Identität - Wahn und Wirklichkeit

Ein umstrittener Begriff Der Konservatismus der Identitären führt in selbstverschuldete Unmündigkeit. Der Kosmopolitismus ist oft nur Fassade, die das Ziel Autonomie auch verfehlt.
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In der Mathematik unterscheidet man Identität und Identitätsabbildung/-funktion/-operator, bei ersterem die Identität ≡ von der Gleichheit =, in der Realwissenschaft manchmal zwischen Gestalt- und Gehaltgleichheit, Form und Inhalt. Die Gleichheit des Einzigartigen ist mit allem anderen unvergleichbar, die Elementarteilchen, die Quanten, die die Welt im Kleinsten ausfüllen, sind jedoch ununterscheidbare, gegebenenfalls einzig extensional unterscheidbare Vielheiten.

Spezifizieren wir uns auf die Bio-/Menschenwelt. Abgesehen von der extensionalen Identität eines jeden Organismus gilt nur für die primitivsten Formen des Lebens eine reine Vielheit, alle anderen sind einzigartige Individualitäten. Das geistige Band, manche nennen es das Lebensband, ist die Ordnung in Ähnlichkeitsklassen. Man könnte hier an Leibnizens Monaden denken, die das sogenannte Leib-Seele-Problem lösen sollten. Wir haben aber die Metaphysik hinter uns gelassen. Wir verstehen also die Strukturiertheit der Welt ganz materialistisch als informationstheoretische Redundanz. Sie ist die Grundlage von Identifizierbarkeit, Gültigkeit, Erkennbarkeit. Das So-und-nicht-anders können wir feststellen, und wir können es verstehen, indem wir seine funktionale Notwendigkeit einsehen.

Der Sinn dieses kleinen Exkurses in die Eiswüste der Abstraktion war es, dem Begriff bis an seine Grenzen nachzuspüren. Zurück zu den Sachen. Der Sinn des Organismus ist, sich am Leben zu erhalten. Das ist sein natürlicher Egoismus. Aber die Wahrheit ist auch, daß das nur die Froschperspektive ist. Der Organismus ist, weil er vorher war, sich aus einem Vorgängigen transformiert hat. Das Sein der Art ist die Bedingung des Seins des Individuums, also die Vielheit vorgängiger Individuen. Und so ist die Wahrheit des Organismus das Fortsetzen seiner Art-igkeit. Der Organismus ist ein Kollektiv-/Sozialwesen, er hat eine kollektive Identität, bevor er eine individuelle hat. Der natürliche individuelle Egoismus ist überlebensnotwendig, mindestens aber ebenso das gattungsmäßige Überleben, also die Identitätserhaltung der Art. Man kann noch einen Schritt weiter gehen, die Arterhaltung ist von dem Lebenssystem koexistierender Arten abhängig, also von der Identität des Lebens(systems).

Eine neue Situation ergibt sich mit dem bewußten Sein des Menschen. Es ist ein mehr latentes als aktuales Partialbewußtsein, das zur zusätzlichen willkürlichen Steuerung seiner Lebenserhaltung sich evolutiv ausgebildet hat. In ihm ist die persönliche Identität die selbstverständliche und meist unreflektierte Bezugsgröße. Und da die Menschen sehr stark gesellige Tiere sind, ist auch die soziale Identität entsprechender Teil ihres Identitätsbewußtseins.

Mit dem Präsenzbewußtsein ergibt sich das Wahrheitsproblem des Bewußtseins, die Urerfahrung, daß Sein und Bewußtsein auseinanderfallen. Das ist erst einmal ein Problem des Bewußtseins, nicht des Seins, denn die Primärfunktion des Bewußtseins ist die rationale Problemlösung. Die Subjektwerdung des Menschen verwandelt das Selbstverständliche in ein Problematisches, Unsicheres. Es gibt das Selbstbild und die Fremdbilder, sie können mehr oder weniger zutreffend sein. Und hauptsächlich bedeutet Subjektivität ja ein dynamisches Sein (man hat mal gesagt, das Wesentliche des menschlichen Seins sei das Werden), nicht nur zerfällt die Realität in Wunsch und Wirklichkeit, Wollen und Sein („Wille und Vorstellung“), sondern das Sein soll sich verwandeln in gewolltes Sein. Und die individuelle Identität wird zum Projekt der Selbstbildung, bis zur Selbstoptimierung. Die Psychologie hat die Instanz dieser Identität ausgemacht: das Ich, das Identisch-sein-mit-sich-selbst. Der Kapitalismus hat die Dynamik des Werdens entfesselt und seinen Träger, den Macher, das selbstherrliche, eigenmächtige Individuum zur Norm gemacht. Natürlich ist dieses bürgerliche Menschenbild Ideologie, die Subjektivität ist einer kleinen Klasse vorbehalten, und der Macher ist sklavischer Exekutor der Logik des Machens. Und das Werden ist nur möglich in einem großen Interdependenzzusammenhang, der komplementäre und supplementäre Rollen verteilt. Das Ich wird zu einer fragilen Einheit von Selbst und einem Komplex angenommener und verworfener Rollenerwartungen. Das Ziel der individuellen Autonomie erweist sich als Illusion, und damit die psychologische Verengung auf Ich-Stärke. Das Über-Ich wäre eher als der Ort der Kollektividentität(en) zu sehen, eine real existierende, mächtige Identität, die das Produkt von Interaktion und Kommunikation ist und in jeder Gesellschaft ihren Ort zwischen autonomem und entfremdetem Wir hat.

Wenn man dem hier explizierten Gedankengang folgen kann, ist Identität unvermeidbar und notwendig, und ebenso die Plastizität und Relativierbarkeit der Identität. In diesem Sinn hat der Strukturalismus das Subjekt und das Ich (oder die Einheit des Ichs) kritisiert, dekonstruiert, aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die Identitären formulieren ein legitimes Bedürfnis, aber ohne hinreichend durchdachten Sinn und Verstand, Identität nicht als Produktiv-, sondern als Destruktivkraft, Ausschließung, selbstgewählte Beschränkung. Und die Antiidentitären sind der spiegelbildliche Wahn, neigen zum Relativismus, dem mühelosen anything goes, einem kriterienlosen Multikulti.

Wenn wir den Menschen als die prekäre Einheit von Individual- und Sozialwesen erkennen, verstehen wir, daß der gesellschaftliche Reichtum sich in der individuellen Diversität spiegelt, aber auch umgekehrt die Individualität sich aus der gesellschaftlichen Selbstorganisation speist, immer nur so stark sein kann wie sich das Wir entwickelt hat.

So ist die Entfaltung des Individuums an die Potenz der Sprachgemeinschaft gebunden. Die Sprache ist der wichtigste kollektive Reichtum der Menschen. So ist der Frieden auf Erden an die Fähigkeit gebunden, ein solidarisches Weltbewußtsein zu entwickeln, eine Identität eines weltweiten Wir. Und so ist die Einbettung des Menschen in die ihn tragende und hegende Natur gebunden an eine Identität der tierischen Existenz der Menschheit, eine Identität als Lebewesen. Wir sind an einem Entwicklungspunkt angelangt, wo es notwendig wird, solche universaleren Identitäten auszubilden, was die darunterliegenden Identitäten nicht ersetzt, sondern die komplexe Identität erweitert.

13:57 04.09.2019
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