcher Vereinfachung können große Vorteile gezogen werden, was die an Effizienzsteigerung interessierte Privatwirtschaft auch zielstrebig nutzt. Über den von allen zu zahlenden Preis der gesellschaftlichen Deformation muß hier gesprochen werden.

Individuum und Gesellschaft

Wenn in einer Gesellschaft der Einzelne wenig zählt, ihm engste Grenzen des akzeptierten Verhaltens und Denkens auferlegt sind, nennen wir die Gesellschaft totalitär. Wenn fast alles geht, wenn die Gesellschaft weitgehend auf allgemeine Regelungen und Verbindlichkeiten verzichtet, nennen viele sie freiheitlich, autistisch wäre angemessener – aber man sieht, was man sehen will, man sieht Freiheit, wo Willkür herrscht, und die bejubelte Regellosigkeit bedeutet immer das Recht des Stärkeren. Mit dem Doppelcharakter höherentwickelter biologischer Organismen als Einzel- und Sozialwesen ist immer schon eine multiple, teils komplementäre Realität von Gesellschafts- und Privatsphäre gegeben. Rein objektiv betrachtet markiert der Körper, die physio-psychische Innen-Außen-Grenze des Individuums den absolut privaten Bereich. Daher ist Folter, auch die psychische, ein schweres Verbrechen, in der Schwere folgt Körperverletzung direkt dem Mord. Die Verletzung der Grenze z.B. durch den Arzt oder Therapeuten bedarf der ausdrücklichen Zustimmung. Wo der Einzelne schon als Körper zur Gefahr für die Allgemeinheit wird, endet freilich die Unantastbarkeit, können in Verhältnismäßigkeit die Persönlichkeitsrechte eingeschränkt werden (z.B. Meldepflicht, Quarantäne bei möglichen Seuchenträgern). Jenseits der objektiven Grenze des Individuums gibt es einen kritischen Nahbereich, der der Privatsphäre zugerechnet wird. Wir sind zwar so weit enttiert, daß nur noch ganz Grobe, Mangelsozialisierte ein Reviergespür haben (Straßengangs, Zuhälter, Bürgerwehren, oder, eher positiv besetzt, Fanclubs und Bezugnahmen auf Heimat, Nachbarschaft), aber ein im Zentimeterbereich liegendes Distanzbedürfnis dürfte niemandem fremd sein. Kulturelle Unterschiede spielen eine große Rolle, man vergleiche das Raumgefühl des amerikanischen Mittleren Westens mit Tokyoter Dichte. Der zivilisierte, in die Gesellschaft eingebettete Rest des Reviers ist das Zuhause, ein sicherer Rückzugsort, auch und gerade im übertragenen Sinn. Denn im zivilisatorischen Fortschreiten wird der psycho-soziale Ort wichtiger als der physische.

Eine wesentliche Erweiterung der Privatsphäre verdanken wir der bürgerlichen Kultur, die sich in Gestalt der Verkehrsformen der pekuniären Oberklassen weltweit eingenistet hat. Das Zuhause des Seßhaften verbindet sich nicht nur mit Grundbesitz,Wohnungseigentum, oder wenigstens dem temporären (gemieteten) Wohnsitz, sondern die Privatsphäre umfaßt jegliches Privateigentum, mit Eigentumstiteln wird so etwas wie eine individuelle Kolonisierung der physischen Welt betrieben. Das Metaphysische (Geld) wird real, das Reale verdampft in Bedeutungslosigkeit. Was ist das für eine Welt, in der nicht mehr die Dichter, sondern die Finanzjongleure die größten Erfinder des Virtuellen sind? Wo Privateigentum von vielen sogar etymologisch für den Quellbegriff von privat gehalten wird. Mehr denn je gilt: Ich bin, was ich habe. Das ist philosophisch aberwitzig schräg, die Rolle des Individuums in der Gesellschaft von seinem Eigentum abhängig zu machen, pervertiert den Einzelnen und die Gesellschaft. Der Frage, was schützenswerte Privatheit umfaßt, ist man mit solcher Gleichsetzung nicht näher gekommen.

