Wie es uns gefällt

Eine Sommermusik Sind Töne nichts als Töne? Dem möchte ich entschieden widersprechen und anregen, genauer zuzuhören und nicht die Mühe zu scheuen, darüber nachzudenken.
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Wären wir jetzt in Minusgraden, die es schon lange nicht mehr gegeben hat, wäre es leicht, die passende Musik aufzulegen, da würde wahrscheinlich eine Mehrheit für die Frostarie (am besten mit Klaus Nomi) plädieren. Und das zurecht, denn es gibt kein schöneres populäres Beispiel für einen gleichzeitig physischen und ästhetischen Gänsehauteffekt.

Das ist im Sommerfall schwieriger, passende Musik gibt es wie den Sand am Meer der Sommerfrische. Einfacher wird es, wenn wir ästhetische Qualitätsansprüche anlegen. Allerdings gibt es nicht die ästhetische Theorie, die einen verbindlichen Kern zu einer objektiven Bewertung ihrer Gegenstände lieferte. Ich kann mich also nur auf Plausibilitäten stützen.

Ein naheliegendes Beispiel ist Gershwins Summertime, es gehört fast noch zur Ouvertüre von Porgy und Bess und kann für die ganze Oper stehen, nicht für den Sturm, aber für die wohlige Trägheit. Es ist ein Wiegenlied, das beruhigt und schützt, es erzählt, daß living is easy, und es kleistert doch nicht die Welt mit rosarot zu, es vergißt und verleugnet nicht die harte Erwachsenenwelt. Das macht die bittere Süße seines Moll, und im Unterschied zu Dur ist die Mollauflösung nie vollständig. Dur kann reines, triumphales, strahlendes Dur sein, Moll ist immer gebrochen, weil die Dominante in Dur steht. Wenn Schönheit sich erst voll in der Umarmung von Wahrheit entfaltet, haben wir den Grund gefunden, warum die Liste überzeugender Kunstwerke in der dunklen Tonartvariante in der klassischen Musik so unerschöpflich ist.

Ich wähle ein anderes Beispiel, das Leichtigkeit und Nachdrücklichkeit mit einfachsten Mitteln auf unnachahmliche Weise verbindet: on the beautiful side of a romance von Can. Rite Time ist ihre letzte Nachzüglerscheibe, schwächer als die Vorgänger, aber on the beautiful side ist eine ihrer faszinierendsten Nummern. Grundidee ist die Terzenschichtung. Die Dur- oder in unserem Falle Moll-Modalität wird melodisch durch die Diatonik, harmonisch durch die Obertonreihe bestätigt. Normalerweise. Selten wird der Quintenzirkel eingesetzt, noch seltener der Quartenzirkel (Schönberg, 1. Kammersinfonie). Das Ganztonglissando entdifferenziert, deutlicher noch das chromatische, das nur noch Anfangs- und Endpunkt markiert. Sehr selten und unsystematisch wird die tonale Bestätigung durch Terzenschichtung erzeugt. On the beautiful side ist nichts weiter als die hypnotische Durchführung dieser Idee.

Es werden also in der Hauptstimme, das ist die Gesangsstimme, die Tonleitertöne nicht diatonisch, sondern in Terzschritten, über zwei Oktaven intoniert. Ich weiß natürlich nicht, wie konstruktiv oder intuitiv das Stück zustandegekommen ist, vermute aber, daß die letzte Terz bewußt ausgelassen worden ist, weil sie als Grundton der Paralleltonart und damit falsch gedeutet würde. Prim, Terz, Quint, Septime, None, Undezime sind das Ausgangsmaterial. Quinte, Septime, None und Undezime bilden bekanntlich den Dominantseptakkord. On the beautiful side würde man aber ganz falsch verstehen bzw. falsch hören, würde man die Undezime als Septime der Dominante auffassen. Dagegen spricht die Grundierung durch die Begleitstimmen mit dem satten Dreiklang und eben das Ausbleiben der Auflösungskadenz. Wir werden mit dem stehenden Klang der sechsfachen Terzschichtung beschallt.

