Wozu Aufklärung?

Fortschritt und Kritik Dies ist eine Paraphrase zu Helder Yurens Beitrag Westgeschenke (3), in dem er die entstellte Aufklärung als vergiftetes Geschenk des Westens an die Welt beschreibt.
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Aufklärung kann man als Menschheitsprojekt, aber auch im engeren Sinn als die in der französischen Aufklärung zu einer paradigmatischen Haltung zur Welt gekommene Einstellung betrachten, Vernunft zum Leitprinzip des Denkens und Handelns zu machen. Die französische Aufklärung hat historische Vorläufer in den früheren Hochkulturen, insbesondere in der griechischen. Vernunft ist dabei der Oberbegriff für alle Formen des der Wahrheit verpflichteten Denkens, also, wenn ich einmal die erkenntnistheoretische Problematik überspringe, der positivistischen Wahrheit (dessen, was der Fakt ist) wie der formal und inhaltlich bedingten (hypothetischen) Wahrheiten. Naturgemäß ist die Unterscheidung von positivistischer Wahrheit und Unwahrheit einfacher, im Bereich der Alltagserfahrungen sogar trivial, aber das Wahrheitskriterium muß auch auf die komplexeren bedingten Gedanken angewandt werden. Aus diesem Grund hat die Philosophie, was heutzutage ungerechtfertigterweise belächelt wird, in ihrer langen Geschichte das Ganze umfassende Denksysteme zu entwerfen versucht, was mit einem starren, aristotelischen Schematismus letztenendes scheitern mußte, da dieses Denken selbst Teil einer offenen Geschichte ist. Wir könnten heute weiter sein. Die mit der Selbstreflexion erlangte Offenheit, zu der die letzten großen Universalkonzepte gelangt sind, hat leider noch nicht die erforderliche Akzeptanz erreicht.

Das vorstehende darf nicht als elitärer philosophischer Elfenbeinturm mißverstanden werden, den gibt es auch, aber hier machen Philosophen nur explizit, was im Alltagsdenken selbst schon vorhanden ist, man denke nur an die allgemeine Skepsis gegenüber vorgegebenen Fakten, die immer öfters als Fiktionen durchschaut werden („Lügenpresse“ spricht allerdings einen das naive Generalvertrauen spiegelnden ebenso naiven Generalverdacht aus). Sobald ein Mensch sein Denken reflektiert, philosophiert er, und das ist gut so, unabhängig auf welchem Niveau es geschieht. Reflektiert er systematisch, ist er ein Philosoph, unabhängig davon, wie gebildet (oder verbildet). Allerdings ist die Dialektik von individuellem und gesellschaftlichem Denken zu beachten. Letzteres ist viel mächtiger als jedes individuelle, aber es realisiert sich nur durch das individuelle Denken der daran teilhabenden und es ist ein Produkt der kommunikativen Interaktion von Eigendenken, Übereinkunft und kollektivem, medial materialisiertem Denk- und Wissenssbestand.

Die Entwicklung der technischen Vernunft, des analytischen zweckrationalen Denkens ist, wie oben am Operieren mit Fakten festgestellt, einfach und verläuft dementsprechend rasant. Das begreifende, verstehende, in Zusammenhängen sich vollziehende, welches dem vorgenannten Verstand als Vernunft im engeren Sinne gegenübergestellt wird, ist mühsam, beharrlich, sein Fortschritt läßt sich nur in epochenübergreifenden Zeiträumen nachweisen. So scheint es, als gäbe es diesen Fortschritt überhaupt nicht, wohingegen der technologische Fortschritt es kaum noch dem Einzelnen erlaubt, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Negative Utopien ziehen hieraus ihre falschen Schlüsse, denn das technische Denken kann in der Tat gleichermaßen zum Wohle wie zum Wehe genutzt werden, es ist zu einem hohen Grad wertneutral.

Aus genau diesem Grund wäre es wünschenswert, sich dem begreifenden, verstehenden, reflexiven Denken mit größerem Engagement zuzuwenden, einschließlich des noch beharrlicheren emotionalen Fühlens, das ein nicht zu unterschätzender Teil des Denkens, also der Vernunft ist. Daß das Verhältnis von Verstand und Vernunft so ungleichgewichtig ist, liegt wie gesagt in der Natur der Sache, ist nicht zu kritisieren. Es kommt aber die gesellschaftliche Überformung hinzu. Die Geschichte verläuft nicht geradlinig, so gibt es rationalere und mehr auf Intuition setzende Perioden. Der Kapitalismus hat das bislang letzte Mal das Steuer zur rationalen Seite herumgerissen und den technologischen Siegeszug besiegelt, der unleugbar zunächst echten Fortschritt gebracht hat, inzwischen aber eher einem Geisterzug in den Wahn gleicht. So war das von der Aufklärung nicht gedacht. Rationalität wurde gegen Magie und Aberglauben in Stellung gebracht, um die wahre Natur des Menschen (und des Universums) zu ergründen. Wie die Mittel zur Wahrheitsfindung zu Mitteln der Herrschaft (über Natur und Menschen) werden konnten, wurde unter dem Titel Dialektik der Aufklärung beschrieben, Aufklärung wird zur Gegenaufklärung.

Der Kapitalismus erscheint als die neue, rationale Ordnung der Welt, die alles Vormoderne niederreißt. Und tatsächlich werden die vormodernen (religiösen und säkularen) Strukturen depotenziert. Aber Kapital ist reine Quantität, inhaltslos. Auch die allgemeinen Menschenrechte, die es propagiert, enthalten bei genauerer Betrachtung nur das Prinzip der Gleichheit, ein quantitatives Kriterium. Was Würde des Menschen ist, kann der Kapitalismus nicht explizieren. Weil aber Form ohne Inhalt nicht geht, nährt er sich vampiristisch von den Resten der überformten und allen zaghaft entstehenden Gegenkulturen. So ist das Nebeneinanderbestehen von irrationalen Traditionen, Sitten, antirationalistischen Gegenströmungen einerseits und Technikwahn und rationalistischer Coolness keine Ausnahme, sondern die Regel. Wir kommen uns so „aufgeklärt“ vor, dabei ist unsere irrationale Befangenheit nur von einer oberflächlichen Rationalität überdeckt. Aufklärung brauchen wir heute mehr denn je, die westlichen Länder nicht weniger als die entferntesten „unterentwickelten“.

15:17 22.11.2016
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