Wissenschaftliches Weltbild und Glauben

Vernunftreligion? Nach zwei Blogs zum Thema Atheismus und Fundamentalreligiösität, meistkommentiert und große Betroffenheit spiegelnd, hier der Versuch einer Versachlichung.
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Die beiden Blogs, der erste eine durchaus geeignete Diskussionsgrundlage, der zweite eine etwas verunglückte Satire, die als wiederholende Farce überinterpretiert wäre, haben einen Kommentarsturm ausgelöst. Da wurde scharf geschossen, wenn auch überwiegend mit Platzpatronen auf Pappkameraden, also ohne große Aussicht auf Erkenntnisgewinn. Daher liefere ich hier die Vorlage eines etwas geschlosseneren wissenschaftlichen Weltbilds, wie es einem Atheismus zugunde liegen sollte, und auf das man sich zielgenauer einschießen kann. Also bitte, für die, die ihr Pulver noch nicht verschossen haben: eine Bitte um Gegenargumente.

Warum soll man nicht annehmen, daß es wenigstens seit dem Urknall, über den wir nichts genaues wissen, diese unsere Welt gibt? Sei es, daß in ihm die Zeit, sei es, daß in ihm ein Zeitzyklus beginnt. Unklar, ob es sich um eine Singularität handelt, ob solch mathematisches Objekt bzw. in welchem Sinn es überhaupt real sein kann. By the way: ich höre immer den Verweis auf das das menschliche Maß übersteigende und auf ein Höheres deutende Unendliche. Wieso eigentlich ist das Unendliche phantastischer als das Endliche? Kann sich jemand die Welt wirklich als endlich vorstellen? Doch allenfalls als eingebettet in einen unendlichen Hyperraum, oder? Weil das Unendliche, auch das unendlich Teilbare, uns näher liegt als das Begrenzte, haben wir solche Schwierigkeiten, die Quantenwelt zu verstehen. Welche Mathematik ist realer, die diskrete oder die Kontinuumsmathematik?

Warum soll man nicht annehmen, daß diese Welt - die nur begreifbar ist als eine zwischen Kontingenz und Inkontingenz, beide Extreme würden sie unbegreiflich machen, Begreifen beruht auf einer Konstanz in der Dynamik, ist die Reduktionsfähigkeit auf ein zeitlich ausgedehntes So-und-nicht-anders - , daß diese Welt sich lokal mindestens in einem Gebiet zu einer belebten Welt mit uns Menschen als bisherigem Endprodukt höchstkomplexer individueller Struktureinheiten, nicht voll-, aber teildeterminiert entwickelt hat? Mit uns Menschen, die fähig sind, über eine schon bei Tieren vorfindliche Fähigkeit zur Repräsentation der Welt im Inneren mit dieser Repräsentation zu arbeiten, die Welt und das eigene Sein in der Welt zu reflektieren und so zu einer bewußten Abbildung der Welt zu kommen, selbstverständlich in engen Grenzen, da das Abzubildende unvergleichlich komplexer ist als das Abbildende. Und so dürfen wir annehmen, daß unser Wissen im Wesentlichen kumulativ ist, aber keinesfalls sicher gegenüber der Notwendigkeit, hin und wieder die Abbildung grundlegend zu revidieren. Das Ptolemäische Weltbild ist ein schönes Beispiel. Es war eine großartige Leistung, die Bewegungen am Himmel voraussagen zu können, sie zu wissen. Nur merkte man irgendwann, daß der Ptolemäische Funktionszusammenhang zu fantastisch war, der hätte in der Tat eine göttliche Allmacht erfordert. Statt dessen kam man auf eine ganz andere, super einfache Erklärung für das Beobachtete. Das alte Prognosewissen konnte man zu Beginn der neuen Weltsicht bemerkenswert lange Zeit nicht überflügeln, trotzdem wurde es zurecht ersetzt. Die Multiversentheorie ist ein ähnlicher, überdies problematischerer Fall. Sie beruht auf der unbefriedigenden Situation, daß der quantentheoretische Schnitt, die Festlegung auf unsere Welt keinerlei Begründung in der Theorie findet, die ansonsten empirisch bestbestätigt ist. Und auch Stringtheorie und das Konzept der Supersymmetrie verdanken sich dem theoretischen Bedürfnis nach einer Entropie verringernden Reduktion, nach komplexerer Ordnung des Weltrepräsentationsmodells. Der Erfolg steht noch aus, wir müssen abwarten, was theoretisch oder empirisch kommen mag. So jedenfalls schreitet unser Wissen über viele Umwege und manche Sackgassen fort, warum sollte man die Welt für prinzipiell unerkennbar halten? Unser Wissen ist prinzipiell unvollständig, es gibt aber keine konkrete Wissensgrenze. Daher antwortete Hegel auf Kant: die Furcht zu Irren ist der Irrtum selbst. Dabei konnte Hegel noch nicht einmal ahnen, wie sehr die kategoriale Sicherheit Kants verloren gehen würde. Hier muß an einen alten Sokratischen Gedanken erinnert werden, nennen wir ihn:

