Emotion und Expression

Der Klang der Innenwelt Kunst spiegelt die Welt nicht, um eine objektive Wahrheit zu behaupten, sondern um uns subjektive Wahrheiten nahezubringen. Dazu einige musikalische Beispiele.
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Politik ist die Idee der gemeinschaftlichen Gestaltung der Welt. Sie setzt die kognitive und gefühlsmäßige Reflexion der Welt voraus, Motivation und rationale Bestimmung. Ohne Fühlen ist die Welt platt, orientierungslos. Das hat die Kunst immer gewußt, das hat die Jugend der grauen 60er Jahre auf eine neue Weise begriffen, die Musik politisiert und die Politik emotionalisiert. Daher thematisiere ich als politisch Engagierter in diesem Forum gerne Musik, die wohl die engste Verbindung von Innen und Außen herzustellen vermag, ein Medium der Empathie, Bewegtes in Bewegendes umsetzend. Wobei mein Interesse sich nicht auf das soziale Phänomen Musik, also deren Funktionalität, bezieht, sondern auf ihre Selbstzweckhaftigkeit, weil sich darin die politische Utopie verwirklicht. Daher befrage ich die Musik nicht soziologisch, wie das durchaus zu Recht Richard Zietz macht, sondern ästhetisch, picke mir die musikalischen Rosinen oder Edelsteine heraus, die Referenzmodelle einer anderen/neuen Welt, ich suche nach der Musik, in der ich „Luft von anderem Planeten fühlen“ kann.

So habe ich bereits der großen Form, der Leichtigkeit und der Ambivalenz in der Musik nachgespürt, das möchte ich hier fortführen und Beispiele für die Kunst des Ausdrucks, für die Ästhetisierung der Gefühle und die Potenz zur Affektion der Rezipienten vorstellen. Da es mir um diesen einen Parameter geht, nehme ich die Beispiele nicht aus der Klassik, was natürlich leicht möglich, aber durch die Komplexität der klassischen Musiksprache nicht so überzeugend zu demonstrieren wäre.

Bei Frauen ist, wie allseits bekannt, die Verbindung der beiden Hirnhemisphären enger, daher ist zu erwarten, daß Frauen im Durchschnitt Gefühle besser verbalisieren oder eben musikalisieren können als Männer. Ich will hier nicht kühn verallgemeinern, aber auf der Suche nach geeigneten Beispielen für eine extreme Ausdrucksfähigkeit bin ich auf Sängerinnen gestoßen und stelle sie hier vor. Zunächst dachte ich an Billie Holidays Strange Fruit und die 7minütige uptempo-Version von House of the Rising Sun von Nina Simone, da aber Zietz angedeutet hat, daß er diese Sängerinnen einmal besprechen will, stelle ich das zurück und habe einen wunderbaren Ersatz zu bieten. Bei der musikalischen Analyse versuche ich mich mehr als früher auf das Notwendigste zu beschränken, da das Analysieren nach meinen Erfahrungen bei anderen als bei mir eher ab- als antörnt. Was mir wieder nicht gelingen wird; jedoch nur die Musik für sich selbst sprechen zu lassen, ist dann doch zu wenig, ich möchte schon ein Nachdenken über Musik anregen, dazu muß sie ein wenig in Worte übersetzt werden.

Toni Childs

Eine Musikerin, die nicht alle kennen werden, die sehr unterschätzt ist, die nicht sehr viele Alben produziert, von Anfang an jedoch passables vorgelegt hat, dabei immer besser geworden ist, und mit The Woman‘s Boat ihr Meisterwerk präsentiert hat, ein Konzeptalbum, das durchwegs ein für Popularmusik ungewöhnlich gleichmäßig hohes Qualitätsniveau bietet, und daraus greife ich die faszinierendsten Stücke heraus.