In der Debatte um die Aushöhlung der Privatsphäre durch den eigenen oder gar einen fremden Staat, durch „die“ Wirtschaft oder durch die Übergriffe von Medien oder Einzelnen (Stalking, Bashing) kommen einige Aspekte in der Regel zu kurz oder werden ganz übersehen, ohne die die Debatte im Sande zu verlaufen droht:

Erstens ist die Zuordnung von öffentlichem und privatem Raum nicht binär, sondern spektral. Es stehen sich nicht nur der Einzelne und die Gesamtgesellschaft gegenüber, sondern Sozialeinheiten unterschiedlicher Größe und Bindung, die jeweils Grenzbereiche des Zugänglichen vorgeben. Es gibt den Intimbereich der Familie, einer Freundschaftsbeziehung, die geschützten Interna eines Interessenverbands, den tabuisierten „Heiligenbereich“ religiöser Gemeinschaften. Von Privatsphäre redet man üblicherweise in den intimeren Angelegenheiten des Individuums, theoretisch ist es sinnvoll, ein Kontinuum von vollständiger Öffentlichkeit bis zu absoluter Privatheit zugunde zu legen. Selbstverständlich kann man den konkreten Grenzverlauf des Privaten von Außen infrage stellen, nicht aber die Begrenzung als solche, sie ist fundamentaler Teil der Identität der jeweiligen Sozialeinheit.

Zweitens ist die Abgrenzung von Innen und Außen der Sozialeinheiten weniger starr als prozessual, situations- und zustandsabhängig, also veränderlich. Und sie ist unscharf, weil das Individuum sie nicht souverän bestimmt. Sie ergibt sich multiperspektivisch, die Perspektiven decken sich nicht, Selbstdefinition und Fremdzuschreibung fallen oft weit auseinander. Dementsprechend existiert ein rechtsfreies, hartumkämpftes, vielfach beanspruchtes Niemandsland zwischen den Interagierenden sowie innerindividuell zwischen dem souveränen Aktivsubjekt und dem schutzbedürftigen Passivsubjekt.

Auf diesem soziologischen Untergrund können wir zur Vereinfachung im Folgenden die Betrachtung auf die Privatsphäre des biologischen Individuums einschränken. Das gute Leben ist gleichweit von sozialem Totalitarismus und individuellem Autismus entfernt. Individualität gibt es erst, wenn es ein psycho-soziales Innen und Außen gibt, einen Innenbereich, der für andere unzugänglich ist, eine Privatsphäre, mit einem unterscheidbaren Selbstbild des Inneren, Identität. Die Individualität ist nichtautistisch, wenn sie andrerseits umgeben ist von einem gemeinsamen Handlungs- und Erfahrungsraum, Öffentlichkeit, wenn sie Subsystem von Gesellschaft ist. So hat jeder eine einzigartige individuelle und viele geteilte, soziale Identitäten. Dabei sind die Unterschiede gewaltig in der Ausprägung von individuellem Eigensinn und von sozialer Verbundenheit, Selbstkonstitution und Beziehungsreichtum. Das Spektrum reicht vom misanthropen Einzelgänger bis zum geltungssüchtigen Sunnyboy oder -girl und darüberhinaus gesellschaftlich inakzeptablen Extremen.

Wie die Individuation der Einzelnen unterschiedlich ausgebildet ist, so auch das Reflexionsniveau. Alle Individuen besitzen aber eine Eigen- und eine vielfach gebrochene Fremdperspektive. Wer die unaufhebbare Differenz beider nicht aushält, wird krank. Der Eigenperspektive in der Regel den Vorrang zu geben, deuten Psychologen als gesundes und durchaus wünschenswertes Selbstbewußtsein, solange die Fremdperspektive ausreichend gewürdigt wird (Sozialkompetenz) und man sich um Verallgemeinerbarkeit der Eigenperspektive bemüht (z.B. im kategorischen Imperativ). Stabile Sozialbindungen führen zu größeren Einheiten, je größer und komplexer, desto weniger gehen die Individuen in ihnen auf, sie spielen nur noch die von der Einheit definierten Rollen. So kommt es zu den unterschiedlichen Stufen und Relativierungen von Teilhabe und Ausschließlichkeit.