Dies als Schönheit zu erkennen bzw. wahrzunehmen, überlasse ich dem Hörer. Hier muß der Hinweis genügen, daß in der Entwicklung der europäischen Musik bis zur Spätromantik ursprüngliche Dissonanzen immer mehr konsonant empfunden werden, und daß Dissonanzen eine eigenständige ästhetische Qualität erhalten. Weniger ist ja manchmal mehr, so ist der hier besprochene Terzschichtungssechsklang weniger dissonant als der Vierklang mit der großen Septime. Große Septime und kleine Sekunde sind die dissonanten Intervalle schlechthin.

Schönberg, zu dem wir kurz wechseln wollen, hat nicht erst in der atonalen Phase eine Vorliebe für diese Intervalle (und den Tritonus), setzt beide bei der schmerzlichsten Erfahrung ein, die man machen kann, dem Tod einer geliebten Person. Als Steigerung des Moll im Klagelied der Waldtaube (48:50, 50:10, 52:30 in Teil I der Gurrelieder). Im Unterschied zu Can arbeitet Schönberg weniger mit Klangarchitektonik als mit Klangdynamik, in der Spätromantik heißt das nicht Auflösung der komplizierten Spannungen im Klangbild, sondern Metamorphose, im Lied der Waldtaube das Alterieren von Ges-A-des-es-f oder Ges-des-a-(es'-)f' in Es-A-des-g.

Auch das zweite große Frühwerk von Schönberg, Pelleas und Melisande, muß die existentielle Katastrophe bewältigen, da kann es kaum überraschen, daß der Komponist eine ähnliche Lösung findet. Wiederum wird der scharfe Mollvierklang mit einem unaufgelösten alterierenden Vierklang kombiniert, jedoch den spitzen Tönen die Schärfe wieder etwas genommen, indem sie zwar von den Flöten, aber ppp gespielt werden sollen. Bei Abschnitt 59 der Partitur ist das Unabänderliche passiert, musikalisch in die Klänge d''-b'-ges'-b-es und e'(es')-b-ges-c gefaßt, in denen sich die menschliche Ordnung auflöst, schmerzlich und wunderschön (40:50). An dieser Stelle taucht unausweichlich die Frage auf, wie kommt Schönberg zur Versöhnung, denn die gesellschaftlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die künstlerisch die Beruhigung als beschönigende Unwahrhaftigkeit desavouieren, haben sich noch nicht ereignet.

Bei Can stellt sich die Frage nicht, weil der Sechsklang ohnehin eher konsonant als dissonant wirkt, er verwendet die anschmiegsame kleine Septime statt der scharfen großen. Und die Architektur des Stücks lebt von der Multivalenz der Spielfiguren: Undezime und None sind selbstverständlich auch Quart und Sekunde, insbesondere als/in Umkehrung e'-(d'-)cis'-h von fis-(gis-)a-h oder in der Diatonik a-gis-fis-e-d-cis-H anstelle des Terzenzirkels. Daß dennoch die Hauptlesart der Terzschichtung richtig ist, zeigt die aufsteigende diatonische Baßlinie vom Grundton bis zur Undezime bei 5:28, es handelt sich um den einzigen Höhepunkt des Stücks, das bald darauf ausgeblendet wird, aber endlos weiterlaufen könnte.

On the beautiful side of a romance ist eine energiegeladene, zupackende, tanzfreudige Musik. Wenn die Temperaturen weiter steigen, legen wir Sex in der Wüste von Ideal auf, wenns auch dafür zu heiß ist, Soul Desert von Can, da trocknet einem schon beim Zuhören der Hals aus, da sind wir dann beim Gegenpol der Frostarie.

23:57 07.07.2014
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