das Fortschrittsparadox.

Der Satz „ich weiß, daß ich nicht weiß“, oder in abgewandelter Formulierung „je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, wie wenig ich weiß, desto größer ist das Wissen meiner Unwissenheit“, wird oft als Einwand gegen den Erkenntnisdrang, sogar gegen das Denken überhaupt, eben als Paradox mißverstanden. Er meint ja tatsächlich, daß ich erst durch Erkennen meiner Unwissenheit zu Erkenntnis gelangen kann. Das läßt sich verdeutlichen. Stellen wir uns als Beobachter im unendlichen Wissensraum vor. Unser Wissenshorizont ist zum Zeitpunkt t(0) durch den Wissensradius w(0) gegeben, jenseits dessen der Bereich des unsicheren Wissens bis zum Ende des Wissensvorstellungsvermögens reicht, u(0), ein Raum der Wahrheitssehunschärfe. Unser Welthorizont ist also w(0)+u(0). Steigern wir jetzt unseren Wissenshorizont und nehmen wir der Einfachheit halber an, der Nichtwissensbereich, der ein Einzelwissen umgibt, bleibe im Wesentlichen immer gleich, u(0) = u(1) = u. Dann ist der neue Welthorizont w(1)+u(1) = w(1)+u. Der Wissensbereich ist anfangs die Kugel mit dem Radius w(0), der neue Wissensbereich hat den Kugelradius w(1). Die Welthorizonte haben die Radien w(0)+u und w(1)+u. Dann ist mit dem Wissen auch das Unwissen gewachsen (mathematisch: das Wissen wächst in der dritten, das Unwissen in der zweiten Potenz). Vereinfacht: Mit dem Wissen wächst der Unschärferand des Wissens. So muß es nicht sein, d.h. die Voraussetzung konstanter Unwissenheitsumgebungen ist äußerst fragwürdig, aber das ist der qualitative Inhalt der obigen Aussage, möglicherweise der Sokratischen. Übrigens, ein realistischeres Bild für die Situation dürfte der Wissensraum als Oberfläche einer Kugel oder Halbkugel sein, mit dem menschlichen Beobachter in der Oberflächenmitte der Halbkugel. Der Beobachter kann seinen Sehhorizont erweitern, indem er sich durch Abstraktionstätigkeit vom Oberflächenboden erhebt, eine Vergrößerung der sichtbaren Fläche wird aber immer schwieriger, erst im unendlichen Abstand von der Wissenskugel, wo sich angeblich Parallelen schneiden, wird die ganze Halbkugel sichtbar, falls es menschlich unbegreifbares Wissen gibt, bleibt dies wie die Rückseite des Mondes verborgen. Der Rumsfeldsche Bereich des Nichtwissens, von dem wir nicht einmal wissen, daß wir es nicht wissen. Und nur – oder zumindest – die christliche Religion hat sich zu der Replik auf Sokrates verstiegen, daß es besser gewesen wäre oder es besser wäre, man hätte auf das Essen vom Baum der Erkenntnis verzichtet („so ihr nicht werdet wie die Kinder...“). Es stimmt, wer mit Unsicherheit nicht leben kann, sollte nicht anfangen zu denken.

