Gewalt in der Natur

Gewaltdebatte I In ERNSTCHENs Blog „Moral – gerechte Gewalt“ habe ich auf eigenständige Beiträge zum Thema verwiesen, deren erste Folge ich hiermit zur Diskussion stelle.
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Wenn man unter Natur nicht alles versteht – ein total voller Begriff ist ein total leerer -, dann bezeichnet Natur das, was sich naturgesetzlich ereignet, objektiv ist. Man kann darüber streiten, ob es im Tierreich vor den Menschen schon mehr gibt (ich neige zu einem schwachen ja), für Menschen gilt: sie sind Naturwesen und Nichtnaturwesen=Kulturwesen, was einschließt: Gesellschafts- und Individualwesen. Man kann weiter über die Anteile streiten, unstrittig dürfte sein, daß die Menschheitsgeschichte im Großen und Ganzen ein Fortschritt in der Subjektwerdung ist. Man kann die paradoxe Formulierung benutzen, daß es die menschliche Natur ist, kein reines Naturwesen zu sein. Dann kann man Regeln der Vernunft als Naturrecht ansprechen. Ist aber doch etwas spitzfindig.

Bleiben wir also dabei, von Natur zu sprechen bei Sachverhalten, die in der Form des Objekts sind, als objektiv behandelt werden müssen. Ganz abstrakt formuliert: Unabhängig davon, ob es sich um Subjekte handelt oder nicht, ein Akt zwischen A und B ist gewaltförmig, wenn A und B nicht einfach wechselwirken, sondern etwa B gegen den ihm eigenen Widerstand von A verändert wird. Danach kann es keine Gewalt gegen (und unter) Sachen geben, Sachen leisten keinen Widerstand. Was juristisch manchmal als Gewalt gegen Sachen angesprochen wird, ist Gewalt gegen Eigentum, gegen die Privatsphäre von Individuen, oder sogar Gewalt gegen eine Gesellschaftsordnung, daher richtig als Gewalt bezeichnet, und ich möchte hinzufügen, oft mehr als berechtigt. Aber es ist Gewalt, als widerständig ist B Subjekt, es ist eine Vergewaltigung. Auch wenn wir Tieren mangelndes Bewußtsein attestieren, leisten sie Widerstand, sind Subjekte, wenn man will, kann man sie als Quasisubjekte von den menschlichen Vollsubjekten unterscheiden, die manchmal Vollidioten und völlig unzurechnungsfähig sind.

Leben heißt in der Natur immer Kampf um den Lebensraum (Revier) und Ressourcen. Man kann das den natürlichen Egoismus des biologischen Organismusses nennen (es gibt auch einen natürlichen Altruismus), er muß immer respektiert werden, er ist für jede Art anders ausgeprägt. Psychologisch spricht man von Aggression, was mir sehr sinnvoll erscheint. Biologisch ist Gewalt in Form von aktiver oder reaktiver Aggression unverzichtbar, lebensnotwendig. Übrigens töten wir auch Pflanzen, wenn wir Vegetarier sind, ohne das geht es nicht, jedenfalls nicht bis zur völligen Umstellung auf synthetische Nahrungspillen.

Dann gibt es aus unserem tierischen Erbe zahlreiche, dem Überleben, wenn nicht mehr heute, so doch irgendwann einmal gedient habende Strategien der Aggression (wie auch gegenteilige der Defensive: sich unterwerfen, flüchten, sich verstecken). Wie es in der Natur viel Sinnloses gibt, das nicht oder nicht schnell herausevolutioniert wird, gibt es auch vormenschlich schon sinnlose Gewalt, afunktionale Grausamkeit. Und selbst da ist es nur irreführend, vom Bösen zu sprechen.

Man könnte eine Naturgeschichte der Gewaltstrategien verfassen, man würde sehr langsame, langfristige Entwicklungen beschreiben. Wenn es eine schnellere Veränderung des Gewaltpotentials und der Gewaltbereitschaft sein soll (im Guten wie im Schlechten), muß man auf die Subjektwerdung bezugnehmen. Das ist ein anderes Thema.

19:51 15.06.2014
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