Die produktive und die defensive Seite des Privaten

Es gibt das Spektrum von Öffentlichem bis zum Privatesten. Aber brauchen wir diese Privatsphäre überhaupt, einen Bereich, von dem andere ausgeschlossen sind? Man kann umgekehrt fragen, sollte alles für alle transparent sein?

Die erste Antwort haben wir schon gegeben: Das Private und Individualität sind fast synonym. Wollen wir Individualität, müssen wir zu ihrer Konstituierung eine Privatsphäre in Anspruch nehmen, die wiederum durch Individualität überhaupt erst real wird. Die Privatsphäre ist Schutzraum der autonomen Konstitution und effektiven Distinktion. Beobachtet werden heißt gezwungen sein, die Fremdperspektive mitzuberücksichtigen oder wenigstens hinzunehmen. Wenn ich Individualität besitze, das heißt nicht vollständig mit dem Außen konform bin, wenn also Eigen- und Fremdperspektive auseinanderfallen, bedeutet beobachtet zu werden verschärften Stress, die erhöhte Anspannung einer Dissonanz von Innen und Außen. Der Stress ist umso größer, je größer meine Eigenständigkeit und je bestimmender das Gegenüber, das Außen ist. Auch wenn wir in keiner totalitären Gesellschaft leben, bleibt wegen ihrer schieren Größe ein beträchtlicher Konformitätsdruck in der öffentlichen Beobachtung, damit schränkt sie unsere Freiheit empfindlich ein.

Der Konformitätsdruck ist harmlos im Dialog, in der Kleingruppe, die Spannungen und die Notwendigkeit zum konsensuellen Spannungsabbau sind normalerweise gering; wenn die Konflikte einmal eskalieren, stehen sich die in den Streit Involvierten auf Augenhöhe gegenüber. Wer aber kennt nicht die Ohnmachtserfahrung des Einzelnen in unserer komplexen Zivilisation. Der Sachverhalt mag diffus, undefinierbar sein, gefühlt wird er. Das sind die Bedenken gegen die Orwellsche Überwachung, gegen den gläsernen Bürger. Auch wenn wir uns absolut korrekt verhalten, haben wir Grund, die öffentliche Bühne zu meiden, die Beobachtung raubt uns ein Stück weit die Freiheit der Selbstbestimmung. Andrerseits hat natürlich die Allgemeinheit ein gewisses Recht auf Beobachtung, da meine Selbstbestimmung sich gegen das Gemeinwohl oder gegen Andere richten kann. Es ist ein Dilemma, das keine einseitige Lösung zuläßt.

Der individuelle Bildungsprozeß ist kein linearer Fortschrittsprozeß, er schließt Umwege, Sackgassen, grauenhafte Fehler ein. Auch unerkannte oder unbewußte Fehler. Ohne sagen zu können, was denn das richtige wäre, wer wollte leugnen, daß viele Menschen sich in einem falschen Leben einrichten. Die Privatsphäre schirmt alle (guten wie schlechten) individuellen Lösungen des Lebensproblems ab, aber sie ist auch der Schutzraum des Probedenkens und -handelns, sie ermöglicht in der Konstitution des Individuums Reversibilität, d.h. die Chance,sich immer wieder - ein wenig - neu erfinden zu können. Sie mildert den unerbittlichen Faktenraum (erinnern wir uns an Borges' unerbittliches Gedächtnis) durch Bereitstellung eines Möglichkeitsraums. Und wo die Peinlichkeiten und Mängel des Individuums nicht korrigierbar, überschreibbar, kompensierbar sind, ermöglicht die Privatsphäre, sie zu verbergen. Der Schutz der Schwäche des Subjekts dürfte gegenüber dem Schutz seiner autonomen Selbstkonstitution der wichtigere Beitrag der Privatsphäre zum harmonischen Zusammenleben der Menschen sein.