Mit der Denk- und Handlungsfreiheit, über die in einem anderen Blog gestritten werden könnte, wird der Mensch partiell zum Subjekt seiner Selbstorganisation. Schon für uns als mit Modellen die objektive Welt zu erfassen Suchende ist die subjektive Komponente in unserem Wissen nicht zu vernachlässigen, so sehr wir auch unsere Perspektivgebundenheit zu überwinden, von unserem Interessenstandpunkt zu abstrahieren trachten. Wenn wir von objektiver Wahrheit sprechen, meinen wir , daß sich unser Denken angemessen auf einen objektiven Sachverhalt bezieht, nicht daß diesem Sachverhalt eine zusätzliche Eigenschaft, das Prädikat wahr (ein Denken des Dings an sich) zukommt. Man könnte allenfalls sagen, das ist eben die Wahrheit, daß die Dinge sind und nicht nichtsind, also nicht nur eingebildet sind. Wahrheit ist eine prekäre Qualität des Denkens. Es bleibt immer die Beschränktheit unserer Erkenntnis- und Darstellungsmittel. Es sei denn, man löst die Bindung ans Sein, spricht dem Denken absolute Transzendenz zu, dann muß es sich nicht mehr bestätigen, kann nicht mehr widerlegt werden, dann hat man sich von einem wissenschaftlichen Weltbild verabschiedet. Ich bleibe bei letzterem. Wahrheit reduziert sich unter diesen Umständen auf eine Korrespondenz der im Modell möglichen Zustände mit der empirischen Realität. Wenn nun aber das Subjekt selbst zum Inhalt der Wissenschaft wird (oder in diesen Inhalt hineinragt), spielt immer die subjektive Relativität eine tragende (oder zu berücksichtigende) Rolle. Hier ist Wahrheit, gesichertes intersubjektiv gültiges Wissen, nur als bedingte, unter expliziter und vollständiger Angabe der Prämissen, diskussionswürdig und zustimmungsfähig.

Mit der Denk- und Handlungsfreiheit kommt das Bedürfnis nach grenzüberschreitender Verhaltensänderung, das Ausloten der Freiheit und Experimentieren im Probehandeln, die produktive und gefährliche Dissoziation, aber andrerseits auch das gegenläufige Bedürfnis nach sinnvoller Einschränkung der Möglichkeiten, nach Verhaltenssicherheit und -erwartbarkeit, nach Ermöglichung von Verhaltensroutinen, nicht zu vergessen die Selbstwertsteigerung durch Handeln nach Maßgabe des Guten jenseits des Nützlichen. Daß wir von anderen Gutsein einfordern, versteht sich von selbst, wenn wir es nicht uns selbst abverlangten, wären alle moralischen Appelle zwecklos. So entwickeln wir Werte. Einer atheistischen Hypothese zufolge ist Religion, resp. das Heilige, resp. Gott eine Projektion solcher Werte in die Außenwelt bzw. in ein Jenseits, man könnte auch sagen, Religion ist ein anthropomorphes und gleichzeitig unmenschlich idealisiertes phantasiertes Jenseits, eine Autosuggestion. Oder eine Veranstaltung, mit der der Unsicherheitsbereich u(t) usurpiert wird, zu einem höheren Scheinwissen, eine tröstliche Versöhnung mit menschlicher Schwäche und eine Selbstüberhöhung der Eingeweihten, mit Gott im Bunde Stehenden. Das sei ihnen gegönnt. Religion funktioniert wie ein Placebo. Die atheistische Kritik ist primär keine Wertekritik, sondern nur der Hinweis auf eine Selbsttäuschung. Man kann als Atheist sogar religiöse Werte teilen, obwohl – bei dem Alter der Glaubenssysteme ist es wenig verwunderlich, daß sie größtenteils antiquiert wirken, besser in ihre Entstehungszeit passen. Schließlich gibt es konservative Werte, deren Verlust in der Neuen Zeit, der Moderne, von religiösen Menschen kaum ertragen werden kann. Ein Recht auf solche Werte gibt es allemal. Wie dem auch sei, die noch Neuere Zeit wird keine Zeit des Verschwindens aller Werte sein, das war der Kapitalismus, der die Gesellschaft im Guten wie im Schlechten von überkommenen, unreflektierten Werten „befreit“ hat. In neuen, autonom gesetzten Werten, einem neuen Idealismus, werden die Menschen nicht ihre Freiheit als begrenzt, sondern als realisiert erkennen. Das könnte man einen vernünftigen, absolut säkularen, mit einer wissenschaftlichen Weltsicht, dem Wissen, kompatiblen Glauben nennen, den Glauben an die Möglichkeit des Guten. Es ist kein religiöser Glauben, und es ist auch eher eine Hoffnung, auf die wir Menschen wohl nicht dauerhaft verzichten können. Es ist die Hoffnung auf Erlösung durch Vernunft. Ist das nicht eine schöne Alternative zur Religion?

13:29 24.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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