Da war doch noch was

Suchbewegung In Karl-Heinz Otts neuem Roman "Ob wir wollen oder nicht" hat sich der Protagonist im Nichtstun eingerichtet

Bereits zu Beginn hockt der Ich-Erzähler schon dort, wo er es am Ende mutmaßlich noch längere Zeit aushalten muss: in der Zelle. Nur - wie ist er dorthin gekommen? Darüber zermartert er sich den Kopf. Klar, seine langjährige (Nicht-)Freundin und Dauergespielin Lisa ist gemeinsam mit dem früheren Pfarrer verschwunden, und der Maler will dann noch gesehen haben, dass der Erzähler am Abend, bevor die beiden verschwunden sind, aus dem Hof von Lisas Wirtschaft gekommen sei. Von ebendort, wo die Polizei kurze Zeit später eine arg mißhandelte Frau im Keller findet, eine Kindergärtnerin, wie sich herausstellt.

Otts Text zeichnet in einem großen inneren Monolog, unterbrochen bisweilen durch Verhörsituationen, die Suchbewegung des Erzählers nach. Doch wonach sucht er eigentlich? Am unspannendsten an diesem Roman sind die Krimibeigaben selbst, denn geklärt, das merkt der Leser mit fortlaufender Lektüre, wird hier rein gar nichts. Im Gegenteil. Je scheinbar klarer sich die Vorgeschichte abzeichnet - der Priester ist seinerzeit zwar von den Vorwürfen sexueller Übergriffe an Kindern freigesprochen worden, doch ist da etwas geblieben, was die Kindergärtnerin schließlich zur Verfolgung des Priesters gebracht hat -, umso verwirrender ist die Rolle, die dem Erzähler im Spiel zukommt. Worum es in dem mäandernden inneren Monolog eigentlich geht sind Themen wie Identität und Heimat, Provinzialität und Langeweile. Wir werden in ein kleines Dorf im Schwarzwald versetzt, in eines jener Dörfer, die von den Verkehrswegen abgeschnitten sind, nachdem eine Umgehungsstraße um sie herum gebaut worden ist.

Der Erzähler ist als Tankstellenpächter dabei, seine Tankstelle zu verlieren. "Und all das nur", wie er selbst mutmaßt, "weil er endlos viele Jahre seines Lebens sich selbst und die ganze Welt verändern wollte, anstatt ein Studium zu Ende zu bringen oder wenigstens eine Lehre zu machen". Er ist inzwischen Anfang 50, verbringt seine Tage in gepflegter Langeweile, vögelt lustlos die Gastwirtin und disputiert gelegentlich mit dem im Bahnwärterhäuschen zurückgezogen lebenden Pfarrer. Aus "purem Dahindümpeln", resümiert er, sei er Eigenbrötler geworden, und lakonisch-larmoyant heißt es zuvor noch: "Wenn ich gelegentlich in die Stadt hinabfahre und in einer Kneipe am Tresen stehe, sind die meisten um mich herum zwanzig, dreißig Jahre jünger, obwohl ich ... nicht wirklich alt bin, einen jedoch das Gefühl zu quälen anfängt, längst alles verpasst zu haben, was immer es auch sein mag: ein Leben mit einer Frau, die nicht Lisa heißt, einen Beruf, der tatsächlich ein Beruf ist, und eine Zukunft, die Zukunft hat."

Wenn man so will, kann man Otts Roman als Beziehungsgeschichte einiger Gestrandeter lesen: desillusionierte, ausgebrannte Post-68er, die sich irgendwie auf dem politischen Rückzug stationär im Nichtstun eingerichtet haben. Manchmal schimmern noch Erinnerungen an bewegtere WG-Zeiten auf, doch hat die Gegenwart, eine perennierende Langeweile, längst die Protagonisten eingeholt und überholt. "Wenn ums Dorf herum im Sommer die Klatschmohnwiesen leuchten, in der Ferne eine Kreisssäge aufheult, ein paar Mopeds durch die Gassen furzen und man die in der Hitze flirrende Luft tatsächlich zu sehen meint, dachte ich manchmal, dieses Leben dort oben könnte eigentlich schön sein, würde einen nicht ständig das Gefühl bedrängen, dass das nicht alles sein kann."

Die Beunruhigung, die sich allmählich vom Text auf den Leser überträgt, gipfelt in der Einsicht, dass eben genau "das" tatsächlich schon alles gewesen ist, ein ganzes trüb-graues Leben. Die bleierne Zeit und Schwere mit ihrer Ausweglosigkeit, sie führt nicht zu schöner Unschuld und insgesamt einer Welt des schönen Scheins, den Touristen und Wanderer in dieser Region zu goutieren vermögen, sondern verführt die Bewohner zu sinnlosen, unerklärlichen, verrückten Taten.

Am Ende des Romans erfährt der Leser, dass der Erzähler erneut verhaftet worden ist, der Pfarrer sich auf der Flucht das Leben genommen hat und Lisa verschwunden bleibt. Wie das alles zusammenhängt? Wer weiß. Der Erzähler weiß es jedenfalls nicht, sonst würde er nicht weiter über "Engegefühle", "Müdigkeit" und "Lähmung" räsonnieren - endlos. Traurig. Nein: schaurig.

Karl-Heinz Ott Ob wir wollen oder nicht. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. 205 S., 17,95 EUR

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