Kontingenz, Angst und befreiendes Denken

Leben in Ambivalenz Ursprünglich sollte dies ein Kommentar zu dem Beitrag "Angst und Wirklichkeit" von Lethe werden. Die Zahl der aufgeworfenen Streitpunkte legt aber ein eigenes blog nahe.
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Man kann diesen Beitrag als Kommentar zu Lethes Genese eines Wahns lesen, wobei man die Selbstdiagnose eines Wahns nicht allzu wörtlich nehmen sollte, was gesagt wird, wird von allen ernst gemeint. Damit man den Beitrag ohne die Vorlage verstehen kann, hier eine kurze einleitende Bemerkung zum Thema. Eine Kontingenzerfahrung ist für viele Menschen negativ, für manche mit Angst verbunden. Und viele kämpfen aussichtslos gegen diese Angst an, die sich auch am Sterbenmüssen und der heillosen Überforderung des Denkens festmacht.

Ich werde im Folgenden aufzählen, wo ich bei diesem Thema, in blog und thread Ungenauigkeiten, Irrtümer und Denkfehler sehe.

1. Kontingenz und Notwendigkeit sind komplementäre Relativbegriffe. Wäre die Welt vollkommen kontingent (unbestimmt) oder vollkommen notwendig (determiniert), könnte sie nicht gedacht werden. Tatsächlich beruht unser Wissen auf Notwendigkeit, strikter (unbedingter), bedingter und schwacher, probabilistischer, aber eben überzufälliger. In der Naturwissenschaft ist nach wie vor der Determinismus tonangebend, selbst in der QT gibt es deterministische Deutungen (Multiversen, verborgene Parameter). Aber auch wenn unser Universum nur praktisch, wegen Kompliziertheit, nicht vollständig bestimmbar wäre, müßte man die Frage zulassen, ob diese deterministische Welt als Ganze nicht kontingent ist, also andere Welten möglich und womöglich existent sind.

2. Allbegriffe (Sein) und Allnichtungsbegriffe (Nichts) sind nur als technische oder operative, also als formallogische Begriffe sinnvoll, haben keinen ontologischen Sinn.

3. Man muß unterscheiden, ob sich Kontingenz auf Dinge, Sachverhalte oder auf das Denken bezieht/beziehen soll. Die Notwendigkeitserfahrungen sind primär, die ersten schmerzhaften Verletzungen, das erste „Nein“. Die ersten tiefergehenden Kontingenzerfahrungen treten in der Regel erst in der Pubertät auf, wenn die Selbstbildung und -reflexion so weit entwickelt ist, daß sich die Frage stellt, ob etwas (insbesondere was das Subjekt betrifft) notwendig ist wie es ist. In dieser Lebensphase lernen die Menschen, sich im Spannungsfeld von Kontingenz und Notwendigkeit einzurichten. Wobei es eine angeborene Disposition zu mutigem, risikofreudigem oder zu vorsichtigem, berechnendem Verhalten gibt.

4. Im Extrem führt das bei dem einen Typus zu paralysierender Angst vor Freiheit, bei dem anderen zu zwanghaftem Anrennen gegen alles Beschränkende. Die Psychologie erkennt diese Extreme als psychische Krankheiten, die das betroffene Individuum vom Großteil seiner Lebensmöglichkeiten abhalten und unglücklich machen. Der psychisch Gesunde findet in den Mittellagen sein individuelles Gleichgewicht, das er gezielt verlassen kann, dem er aber immer wieder zustrebt (Homöostase). Lebensgeschichtlich ändert sich dieser ideale Ort, an dem das Individuum seine maximale Harmonie- und Identitätsempfindung hat, auf charakteristische Weise und das ist gut so.

5. Es gibt reale, mehr oder minder existentielle und es gibt fiktive Ängste, letzterer sollte man sich schnellstmöglich entledigen. Die ersteren, die Persönlichkeit prägenden, können sich auf Physisches oder auf Psychisches beziehen, und sie können angemessen oder übertrieben sein. Wer sie nicht kennt, ist vielleicht ein glücklicher Idiot, aber, wenn nicht krank, jemand mit bemitleidenswert eingeschränktem Phantasievermögen. Wer von ihnen beherrscht wird, braucht professionelle Hilfe. Beispiel: Die Vorstellung, über uneingeschränkte Sinneswahrnehmung zu verfügen, klar denken zu können, aber zu keinem output (zu keiner willkürlichen Bewegung) mehr fähig zu sein, ist eine absolute Horrorvorstellung, zu der man in der Lage sein sollte, die Gefahr, in diese Lage zu geraten, ist aber so gering, daß wir mit dieser Vernichtungsperspektive relativ unbehelligt leben können. Sie wird uns aber helfen, uns richtig zu entscheiden, wenn einmal jemand aus unserer Nähe davon betroffen ist.