Ex nihilo nihil fit. Das Individuum braucht die Gesellschaft, Öffentlichkeit, um entstehen und wachsen zu können. Und es muß sich in ihr spiegeln, um ein Selbst zu werden. Das ist eine Trivialität. Es impliziert aber: die Privatsphäre ist nicht nur ein von Außen Unsichtbares, sondern sie hat ein individuelles Gesicht, sie ist die Gesamtheit von verborgener und veröffentlichter Privatheit. Wir müssen nach Außen sichtbar werden, aber wir wollen es auch. Aufgrund des Doppelcharakters biologischer Organismen hat die individuelle Identität diese zwei Seiten, die Innenseite der Affirmation, Selbstbestätigung, und die Außenseite der Selbstexpression, Selbstbehauptung. Wie man ist und wie man sich zeigt, das deckt sich nie, sonst gäbe es nichts Privates. Das Ausmaß der Übereinstimmung von Selbstverständnis und seiner Veröffentlichung bzw. die Beschränkung der Selbstdarstellung ist selbst integraler Teil der Identität, die Mitteilungsfreudigkeit der Menschen sehr verschieden. Nur die Extreme der Ich-Schwäche, eines vollkommen außengeleiteten Lebens einerseits, des Autismus, eines unberührbaren Selbst, solcher scheinbaren Ich-Autonomie andrerseits, sind kaum lebbar. Wenn man die Differenz von Innen- und Außenperspektive hinzunimmt, wird die Selbstexpression zu einer bearbeiteten, angepassten, wenn man die Interessengerichtetheit der Kommunikation des Ichs und der anderen berücksichtigt, wird sie zu einer manipulierten, verzerrten Expression, zum Image. Aus der Selbstmitteilung wird die Selbstinszenierung. Man sollte sich darüber im Klaren sein, daß der berechtigte Anspruch auf informationelle Selbstbestimmung ein Recht auf Täuschung einschließt, von der Unterschlagung des Klarnamens im internet oder der Vermummung im öffentlichen Aktionsraum bis zur Fälschung der Motive im Bild des Selbst. Die Täuschung kann auffliegen, in der Regel aber nicht durch bewußte Verletzung der Privatsphäre. Wenn sie nur dem Selbstschutz diente, wäre Ignorieren das sozialverträglichste Verhalten. Selbstverständlich ist es oft so, daß die nicht nur verkürzte, sondern falsche Selbstdarstellung nicht auf bewußter Irreführung beruht, sondern auf unbewußter Selbsttäuschung oder mangelnder Selbstkenntnis.

Identität braucht Konsistenz und Selbstbejahung. Jeder macht Fehler. Identität ist Ergebnis einer biographischen Legendenbildung. Der Strukturalismus hat das Ich zur reinen Fiktion erklärt. Das ist allerdings weniger als die halbe Wahrheit. Die Individualgeschichte ist, wie schon bemerkt, niemals eine lineare Erfolgsgeschichte, weder äußerlich noch innerlich. Zum Glück gibt es das Vergessen und die Schlampigkeit und Unachtsamkeit der Selbstbeobachtung. Und eben die beschönigende, harmonisierende, auslassende und hinzufügende Erzählung. Innere Katastrophen können zum großen Teil vom Individuum verheimlicht werden. Die Anderen, die deren Blickfeld es ist, sind mit und in ihren eigenen Interessen so sehr befangen, daß vieles, was von den Verfehlungen und Peinlichkeiten des Ichs trotzdem ins Öffentliche gelangt, ihrer Aufmerksamkeit entgeht. Hier ist die Privatsphäre der Schutzraum der menschlichen Schwächen, neben dem Freiraum zur Selbstbildung stützt sie die Selbsterhaltung. Dieser Schutz geht teilweise bei Veröffentlichung verloren, insbesondere in der unerbittlichen Präsenz digitaler Daten, den kaum zu löschenden Datenspuren. Ohne das Geheime und das Sichtbare, ohne beide Funktionen ist aber Individualität kaum vorstellbar. Nur für die, die keine Individualität besitzen, die die Differenz von Innen- und Fremdperspektive nicht kennen, wäre die totale Beobachtung und Registrierung, wie sie in Film und Literatur schon durchgespielt wurde, keine Horrorvorstellung, also für niemanden.

