Krieg und Frieden, im kleinen und im großen

Gesellschaftsmechanik Menschen lieben und hassen, gesellen und dissoziieren sich. Gesellschaftlicher Frieden ist nicht allein mit Worten zu schaffen, schon gar nicht mit Waffen.
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Wenn man ein mechanisches Modell der Gesellschaft entwerfen wollte, würde es sich anbieten, die Menschen als ladungtragende Atome zu denken, die, freilich mit markanten Unterschieden von sozialer und physikalischer Mechanik, über zwei Ladungssorten verfügen, + und -, eine anziehende und eine abstoßende Ladung. Wobei die Reichweiten und Wirkungsweisen der Ladungen unterschiedlich sind, nur schwach interferieren, und die Ladungsbeträge mehr oder weniger stark variieren. Die negative Ladung würde mit der Entfernung von einem Nachbaratom in höherer Potenz abnehmen als die positive, sie hätte demnach eine relativ größere Nahwirkung, wie die positive eher eine Fernwirkungskraft wäre.

Damit würde sich erklären, wie es bei kleiner Population zur Verdichtung engerer Kleingruppen kommt, bei Bevölkerungswachstum zu einer Ausdehnung des Siedlungsraums bis zur weltweiten Verbreitung, und zur Ausdifferenzierung größerer Teilpopulationen. Da die menschlichen Atome in Wahrheit individuelle Organismen sind mit in den Lebenszyklus eingespanntem Auf-und Abbau einer Binnenstruktur, die wesentlich mit der Ladungsbilanz korreliert, wären Gesellschaften in ständiger Bewegung sich befindliche Gleichgewichtssysteme, deren Bestände und Dynamiken mithilfe der Dialektik von Teil und Ganzem zu untersuchen wäre.

Dem mit der Eingangsfrage einverstandenen Leser mag allerdings die vorgestellte Modellierung abwegig und müßig erscheinen. Ich möchte dennoch eine bedenkenswerte Schlußfolgerung aus ihr ziehen, zu der man auch auf anderen Wegen käme, aber vielleicht nicht so elegant.

Die Menschheit hat ihr maximales Ausbreitungsgebiet erschöpft, auch wenn es noch nicht gänzlich abgehobene Ideen hauptsächlich zu einer vertikalen Oberflächenerweiterung der Welt, den maritimen Siedlungsraum und extraterrestrische Perspektiven gibt. Das Wachstum der Weltbevölkerung ist ja selbst kein Naturgesetz, sondern teils ko-, teils kontravarianter Faktor im Gleichgewicht, den sozialen Bindungs- und Fliehkräften unterworfen, die Welt kann sich kaum noch extensional entspannen. Es wächst die Gefahr individueller und kollektiver Pathologien, die Auswirkungen solcher Fehlentwicklungen werden massiver und können immer weniger leicht beherrscht werden. Wenn die Gesellschaften nicht solidarisch zusammenwachsen, werden sie explodieren. Dabei dürfte die soziale Destabilisierung gefährlicher sein als die ökologische, beide stehen in engem Zusammenhang. Zu beachten ist, daß schon bevor das Gesamtsystem scheitert es kaum erträgliche individuelle Ausfälle gibt, das sind die immer häufiger zu beobachtenden Amokläufe und durchgeknallten Gewaltexzesse, die an einer allgemeinen Verrohung aufsetzen.

Ganz konkret sollte die kleine Überlegung dafür sensibilisieren, daß das Problem der mangelnden Friedfertigkeit von Gesellschaften weniger im falschen Denken, in rechten Ideologien, in manipulativen Strategien der Herrschenden zu suchen ist als in dem materiellen Lebensprozeß. Ohne Änderung des Seins läuft der Kampf um die Köpfe ins Leere, sind gewünschte kulturelle Leitbilder und Moralen weitgehend wirkungslos. Wachsende Binnenaggression, die übermäßige negative Binnenladung erzeugt erst oder bildet den Nährboden für Ideologie und den Erfolg von Manipulierungsstrategien. Hanau ist nicht Folge von Hetze, Rechtextremismus, sondern umgekehrt ist die fehlende Lösung der sozialen Frage die Ursache von Hanau und AfD. Hanau kann man nicht verhindern, aber weniger wahrscheinlich machen, wenn man soziale Desintegration, Armut und Verwahrlosung verhindert. Wir müssen also die Bedingungen für die Atome, sozusagen das Trägermedium ändern, dh uns vom Kapitalismus verabschieden, denn der ist der mächtigste soziale Spaltpilz. Andernfalls ändert unsere Gesellschaft den Aggregatzustand und wir schlittern in ein destruktives Chaos, eine Überhitzung des sozialen Raumes, der Kessel explodiert.

18:03 27.02.2020
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