6. Die Angst vor dem Ende braucht nach dem Gesagten nicht weiter thematisiert werden. Auf dem angemessenen Niveau hilft sie sich lebensbejahend zu verhalten. Ich möchte trotzdem darauf hinweisen, daß es ein simple Strategie zur Neutralisierung der Angst gibt, die den gleichen Mechanismus nutzt: die Horrorvorstellung vor dem Nicht-Enden-Können. Das sollte das Lachen zurückbringen oder zumindest den Gleichmut.

7. Zu guter Letzt möchte ich mit der Vorstellung vom unbeschriebenen Blatt aufräumen, sie ist geradezu abenteuerlich falsch. Schon das Gehirn des Neugeborenen ist kein unbeschriebenes Blatt, wäre es das, wäre das Neugeborene nicht einmal zu tierischen Basisleistungen fähig, könnte keine Denkleistungen entwickeln und würde ohne dauerhafte Hilfe von Außen nicht überleben. Aber nicht nur die notwendigen Vorbedingungen, auch die physiologischen Funktionsbedingungen des neuronalen Apparats widersprechen der Idee des leeren Blatts. Sie machen das Denken zu einem irreversiblen Vorgang. Zwar können Denkinhalte, die sich physiologisch in Bahnungen realisieren, gelöscht werden, aber erstens ist der Löschvorgang sehr viel aufwändiger als der Schreibvorgang, zweitens ist es eher ein Überschreibvorgang, eine Schwärzung oder um im Bild zu bleiben eine Weißung, wobei Rückstände der ursprünglichen Einschreibung wie der Löschung zurückbleiben. Das kann nachgewiesen werden, indem eine Wiedereinschreibung effektiver als die Ersteinschreibung ist. Die Denkfähigkeit hängt davon ab, auf wie viel Material (gespeicherte Struktur) und auf wie viele neuronale Vernetzungen ich zugreifen kann, und wie viele Wege ich beschreiten und reflexiv aufeinander beziehen kann. Also auf einer großen Bestandsmenge, nicht auf einer möglichst großen Leere. Selbstverständlich gibt es Ballast und hemmende Fehlbestände. Es muß Denken nicht nur aufgebaut, sondern auch ständig nachgebessert, revidiert werden. Das kann sehr umfangreiche Segmente betreffen, die auf einer wackeligen Grundlage beruhen. Solche Probleme werden aber meistens erst in dem Überblick auf das Gesamtkonstrukt sichtbar, was bedeutet, daß der Fehler erst einmal gemacht werden mußte.

Alkohol, Drogen, Meditation und viele weitere psychosomatische Techniken sind teils problematische, teils segensreiche Eingriffe in vorgegebene Funktionsweisen, bevorzugt zur Reversibilisierung, aber auch zur Steigerung. Es ist nichts gegen Meditation als ein Mittel der geistigen Hygiene zu sagen, das es erlaubt, sich von Fixierungen zu lösen und Denkmuster zur Disposition zu stellen, das hilft, Denken bewußt zu machen und das bewußte Denken punktuell zu korrigieren. Die Zuhilfenahme solcher Techniken ist angeraten, wenn das Denken seine Leichtigkeit und Offenheit verloren hat und sich nur noch im Kreise dreht. Umgekehrt ist einem zu flüssigen, haltlosen Denken die Beschäftigung mit Mathematik zu empfehlen, früher hat man in der Schule zu Latein geraten. Gänzlich uneinsichtig ist mir die Idee eines Nullpunktdenkens, des radikalen, allgemeinen Rückgangs auf das weiße, unbeschriebene Papier, oder der Vorschlag, nun einmal alles zu vergessen, was man zu wissen glaubt. Ich kann mir das nur aus einem religiösen Urimpuls oder einem Wunderglauben erklären, dem zufolge der Erwachsene die kindliche Unschuld verloren hat und erst wieder richtig, natürlich denkt, wenn er zum Kindstatus zurückkehrt. In noch einem Punkt reichen sich West und Ost die Hand. Nach christlicher Lehre hat die Ursünde zur Todesstrafe und der erbärmlichen Todesangst geführt. Der Glaube tröstet uns mit dem ewigen Weiterleben im Himmel (wenn wir denn schön artig waren). In der Wiedergeburtslehre zwingt uns das schlechte Leben zu ewiger Reinkarnation, bis wir es uns verdient haben, im Nirvana zu verschwinden. Für mich ist das die gleiche Denkfigur.

23:39 25.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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