Hier muß man auf eine Undeutlichkeit im Begriff „Privatsphäre“ zu sprechen kommen, die oft zu verständnislosen Kontroversen führt. Bezeichnet er die Legitimität von einem im persönlichen Bereich von der gesellschaftlich-verbindlichen Norm abweichenden Denken und Verhalten, einem nicht rechenschaftspflichtigen Privatbereich, oder nur die Legitimität, eigenes Denken und Verhalten vor der Öffentlichkeit zu verstecken, was ja nur Sinn macht, wenn es trotz Nichtjudikabilität der gesellschaftlichen Norm widerspricht, mißbilligt wird und bei Bekanntwerden zu schweren Nachteilen führte. Was ist schließlich, wenn etwas auf der einen Ebene der Privatsphäre zugeschrieben wird, auf einer anderen nicht. Den einfachen, unproblematischen Fall, wenn eine Teilöffentlichkeit Teil einer größeren Öffentlichkeit ist, haben wir anfangs schon beschrieben, es ist aber auch möglich, daß in der Oberklasse öffentlich ist, was in der inkludierten Klasse als privat gilt. Das beste Beispiel hierfür ist das Steuergeheimnis, das im interaktiven Bereich jenseits der Familie gilt. Würde man es in der Gesamtgesellschaft, also dem Staat gegenüber, geltendmachen, gäbe es keine Steuereinnahmen. Andrerseits ist die Steuer- und Offenbarungspflicht gebunden an die Anonymisierung, Entpersönlichung des Steuerpflichtigen, an die Privatisierung der staatlichen Kenntnisse in der Institution. So wird auf den unterschiedlichsten Ebenen Privates und Öffentliches getrennt.

Das Private im historischen Wandel

Freilich besteht, auch kulturell bedingt, keine Einigkeit über den Grenzverlauf des Privaten. Jedes Individuum hat seinen je eigenen Exhibitionismus und Schambereich, und zieht erfahrungsabhängig die Trennlinien gegenüber anderen Individuen und Kollektiven immer wieder neu. Die Grenzen werden von beiden Seiten aus bestimmt, im Zusammenleben müssen sie revidierbar, aber verbindlich normiert werden. Eine Einigung, die den Individuen unterrschiedlich breite Toleranzspielräume für ihre eigenen Austausch- und Distanzbedürfnisse läßt. Das Entwicklungsniveau einer Gesellschaft bemißt sich unter anderem sowohl an der Ausbildung einer vielgestaltigen Privatsphäre wie an den Formen von wirkmächtiger Öffentlichkeit. Beide Bereiche müssen ihren Funktionsraum abstecken, die notwendige Debatte über den Schutz der Privatsphäre ist immer auch eine Debatte über die Instanzen und den Wert der Öffentlichkeit.

So gibt es ein allgemeines, ergo staatliches Interesse am Schutz der Privatsphäre, wie es ein individuelles Interesse an der Veröffentlichung großer Teile des Privaten gibt, die gute Gesellschaft unterstützt primär die Bildung solcher individuellen oder kollektiven Schutzräume, auch wenn sie zum Schutz der Allgemeinheit vor Mißbrauch die Privatsphäre nicht vollkommen unkontrolliert lassen kann. Das autonome Individuum lebt davon, im reichen Austausch mit der Gesellschaft zu stehen, es nimmt viel und es gibt viel. Öffentlichkeit und Privatheit stehen nicht im Widerspruch, sondern in dialektischer Wechselwirkung. Gesellschaftlicher Fortschritt ist ein gemeinsames Wachsen beider Bereiche.