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Das Album beginnt mit Womb, dem artistischen Trick, die imaginierte innere Stimme eines Embryos mit dem Reflexionshintergrund der Mutter sprechen zu lassen. Hier bewegt sich kein musikalisches Subjekt, sondern ein Klangstrom. Der Embryo badet in einem weitgehend stehenden Mollklang (auf E, e-Moll), der aber von der Quinte (H) dominiert wird, was erlaubt, mit der im winzigen uteralen Bewegungsraum minimalen Verschiebung nach c sowie nach A, was als C-Dur-Parallele bzw a-Moll Subdominante gedeutet werden kann und durchaus in dieser Ambivalenz bleiben soll, diesen am Rand festverankerten Klang extrem schillern zu lassen. Im wogenden Klangauf- und -abbau beachte man die Tiefendimension des Klangs, die zarten, flirrenden Obertonstimmchen (besonders schön und markant bei 0:45 und 2:45). Der kohärente Klangstrom wird zusammengehalten von dem gleichmäßigen Puls (Herzschlag) und dem ein- und ausatmenden Schaukelklang (E-)H-e-g-h/(Fis)-c-e-g-a (wie oben beschrieben als Wechsel von e nach C bzw a). In dieser symphonischen Architektur nun die überwältigende Stimme von Toni Childs, explosiv und zart, rein und gebrochen, und das im unmittelbaren Wechsel: der Schönklang von „(of what it is) to live“ überschlägt sich im ekstatisch-schrillen „it‘s beautiful here“, das langgezogene „(to be here) with you“ wird immer rauer, und schließlich das total zurückgenommene „am I safe?“. Die großen Fragen an das Leben „what will I think of this world?“ usw werden zur Betonung prolongiert und stakkatiert.

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Nun hören wir uns das schönste Stück des Albums an: Predator. Es beginnt mit einer wunderlichen, in meinen Ohren schon genialen Einleitung, nämlich wiederholt von E (e-Moll) nach C (C-Dur, genauer aber in der nicht ausgespielten Tonleiter C-D-E-Fis-G-A-B-c) über die diatonischen Leitertöne, die als (E-D)-(C-B1)-Es1 oder als E-(D-C)-(B1-Es1) sequenziert verstanden werden können, also über den Leitton B1 als große Abwärtssekunde oder als Quinte in das Es1 der Grundtonart es-Moll, die von der ostinat-kontrapunktischen Verschränkungsbewegung Es-F-Ges-As und -B-es-ges‖f-es-des-B‖ - - -B‖As-Ges-F-Es umspielt wird. Von der leeren Ungebundenheit zum satten stehenden Klang auf Es.

Das Lied hat 4 Strophen, die erste besteht aus 12 Takten (Toni setzt in Takt 5 ein) und 3 Takten, die als Modulation der oben beschriebenen Einleitung gesehen werden können (oder auch nur als Gegengewicht gegen die reine Grundtonbezogenheit; es ist, als würde das Uhrwerk aufgezogen, um die tonikale Monotonie fortsetzen zu können). Die Melodie setzt mit einer Melodieschleife ein, die sich aufschwingt und wieder herabfällt, in einer Achtelbewegung, die mit dem absteigenden Dreiklang in Vierteln endet, wir erinnern uns an das Stilmittel der Emphasierung durch Prolongation in Womb, das hier wieder markant eingesetzt wird. Die Melodieschleife wird ständig, aber variierend wiederholt, so daß der Dreiklang ges-es-B später auch als b-ges-es erscheint. Am Ende, wenn das Stück gewissermaßen räumlich und zeitlich verhallend, sich entfernend auf den Harmoniewechsel Tonika-Dominante bzw den Basiswechsel Es-Des-Es-Des… und den Dreiklang b-ges-es in Achteln zurückzieht, singt Toni b-ces‘-b-as-ges-f-es-des-f-des-B, letztere als Viertelnoten, die den Dreiklang in None-Septime-Quinte transponieren und so einen schwebenden, unendlichen Schluß setzen.

Die erste Strophe wird musikalisch fast wörtlich in der zweiten und der vierten Schlußstrophe wiederholt (das eine Mal in 10+3, das andere Mal in 10+3+3 Takten), nur die dritte Strophe wechselt den tonalen Bezugspunkt um die kleine Sekunde und variiert dann funktionsharmonisch das Liedmaterial, dazu gehört, daß der fallende Dreiklang am Anfang in der Gestalt e-H-G seinen Auftritt hat. Dann reckt sich die Stimme in die dramatischsten Höhen empor.

Das Lied handelt von den inneren (und auch nach außen projizierten) Dämonen in uns. Toni trifft sehr gut den Ton der Verunsicherung, des Kontrollverlusts, der Bedrohung durch Selbstdestruktivität. Die Emphasierung im betonten Dreiklang wird verbal mit Wortiterationen parallelisiert: low-low-low, (not) know-know-know, goodbye-goodbye, hello-hello, gonna blow-gonna blow. Ich kenne keine eindringlicher sich überschlagende Stimme als dieses zweite hello, ganz stark auch das herausgeschleuderte gonna blow. Und die Teilung des Lieds in 12 bzw10 Vordertakte und 3 Nachtakte verweist auf die Differenz von erlebendem und reflektierendem Subjekt, die Nachtakte geben die nüchterne Erklärung für das existentielle Angstgefühl. Ein perfekter Song, und wie passend der Jungle-Sound der Band, wie singt Randy Newman treffend: it‘s a jungle out there. Aber Toni Childs weiß es besser: it‘s a jungle inside.

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Es gibt viel mehr zu entdecken in den beschriebenen und den unbeschriebenen Stücken des Albums, zB die unglaubliche Reduktion und Konzentration der Begleitmusik in I just want affection, den ganz anderen, extrem sanften, zärtlichen Ton Tonis in I met a man, und dann möchte ich doch noch einen weiteren Titel herausheben, Lay down your pain, in dem Toni Childs nachdrücklichst beschwörend das Leid zu bannen trachtet, den Weg, sich davon zu distanzieren, beschwört; und sie scheut sich nicht davor, kitschfrei das Mantra eines Kinderreims 1-2-3-4-5-6-7 zu bemühen. Hier spare ich mir einmal weitere Analysen.

Weil es mir um die Schönheit der Musik, des musikalischen Ausdrucks geht, habe ich auf einen Kommentar zu der politischen Toni Childs verzichtet, es sei aber hier wenigstens angemerkt.

Cassandra Wilson

Obwohl trotz enormer stilistischer Bandbreite unmißverständlich im Jazz beheimatet, dürfte Cassandra Wilson die deutlich bekanntere Sängerin sein. Wo die eine mit Deutlichkeit, Bestimmtheit, Rauheit, Schärfe, selbst das Zarte noch druckvoll artikulierend, verausgabend, mit Kontrast und kristalliner Klarheit, manchmal mit einem sehr kalten Blick punktet, da die andere mit Wärme, Weichheit, Anschmiegsamkeit, Vagheit, Mehrdeutigkeit, Sonorität, Organismizität, Unausgesprochenheit (das durch die Stille, mit den Pausen Sprechen). Die Ausdrucksweisen sind extrem verschieden, die Ausdrucksstärke gleichermaßen überwältigend.

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Ich stelle hier zwei Stücke aus dem Album glamoured vor, auch hier lohnt es sich, in die anderen Stücke reinzuhören. Aber das stärkste ist für mich Sleight of Time, es ist thematisch verwandt mit dem angesprochenen I just want affection, und drückt das doch ganz anders aus, weniger fordernd, schroff, mehr schmeichelnd und resignativ. Der Blues verwischt ja bekanntlich mit den Blue Notes den Unterschied von Dur und Moll, hier zu Beginn wird der Unterschied geradezu überdeutlich herausgestellt, große Durterz und kleine Mollterz über dem Grundton E wechseln sich ständig ab. Daß aber die Mollterz überhaupt als Moll der Tonika gehört wird, liegt am Orgelpunkt E, sonst könnte man die Melodieführung auf die Subdominante A beziehen, oder auch auf die Dominante mit einer gedachten, Auflösung fordernden Quinte Fis. Am Melodieende werden diese anfangs ausgesparten Bezüge dann tatsächlich ausgespielt. Und so wird die Ambi-/Multivalenz die Hauptcharakteristik des Stücks. Und wir können eine verblüffende Parallele zu Predator feststellen, wo in letzterem Stück am Ende der emphatische Dreiklang steht, steht hier die emphatische Terzschichtung nach unten, g-e-c-A (mitgedacht: Fis). Und in dieser wird der Inhalt des Liedes zusammengefaßt: „why can‘t he be mine?“. Einmal gehört, geht einem die Terzschichtung nicht mehr aus dem Kopf. Das Beste ist aber Cassandras Scatgesang, in dem sich ihre verhaltene, aber den subkutanen Vulkan (die Dämonen aus Predator) nicht verbergen könnende Expressivität entfaltet.

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Ich möchte ein weiteres Stück hervorheben, Honey Bee, ein reiner, klassisch einfacher Blues. Faszinierend der Einstimmvorgang, Cassandras Ansingen der Töne. Die Kunst der kleinsten Differenz, die aus dem universellen Schema etwas ganz persönliches macht. Das einfach(st)e, das (so) schwer zu machen ist. Sei es der Kommunismus, sei es die Schönheit, sei es die Harmonie der Welt. Auch wenn wir‘s nicht können, wir lieben die Kunst dafür, es dennoch zu versuchen - uns in die künstlichen Paradiese (und Höllen) zu entführen.

18:14 23.05.2021
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