Unter den idealen Bedingungen, die hier einem zivilisierten Gemeinwesen unterstellt wurden, ist das Ausspähen des Kommunikationsverhaltens unbescholtener Bürger unverhältnismäßig, die vorbeugende Überwachung ohne konkreten Verdacht und ohne nachträgliche Benachrichtigung der Betroffenen, aufgrund derer die Legitimität der Überwachung überprüft werden kann, unzulässig. Das sagt Europa, und das ist gut so. Es müßte auch für die mit Sondervollmachten ausgestatteten Geheimdienste gelten, die der besonderen Kontrolle bedürfen. Präventive Schutzmaßnahmen sind legitim in Form von passiven Sicherungen, nicht als aktive Eingriffe, die auf nur mögliche oder unterstellte Gefahren erfolgen. Die Privatsphäre deckt keinesfalls alles zum Individuum gehörige ab, es besteht im Allgemeininteresse beispielsweise eine Auskunftspflicht bei polizeilichen Ermittlungen und eine Anzeigepflicht bei Gewaltverbrechen, sogar eine kaum ausweichbare Verpflichtung, im Bedarfsfall staatsbürgerliche Aufgaben zu übernehmen. Ansonsten aber ist die Privatsphäre ein höchst schützenswertes Gut (im vorgenannten Allgemeininteresse), das unter staatlicher Schirmherrschaft stehen müßte, wie umgekehrt das Private als verantwortlicher Beitrag zum Gemeinwesen zu sehen wäre. Grundlage ist ein doppelseitiges Vertrauen des Staates in seine Bürger wie umgekehrt. Die Einschränkung der Privatsphäre, die argwöhnische Beobachtung und Kontrolle, ebenso wie die eifersüchtige Abschottung des Privaten durch die Individuen ist das Gegenteil, Mißtrauen.

Die Gesellschaft der Bürger hat, weil sie die Produktivkraft der Individualität erkannte, die Individualisierung gefördert, so gut sie konnte (d.h. doch wiederum nur selektiv). Da sie aufgrund der kapitalistischen Wirtschaftsweise notwendig auf Entsolidarisierung hinausläuft, verschiebt sich die Grundlage vom Vertrauen ins Mißtrauen, unter diesen Umständen pervertiert die Privatsphäre, wie schon im ersten Teil dieses Beitrags beschrieben. Sie funktioniert wie Privateigentum. Das hat man und hortet man, oder man hat es nicht. Es gibt die feinsinnigen, selbständig und selbstbewußt denkenden Bürger, die ihre Privilegien zur Ausbildung einer autonomen Persönlichkeit genutzt haben. Sie sind gefährdet, sie empören sich zurecht. Nicht aber die Masse, die über kein nennenswertes Privateigentum und keine reichhaltige Privatsphäre verfügt. Eine Masse, die mit beiden Beinen im Mangel (physisch wie psychisch), in der Mißtrauensgesellschaft und im Selbstbehauptungskampf steht, für die der Schutz der Privatsphäre ein unverständliches Luxusproblem ist.

Keine Panik vor einer totalitär-offenen, hedonistisch fremdgesteuerten, sich frei fühlenden, vollkommen unfreien Konsumgesellschaft. Das apokalyptische Szenario einer am Daten-overkill erstickenden Informationsgesellschaft (Teil I) oder einer sich in ihrer Asozialität selbst zerfleischenden Mißtrauensgesellschaft ist zwar lustig und vielleicht erkenntnisfördernd, aber unrealistisch. Irgendwann wird das Ruder so oder so herumgerissen. Das wäre beruhigend, wenn wir uns sicher sein könnten, die richtigen Schlüsse aus dem gesellschaftlichen status quo zu ziehen. Leider ist auch das keineswegs ausgemacht.

12:53 17.04.2014
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